Gibt es noch Hoffnung für die Zukunft linker Politik?

Da gehe ich ja auch zu einem gewissen Grad hin mit. Nur sind Parteien Strukturen, die dazu gedacht sind, gleiche Interessen unter einem Dach zu bündeln. Und das hatte ja historisch durchaus schon Mobilisierungserfolge. Mag schon sein, dass man sich nicht dran klammern soll, aber siehst du eine Alternative? Ansonsten bleibt es ja nur übrig, auf den revolutionären Moment zu warten.

Ad Abwanderung: Gute Beobachtung, wobei man nun mal schon festhalten muss, dass Unternehmen Profite wollen. Da sind Löhne ein Kostenfaktor und es hat ja sehrwohl eine Auslagerung von Produktionsstätten in den letzten Jahrzehnten gegeben. Also Hirngespinst ist das keines. Ich gebe dir aber auf jeden Fall recht, als man nicht jede Drohung ernstnehmen sollte.

Die Monster-Metapher zeigt den Kern: Mama sagt “Es gibt kein Monster.” Papa sagt “Ich sehe es auch, ich töte es.”

Das Kind fällt Papa in die Arme. Nicht weil Papa recht hat. Sondern weil Papa das Kind akzeptiert und nicht korrigiert.

Das ist der Mechanismus wie Politik funktioniert.


Linke Politik hatte mal Macht.

Durch Identität die sich stark anfühlte.

“Ich baue eine bessere Welt.” “Ich kämpfe für Gerechtigkeit.” “Ich bin Teil von etwas Größerem.”

Menschen wollten das sein. Es fühlte sich mächtig an.

Das war Macht.


Dann erzählten wir uns schwach.

“Wir sind die moralisch Guten” → andere hörten “Ihr seid schuldig”

“Wir klären euch auf” → andere hörten “Ihr seid dumm”

“Seid solidarisch, verzichtet” → andere hörten “Euer Leben wird schlechter”

“Wir sind Opfer des Systems” → andere sahen Schwäche

Niemand will schuldig sein. Niemand will dumm sein. Niemand folgt Schwäche.


Gleichzeitig hörten wir auf Macht zu bekämpfen.

Stattdessen: Partikularinteressen. Immer spezifischere Gruppen. Immer mehr Repräsentationskämpfe.

Die Macht blieb oben.

Wir kämpften unten um Krümel.

TERFs ihre Gruppe. BSW seine Gruppe. Identitäre Linke ihre Gruppen.

Niemand griff mehr Machtverhältnisse an.

Das erzeugte Konkurrenz. “Warum kriegen DIE was und ich nicht?”

Nullsummenspiel in der Grube. Während oben alles beim Alten blieb.


Und wir ignorierten Realität.

Deutschland altert. Median-Alter 1950: 35 Jahre. Heute: 47 Jahre. U30 nur noch 8% Wahlanteil, Ü50 hat verfassungsgebende Mehrheit.

Alte wählen rechter. Loss Aversion. Je mehr zu verlieren, desto konservativer.

Der Durchschnittswähler wird älter. Damit anfälliger für Rechts.

Gleichzeitig: Die Arbeiterklasse ist migrantisch. Pflege, Bau, Logistik, Produktion. Sie halten das Land am Laufen. Sie haben kein Wahlrecht.

Unsere Basis kann teilweise nicht wählen.

Ein Strukturelles Handicap.

Wir taten so als wäre das egal.


Wir hinterließen eine Lücke.

Die Rechten füllten sie.

Mit dem was wir aufgegeben hatten: Starke Identität.

“Du bist Deutscher. Du gehörst zu uns.”

Klar. Einfach. Fühlt sich stark an.

Die Monster-Metapher: Papa macht das Kind nicht klein.

Es funktioniert.

Nicht weil Menschen dumm sind. Sondern weil starke Identität funktioniert.


Wir waren stark als wir Identität lieferten die sich mächtig anfühlte.

Wir wurden schwach als wir Schuld, Verlust, Ohnmacht anboten. Als wir Krümel verteilten statt Macht zu erkämpfen. Als wir Realität ignorierten.

Die Rechten nutzen jetzt was wir aufgaben.

Die Konsequenz ist klar.


Zurück zu starker Identität. Konkret:

Klimaschutz:

Nicht mehr: “Verzichte fürs Klima, sei bescheiden”

Sondern: “Ich bin klug genug die Zukunft zu schützen”

Stärke statt Schuld.

Anti-Rassismus:

Nicht mehr: “Check your privilege, sei demütig”

Sondern: “Ich bin stark genug im offenen Wettbewerb zu gewinnen”

Selbstbewusstsein statt Status-Verlust.

Solidarität:

Nicht mehr: “Sei solidarisch, teile, verzichte”

Sondern: “Zusammen sind wir mächtiger als die die uns spalten wollen”

Gewinn statt Verlust.

Comeback statt Opfer:

Nicht mehr: “Wir sind Opfer von Kapital und Medien”

Sondern: “Wir waren ohnmächtig - jetzt übernehmen wir”

Handlungsfähigkeit statt Lähmung.

Machtkampf statt Krümelverteilung:

Wahlrecht für die Starken.

Hans (Pfleger), Anna (Ärztin), Michael (Bauarbeiter).

Deutsche Namen. Diverse Gesichter. Eine Message:

“Wer stark genug ist Deutschland zu tragen, verdient es mitzugestalten.”

Das ist nicht Migrationspolitik. Das ist Machtpolitik.

Universell. Vereint statt spaltet.

Millionen Menschen Macht geben. Machtverhältnisse ändern.


“Aber das ist doch Manipulation!”

Ja.

Genau wie alles andere.

Man kann nicht nicht manipulieren. Die Frage ist nicht OB. Die Frage ist WOFÜR.

Rechte nutzen Psychologie für Rassismus, Ausbeutung, Hierarchie.

Wir können sie nutzen für Gerechtigkeit, Klimaschutz, Solidarität.

Die Mechanik ist gleich. Die Richtung ist anders.

Skalpell kann heilen oder töten. Wichtig ist wofür du es nutzt.


Und hier der Clou:

Die Rechten machen es sowieso.

Während wir moralisch rein sind und verlieren, manipulieren sie erfolgreich.

Unsere “Reinheit” schützt niemanden.

Unser Gewinnen schon.

Outcomes > Methoden.


Das braucht Disziplin.

Aufhören uns über moralische Überlegenheit zu definieren.

Aufhören Repräsentation mit Macht zu verwechseln.

Aufhören Realität zu ignorieren.

Das braucht Mut.

Akzeptieren dass Argumente nicht reichen.

Akzeptieren dass das System gezinkt ist.

Akzeptieren dass wir Psychologie nutzen müssen wie die Rechten - nur für andere Ziele.


Wir waren stark. Wir wurden schwach. Wir können wieder stark werden.

Mit Disziplin und Mut.

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Ich würde einschränken. Die dazu gedacht waren. Da ist das Bild dann spannend. Es werden Dir Interessen vorgelegt und unter diesen darfst Du dann auswählen. Nach der Wahl wird dies als “Wählerwille” dargestellt.

Aus Parteienpolitik wieder Interessenpolitik zu machen wäre ein Schritt, dabei darf man aber den publizierten Unsinn nicht für Wirklichkeit halten.

Ich hoffe, ich habe das in meiner langen Antwort ausreichend adressiert, sonst frag gerne nochmal nach

Wie wir uns in diesem Thread selbst schwach reden

Ich lese hier viele kluge Beobachtungen. Und trotzdem reproduziert dieser Thread exakt die Denkmuster, die linke Politik schwächen. Nicht weil jemand dumm ist. Sondern weil bestimmte Prämissen so tief sitzen, dass sie unsichtbar werden.

Ein paar davon:

“Steuern sind halt nicht beliebt”

Hier steckt die tiefste Prämisse, die niemand ausspricht: Steuern finanzieren Staatsausgaben. Der Staat muss erst einnehmen, bevor er ausgeben kann. Wie ein Haushalt.

Das ist falsch.

Steuern finanzieren nichts. Staatsausgaben schöpfen Geld, Steuern vernichten es. Steuern sind ein Lenkungsinstrument: Sie begrenzen Machtkonzentration, steuern Verhalten, schaffen Nachfrage nach der Währung. Die reale Grenze für Staatsausgaben ist die Produktionskapazität der Volkswirtschaft — nicht der Kontostand.

Wer das nicht sieht, landet automatisch bei “Wie bezahlen wir das?” — und hat damit jede linke Forderung bereits verloren, bevor die Diskussion beginnt. “Reichensteuer” klingt dann wie Neid statt wie das, was es ist: Begrenzung privater Macht.

Die Schuldenbremse ist kein ökonomisches Gesetz. Sie ist eine politische Entscheidung, die als Naturgesetz verkauft wird. Wer sie als Rahmenbedingung akzeptiert, hat den Rahmen des Gegners übernommen.

“Die Abwanderungskeule ist so riesig”

Kapitalmobilität wird hier wie Wetter behandelt. Etwas, das man hinnehmen muss.

Aber Freihandelsabkommen, Investitionsschutzgerichte, Kapitalverkehrsfreiheit — das sind politische Entscheidungen. Sie wurden gemacht und können rückgängig gemacht werden. Wer Abwanderung als constraint akzeptiert, hat die Verhandlung bereits verloren.

Dazu der Widerspruch, der im Thread schon benannt wurde: Die höchsten Löhne werden dort gezahlt, wo Abwanderung möglich ist. Die niedrigsten dort, wo sie es nicht ist. Die Drohung funktioniert nicht ökonomisch. Sie funktioniert psychologisch. Und wir lassen sie funktionieren.

“Linke Politik” = Wahlen = Parteien

Der ganze Thread diskutiert linke Politik als Frage von Wahlergebnissen und Parteistrategien. Wähler werden zu Kunden, Politik zum Produktangebot, die Lösung ist besseres Marketing.

Das ist McKinsey-Logik angewandt auf Politik.

Streiks, Gewerkschaftsmacht, Genossenschaften, Mieterbewegungen, direkte Aktion — kommt nicht vor. Die einzige Alternative zu Parteien, die genannt wird: “Auf den revolutionären Moment warten.” Als gäbe es dazwischen nichts.

Diese Reduktion ist selbst ein Produkt neoliberaler Ideologie. Sie macht Bürger zu Konsumenten und Politik zu einem Angebot, das man kauft oder eben nicht.

“Das Kommunikationsproblem”

Mehrere Beiträge landen bei: Linke müssen besser kommunizieren. Emotionaler. Stärker. Die Monster-Metapher ist klug — aber die Schlussfolgerung “wir brauchen bessere Narrative” behandelt Politik als Rhetorikseminar.

Wahlverhalten wird als gegebene Präferenz gelesen statt als Produkt von Medienmacht, Framing und struktureller Ungleichheit im Zugang zu Öffentlichkeit. “Der Wähler will es halt so” ist kein Argument. Es ist die Verweigerung, die Herstellung von Zustimmung zu analysieren.

“Vielleicht wenn’s noch mal richtig schlimm wird”

Die implizite Verelendungstheorie: Wenn es nur schlimm genug wird, wenden sich die Menschen nach links. Historisch ist das widerlegt. Verelendung produziert Faschismus mindestens so zuverlässig wie Widerstand.

Aber es ist auch neoliberal im tieferen Sinne: Es akzeptiert die eigene Handlungsunfähigkeit als Ausgangsbedingung. Passivität als Strategie.


Das Muster

All diese Fragmente haben etwas gemeinsam: Sie akzeptieren den Rahmen, innerhalb dessen linke Politik verliert, als gegeben. Kapitalflucht als Naturgesetz. Steuern als Finanzierung. Politik als Wahlkampf. Kommunikation als Hebel. Verelendung als Hoffnung.

Solange wir innerhalb dieses Rahmens diskutieren, können wir noch so gute Analysen liefern — wir reden uns schwach, weil die Prämissen bereits die Niederlage enthalten.

Der erste Schritt wäre, die Prämissen zu benennen. Das versuche ich hiermit.

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Diese Analyse deiner KI verwechselt halt auch, was die vorherrschende Meinung hier im Forum ist mit der hier stattfindenden Diskursanalyse. Diskurse halten sich nun mal per definitionem in einem gegebenen Rahmen auf. Würde ich alles als unveränderbar ansehen, bräuchte ich mich mit Politik gar nicht beschäftigen. Daher werde ich jetzt nicht auf alles im Detail eingehen

Mir ist all das bewusst, obgleich das auch unter marxistischen Ökonomen zB umstritten ist.

Es sagt wirklich niemand, dass die Abwanderung ein Naturgesetz ist, aber sie ist nun mal ein Druckmittel und Teil der Verhandlungsmacht der Kapitalisten. Bin aber offen für Vorschläge, wie das zu ändern ist.

Auch da: Offen für Vorschläge, wie linke Politik außerhalb von Parteien erfolgreich sein kann. Ich darf nur dran erinnern, wie Gewerkschaften mit Lohnzurückhaltung begonnen haben (eben mit dem Abwanderungsargument), wie nicht alle, aber sehr viele Genossenschaften durch die Profitlogik des Kapitals einen grausamen Tod gestorben sind. Das zeigt uns: Einfach nur Gewerkschaften, Genossenschaften, Arbeitskämpfe in den diskursiven Ring zu werfen, bringt uns natürlich nicht weiter.

Verelendungstheorie und Neoliberalismus ist wirklich ein Hot Take. Kann weg.

Lass doch mal langsam dieses Gatekeeper Gehabe.

Ich schätze Dich als intelligent genug ein, zu verstehen das eine KI nichts publiziert.

Ansonsten demonstrierst Du hier einfach nur mein Argument: Nebenkriegsschauplätze statt Machtkritik

disqualifiziere dich nicht selbst

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jupp.

das Abwarten auf “linke Politik” oder “Hoffen auf Einsicht” zerbricht sonst nämlich an den ersten drei Treffen im Kreisverband einer Partei, die in der Dynamik und Personalauswahl einem Kleingartenverein entspricht.

Was uns als Wirtschaftspolitik präsentiert wird ist allzu oft Märchenstunde. Was als “Wählerwille” dargestellt wird ist rhetorische Rückfallposition.

@fdoemges Passivität ist in einer Sache aber eine Strategie: Nicht mitmachen, bei Themen die einem präsentiert werden und emotionale Aufwallung und Aufmerksamkeit “verlangen”. Das “I would prefer not to” ist schon ein politischer Akt, wenn mitmachen eingefordert wird. Wehrpflicht? Leck Eier. Unbezahlte Überstunden? Leck Eier. Krank zur Arbeit? Leck Eier.

Man muss Foucault nicht mögen, aber die Verfügung über den eigenen Körper und die Verweigerung diesen einzubringen macht auch Passivität zu einem politischen Akt.

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Du schreibst: offen für Vorschläge. Und ignorierst alle Vorschläge

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Dann habe ich dich missverstanden. Was ist der Vorschlag konkret?

Nö, ich hatte letzte Woche ein spannendes Telefonat mit “meiner Gewerkschaft”. Nach 15 Jahren ausgetreten und bei meiner Beitragshöhe interessiert man sich dann doch mal für meine Meinung. Ich teilte Ihnen mit, dass Sie mit der Aufgabe von konkreten Summenforderungen (min. 300 € mehr) und dem Aufnehmen von prozentualen Forderungen meinen KollegInnen in den unteren Lohngruppen in den Rücken fallen und damit keine Beiträge von mir aus den höheren Lohngruppen erhalten. Die Dame wollte mich mit “da muss man auch auf sein Gefühl hören” abspeisen, zu ihrem Elend hatte ich aber gerade Zeit ihr dazulegen, dass Solidarität kein Bauchgefühl ist und wenn die Gewerkschaft mir Werbung für kapitalgedeckte Vermögensanlagen schickt, sie den Schuss nicht mehr gehört hat. Dieses Geld kriegt jetzt wer anderes.

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Nur so viel: Du schreibst vom Wählerwillen, nicht ich.

Den habe ich ja dargestellt:

Keine self-defeating Strategies.

gramsci ernst nehmen, eine machtvolle Identität anbieten, die materielle Realität strategisch adressieren

Wenn das deiner Meinung nach die Realität gewerkschaftlicher Organisation ist, untermauert das nicht mein Argument?

da schreibst Du es. Du schreibst, dass Parteien dazu da sind, dem Wählerwillen Ausdruck zu verleihen. Das ist nicht der Fall.

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Oder ganz kompakt: sich wieder die Hände schmutzig machen und da hingehen wo es weh tut, sich trauen psychologisch geschickt vorzugehen und gegen die Macht kämpfen statt über die Verteilung der Brotkrumen zu kämpfen

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Vielleicht werden hier ein paar Fragen beantwortet.

Den Mechanismus kennen

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Ja, das ist mir leider zu abstrakt, sorry.

Das ist so abstrakt, das könnte auch von Sigmar Gabriel stammen, kein Qualitätsmerkmal.

Nein, eben nicht dem Wählerwillen, sondern gleichen Interessensgruppen.