Was dann wieder zu meiner Eingangsthese führt: Wenn kleinere Organisationen die beste Antwort auf die veränderten Fragen sind, dann werden es grössere Organisationen wie Nationalstaaten Schwierigkeiten bekommen.
Schön, dass du Luhmann anbringst. Luhmann hätte vermutlich folgendes zu meinen Thesen gesagt:
Erstens hätte er die Methode gemocht. Luhmann analysiert politische Ordnungen funktional, nicht normativ — nicht “was ist gut?” sondern “welches Problem wird gelöst und wie?” Genau das macht die Transaktionskostenanalyse: Nicht “soll der Staat existieren?” sondern “unter welchen Bedingungen ist er die effizienteste Organisationsform?”
Zweitens hätte er gesagt: Ihr redet die ganze Zeit über das was ich 1994 schon diagnostiziert habe. Er sieht drei neue Probleme am Horizont — und eins davon ist wörtlich: “eine eindrucksvolle Rückkehr der unkontrollierbaren physischen Gewalt. Die Landkarten täuschen.” Das staatliche Gewaltmonopol erodiert — seine Beobachtung, 30 Jahre vor den Drohnen. Was die Transaktionskostenanalyse hinzufügt ist der Mechanismus: Nicht nur dass die Gewalt zurückkehrt, sondern warum — weil die Kosten für Gewaltausübung unter die Schwelle sinken, ab der der Staat als Organisationsform notwendig ist.
Drittens — und das ist der spannendste Punkt — sagt Luhmann am Ende: Es gibt noch keinen neuen “politischen Text”. Jede Epoche hatte eine Formel die das System zusammenhielt: Pax et Justitia, Glückseligkeit, Verfassung, Wohlfahrtsstaat. Jede Formel reagiert auf ein Problem das im Text selbst nicht benannt wird. Der Wohlfahrtsstaat dekonstruiert sich gerade selbst — jede Entscheidung erzeugt mehr Unzufriedenheit als Zufriedenheit, ohne eine Alternative anzubieten.
Die fünf Designparameter wären ein Kandidat für diesen fehlenden Text. Nicht als Lösung — Luhmann würde sofort sagen, politische Probleme werden nicht gelöst, sie werden durch neue ersetzt. Aber als Formel die auf das neue Problem reagiert: Wie organisiert man Kooperation wenn das Gewaltmonopol nicht mehr hält? Verteidigung billiger als Angriff, Gemeinschaft wertvoller als Einzelteile, offene Protokolle, Trennung von Gewalt und Ressource, integrierte Sozialversicherung. Das ist kein moralisches Programm — es ist eine funktionale Beschreibung. Genau wie Pax et Justitia keine moralische Forderung war, sondern eine funktionale Formel für das Problem der unkontrollierten Gewalt im 16. Jahrhundert.
Viertens hätte Luhmann vermutlich auf etwas hingewiesen was im Thread noch fehlt: Seine Beobachtung dass Entscheider und Betroffene auseinanderfallen. Wer riskant entscheidet, leidet nicht selbst darunter. Das ist das Problem das die Piraten-Architektur mit der Captain/Quartermaster-Trennung adressiert — aber nicht vollständig. Denn auch in dezentralen Gemeinschaften können Entscheider und Betroffene auseinanderfallen. Die niedrigen Austrittskosten sind ein Korrektiv, aber kein vollständiges.
Was Luhmann nicht hätte sagen können — weil er 2024 noch nicht erlebt hat: Dass der Iran gerade live demonstriert wie das Gewaltmonopol konkret erodiert. Seine Diagnose war abstrakt-soziologisch. Die empirische Bestätigung fliegt gerade über dem Golf.
genau deswegen bringe ich ihn ja wieder rein, weil ich das “er hat zu einer anderen Zeit gelebt” kein Argument ist.
Luhmann ist unsterblich
neee, aber immer ein spannender Abgleich
Iran hat am 27. März eine E-3 Sentry auf der Prince Sultan Air Base zerstört. Erster Kampfverlust dieses Typs überhaupt. Seriennummer 81-0005, Heck komplett ab, Totalschaden.
Shahed: fünfstellig. E-3: 300–500 Millionen. Ersatz (E-7 Wedgetail): erst März 2026 budgetiert, Auslieferung frühestens 2030er. Von 16 verbleibenden E-3 sind bei 56% Einsatzbereitschaft vielleicht 9 flugfähig, jetzt minus eins. Sechs standen auf dieser Basis — die vorher schon mehrfach angegriffen wurde. Dazu mehrere KC-135 Tanker zerstört oder beschädigt, mindestens 10 Verletzte.
Zwei Carrier Strike Groups vor Ort, F-35, Patriot, THAAD. Die Gegenmaßnahme bestand darin, die Flugzeuge über das Vorfeld zu verteilen. Hat nicht gereicht.
@ozziecox, du hast gefragt ob die USA den iranischen Luftraum ohne ihre Milliarden-Jets kontrolliert hätten. Inzwischen stellt sich eher die Frage wie lange sie ihn noch mit ihren Milliarden-Jets kontrollieren, wenn die am Boden schneller kaputtgehen als sie ersetzt werden können.
@JakobB, zum Doktrinwechsel: Die E-3 ist aus den 70ern. Der Nachfolger wurde drei Wochen vor ihrer Zerstörung budgetiert.
Und zur Abschreckungsdebatte: Iran wird seit 20 Jahren sanktioniert — identifizierbarer Staat mit Flagge und Postanschrift. Trotzdem zerstören sie jetzt Assets die in Jahrzehnten nicht ersetzt werden. Wenn das bei einem Staat nicht funktioniert, was genau schreckt dann die fünfzig Leute mit dem 3D-Drucker ab?
Und scheinbar scheint die die kleine Ukraine mittlerweile der begehrtere Sicherheitspartner zu sein als die grossen USA:
Ich sehe diese Diskussion hier als Interessante “Fortführung”, oder Erweiterung, je nachdem, von dem folgenden Tooze Vortrag: https://www.youtube.com/watch?v=NHn9dSQ05JU.
Sehr sehenswert (Tooze eigentlich immer) auch unabhängig von diesem Thread. Dieser hatte jedoch eher einen wirtschaftlich-/ klimatischen Fokus.
“There has been pushback within the Ukrainian military against Mr. Fedorov’s futuristic talk of robot warfare, leading to what analysts say is a power struggle between him and generals. Some commanders say the idea of a rapid transition to unmanned battle is disconnected from the grim reality of muddy trenches and broken bodies.”
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ja natürlich, aber wie war denn der outcome→ gibt es die hisbollah noch oder nicht? und wie geht israel seit drei wochen im libanon vor: mit der in deinem sinne kosten-schonenden-post-klassische-kräfte-taktik - oder konventionell?
Die Hisbollah ist aktuell handlungsunfähig. Iran hat die Hisbollah aufgefordert zu kämpfen — sie traut sich nicht. Das ist das Ergebnis des Pager-Angriffs plus der israelischen Operationen danach. “Gibt es die Hisbollah noch?” — als Organisation auf dem Papier ja. Als handlungsfähiger Akteur nein.
interessant, wie die lage zwei monate nach diesem dialog ist:
“Israelische Medien zeigen sich seit Wochen alarmiert wegen der von der Hisbollah eingesetzten FPV-Drohnen, die per Glasfaserkabel auf Sicht gesteuert werden. Das Militär hat bislang keine technologischen oder elektronischen Mitteln gefunden, sie abzufangen – sie können damit jedes Ziel in Israel sowie israelische Soldaten und Militärfahrzeuge im Libanon treffen. Die Drohnen seien faktisch zu einer Form von Präzisionsraketensystem geworden, erklärte Avi Ashkenazi, Korrespondent der israelischen Tageszeitung Maariv. Das Blatt Jedioth Ahronoth bezeichnete sie als strategische Bedrohung.” Nahostkrieg: Offensive im Libanon, Tageszeitung junge Welt, 28.05.2026
Ich finde diese Satz extrem verhängnisvoll, weil er sich auf eine Stammtisch-Verdichtung beschränkt. Denkangebot im Titel, ja - und dennoch könnte man einen solchen Satz deutlich als These markieren.
Hier eine Gegenthese.
Der Satz hat den Charme des Selbstverständlichen – und genau darin liegt seine Tücke. „Bestens erforscht” ist die Kriegsverhinderung nämlich durchaus, nur ist das Ergebnis dieser Forschung erheblich weniger eindeutig, als der Satz suggeriert.
Drei Anmerkungen dazu.
Abschreckung findet nicht in Waffenarsenalen statt, sondern in den Köpfen der Gegenseite. Ob ein Gegner sich für siegfähig hält, ist keine messbare Größe, die man gezielt ansteuern könnte, sondern eine Frage seiner Wahrnehmung, seiner Risikobereitschaft, seiner Informationslage – und seiner Fehlkalkulationen. Das führt zu einem unangenehmen Erkenntnisproblem: Ob die Abschreckung richtig dosiert war, erfährt man verlässlich erst in dem Moment, in dem sie versagt. Eine Strategie, deren Erfolg unbeobachtbar und deren Scheitern katastrophal ist, sollte man mit etwas mehr Demut vortragen. Im Sommer 1914 hielten sich im Übrigen alle Beteiligten für siegfähig – bei historisch beispielloser Rüstung auf allen Seiten.
Zweitens kennt die Friedensforschung, auf die sich der Satz implizit beruft, seit Jahrzehnten den Gegenmechanismus: das Sicherheitsdilemma. Was Staat A als defensive Vorkehrung versteht, liest Staat B als offensive Bedrohung – und rüstet nach. „Dafür sorgen, dass keiner glaubt zu gewinnen” beschreibt deshalb keinen stabilen Zustand, sondern einen Wettlauf ohne Ruhepunkt. Selbst die nukleare Abschreckung des Kalten Krieges funktionierte nur, weil sie durch das ergänzt wurde, was im Satz vollständig fehlt: Rüstungskontrolle, Verifikation, Gesprächskanäle, Interessenausgleich. Der Heiße Draht hat vermutlich mehr Kriege verhindert als manche Raketengeneration.
Drittens unterschlägt der Satz, was die empirische Kriegsursachenforschung sonst noch herausgefunden hat: dass Rüstungswettläufe die Kriegswahrscheinlichkeit eher erhöhen, und dass die verlässlichsten Friedensfaktoren woanders liegen – in wirtschaftlicher Verflechtung, gemeinsamen Institutionen, eingehegter militärischer Macht.
Der Satz nimmt sich aus einem kontroversen Forschungsfeld also genau das eine Theorem heraus, das Aufrüstung legitimiert, und erklärt es zum erledigten Fall. Nicht erpressbar zu sein ist eine notwendige Vorsichtsbedingung – als hinreichende Friedensstrategie ausgegeben, ist sie etwas anderes: ein Aufrüstungsimperativ im Gewand einer Binsenweisheit.
In dieser Verkürzung sollte die Parole nicht den Weg in die Köpfe finden. Die Kapazität mancher Gemüter endet allerdings bereits nach einem einzigen Satz. … ![]()