Ich kann Ole Nymoen nicht wirklich leiden und mir ist egal ob er recht hat oder nicht. Aber die Frage, die er stellt, ist exakt die richtige — und nichts in diesem Thread adressiert sie. Ob er das selbst realisiert oder aus den falschen Gründen richtig liegt, ist irrelevant. Die Frage steht.
Statt darüber zu streiten ob Pazifismus naiv ist oder B-17 die Nazis besiegt haben, könnte man ja mal sauber klären: Unter welchen Bedingungen wäre eine deutsche Kriegsbeteiligung überhaupt sinnvoll? Und dann prüfen, ob eine davon auf Hormus zutrifft.
1. Existenzielle Bedrohung. Die Bevölkerung ist physisch bedroht. — Trifft nicht zu. Niemand in Deutschland ist in Gefahr. Eine Regionalmacht wird von der größten Militärmacht der Erde bombardiert. Die Huthis sind eine Miliz. Das einzige Szenario, in dem das zur Bedrohung für Deutschland wird, ist eins, in dem wir selbst eskalieren.
2. Funktionierender Gesellschaftsvertrag. Wer sein Leben riskieren soll, muss am Gemeinwesen beteiligt sein. — Trifft nicht zu. Vier Jahrzehnte neoliberale Politik haben den Vertrag einseitig gekündigt. Die Generation, die kämpfen soll, kann sich keine Wohnung leisten. Wer dreißig Jahre lang “Es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen” predigt, darf sich nicht wundern, wenn die Individuen dann sagen: Stimmt, und ich als Individuum gehe da nicht hin.
3. Symmetrie der Opfer. Kosten und Profite des Konflikts sind gleichmäßig verteilt. — Trifft nicht zu. JakobB hat das Material schon geliefert: Schattenfotte unter Billigflaggen, Holdingsitze in Zypern, Steueroptimierung als Geschäftsmodell. Wenn Schutz gebraucht wird, haben die Schiffe plötzlich “deutschen Bezug” (danke, NDR). Der Steuerzahler finanziert Fregatten, damit Reeder ihre Margen halten. Privatisierung der Gewinne, Sozialisierung der Risiken — das ist kein Nebenaspekt, das ist der Kern der Sache.
4. Militärische Sinnhaftigkeit. Der Einsatz löst das Problem, das er lösen soll. — Trifft nicht zu. Operation Prosperity Guardian hat empirisch gezeigt, dass konventionelle Marinepräsenz Drohnenangriffe nicht unterbindet. Die Huthis haben trotz massiver westlicher Präsenz weitergeschossen. Das ist kein Willensproblem, das ist ein Strukturproblem: Eine $2.000-Drohne gegen ein $100M-Schiff ist eine Kosten-Asymmetrie, die sich mit Fregatten nicht lösen lässt. Manfred Webers Flugzeugträger am Golf ist kein Strategievorschlag, das ist militärhistorisches Reenactment.
5. Demokratische Legitimation. Die Bevölkerung entscheidet über den Einsatz. — Trifft nicht zu. Trump fordert, die Presse schiebt, die Regierung “robbt sich ran” (Thiele im SWR). Keine öffentliche Debatte über Interessen und Kosten, sondern medial hergestellter Sachzwang. Dass die versammelte Hauptstadtpresse mehr Appetit auf den Einsatz hat als die Regierung — JakobBs Ausgangspunkt — ist kein Zufall, das ist die Mechanik.
6. Kohärentes Wertesystem. Die Werte, für die gekämpft wird, gelten universell. — Trifft nicht zu. “Selbstverteidigung” ist heilig bei der Ukraine und irrelevant beim Iran. “Völkerrecht” gilt bei russischen Annexionen und nicht bei der Bombardierung des Iran. Das ist keine Doppelmoral als individueller Vorwurf — das ist das Prinzip: “Regelbasierte Ordnung” bedeutet, dass die Regeln für die gelten, die sie nicht gemacht haben.
Das sind sechs Bedingungen. Keine ist erfüllt. Nicht eine.
Wer trotzdem Beteiligung fordert, muss das begründen — und “die B-17 haben die Nazis besiegt” reicht dafür nicht, weil die materielle Realität von 1944 mit 2026 so viel zu tun hat wie ein T-34 mit einer Drohne. Es gab einen Gesellschaftsvertrag, eine existenzielle Bedrohung, und die Mittel haben zum Ziel gepasst. Alles drei trifft heute nicht zu.
Wer der Meinung ist, dass junge Menschen seine Handelsrouten, seine Schattenfotte und sein Immobilienportfolio verteidigen sollen, der sollte erst dafür sorgen, dass die überhaupt wieder was zu verlieren haben. Und sicherstellen, dass die Strategie nicht aus dem letzten Jahrhundert stammt.