[SPEAKER_00] Aber was ein ganz großes Problem eben für die Ukraine ist, dass sich die Fälle mehren von einer absoluten Verweigerung, also junge oder wehrpflichtige Männer, die sich Wehrdienst mit allen Mitteln oder der Einberufung mit allen Mitteln entziehen wollen.
Und gerade in den letzten Wochen sind sehr viele Vorfälle bekannt geworden, dass es zu Schießereien, auch zu Verletzten gekommen ist, weil die Radikalisierung, also diese Gewalt, die da zum Einsatz kommt oder auch wie rekrutiert wird, bemerkenswert ist und auch teilweise in Kiew selbst, in den östlichen Stadtteilen.
Und das zeigt eben auch, dass da massive Probleme sind, die Reihen der Armee zu schließen. Und das ist ein großes Problem für die Ukraine im Moment.
[SPEAKER_04] das wäre vielleicht eine Überleitung auch für dich, weil die Frage der jungen Männer, davon sind ja eine ganze Menge auch in Deutschland, nur ist in der Ukraine so, dass unter 25, wenn ich das richtig weiß, nicht eingezogen wird, also unter 25 Jahren nicht angezogen wird an die Front und zunächst durften die alle nicht ausreisen, auch wenn sie noch unter 25 war, seit anderthalb Jahren, glaube ich, wenn ich es richtig weiß, dürfen sie das. Und sehr viele davon sind in Deutschland.
Das ist ja hier eine Diskussion auch darum, soll man die nicht alle sofort zurückschicken, müssen die nicht kämpfen. Was ist dein Eindruck, wie diese Lage des Krieges, wie die beiden sie gerade beschrieben haben, sich auf die deutsche Debatte derzeit auswirkt?
[SPEAKER_05] Ich bin kein Experte für deutsche Außenpolitik, deswegen blicke ich hauptsächlich auf die Migrationspolitik. Was ich aber trotzdem sofort sagen würde für den Blick der deutschen Politik insgesamt auf den Ukraine-Krieg, dann ist es schon so, dass sich da im letzten Jahr eigentlich ein sehr viel optimistischerer Blick durchgesetzt hat. Es gab ja mal eine Phase, vor allem mit dem Amtsantritt von Trump, wo man irgendwie mehr oder weniger damit gerechnet, dass die Ukraine jetzt wirklich im Hintertreffen ist im Vergleich mit Russland. Und da hat sich viel gedreht, auf der einen Seite technologisch und auf der anderen Seite auch dadurch, dass Trump nicht mehr so eindeutig auf der russischen Seite zu verorten ist. Und ich glaube, es gibt schon jetzt einen größeren Optimismus innerhalb der deutschen Politik, dass die Ukraine eine Chance hat, zu gewinnen oder den Status quo zu halten zumindest.
Deswegen, dass es auch Sinn macht, weiter zu unterstützen. Das sehe ich auf jeden Fall. In der Migrationspolitik kann man das tatsächlich auch sehen.
Es gibt seit ungefähr Anfang dieses Jahres verschiedene Versuche, besagte junge Männer, die jetzt eben teilweise auch nach Deutschland ausgereist sind, dazu zu bringen, zurückzugehen oder sie gar nicht erst herkommen zu lassen.
Das betrifft vor allem jetzt den Flüchtlingsschutz, den Ukrainer und Ukrainerinnen insgesamt in der EU bekommen. Und da wurde jetzt in den letzten Monaten beschlossen auf EU-Ebene, dass dieser vereinfachte Zugang zum Schutz, den Ukrainer bisher bekommen haben, dass der zwar für Frauen und Kinder weiterhin gilt und für ältere Männer und Jungen, also Kinder, männliche Kinder, aber eben nicht mehr für junge Männer, dass die davon ausgenommen sind. Die können noch Asyl beantragen, aber da ist schon die Idee dahinter, dass man will, dass diese Männer in der Ukraine bleiben und kämpfen und im Zweifel sterben, muss man so sagen.
[SPEAKER_03] Aber was diese Thesen angeht, ja, das ist die große Frage, sind Russinnen und Russen, gibt es auch ukrainische Essays zu oder auch von westlichen Intellektuellen, sind Russinnen und Russen überhaupt willens und in der Lage für sowas wie Demokratie einzustehen oder nützt dieser Druck dem Veränderungswillen in Russland. Das ist wirklich die große Unbekannte. Die Russinnen und Russen denken im Wesentlichen an sich selbst und ihre Familie. Sie sind einem wahnsinnigen Unterdrückungsapparat ausgesetzt. Und von daher ist die große Frage, geben sie die Schuld auch der Sachen, die jetzt in dem sehr gut geschützten Moskau ankommen, geben sie die Schuld der Ineffizienz ihrer Führung oder geben sie die Schuld der Ukraine? Das ist die wirklich offene Frage, die bis heute niemand beantworten kann.
[SPEAKER_00] Ich wollte noch mal auf Matthias antworten. Das ist sicher richtig, was du sagst, aber ich würde jetzt mal trotz dieses brutalen Krieges den Anspruch formulieren, dass die Ukraine sich mit anderen Maßstäben messen lassen muss. Und da ist es, das kann man ja auch an anderen Beispielen noch durchdeklinieren, da kommen wir vielleicht noch ein bisschen später drauf. Es ist eben schon eine gereifte Zivilgesellschaft. Das Land erhebt ja selbst den Anspruch, wir müssen jetzt nicht über die ganze EU-Debatte usw. das nochmal wiederholen. Aber deshalb ist es so, dass diese doch relativ rüden Methoden natürlich ganz anders rezipiert werden, auch von der Gesellschaft. Und das ist der große Unterschied zu Russland. Und da finde ich, ist mir nicht weiter geholfen zu sagen, in Russland ist es noch schlimmer, was zweifellos richtig ist. Aber auch gerade trotz dieses Krieges, wenn die Ukraine den Anspruch erhebt, und ich finde, das kann man auch sehen, wenn man sich dahin und wieder aufhält, anders sein zu wollen oder eine wie auch immer geartete demokratische Transformation begonnen zu haben, dann wird sie mit diesen Methoden im Grunde genommen, glaube ich, nicht so gut weiterkommen.
[SPEAKER_00] Kein Widerspruch.
Das kann man dann einfach so nebeneinander dahinplaudern… Die brutalen Zwangsrekrutierungen sind Zeichen einer reifen Zivilgesellschaft und während die Ukrainer sich versuchen dem Wehrdienst zu entziehen denkt “der Russe” ja nur an seine Familie und sich…
und wir müssen Russland besiegen… wegen der AfD…
[SPEAKER_04] Heißt das nochmal konkret danach gefragt, würdest du damit rechnen, dass es zum Winter hin jetzt tatsächlich noch eine größere Flüchtlingsbewegung aus der Ukraine gen Westen gibt? Wir sehen sie schon in Teilen.
[SPEAKER_03] Es sind schon Zehntausende jetzt geflohen, weil der Drohnen- und Raketenterror in Kiew dazu geführt hat. Wir sehen es, Zehntausende sind aus der Region Kherson und frontnahen Gebieten geflohen. Ich gehe da ganz fest davon aus, dass es dazu kommen wird. Freddy, wären wir, wäre Deutschland darauf vorbereitet?
Ich finde, wenn man darüber redet, muss man erstmal nochmal nachdenken über das, was Ruderich Kiesewetter, den wir jetzt ja beispielhaft dafür genommen haben, sagen, ja auch andere, da muss man darüber nachdenken, was er da gesagt hat.
[SPEAKER_05] Er bringt ja im Endeffekt das Argument, wir müssen die Ukraine mehr unterstützen oder kommt jetzt eine Katastrophe auf uns zu und die Katastrophe ist, dass diese Leute herkommen, also dass es diese Fluchtbewegung gibt. Da geht man schon so ein bisschen auf ein, also man geht mit bei dem, was tendenziell das Kalkül der Russen ist, die ja überall Migration als hybride Waffe einsetzen.
Das kann man schon so sagen. Das Problem ist ja aber eigentlich, wenn man das jetzt vielleicht aus der linken, progressiven, menschlichen Richtung dreht, es ist das Problem, dass Elend der Leute in der Ukraine, das entsteht durch den Krieg. Und das Problem ist eben nicht, dass die Leute dann vor diesem Elend nach Deutschland fliehen. Das mal grundsätzlich erst.
Wenn man jetzt davon ausgeht, dass diese Fluchtbewegung kommt, im Moment sehe ich da keine großen Hinweise.
Man kann sich immer vorstellen, dass es passiert, aber ob es passiert, wissen wir am Ende nicht. Aber wenn es so kommen würde, dann wäre das für das politische Klima in Deutschland schon Schlecht.
Wir sehen gerade in verschiedenen Bundesländern, dass die Kapazitäten für Flüchtlingsaufnahme aktiv zurückgebaut werden.
Da sind die Bundesländer, zum Beispiel Bayern und die Bayerische Landesregierung auch wirklich sehr stolz darauf, dass sie da überplanmäßig viele Kapazitäten gerade abbauen. Sodass man davon ausgehen muss, dass Deutschland dann schon wieder so viel abgebaut, dass wir nicht mehr so gut darauf reagieren könnten und die politische Debatte würde es sicherlich auch vergiften.
Also wir müssen den Krieg am Laufen halten, weil der Krieg ist eigentlich eine Waffe in der hybriden Kriegsführung um mit Flüchtlingsströmen den Westen zu destabilisieren, der stolz verkündet seine Flüchtlingsinfrastruktur abzubauen und damit stärk Putin dann die AfD… Dieser hinterhältige Russe aber auch!
eine zweite Angst ist der Nationalismus in Polen (wir erinnern uns an die Ehrung der Ukraine für Täter von “Polenmorden”), der ja noch mehr Flüchtlinge bescheren könnte
[SPEAKER_00] … aber was jetzt passiert ist, dass sich die Anzahl von tätlichen Übergriffen, also wo wirklich Leute zusammengeschlagen werden, junge Männer, junge Frauen, völlig unbedarft, also jetzt nicht die in irgendeiner Funktion da sind, weil sie ukrainisch miteinander sprechen, da gibt es jetzt mehrere Fälle, die aufgetaucht sind und das Klima hat sich komplett gedreht.
Und ich finde das in diesem Zusammenhang deshalb relevant zu erwähnen, weil auch das potenziell Menschen sein könnten, die dann versuchen würden, nach Deutschland weiterzugehen.
[SPEAKER_00] Also ich habe da keine belastbaren Zahlen.
[SPEAKER_00] Aber da sieht man, wie das auch umschlagen kann.
einfach so, ZACK ist der Pole gewaltbereiter Nationalist der völlig unbedarfte Ukrainer schlägt…
[SPEAKER_03] Das ist völlig anders als in Deutschland.
Neben einem rechtsradikalen oder rechtspopulistischen Präsidenten haben wir mittlerweile ein Machtgerangel von drei rechtsextremen Parteien. Nicht nur von einer in Deutschland, sondern wir haben neben der bekannten Pis-Partei der früheren Regierung. Unter Kaczynski haben wir die rechtsradikale Konfederatia und jetzt auch noch Braun, die sich gegenseitig immer mehr Konkurrenz machen in einem Negativwettbewerb gegen europäische Integration, gegen Geflüchtete und auch gegen die Ukraine als Land oder als Nation aufgrund von historischen Konflikten, die es zwischen beiden Ländern nun mal gegeben hat, weil es gegenseitige Vertreibungen, Besatzungen etc. gab.
[SPEAKER_04] Aber ich vermute mal, ich kenne mich da überhaupt nicht aus, dass das in Polen trotzdem nicht pro-russisch dann konnotiert ist.
[SPEAKER_03] Bis auf eine Partei, die pro-russisch ist, nein. Da ist es so, dass alle auch eine klare Haltung zu Russland haben.
[SPEAKER_03] Das ist nicht so wie hier bei der AfD oder dem Bündnis Sarah-Putin-Knecht.
ja hin und her man weiß nicht so genau. Und weil man ab Nordstream nicht mehr über den Nationalismus des Rechten Sektors sprechen wollte wie damals zu Maidan, weil der Putin ja gesagt hat das es dort Nazis gibt… deswegen kann man sich das gar nicht erklären warum Polen da jetzt so zimperlich ist…
aber in dem ganzen Wahnsinn vielleicht das Highlight
Ich glaube, es braucht klare Ansagen an Russland.
[SPEAKER_03] Du hast, Freddy, ja eben schon über den Vorfall auf dem Flughafen Leipzig-Halle gesprochen, dieser versuchte oder wie auch immer zu einzuschätzende Drohnenangriff auf ukrainische Transportflugzeuge. Es hat keine klare Antwort der Bundesregierung und anderer darauf gegeben. Da, nach meiner Meinung, müsste man sehr deutlich sagen,
Lieber Herr Putin, wenn das nochmal vorkommt und wir haben seitdem weitere Angriffe auf Rüstungsfabriken in Europa gesehen, von Italien bis am Dienstag in Estland und der russische Außenminister Lavrov hat sehr deutlich gesagt, dass Russland jetzt Ziele im Westen angreifen wolle oder es auch bereits tue auf Fabriken und andere Einrichtungen, durch die die Ukraine unterstützt wird.
[SPEAKER_03] Und darauf gibt es keine klare Antwort.
Die Antwort der Bundesregierung muss sein, Russland sehr deutlich zu sagen, noch ein solcher Vorfall und wir werden die Ukraine noch stärker bewaffnen.
Und Herr Merz hatte das vor den Wahlen mal zugesagt, den Taurus zu liefern.
[SPEAKER_03] Der ist keine Wunderwaffe, aber er ist natürlich im Gegensatz zu Drohnen sehr präzise.
und vor allen Dingen sehr viel Sprengstoff beladen, wo eine russische Raffinerie oder eine Rüstungsfabrik nicht nur mit einer Halle getroffen werden kann, sondern die gesamte Halle in Schutt und Asche gelegt wird.
Und das sind die Zeichen, die man Russland sehr deutlich geben muss.
Jetzt nochmal mit dem Taurus gegen Russland… einfach mal abfeuern weil da ne Drohne auf der Nachschublinie in Deutschland lag, so als Statement einfach mal ne Rüstungsfabrik oder halt ne Raffinerie zivil, militärisch scheiß der Hund drauf, wegmachen und dann wartet der geneigte Taz-Redakteur mal ab ob es stiller wird nach dem Knall…
Wir sind, ich habe es gesagt, mitten im fünften Kriegsjahr.
Ich glaube, nach dem, was ihr jetzt alle so prognostiziert habt, gibt es nicht viele Chancen, dass wir den fünften Jahrestag des Kriegsbeginns im Februar 2027 nicht erreichen.
Also, dass wir den nicht im Frieden erleben werden, sondern dass es weitergeht.
Aber wir werden darüber weiter diskutieren.
Ich danke euch erstmal herzlich für diese engagierte und kenntnisreiche Runde.
ja… geht “einfach so weiter” schade, aber wir werden weiter darüber diskutieren, warum der Russe es verdient hat, dass es nicht aufhört…
Das Transkript ist natürlich noch länger… aber das wäre eindeutig zu viel…
aber vielleicht hilft es mit ein paar Illusionen aufzuräumen…