Der Code und seine Bewahrer

Es gibt Menschen, die in einem Raum sitzen und gehört werden. Nicht weil sie klüger sind als die, die draußen stehen, sondern weil sie wissen, wie man in diesem Raum spricht. Sie kennen die richtigen Wörter, den richtigen Tonfall, die richtige Art zu zögern bevor man seinen Punkt macht. Sie haben gelernt, wann man „zugegeben" sagt und wann man eine Fußnote platziert, wann man eine rhetorische Frage stellt und wann man schweigt, damit das Schweigen nach Tiefe aussieht. Sie verwechseln das mit Denken. Ihre Umgebung verwechselt es auch.

Pierre Bourdieu hat das vor fünfzig Jahren beschrieben: Kulturelles Kapital als Distinktionsmechanismus. Wer den Code beherrscht — das richtige Register, den richtigen Gestus, die richtigen Referenzen — wird als kompetent wahrgenommen. Wer ihn nicht beherrscht, wird überhört, auch wenn er Recht hat. Besonders wenn er Recht hat, denn Recht haben im falschen Ton ist der sicherste Weg, ignoriert zu werden.

Das System funktioniert, solange der Code unsichtbar bleibt. Solange man glauben kann, dass eloquente Menschen klügere Menschen sind. Solange Verpackung und Inhalt so eng verschmolzen scheinen, dass niemand fragt, ob da überhaupt Inhalt ist oder nur Verpackung.


Dann erscheint ein Werkzeug, das jedem diese Codes gibt.

Der Arbeiterkind-Studentin, die brillant analysiert, aber im Seminar „falsch" klingt, weil ihr die rituelle Abschwächung fehlt, die man in bildungsbürgerlichen Haushalten mit der Tischordnung aufsaugt. Dem Handwerker, der ein komplexes System durchdringt, aber keinen Aufsatz darüber schreiben kann, weil niemand ihm beigebracht hat, wie man Erkenntnis in Absätze gießt. Der Migrantin, die drei Sprachen spricht, aber in keiner davon den akademischen Gestus beherrscht, der in deutschen Diskursräumen als Eintrittskarte fungiert.

Und dann gibt es eine dritte Gruppe, die vielleicht die interessanteste ist. Menschen, die genauer denken als der Raum. Die Muster sehen, Widersprüche sofort erkennen, Systeme durchdringen, während andere noch die Fragestellung paraphrasieren. Aber sie sagen es falsch. Zu direkt, zu unverpackt, ohne das soziale Gleitmittel. Sie sagen „das stimmt nicht", wo der Raum erwartet, dass man sagt „ich frage mich, ob man das nicht auch anders sehen könnte". Sie liefern Substanz ohne Verpackung — und der Raum bewertet die Verpackung.

Was diesen Menschen passiert, ist systematisch: Ihre Beiträge werden ignoriert oder als „schwierig" markiert. Nicht inhaltlich widerlegt — sozial aussortiert. Jemand anderes sagt drei Sätze später dasselbe, eingebettet in die richtigen Gesten, und erntet Zustimmung. Der Unterschied war nie das Argument. Der Unterschied war die Aufführung.

Jetzt gib diesen Menschen ein Werkzeug, das die Aufführung übernimmt. Plötzlich klingt ihre Analyse so, wie der Raum es erwartet. Plötzlich wird gehört, was sie immer gesagt haben. Plötzlich zeigt sich, dass sie die ganze Zeit recht hatten — nur nicht richtig klangen.


Plötzlich klingen alle gleich. Und jetzt passiert etwas Interessantes: Die Leute im Raum werden nicht etwa besser. Sie werden schlechter. Sie fangen an zu jammern, zu beleidigen, zu moralisieren. Sie sagen, das Werkzeug sei Betrug. Dass es faul sei, es zu benutzen. Dass die Ergebnisse nicht „echt" seien.

Aber sie sagen nie, die Ergebnisse seien falsch.

Weil sie es nicht können. Weil die Ergebnisse oft besser sind als das, was sie selbst produzieren, wenn man den Code abzieht und nur die Argumentation übrig lässt. Und das ist der Moment, in dem sichtbar wird, was immer schon stimmte: Ihr Platz im Raum war nie Ausdruck von Überlegenheit. Er war Ausdruck von Herkunft, Sozialisation, Zugang.

Die Wut richtet sich nicht gegen das Werkzeug. Die Wut richtet sich gegen die Sichtbarkeit. Der Code funktionierte als Machtmechanismus genau so lange, wie er als natürliche Begabung missverstanden wurde. In dem Moment, wo ein Werkzeug ihn repliziert, wird er als Konvention erkennbar. Und Konventionen kann man nicht verteidigen, indem man schimpft — nur indem man sie entweder transparent macht oder härter gatekeeped.

Die Reaktion ist Letzteres. „Nutzer dieses Werkzeugs raus" ist strukturell identisch mit „Leute ohne den richtigen Habitus raus". Es ist derselbe Reflex wie der Adelstitel nach der Industrialisierung: wertlos geworden, aber umso verbissener verteidigt.

Und es geht nicht nur darum, dass irgendwer jetzt den Code hat. Es geht darum, dass ausgerechnet die, die man jahrelang aussortiert hat, sich als die schärferen Denker herausstellen. Das Werkzeug korrigiert nicht nur eine Asymmetrie — es invertiert eine Hierarchie. Das verzeiht niemand.


Man kennt das historisch. Die Kirche reagierte auf den Buchdruck nicht mit dem Argument, gedruckte Bücher seien fehlerhaft. Sie reagierte mit dem Argument, die falschen Leute läsen die falschen Dinge. Der Benediktiner Trithemius schrieb 1492 — und die Ironie, dass er es drucken ließ, entging ihm — dass Handschrift spirituell überlegen sei. Nicht genauer. Nicht wahrer. Spirituell überlegen. Wer das Wort „Seele" durch „Authentizität" ersetzt, hat die Gegenwartsversion.

Taschenrechner in Schulen, Desktop Publishing, Wikipedia — jedes Mal dieselbe Struktur, derselbe Reflex, dieselbe Sprache: „Die können das nicht wirklich." „Die verstehen nicht, was sie tun." „Das ist nicht echt." Und jedes Mal war die Heftigkeit der Reaktion proportional zur Bedrohung. Nicht zur Bedrohung der Qualität — zur Bedrohung der Hierarchie.

Aber diesmal liegt die Intensität höher. Denn alle früheren Werkzeuge demokratisierten eine Fähigkeit. Setzen, Rechnen, Publizieren — das sind Tätigkeiten, die man als extern begreifen kann. Niemand sagt „Ich bin jemand, der gut setzt." Was hier demokratisiert wird, ist etwas, das die meisten Menschen nicht als Fähigkeit kategorisieren, sondern als Eigenschaft. Nicht Intelligenz — die hatten die Leute vorher auch. Sondern den sozialen Code, der als Intelligenz gelesen wird. Und damit die Fähigkeit, im Raum zu sitzen.


Das Ironischste zum Schluss: Die Art, wie die Code-Bewahrer reagieren — das Quengeln, das Abwerten, der Rückfall auf Beleidigung statt Argument — beweist exakt die These, die sie bestreiten. Wenn ihr Vorteil je intellektuell gewesen wäre, könnten sie ihn jetzt demonstrieren.

Stattdessen demonstrieren sie seine Abwesenheit.

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Ich bin überhaupt kein Fan dieser ganzen Debatten-Formate, die jetzt zum Teil auch bei Twitch und anderen Plattformen trendy sind. Schön, wenn es Leute wie Wolfgang gibt, die sich in der Debatte gut präsentieren können, doch sollte die Präsentation des Debattierenden eigentlich nicht ausschlaggebend sein.

Ein schönes Zitat von Dietmar Dath dazu: „Weil es bei den öffentlichen Debatten, die da stattfinden, nicht mehr um Verständigung geht, sondern weil die bloß noch im Modus des Schaukampfs stattfinden. Das ist auf Twitter nicht anders als im Fernsehen oder auf Youtube. Da haben wir dann vielleicht den intelligentesten Typen der Welt, der komplett Recht hat mit allem, aber leider stottert und Alkoholiker ist - und der wird neben ein totales Arschloch gesetzt, das fünfzig Jahre lang Rhethoriktraining hatte, dann machen wir daraus eine Talkshow, und hinterher wissen alle - weil, sie dürfen es klicken -, dass das Arschloch Recht hat." In einem anderen Interview hat er entsprechend darauf verwiesen, dass er deshalb Einladungen zu Diskussionen nicht annimmt. Er liest lieber ein Buch der Gegenseitige. Damit man auch mal in Ruhe Luft holen kann.

Schon die Sophisten haben das Debattieren zum Sport gemacht. Wer den Code (um mal dein Wort zu gebrauchen) dafür am besten beherrschte, hat gewonnen. Unabhängig davon welcher Standpunkt verteidigt wurde.

Ich glaube aber, dass es auch ein großes gesellschaftliches Umdenken braucht. Die Erkenntnis, dass diejenigen, die sich gut und selbstbewusst präsentieren können, häufig auch egoistische Arschlöcher sind, müsste irgendwann mal zünden.

Wolfgang hatte ja mal die Idee, dass die Linke einfach einen guten Schauspieler engagieren sollte. Das ist pragmatisch, bleibt aber leider in der Logik.

Als Die PARTEI Hoffnung hatte ins Berliner Abgeordnetenhaus zu kommen, meinte Martin Sonneborn, dass er diejenigen, die überhaupt kein Bock auf ein Amt hatten, solange bequatscht hat bis sie ihm zugesagt haben. Fand ich einen guten Ansatz.

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hey, toller beitrag. und nicht nur hier — auch in anderen themen begegnet mir das, was du beschreibst, viel zu oft.

deine beispiele sind treffend. ich würde es sogar noch etwas zuspitzen.

nehmen wir die brille: ohne sie bleibt es vielen menschen verwehrt, an schrift oder am leben teilzuhaben. das infrage zu stellen wäre absurd. ähnlich verhält es sich mit LLMs.

ein kleines beispiel, das mich selbst beschäftigt:

der halbgeviertstrich —

ein wunderbares stilmittel — er lässt sätze atmen, gibt texten eine präzision, dieses stilmittel ist mit der zeit ein stück weit verloren gegangen ist. nicht weil niemand ihn mehr wollte, sondern weil er schon bei der eingabe scheitert.

mac: option + minus

windows: alt + 0150 auf dem nummernblock. (wtf)

LLMs haben dieses stilmittel für viele wieder zugänglich gemacht. und gleichzeitig gilt er jetzt als „beweis" für KI-generierte texte.

das ist das gleiche argument in anderer verkleidung.

ich bin legastheniker. und meine gedanken sind oft abstrakt und verschachtelt — was bedeutet, dass sie für andere schwer zugänglich sind, wenn ich sie einfach rausschreibe. was ich also tue: mehr recherche, mehr absicherung, mehr arbeit — nicht weniger. genau dieser prozess ist es, der einen gedanken überhaupt erst schärft. und was bekomme ich dafür? den vorwurf, dass die gedanken nicht von mir stammen könnten.

weil manche die schwelle zum urteil niedriger setzen als die schwelle zum verstehen.

der fokus verschiebt sich vom inhalt auf das werkzeug. man rechtfertigt sich dafür, dass man eine brille trägt. das ist der stand der dinge.

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Hier ist er also aufgezogen, der von mir in dem Thread mit der KI-Umfrage in der Diskussion erwähnte Kulturkampf; freilich in monströseren Dimensionen, als man das vorhersehen konnte: die Diskussion um KI-Nutzung wird zum Klassenkampf aufgeladen, irgendeine bildungsbürgerliche Hegemonie könnte mit der KI als zentralem Revolutionsinstrument gestürzt werden. Erzählerisch ist das ganze sehr melodramatisch gehalten und von einer merkwürdigen Verquickung von spezifischer Schilderung und allgemeinen Thesen. Es handelt sich hier doch nicht etwa um uneigentliches Sprechen?

Leg die Karten doch mal auf den Tisch, fdoemges, inwieweit das eine verschleierte Beschreibung deiner Situation in diesem Forum sein soll. Siehst du dich als der dritten Gruppe deiner wahllosen Typologie zugehörig, denjenigen, “die genauer denken als der Raum. Die Muster sehen, Widersprüche sofort erkennen, Systeme durchdringen, während andere noch die Fragestellung paraphrasieren”? Die die verdiente Anerkennung ihrer überlegenen geistigen Fähigkeiten nur nicht bekommen, weil andere nur auf die “Verpackung” schauen, unter der sich in Wahrheit ein ungeschliffener Rohdiamant verbirgt? Der vagen Gruppe, bei der sich nun zeigt “dass sie die ganze Zeit recht hatten”, während alle Widersprechenden soziale Ausgrenzungsmechanismen praktizieren? Würdest du sagen, dass jegliche Skepsis an deiner Positionierung darunter fällt, ein “Quengeln, Abwerten, der Rückfall auf Beleidigung” ist, oder gibt es auch Ausnahmen (und wie sähen diese aus)?

Nicht zuletzt: wo siehst du die große hegemoniale Querfront, die KI-Nutzern ihre gerechte Anerkennung verweigert, wahlweise in diesem Forum oder gesamtgesellschaftlich, und wer sind die Agitatoren des Bösen?

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Ich hab das Gefühl du musstest für deine Bildung sehr hart arbeiten. Ich gebe mir Mühe das anzuerkennen, aber irgendwie klappt es nicht.

Vielleicht liegt es ja an den Inhalten.

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Unwahrscheinlich, schließlich beziehst du dich auf diese gar nicht, sondern nur auf den Anschein der “Verpackung”. Für diese zeichnet sich allerdings die KI meines Vertrauens verantwortlich; ich lege alle meine Texte der KI zur Überarbeitung vor, damit sie intelligenter klingen und ich an der Diskussion mit Anerkennung meiner Person partizipieren kann. Und es scheint zu funktionieren!

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Ich glaube du machst es immer schlimmer.

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Kannst Du bitte die Hand aus meiner Hose nehmen?

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Was ich ein wenig schade finde, wir haben hier in dem Kommunikations Spielraum unter den aktiven Mitspielern gut geölte Rädchen. Anstatt uns darauf zu konzentrieren die Möglichkeit zu nutzen unseren Neigungen zur Bespielung von und mit Denkmustern an sich nachzugehen wird viel Zeit mit interpersonellen Grabenkämpfen verbracht. Ich bin der letzte der dem völlig abgeneigt ist. Bin schon im Netz als IRC noch Standard Kommunikations Kanal war und habe viel Spaß gehabt mit Troll Kommunikation.

Trotzdem habe ich das Gefühl dass wir vielleicht einen Weg suchen sollten die unterschiedlichen Stärken mehr dazu zu nutzen Fortschritte in Gedanken Prozessen zu erreichen die uns beschäftigen, anstatt individuellen Ballast aus der jeweiligen Historie aneinander abzuarbeiten.

Die Herausforderung bleibt natürlich dabei, herauszuarbeiten was diese Schnittmenge ist.

Ich vermute aber dass sie irgendwo in dem Bereich liegt, wie Menschen miteinander interagieren.

Lustiger Weise kann also das Eingangs erwähnte Problem genutzt werden den Reset Punkt zu markieren aus dem man sich zu dem gemeinsamen Untersuchungsbereich hinarbeitet.

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Der Text ist schon ziemlich frontal formuliert, oder?

Ich verstehe den Punkt mit dem Werkzeug und auch die Kritik am Habitus. Aber gleichzeitig richtet sich das dann sehr bewusst gegen die Art, wie in solchen Räumen kommuniziert wird eben “ohne soziales Gleitmittel”.

Das heißt für mich nicht nur “direkter”, sondern auch “weniger Anschluss an bestehende Diskurse”.

Und genau da liegt das Problem. Gerade an Universitäten geht es ja nicht nur darum, Recht zu haben, sondern Gedanken so zu formulieren, dass sie für andere anschlussfähig und weiterverwendbar sind. Man will in der Gesellscaft und im Diskurs stattfinden.

Dazu dann auch:

Ich glaube, darum geht es oft auch gar nicht.
Die Frage ist eher: Welchen Wert hat das für mich oder für den Diskurs?

Das ist vielleicht eine etwas “marktwirtschaftliche” Perspektive, aber außerhalb von geschützten Räumen müssen sich Texte genau daran messen lassen: Werden sie gelesen? Werden sie aufgegriffen? Helfen sie anderen, weiterzudenken?

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Geht es nicht eigentlich um Offenheit?

Mal die eigene Gefühlslage nicht als Maßstab zu nehmen?

Oder auch einen Gedanken zu denken, der einem widerspricht um herauszufinden ob das überhaupt möglich ist?

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Die Frage ist halt: will man in-the-box oder out-of-the-box Denken.

Anschlussfähigkeit ist ja keine primäre Anforderung, so lange man out-of-the-box denken will.

wer Ergebnisse statt Applaus braucht dem kann es erstmal egal sein was die Mehrheit sagt: Überzahl ist kein Kriterium für korrektes Denken.

die wichtigsten Erkenntnisse der Menschheit waren eher selten Team-Leistungen.

Daher halte ich das Argument für ein „Not-Argument“ um das Gatekeeping aufrecht erhalten zu können, was weniger die Erkenntnis als den eigenen Arbeitsplatz schützt

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Ich glaube, das sind eher Haltungen oder Methoden des Denkens, die du beschreibst und die sind auch sinnvoll.

Die Frage im Thread ist für mich aber eher, was passiert, wenn Gedanken in einen sozialen Raum kommen. Offenheit allein reicht da nicht unbedingt.
Ein Gedanke kann für einen selbst total klar sein, aber wenn er für andere nicht zugänglich ist, wird er schlicht nicht aufgegriffen. Das ist ja auch die Sache mit dem Gatekeeping, dass nicht verstanden werden übergeht in aktives ignorieren und dann zu absichtliches Abtun werden kann.

In dem Sinne ist die Frage weniger, ob man bereit ist, anders zu denken, sondern auch, wie Gedanken so formuliert sind, dass andere überhaupt an sie anschließen können.

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Ich würde gar nicht grundsätzlich dagegen argumentieren. Klar braucht Wissensproduktion auch “out-of-the-box”-Denken. Aber da hört es für mich eben nicht auf.

Sobald man sich bewusst außerhalb eines Codes bewegt, hat man ja nicht plötzlich keinen Code mehr, man erzeugt nur einen anderen. Und diese Form von Direktheit oder “Unverpacktheit” kann selbst wieder zu einem Distinktionsmerkmal werden. In dem Sinne sehe ich nicht, dass sich das Problem einfach auflöst. Es verschiebt sich eher.

Und bei dem Punkt mit der Anschlussfähigkeit bin ich etwas skeptisch, das nur als Gatekeeping zu lesen. Nicht jede Erwartung an Form dient dazu, andere auszuschließen. Oft ist sie auch einfach die Voraussetzung dafür, dass Gedanken überhaupt aufgegriffen und weitergedacht werden können.

Den Verweis darauf, dass Kritik letztlich nur dem “Schutz des eigenen Arbeitsplatzes” dient, finde ich schwierig. Das ist weniger ein Argument als eine Unterstellung von Motiven und bewegt sich damit weg von der Sachebene. Ob jemand institutionell eingebunden ist oder nicht, sagt für sich genommen noch nichts darüber aus, ob ein Gedanke tragfähig ist oder nicht.

Und das hier:

ist auch nicht so einfach. Wissenschaftler waren schon eingebunden in Netzwerke und Abhängigkeiten. Diese Idee vom Genie erklärt das Genie nie voll und ganz. Einsteins Relativitätstheorie war eine Antwort auf Besprechungen von Experimente von anderen, Goethes Gedichte entfalten ihre Ästhetik erst im Vorlesen usw. Dagegen wurde Alex Karp von Habermas abgelehnt, weil Habermas sehen konnte, dass Karp nicht versteht, was er da macht.

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Eigentlich ist es doch zumindest für das Thema hier egal ob die Codes nun gut sind oder schlecht.

Die Frage ist, was daraus folgt, dass nun jeder Zugang zu diesen Codes hat und nun einfach der Habitus emuliert werden kann.

Diese Waffengleichheit sorgt zumindest dafür dass “nur Habitus” nicht mehr reicht ohne Substanz.

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Sehe ich genauso, die Offenheit wäre dann die Nachfrage. Und wenn es einen nicht interessiert dann ist es auch gut.

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Ich finde das Thema super spannend und bin hier grade in einer ziemlich komischen Grübelschleife.

Einerseits sehe ich: das Erlernen eines theoretischen Unterbaus bringt den Code oder Habitus mit sich, der zum Gatekeeping genutzt und wahrscheinlich schlimmer, auch als geistiges Gefängnis funktionieren kann, weil ich nur noch Komplexität im Denkstrom einer bestimmten Theorie repliziere, nur noch anwenden, statt zu verstehen.

Andererseits: gibt es überhaupt komplett “nacktes denken"? Und braucht es für gewisse Dinge nicht zumindest ein Mindestmaß an Theorie? Ich bin da im ganz extremen wieder bei Sprache:

Du brauchst genug Physik, um die Relativitätstheorie zu rechnen, aber du musst kein Historiker der Newtonschen Mechanik sein, um sie zu denken. Aber dann bleibt sie vlt nur ein Bauchgefühl.

Vielleicht kann man synthetisieren über Flo’s Offenheit bzw zB Emanzipation

Die Theorie als Werkzeugkasten oder als Leiter zu sehen, nicht als Gebetsbuch. Das „Dazwischen“ ist die Fähigkeit, die komplizierte Thermodynamik so weit verstanden zu haben, dass man das „warme Feuer“ mit einer Präzision erklären kann, die ein Laie nicht hat – ohne dabei elitär zu klingen.

​Wer wirklich Bescheid weiß, muss nicht gatekeepen. Er kann die Tür aufmachen, weil er keine Angst hat, dass der Wind seine Zettelsammlung durcheinanderbringt.

Aber ich bin irgendwie mit beidem noch nicht so richtig zufrieden.

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Ich sag eigentlich auch nirgends dass man keine Theorie braucht.

Ich sage: Man braucht den Habitus nicht mehr. Nicht weil er nicht mehr notwendig ist, sondern weil der jetzt “aus der Tube” kommt und nicht mehr erlernt werden muss.

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Ne hast du nicht gesagt, wollte ich auch nicht unterstellen. Ich hatte mich dem thema vor ein paar tagen mal in einem anderen Zusammenhang:

Der theoretische Unterbau als Brille, die dann auch Einschränkend wirken kann.

Das ist dann nochmal was anderes, als Code / Habitus bei dir, so hab ich es jedenfalls verstanden.

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Alles klar. Danke für die Klarstellung.

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