Hi, okay ich bin ganz ruhig und hab auch ganz tief durchgeatmet. Also zuerst mal: so wollte ich gar nicht verstanden werden, da kann ich sicher noch viel an meiner Kommunikation verbessern. Ich höre den Podcast super gerne und es ist ehrlich gesagt auch der einzige Podcast, bei dem ich mich ernsthaft freue wenn eine neue Folge rauskommt und bin auch für die Herstellung dieses old-school Forums sehr dankbar.
Ich dachte, ich hätte die Lücke gut beschrieben, aber ich versuch es gerne nochmal, auch überhaupt nicht als Zeugnis, sondern ganz als Impuls gemeint und versuch sie entsprechend zu füllen.
Ich habe beim Zuhören zu euren Diskussionen manchmal den Eindruck, dass Feminismus von euch als so ein Nebenthema betrachtet wird, während ich hier vielleicht ganz plakativ die These vertreten möchte, dass die Betrachtung der Geschlechterordnung einen sehr zentralen Schlüssel für die Analyse bietet, der eure Diskussionen manchmal noch auf eine andere Ebene heben könnte und das fällt mir in irgendeiner Weise in fast jeder Folge auf.
Vielleicht ansatzweise ein Lücken-Füllversuch, wie ich es jetzt hier so eben hinkriege:
Kapitalismus braucht Ungleichheit als Struktur, permanenten Mangel als Antrieb und die Unsichtbarmachung von Reproduktionsarbeit als materielle Basis. Alle drei liefert das Patriarchat.
Bei Lacan ist der Eintritt in die symbolische Ordnung – also in Sprache, Gesellschaft, Bedeutung – immer ein Verlust. Das Kind verliert die imaginäre Einheit, und was bleibt, ist Mangel. Aber die symbolische Ordnung, in die eingetreten wird, ist nicht neutral. Lacan nennt das Ordnungsprinzip den Nom-du-Père, den Namen des Vaters. Das Gesetz, das Bedeutung strukturiert, ist patriarchal. Der Mangel wird also nicht geschlechtsneutral erfahren, sondern in einer Ordnung, die diese Differenz folgendermaßen postuliert und dichotomisch abgrenzt: Männlichkeit mit Haben und Weiblichkeit mit Mangel gleichsetzt. Der Mann soll den Phallus haben, die Frau soll ihn sein. Bei Lacan ist der Phallus kein Körperteil, sondern ein Signifikant – das Zeichen für das, was dem Mangel ein Ende machen würde. Also das, wonach alle begehren, weil es Ganzheit verspricht.
Dem Mann wird die Position zugewiesen, das begehrte Objekt zu besitzen – Macht, Status, Kontrolle, Handlungsfähigkeit. Er soll jemand sein, der hat. Die Frau dagegen soll selbst das begehrte Objekt sein. Nicht etwas besitzen, sondern das verkörpern, was den Mangel des Anderen stillt. Sie soll schön sein, begehrenswert, verfügbar, der Spiegel, in dem der Mann sich als ganz erlebt.
Das heißt konkret: Der Mann definiert sich über das, was er hat und tut. Die Frau definiert sich darüber, was sie für den anderen ist. Er ist Subjekt mit Besitz, sie ist Objekt, das Erfüllung verspricht.
Beide Positionen sind unmöglich, das ist laut Lacan auch Sinn und Zweck der Sache. In beiden wird die Unmöglichkeit der Mangelbeseitigung zum Motor für gesellschaftliches Handeln und erzeugt eben jene endlosen Kompensationsverhalten, die den patriarchalen Kapitalismus am Laufen halten. Der Mann kompensiert durch Akkumulation und Kontrolle, die Frau durch Selbstaufgabe und Identifikation mit dem Begehren des Anderen.
Ein Wirtschaftssystem, das auf unendlichem Wachstum basiert, braucht Subjekte, deren Begehren nie zur Ruhe kommt. Die patriarchale Sozialisation erzeugt Menschen, die strukturell nicht ganz sein können, weil ihnen die Ganzheit in einer geschlechtlich codierten Spaltung ausgetrieben wurde.
bell hooks macht in Will to Change (neben der Untersuchung der emotionalen Verstümmelung von Jungen) den Punkt, dass Herrschaft gelernt wird und zwar zuerst in der Familie. Dass die erste Erfahrung von Macht, Unterwerfung und Hierarchie die Geschlechterordnung im Elternhaus ist. Wer in einer Struktur aufwächst, in der der Vater bestimmt und die Mutter dient, hat Ungleichheit als Normalität verinnerlicht, bevor er ein Wort davon versteht. Pohl (Feindbild Frau) schreibt (eigentlich auch in Replik zu Theweleits These von der “unfertigen Geburt” als Grund für die Fragmentierungsangst der Männer, was eine typisch psychoanalytische Schuldzuschreibung den Müttern gegenüber bedeutet), dass männliche Identität wird defensiv konstruiert, als Abwehr gegen alles, was als weiblich codiert ist – Abhängigkeit, Verletzlichkeit, Kontrollverlust. Diese Abwehr ist die psychische Grundlage jeder Ideologie, die Ungleichheit als natürlich verkauft. Wer gelernt hat, dass er über einer Gruppe steht, einfach weil er ist, was er ist, akzeptiert jede weitere Hierarchie leichter.
Theweleit (Männerphantasien) zeigt die Konsequenz, wenn das nicht gelingt: Der gepanzerte Mann, der alles Fließende als Bedrohung erlebt und vernichtet. Und noch viel mehr, warum der Sozialismus als rote Flut so besonders bedrohlich war für die Herren, die vor der eigenen Gefühlswallung erschrocken verhärteten und in aggressiven Tötungsdrang gegen die vermeintliche Selbst Fragmentierung ankämpften. (Ehrlich gesagt eye opening und gruselig die zwei Bücher, weil in ihren Beobachtungen zum Protofaschismus so aktuell) In “Das Lachen der Täter” (da geht’s um Breivik und die Kontinuität des Frauenhasses aber in Untersuchung seiner zeitgenössischen Ausprägungen) liefert er den Nachweis, dass diese Struktur nicht historisch abgeschlossen ist, sondern sich reproduziert, solange die Sozialisation sich reproduziert.
Jessica Benjamin (Die Fesseln der Liebe) zeigt, warum dieses System so stabil bleibt: Weil es kein einseitiges Gewaltverhältnis ist, sondern eine Anerkennungsstruktur, an der beide Seiten hängen. Der Herr braucht den Knecht, um Subjekt zu sein, der Knecht den Herrn, um überhaupt vorzukommen. Übertragen: Der Mann braucht die Frau als Spiegel, die Frau den Mann als Zugang zur Subjektivität. Das zu durchbrechen erfordert nicht nur politischen Willen, sondern eine andere Form von Subjektivität, in der Anerkennung ohne Unterwerfung möglich wäre.
Ich weiß nicht, ob das jetzt die Lücke klarer gemacht hat? Ich mache gerne weiter mit einer ausführlicheren synthese, wenn es interessiert…
In euren Gesprächen wird das dann manchmal zu einem Störgefühl, wie in dem Abschnitt über Oliver Pocher, Wolfgangs Verwunderung darüber, dass diese Frauen sich unvernünftigerweise überhaupt dazu entschieden hätten, mit dem zusammen zu sein. Oder dein Hinweis darauf, dass Frauen natürlich auch ein größeres Publikum bei Podcasts generieren können, weil es ja noch “über den Körper läuft, das visuelle”. Kann man so analysieren, aber vielleicht verstehst du, was ich meine, wenn ich sage, dass da an manchen Stellen so aus der Hüfte geschossene kommentare nicht unbedingt ein Bewusstsein für Geschlechterrollenspezifisches Kompensationsverhalten aufweisen.
Ich glaube, was weiter oben als Delegierte Emotionsarbeit bezeichnet wurde, war vielmehr eine fehlgeleitete Ehrfurcht vor euch oder vor dem hegemoniellen Verhältnis zwischen mir und euch allen anderen und dass ich es auch als anmaßend empfunden hätte, euch hier jetzt meine Gedanken aufzutischen. Aber schön, dass es dich, wenn auch ganz anders als gewünscht, erreicht hat.