Ich finde diese Satz extrem verhängnisvoll, weil er sich auf eine Stammtisch-Verdichtung beschränkt. Denkangebot im Titel, ja - und dennoch könnte man einen solchen Satz deutlich als These markieren.
Hier eine Gegenthese.
Der Satz hat den Charme des Selbstverständlichen – und genau darin liegt seine Tücke. „Bestens erforscht” ist die Kriegsverhinderung nämlich durchaus, nur ist das Ergebnis dieser Forschung erheblich weniger eindeutig, als der Satz suggeriert.
Drei Anmerkungen dazu.
Abschreckung findet nicht in Waffenarsenalen statt, sondern in den Köpfen der Gegenseite. Ob ein Gegner sich für siegfähig hält, ist keine messbare Größe, die man gezielt ansteuern könnte, sondern eine Frage seiner Wahrnehmung, seiner Risikobereitschaft, seiner Informationslage – und seiner Fehlkalkulationen. Das führt zu einem unangenehmen Erkenntnisproblem: Ob die Abschreckung richtig dosiert war, erfährt man verlässlich erst in dem Moment, in dem sie versagt. Eine Strategie, deren Erfolg unbeobachtbar und deren Scheitern katastrophal ist, sollte man mit etwas mehr Demut vortragen. Im Sommer 1914 hielten sich im Übrigen alle Beteiligten für siegfähig – bei historisch beispielloser Rüstung auf allen Seiten.
Zweitens kennt die Friedensforschung, auf die sich der Satz implizit beruft, seit Jahrzehnten den Gegenmechanismus: das Sicherheitsdilemma. Was Staat A als defensive Vorkehrung versteht, liest Staat B als offensive Bedrohung – und rüstet nach. „Dafür sorgen, dass keiner glaubt zu gewinnen” beschreibt deshalb keinen stabilen Zustand, sondern einen Wettlauf ohne Ruhepunkt. Selbst die nukleare Abschreckung des Kalten Krieges funktionierte nur, weil sie durch das ergänzt wurde, was im Satz vollständig fehlt: Rüstungskontrolle, Verifikation, Gesprächskanäle, Interessenausgleich. Der Heiße Draht hat vermutlich mehr Kriege verhindert als manche Raketengeneration.
Drittens unterschlägt der Satz, was die empirische Kriegsursachenforschung sonst noch herausgefunden hat: dass Rüstungswettläufe die Kriegswahrscheinlichkeit eher erhöhen, und dass die verlässlichsten Friedensfaktoren woanders liegen – in wirtschaftlicher Verflechtung, gemeinsamen Institutionen, eingehegter militärischer Macht.
Der Satz nimmt sich aus einem kontroversen Forschungsfeld also genau das eine Theorem heraus, das Aufrüstung legitimiert, und erklärt es zum erledigten Fall. Nicht erpressbar zu sein ist eine notwendige Vorsichtsbedingung – als hinreichende Friedensstrategie ausgegeben, ist sie etwas anderes: ein Aufrüstungsimperativ im Gewand einer Binsenweisheit.
In dieser Verkürzung sollte die Parole nicht den Weg in die Köpfe finden. Die Kapazität mancher Gemüter endet allerdings bereits nach einem einzigen Satz. … ![]()