Denkangebot: Was wenn der nächste Krieg nicht so aussieht wie der Letze?

Es wird zur Zeit viel über Wehrpflicht diskutiert, aber ich habe das Gefühl dass das immer wieder auf der Prämisse diskutiert wird, dass der nächste Krieg so aussehen wird wie wir das aus den letzten Kriegen kennen.

Fronten, Territorialverteidigung, Massenmobilisierung, konventionelle Gefechte. Die Debatte dreht sich um: Brauchen wir genug Menschen? Wie lange muss Ausbildung dauern? Sollten Frauen auch eingezogen werden?

Was wenn diese Prämisse falsch ist?

Krieg als Logistik-Problem

Was ist Krieg operativ? Die Zustellung tödlicher kinetischer Energie an einen bestimmten Personenkreis.

Das ist keine Provokation, das ist Definition. Strategie, Doktrin, Taktik - alles Optimierungen dieses Kernproblems. Wie bringe ich Energie zu Targets? Wie minimiere ich eigene Verluste dabei? Wie maximiere ich Impact?

Wenn das stimmt: Jede Innovation in Logistik ist potentiell anwendbar auf Kriegsführung.

Denkangebot: Betrachte was moderne Logistik-Plattformen können - und was folgt wenn man das auf “Zustellung tödlicher Energie” anwendet.

Transformation 1: Von Planung zu kontinuierlicher Optimierung

Klassische Militärlogistik funktioniert sequentiell: Plan entwickeln → ausführen → evaluieren → neuer Plan.

Moderne Logistik-Plattformen arbeiten anders. Amazon berechnet nicht einmal die Route und führt dann aus. Das System kalkuliert permanent neu während der Execution: Verkehr ändert sich, Verfügbarkeit ändert sich, Prioritäten ändern sich - Route passt sich an in Echtzeit.

Übertragen auf “Zustellung tödlicher Energie”: Nicht mehr “Operation planen für Situation X, dann ausführen”. Sondern: System passt sich kontinuierlich an während sich X ändert. Target-Priorität, Methoden-Auswahl, Timing werden permanent neu berechnet basierend auf aktuellen Daten.

Das passiert bereits: GIS Arta, das ukrainische System das als “Uber for Artillery” bekannt wurde. Scouts identifizieren Target, System routet automatisch an nächste verfügbare Artillerie-Einheit basierend auf Position, Munitionstyp, Response-Zeit. Keine zentrale Planung, kontinuierliche Echtzeit-Optimierung. Target-Koordinaten rein, optimale Strike-Unit wird automatisch zugeteilt, Feedback-Loop für nächsten Target.

Transformation 2: Von Intel zu Daten

Klassische Kriegsführung: “Intelligence” ist knapp, teuer, unvollständig. Man plant mit dem was man weiß, extrapoliert was man nicht weiß.

Moderne Logistik: Vollständige Transparenz ist Grundlage. Amazon weiß Position, Verfügbarkeit, Kosten, Bedarf - nicht als besondere Leistung, sondern als Systemvoraussetzung.

Für “Zustellung tödlicher Energie” bedeutet das: Die Daten existieren bereits. Social Media, biometrische Datenbanken, Telekommunikationsmetadaten, Finanzströme, Bewegungsprofile. Das ist keine zukünftige Dystopie, das ist verfügbare Infrastruktur. Die Frage ist nur Zugriff und Aggregation.

Vollständige Profile sind in Sekunden erstellbar: Position, soziale Verbindungen, Bewegungsmuster, biografische Daten. Nicht als mühsam zusammengetragene “Intelligence”, sondern als Datenbankabfrage. Das ändert strategische Möglichkeiten fundamental.

Beispiel: Target hat drei Brüder an Front, Mutter hat zwei Söhne verloren, Familie ist lokal prominent. Das sind strategische Parameter. System kalkuliert: Eliminiere erst Bruder 1, nach 48h Bruder 2, nach einer Woche Onkel, dann Target. Die optimale Sequenz folgt aus Daten, nicht aus Intuition.

Transformation 3: Von Operations zu Plattform

Klassische Kriegsführung: Jede Operation wird individuell geplant. Das skaliert nicht.

Moderne Logistik: Prozesse sind standardisiert. Amazon liefert eine Million Pakete mit gleicher Zuverlässigkeit wie zehn, weil die Plattform skaliert.

Übertragen: Targeted Killing war historisch nicht skalierbar. Mossad brauchte Monate pro Operation weil jede individuell konzipiert wurde. Platform-Logik löst das: Target-Identifikation, Methoden-Katalog, Delivery-Optionen sind standardisiert. Das System kann parallel 10 oder 1000 Operationen managen.

Zusätzlich: Feedback-Loops. Jede Operation generiert Daten, System wird besser. War Methode kosteneffizient? War Timing optimal? System lernt: “Organisationen mit Struktur X fragmentieren effektiver mit Sequenz Y”, “Methode A erzeugt bei Profil B höhere Demoralisierung”.

Das ist A/B Testing Logik angewandt auf Tötungsstrategien. Logische Konsequenz von: Plattform + Daten + Feedback.

Transformation 4: Von Inventory zu On-Demand Production

Klassische Militärproduktion: Jahrelange Entwicklung, große Produktionsserien, jahrzehntelange Nutzung. F-35 Development dauerte 20+ Jahre, Stückkosten 80-100 Millionen Dollar.

Fast Fashion funktioniert anders: Echtzeit-Tracking was funktioniert, schnelle Production Cycles (Design → Production → Delivery in Wochen), minimales Warehouse, A/B Testing für Designs, lokalisierte Production.

Übertragen: Welche Systeme sind gerade effektiv gegen aktuellen Gegner? Produziere darauf basierend, in kurzen Cycles, lokalisiert, datengetrieben.

Das passiert bereits in der Ukraine: FPV-Drohnen werden produziert wie Fast Fashion. Design wird wöchentlich angepasst basierend auf Front-Feedback. Production ist dezentralisiert - kleine Werkstätten, 3D-Drucker, hunderte Producer koordiniert über Plattform. Kosten: 500-2000$ pro Drohne. Development-Cycle: Wochen. Production: Tage.

Vergleich: Russischer Panzer 4-5 Millionen Dollar, Development Jahre. FPV-Drohne für 1500$ kann ihn zerstören. Cost-Ratio: 1:3000.

On-Demand 3D-Druck: Benötigt spezielle Komponenten für spezifisches Target? Drucke lokal, assembliere, execute. Kein Lager, keine langen Lieferketten.

Transformation 5: Multi-dimensionale Optimierung

Moderne Logistik optimiert nicht einen Faktor sondern gewichtete Kombination: Kosten UND Geschwindigkeit UND Zuverlässigkeit gleichzeitig.

Übertragen: Das System optimiert nicht nur “Target eliminieren”, sondern gleichzeitig: Kosten pro Elimination, eigenes Risiko, Impact auf Zielorganisation, Sekundäreffekte (Demoralisierung, Rekrutierungshemmung), politische Exposition, internationale Aufmerksamkeit.

Das sind messbare KPIs. Das ermöglicht Terror-Optimierung als quantifizierbare Metrik: Wie viel Demoralisierung pro Dollar? Wie hoch ist Kapitulationswahrscheinlichkeit nach X Eliminierungen in Sequenz Y?

Target könnte eliminiert werden mit Drohne (1500,geringesRisiko,sofortigerEffekt)oderRakete(100k, geringes Risiko, sofortiger Effekt) oder Rakete (100k ,geringesRisiko,sofortigerEffekt)oderRakete(100k, größerer kinetic impact aber geringerer psychologischer Effekt). System wählt basierend auf optimierter Gewichtung.

GIS Arta macht das bereits: optimiert nicht nur “treffe Target”, sondern: verfügbare Munition, Kosten, Response-Zeit, Kollateralrisiko, eigene Exposition. Multi-dimensional, automatisiert.

Was passiert wenn man das kombiniert?

Beispiel: Gebiet-Saturation als Delivery-Mechanismus.

Klassisch: Drohne fliegt von A nach B, greift an, fliegt zurück. Begrenzte Range, hohe Detektion, einzelner Strike.

Platform-Logik kombiniert: Drohne reist als reguläres Paket via DHL nahe ans Zielgebiet (dual-use Logistik). Startet direkt aus Box. Fliegt nachts (Echtzeit-Optimierung für minimale Detektion), versteckt sich tags, lädt solar oder an öffentlichen USB-Ports. Bewegt sich über Tage/Wochen schrittweise näher (datengetrieben: optimale Route basierend auf Überwachungsdichte). Nicht eine Drohne - hunderte infiltrieren parallel (Platform skaliert). Zielgebiet ist saturiert mit schlafenden Assets bevor irgendetwas passiert. Koordinierte Schwarm-Activation auf Signal (Terror-KPI-Optimierung: maximaler Impact durch Timing).

Das passiert bereits: Ukrainische Angriffe auf russische Bomber hunderte Kilometer hinter Front. Kommerzielle Drohnen, verschickt als Pakete, infiltriert über Wochen, koordiniert aktiviert.

Cost-Ratio: Drohne 1500,strategischerBomber100+Millionen, strategischer Bomber 100+ Millionen ,strategischerBomber100+Millionen. 1 :50.000+.

Was folgt daraus?

Kontinuierliche low-intensity operations statt episodischer Kampagnen. Das System läuft permanent: identifiziert Targets, produziert Assets on-demand, saturiert Zielgebiete, aktiviert koordiniert, lernt aus Feedback, optimiert.

Kollateralschaden wird minimiert - nicht moralisch, sondern weil ineffizient. Politisch verkaufbar als “gezielte Strikes”, nicht als “Krieg”. Keine Kriegserklärung, keine parlamentarische Zustimmung, keine klaren Fronten.

Klassische Constraints (Völkerrecht, Rules of Engagement, demokratische Kontrolle) werden nicht gebrochen sondern umgangen: Rechtlich kein “Krieg”, nur kontinuierliche “counter-terrorism operations”.

Zurück zur Wehrpflicht-Debatte

Die Debatte läuft mit der Prämisse: Nächster Krieg = konventioneller Konflikt mit Fronten und Massenmobilisierung.

Was wenn der nächste Krieg aussieht wie: Kontinuierliche, datengetriebene, präzise Elimination durch automatisierte Plattformen mit minimalem Personal-Einsatz, on-demand Production, Gebiet-Saturation über Wochen?

Dann ist die Frage nicht: Haben wir genug Wehrpflichtige?

Sondern: Wer kontrolliert die Plattform? Wer definiert Targets? Wer setzt Optimierungs-Parameter? Wie funktioniert demokratische Oversight bei kontinuierlichen, automatisierten Operations?

Zwölf Monate Grundausbildung sind irrelevant wenn Kriegsführung hauptsächlich aus Datenanalyse, Algorithmen-Optimierung, Drohnen-Operations, dezentraler Production besteht.

GIS Arta braucht keine Wehrpflichtigen. Es braucht Entwickler, Datenanalysten, Drohnen-Operatoren. Ukraine trainiert diese in Wochen. Die Skills sind transferierbar von zivilen Bereichen: Logistik-Software, Datenanalyse, Gaming, 3D-Design.

Die offenen Fragen

Nicht “wird das passieren?” - es passiert bereits. Ukraine ist das Labor.

Sondern: Wird das die dominante Form? Von wem? Mit welcher Kontrolle? Wo sind die Grenzen? Wer zieht sie?

Wenn das alles so billig und einfach wäre, hat das demnächst jedes Land, was Invasion und Besetzung aufgrund von erhöhter Verteidigungsmöglichkeiten verringern könnte.

Ich frage mich eher ganz naiv wie Kriege in Zukunft verhindert werden können.

Wie man Kriege verhindert ist ja bestens erforscht: Man muss dafür sorgen, dass keiner glaubt, dass er einen Krieg gewinnen könnte.

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Genau, deswegen gibt es ja auch keine Kriege mehr.

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Bei den Kriegen, die es gibt, war man offensichtlich der Meinung den auch gewinnen zu können.

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Gibt es oder gab es einen „gewonnenen“ Krieg?

Wahrscheinlich bin ich nicht der richtige Ansprechpartner für diese Diskussion.

Ich klink mich mal aus…

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Gibt es oder gab es einen „gewonnenen“ Krieg?

Zweiter Weltkrieg
Erster Golfkrieg
Falklandkrieg
Sechs-Tage-Krieg
Deutsch-Französischer Krieg

Ok, den einen noch.

Bei den Opferzahlen ist das mit „gewonnen“ so eine Sache.

Die Frage die sich eigentlich stellt, wer hat gewonnen und wer hat verloren. Eine weitere wichtige Frage, wer hat den Befehl gegeben und wer hat ihn ausgeführt.

Wer musste und wer muss unter den Folgen leiden ohne aktive Beteiligung.

Um zur ursprünglichen Frage zurückzukommen, was ändert die technologische Entwicklung an den oben genannten Fragen?

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Nachdem ich deinen Auftritt im Alias Podcast genießen durfte, indem du am Ende diesen Gedanken nochmal aufgegriffen hast, verstehe ich besser um was es dir geht. Ich glaube ich weiß jetzt warum ich keinen Zugang zu dem Text gefunden habe. Der Begriff „Denkangebot“ war‘s.

Den Text als Analyse betrachtet, bekomme ich einen anderen Zugang dazu.

War sehr erhellend der Podcast mit dir Mick und Stefan! Wäre schön dich da öfters zu sehen/hören, oder vielleicht sogar in einem eigenen Format.

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muss man wirklich dazusagen, dass ein Sprechakt (alle!) als Angebot und nicht als Appell zu verstehen ist? (könnte auch Kriege verhindern)

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Diese Beschreibung erinnert mich sehr an den (empfehlenswerten) Thriller Daemon von Daniel Suarez.

Was ich gedanklich daher noch ergänzen würde:

Was hält in Zukunft Einzelpersonen oder Konzerne davon ab, eigene Interessen mittels dezentraler Kriegsführung durchzusetzen? Thiel und Konsorten träumen eh von Privatstädten usw.

Kill on demand mit Deathlivery Heroes™

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Wir werden so zugemüllt mit teils offener, teils versteckter Propaganda (neuste „Anstalt“ schon gesehen?), dass mir eine gewisse Skepsis gegenüber „Sprechakten“ (allen!) schon in die DNA übergegangen ist. Geht anderen vielleicht ähnlich (und könnte möglicherweise auch helfen, Kriege zu verhindern… :wink: ).

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naja, schön wärs Syd. Aber diese Skepsis zeigt eben genau niemand. Stattdessen liegt alles auf der Goldwaage und wird abgerechnet.

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Du kannst mich gerne so nennen, dann aber bitte mit großem „N“ vorne. :smiling_face_with_sunglasses:

Danke für die Reaktionen, damals im Januar und jetzt nach dem Podcast. Besonders Flos Beobachtung (#10) und Kokosmilchs Erweiterung (#12) haben mich weiterdenken lassen. Ich möchte versuchen, eure Punkte zusammenzuführen — mit einem theoretischen Werkzeug, das die verschiedenen Einwände in ein gemeinsames Bild bringt.

Kurzer Umweg: Transaktionskostentheorie

Ronald Coase hat 1937 eine einfache Frage gestellt: Warum gibt es überhaupt Firmen? Wenn der Markt so effizient ist, warum organisieren sich Menschen in Unternehmen statt alles über Einzelverträge abzuwickeln?

Seine Antwort: Weil Koordination Kosten hat. Firmen existieren, weil interne Koordination ab einem bestimmten Punkt billiger ist als externe Transaktionen. Die Größe einer Organisation ist kein Zufall — sie ist eine Funktion dieser Kosten. Sinken die Kosten externer Koordination, schrumpfen Organisationen. Steigen sie, wachsen Organisationen.

Das klingt abstrakt. Ist es aber nicht, sobald man es auf Gewalt anwendet.

Warum der Staat das Gewaltmonopol hat

Nicht weil er moralisch dazu berechtigt wäre. Sondern weil Gewaltausübung historisch extrem kapitalintensiv war. Armeen ausbilden, ausrüsten, versorgen, kommandieren — das waren enorme Fixkosten, die nur sehr große Organisationen tragen konnten. Der Staat war schlicht die effizienteste Organisationsform für Gewalt. Das Gewaltmonopol war ein Transaktionskostenergebnis.

Alles was wir an institutioneller Kontrolle über Gewalt aufgebaut haben — Völkerrecht, parlamentarische Armeemandate, Genfer Konventionen, UN-Sicherheitsrat — setzt diese Struktur voraus. Kontrolle funktioniert, weil Gewalt zentralisiert ist. Eine Armee kann man kontrollieren. Ein Verteidigungsministerium kann man kontrollieren.

Was passiert wenn die Transaktionskosten kollabieren

Die Zahlen aus meinem Ursprungstext: FPV-Drohne 1.500 Dollar, russischer Panzer 4–5 Millionen. Cost-Ratio 1:3000. GIS Arta koordiniert dezentrale Einheiten ohne zentrale Kommandostruktur. Produktion läuft dezentral, Design-Cycles dauern Wochen statt Jahre.

Das verschiebt den Coase’schen Break-Even-Punkt dramatisch. Die Fixkosten für Gewaltausübung sinken, gleichzeitig sinken die Koordinationskosten durch Plattformen. Beides zusammen bedeutet: Die minimale Organisationsgröße, die militärisch relevante Gewalt ausüben kann, schrumpft.

Nicht von “Staat” auf “Konzern”. Von “Staat” auf “jede Gruppe mit technischem Know-how und sechsstelligem Budget”.

Und jetzt zu euren Punkten

@Lymi, du hast geschrieben: “Wenn das alles so billig und einfach wäre, hat das demnächst jedes Land.” Ein vernünftiger Gedanke, und einer der sich historisch bewährt hat. Nuklearwaffen haben sich verbreitet, das Ergebnis war ein neues Gleichgewicht. MAD funktioniert.

Aber MAD funktioniert nur unter einer Bedingung: Die Technologie muss kapitalintensiv genug bleiben, dass nur wenige Akteure sie besitzen können. Atomwaffen kosten Milliarden — deshalb gibt es neun Nuklearstaaten und nicht neunhundert. Bei einer Cost-Ratio von 1:3000 greift das nicht mehr. Wenn die Einstiegskosten gegen Null gehen, entsteht nicht Gleichgewicht zwischen wenigen, sondern Fragmentierung unter vielen.

Dabei ist das Wort “Land” in deinem Satz der eigentliche Schlüssel. Warum Land? Weil wir alle gelernt haben, internationale Politik in Staaten zu denken. Schule, Nachrichten, UN-Debatten — die Grundeinheit ist immer der Staat. Das ist kein Denkfehler, das ist ein Betriebssystem das wir alle installiert bekommen haben. Es funktioniert nur solange der Staat die einzige Organisation ist, die sich Gewalt leisten kann. Genau diese Voraussetzung erodiert gerade.

@Kokosmilch, dein Punkt geht einen entscheidenden Schritt weiter: “Was hält Einzelpersonen oder Konzerne davon ab?” Richtige Frage — und “Deathlivery Heroes” ist ein besserer Titel als alles was ich mir hätte ausdenken können.

Ich glaube aber, der Punkt geht weiter als du ihn selbst denkst. Dein Szenario hat Thiel und Konsorten als Akteure — identifizierbare Milliardäre mit identifizierbaren Plänen. Das kommt aus einer Kritiktradition die wichtig und berechtigt ist: die Warnung vor Tech-Oligarchen die demokratische Kontrolle unterlaufen. Zuboff, Doctorow, die ganze Surveillance-Capitalism-Literatur.

Nur setzt diese Kritik voraus, dass die Bedrohung von großen privaten Akteuren ausgeht — und dass die Antwort mehr Staat ist. Regulierung, Kartellrecht, demokratische Kontrolle. Das funktioniert, solange die Bedrohung zentralisiert genug bleibt, um regulierbar zu sein.

Die Transaktionskostenlogik zeigt etwas Unbequemeres: Wenn die Kosten weit genug sinken, braucht es keinen Thiel. Keine Privatstadt, keinen Masterplan, keinen Bond-Villain. Fünfzig Leute mit einer Werkstatt und Plattformzugang reichen. Das lässt sich nicht regulieren in dem Sinne, in dem wir Regulierung verstehen — weil es nichts Zentrales gibt, an dem sie ansetzen könnte. Die Silicon-Valley-Kritik hat uns trainiert, nach dem Schurken zu suchen. Aber die Struktur braucht keinen Schurken.

@Flo, du hast im Januar geschrieben dass du dich fragst wie Kriege verhindert werden können, und dass bei den Opferzahlen “gewonnen” relativ ist. Nach dem Podcast (#10) hast du dann etwas Wichtiges beobachtet: dass der Begriff “Denkangebot” den Zugang blockiert hat und du den Text als Analyse anders lesen konntest.

Das nehme ich ernst, weil es auf etwas Grundsätzliches zeigt. Der Reflex, bei “Krieg” zuerst nach der moralischen Einordnung zu fragen — wer leidet, wer ist schuld, wie verhindern wir das — kommt aus einem guten Impuls. Empathie, Verantwortungsgefühl, der Wunsch dass es aufhört.

Nur hat dieser Reflex einen Preis, und er wird nicht von dir bezahlt, sondern an dir kassiert. Kriegsberichterstattung zeigt Leid — Kinder, Ruinen, Flüchtlinge. Fast nie zeigt sie Entscheidungsarchitektur, Kostenstrukturen, Logistikketten. Das Ergebnis sind Bürger die emotional informiert und operativ uninformiert sind. Die wollen dass es aufhört, aber keine Frage stellen können die politischen Druck erzeugt — weil das Instrumentarium fehlt.

Das moralische Framing fühlt sich wie Widerstand an. Faktisch funktioniert es als Delegation: “Krieg ist schlimm, die Experten sollen das regeln.” Nicht weil du das willst, sondern weil das Framing keine andere Handlungsoption übriglässt. Die Experten — Ministerien, Think Tanks, Generalstäbe — werden damit nicht kontrolliert, sondern von Kontrolle befreit. Wer nur “Krieg ist schlimm” sagen kann, kann keine Nachfrage stellen zu Beschaffungskosten, Drohnen-Doktrin oder algorithmischem Targeting. Genau das ist der Effekt — unabhängig davon ob irgendwer ihn beabsichtigt.

Die Synthese

Eure drei Reaktionen bilden zusammen ein Muster:

Lymi denkt in Staaten, weil wir gelernt haben dass Staaten die Grundeinheit internationaler Politik sind. Kokosmilch kritisiert Bedrohungen des Staates durch Konzerne, was den Staat als Schutzinstanz voraussetzt. Flo delegiert die operative Frage an den Staat, weil das moralische Framing keine eigene Handlungsoption lässt.

Drei verschiedene Reaktionen, aber derselbe blinde Fleck: Der Staat als selbstverständlicher Rahmen, in dem sich Gewalt, Kontrolle und Verantwortung abspielen.

Und das war 400 Jahre lang richtig. Seit Westfalen 1648 war der Staat als Gewaltmonopolist keine Ideologie, sondern das effizienteste Ergebnis gegebener Transaktionskosten.

Die Frage die dieser Thread bisher nicht gestellt hat: Was wenn sich diese Transaktionskosten so fundamental ändern, dass die 400 Jahre alte Organisationsform ihre strukturelle Grundlage verliert? Nicht weil jemand den Staat abschafft — sondern weil die Bedingungen, die ihn notwendig gemacht haben, erodieren?

Dann ist die Frage nicht “Wehrpflicht ja oder nein?”, nicht “wie regulieren wir Tech-Milliardäre?”, nicht “wie verhindern wir Kriege?”.

Sondern: Was kommt nach dem Staat als Organisationsform für Gewalt — und wer gestaltet den Übergang?

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Nein, ich hab was gelernt. Denkangebot im Zusammenhang mit einer TechHorror Vorstellung war für mich in dem Moment kein Angebot.

Das ist kein Vorwurf gewesen sondern die Entdeckung meiner eigenen Kognitiven Grenze.

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Ich denke darüber nach.

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Jetzt so wie Du es sagst muss ich zugeben:
“Hier ist ein Angebot Dir etwas richtig furchtbares vorzustellen, schönen Tag noch” ist vielleicht nicht der cleverste Zugang gewesen

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Sehr spannende Ergänzung, die Synthesefrage teile ich absolut.

Bei Deathlivery Heroes habe ich aber tatsächlich auch schon die Vorstellung gehabt, zukünftig quasi Mord auf Bestellung, auch für Privatpersonen möglich.

Aber du hast recht und Ordnung in meinem Einwurf reingebracht: es braucht nicht Staat, nicht Thiel, eine Scheune und ein paar 3D Drucker reichen.

Wer die Gruselshow noch etwas krasser will:

Das Video ist 6 oder 7 jahre alt und wohl aus einem Kurzfilm namens Slaughterbots (den ich nicht gesehen habe).

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Nun haben wir spannende Diskussionen zur Kriegsführung im 21. Jahrhundert (Frankreich hat gerade einen neuen Megaflugzeugträger angekündigt, LOL), zu Macht und Moral gehabt.

Ich will mal einen proaktiven Vorschlag machen:

Wenn das staatliche Gewaltmonopol fällt, Moral und Verantwortung durch Gruppenidentifikation getrieben sind, und Macht über das eigene Leben von der eigenen Sprache über dieses Leben und der Gruppenzugehörigkeit anhängt, dann braucht es neue Gemeinschaftsformen, die für gutes Leben, Freiheit, Nachhaltigkeit stehen.

Im Grunde trifft das auf die meisten Menschen auch zu, die meisten wollen wohl einfach den griechischen Fischer machen, statt den deutschen Touristen (Bölls Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral), und “Ein Arschloch ist ein Arschloch, egal ob man an Amen oder Allah glaubt” (frei nach Pispers), aber es gibt nichts ausreichend Verbindendes für diese eigentlich größte Gruppe. Thatcher fand keine Society, nur Familien und Individuen…. Aber wir müssen da ja nicht mitmachen und können auch Wahlfamilien und Freundschaft machen.

Mein Arbeitstitel Vorschlag für diese neue, lose, rhizomartig verbundene Gemeinschaft ist “Mosaik" - Planungen dann bei Gelegenheitin einem neuen Thread, anyone?

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