Sie haben eine Handvoll Fragen aufgeworfen (und eine Position bezogen, die in dieser Weise nicht erforderlich war), und meine naheliegende Reaktion wäre, sie der Reihe nach abzuräumen. Ich tue es nicht - weil genau das der Modus ist, in dem wir uns beide verlieren würden. Sie haben übrigens eine Prämisse vorausgesetzt, die nicht festgelegt ist: Dass Maßnahmen plausibel sein müssten. Sie prüfen meine drei Sätze auf ihre Begründetheit. Die Impfung sei am besten gerechtfertigt, der Erreger folge eigenen Regeln, es gebe echten Fremdbezug, Gemüse und Bewegung beträfen nur den Lebenswandel. Ein sorgfältiger Gang, ich bestreite keinen Schritt. Nur beantwortet er eine Frage, die ich nie gestellt habe. Haben Sie mit dem Bezug auf Plausibilität von Maßnahmen Ihre Schwelle markiert?
Ich lege nun die These offen, die ich Ihnen schuldig geblieben bin, und beantworte danach die eine Ihrer Fragen, die wirklich trägt.
Die These - Ich behaupte etwas Zeitliches: Kontroll-Architektur, die unter dem Druck eines Notstands errichtet wird, weicht nicht mit ihrem Anlass. Sie wird stillgelegt, jedoch nicht abgebaut. Der Katalog der Maßnahmen - Ausgangsbeschränkungen, Nachweispflichten, die ganze Mechanik - steht nach der Lage weiter im Gesetz, abgeschaltet, reaktivierbar. Das ist mein „Fazit”, und Sie sehen: Es hängt nicht in der Luft, es hängt an dieser Klinke. Dass ich zum Ergebnis gesprungen bin, ohne Ihnen die Anbindung zu zeigen - zugestanden. Hier ist es.
Nun zu Ihrem „UND”, weil daran alles hängt: Das UND ist keine Verzierung, es ist die Behauptung. Meine Frage ist nicht, ob bestimmte Einzelmaßnahmen gerechtfertigt waren - sie waren es womöglich, jede für sich, womöglich auch nicht. Meine Frage ist, ab welcher akkumulierten Kapazität ein Subjekt seine Zustimmung nicht mehr an die einzelne Maßnahme, sondern an das Gefüge knüpft. Und weil das eine Prüfung ist, die jeder nur an sich selbst führen kann, ist sie subjektiv im strengen Sinn: von innen berichtbar, nicht von außen beweisbar. Deshalb „Integrität” - nicht die des Algorithmus, die Sie mir großzügig angeboten haben, und nicht die Ehrlichkeit eines Teilnehmers, sondern Selbstkonsistenz, die Grenze des Eigenen. Sie ist keinem Parameter zugeordnet, sie zeigt sich am Bruchpunkt.
Wenn ich raten müsste, würde ich darauf tippen, dass Sie im Konkreten argumentieren, weil Sie die Abstraktion aus Prinzip verweigern. Ihr Beitrag sagt im Kern: Legitimität lässt sich nicht durch Zählen von Parametern bestimmen, sondern nur durch das, was die Parameter sind - wer die Kosten trägt, ob es eine Externalität gibt, akut oder chronisch, einmalig oder dauerhaft. Für Sie ist Abstraktion anscheinend nicht das Werkzeug, sondern der Fehler: Sie löscht genau die Unterschiede aus, in denen Ihre moralische Arbeit steckt.
Der Begriff vom Gedankenexperiment zielte meinerseits auf die Wirkmechanismen zwischen Subjekt und (staatlicher) Machtausweitung ab. Das Krisenthema ist deshalb nur ein Beispiel und im Grunde egal. Ich räume ein, dass ich Sie eingeladen habe. Mein Satz vom „damaligen Stand der Erkenntnisse” klingt nach Rechtfertigung, und Sie sind hineingegangen. Gemeint war er nicht so. Das Wissen ist bei mir kein Gütesiegel der Regel, sondern der Zeiger, der die Schwelle wandern lässt. Was gestern unter meinem Kipppunkt lag, liegt heute vielleicht darüber, weil sich der Erkenntnisstand verschob - nicht, weil der Staat mir etwas besser bewiesen hätte (was er sowieso nicht muss). Der Parameter bin ich, nicht eine vermittelte Begründung. Hier liegt das Potenzial für einen lebendigen Dissens.