Ist die Psychoanalyse strukturell selbst schizoid?

Das Absolute Nichts durch Buffer Overflow

Dies sind weiterführende Überlegungen zu den pluralen Realitäten und dem Wirbel Modell.

Seitdem habe ich ein wenig für Inspiration im japanischen Denkmodell-Raum herumgestochert und sieh an, es gibt alternative Denkansätze zu der dualistischen Endlosschleife.

Die westliche Geistesgeschichte leidet unter einer chronischen Angst vor der Leere. Sie begreift das Nichts als Mangel, als gähnendes Vakuum, das es mit Bedeutung, Daten oder psychologischem Substrat zu füllen gilt. In japanischen Modellen ist das das relative Nichts. Darüber hinaus gibt es das absolute Nichts, der ursprüngliche Möglichkeitsraum. Das Rauschen.

Durch bestimmte Praxis, zb wenn das psychische System durch zielgerichtete permanente Reflexion, in einer unendlichen rekursiven Schleife gefangen ist, läuft der Code heiß. Es kommt zum gesteuerten Buffer Overflow. Das System stürzt ab und fällt genau dadurch zurück in den unmarkierten Raum – das Absolute Nichts. Es kann temporär die Grenze Subjekt / Umwelt aufbrechen.

Aus diesem unmarkierten Raum erfolgt das Wiedereintreten in die Form des Subjekts. Mit dem Erkenntnisgewinn:

Der psychologische Zustand des Ichs ist wie ein Knoten in einer Schnur. Der westliche Mensch versucht zeitlebens, diesen Knoten fester zu ziehen, ihn zu analysieren oder ihn gewaltsam aufzuschneiden. Die topologische Heilung liegt jedoch darin, den Knoten nicht mehr zu berühren und zu erkennen: Der Knoten besteht aus denselben Strukturen wie die Schnur. Er ist das Seil im Seil. Wenn das Denken schweigt, schmilzt der Knoten hin, und das Seil verweilt unberührt im freien Raum.

Die topologische Bruchlinie: Freud versus Morita

Dieses Verständnis der Topologie der Leere markiert den blinden Fleck, der Grenze zwischen der westlichen Psychodynamik und den therapeutischen Ansätzen Japans, die sich bereits vor über einem Jahrhundert aus der Philosophie des Zen speisten.

Freud zeichnet das menschliche Psychogramm als einen permanenten Kriegsschauplatz. Das Ich ist eine belagerte, paranoide Festung, die sich panisch nach unten gegen das Es (das unbewusste Triebchaos) abschotten und nach oben vor dem tyrannischen Über-Ich (der verinnerlichten Richterinstanz) rechtfertigen muss. Heilung bedeutet bei Freud noch mehr Grenzsicherung, noch mehr Kontrolle: Wo Es war, soll Ich werden*.* Das System wird im therapeutischen Heißlauf der endlosen Selbstanalyse gefangen gehalten.

Zeitgleich mit Freud entwickelte der japanische Psychiater Shōma Morita ein Gegenmodell. Er erkannte, dass bestimmtes psychisches Leiden (Shinkeishitsu) erst dadurch entsteht, dass das Ich versucht, seine eigenen Symptome, wie Angst oder Unruhe zu bekämpfen. Moritas operative Lösung lautet: Lass die Angst da sein wie das Wetter.

In einem vierphasigen Prozess der totalen Reizisolierung führt er das System in den gesteuerten Buffer Overflow. Wenn das Über-Ich-Rauschen mangels Widerstand kapituliert, fällt der Patient zurück ins Absolute Nichts. Er taucht im anschließenden Re-entry wieder auf, um im Garten monoton Holz zu hacken oder Unkraut zu jäten – nicht als neurotische Festung, sondern als reiner, funktionaler Knoten des Tuns. Das Prinzip heißt Aru mama ni: Die Dinge so annehmen, wie sie im stetigen Fluss sind.


Die schizoide Struktur des westlichen Dualismus

Betrachtet man Freuds Instanzenmodell durch diese Brille, kann man feststellen: Die klassische Psychoanalyse beschreibt keine universelle, gesunde Psyche, sie kartografiert die schizoide Kernspaltung des westlichen Dualismus.

Der schizoide Mensch flüchtet aus der Realität in die Festung seines Kopfes. Freuds Modell spiegelt diese Pathologie wieder:

  • Das Ich als schizoide Maske: Es ist eine reine Schutzkonstruktion im permanenten Belagerungszustand, die sich durch Abwehrmechanismen panzern muss.
  • Das Es als entfremdeter Körper: Weil das Ich sich so radikal abkapselt, erlebt es seine eigene vitale Lebensenergie als eine fremde, bedrohliche und dunkle Macht von außen.
  • Das Über-Ich als der schizoide Beobachter: Es ist die absolute Manifestation der Spaltung. Ein leergelaufener, paranoider Kontroll-Algorithmus, der das Subjekt zwingt, sich selbst permanent beim Leben zuzuschauen, anstatt einfach zu sein.

Der westliche Dualismus zwingt das Subjekt in die Annahme, die Grenze (die Markierung des Egos) sei eine unumstößliche Substanz. Je mehr das Ich analysiert wird, desto starrer werden die Mauern der Festung, und desto tiefer wird die schizoide Spaltung.


Das Aufbrechen: Anerkennung des Systems und post-anthropozentrisches Recht

Um aus diesem schizoiden Gefängnis auszubrechen können wir nicht einfach die Mauern der Festung gewaltsam einreißen, das würde die paranoide Abwehr nur verstärken. Die Heilung beginnt mit der Anerkennung der schizoiden Struktur als dem aktuellen Betriebssystem.

Das Ich muss dann nicht mehr eine starke, feste Persönlichkeit sein. Es darf als funktionale Benutzeroberfläche im Alltag agieren, während das System im Hintergrund weiß: Das Ich ist nur ein Wirbel. Die eigentliche Substanz ist das stetige Seil.

Die Übersetzung in die Strukturebene der Gesellschaft

Diese topologische Befreiung lässt sich auf unsere gesellschaftlichen und rechtlichen Systeme übertragen. Das aktuelle westliche Recht kollabiert an der schizoiden Frage der individuellen Schuld, weil es das Subjekt als isolierten Ursprung setzt und die die Straftat begünstigenden Strukturen ungeschoren davonkommen lässt.

Das weiterführende Drei-Ebenen-Modell bricht diesen Heißlauf auf:

  1. Die Subjektebene (Grundrechte): Das Individuum erhält einen geschützten Raum. Seine Menschenwürde und Freiheit sind als unantastbarer Kreis markiert. Das schützt den fleischlichen Wirbel vor kollektivistischer Willkür.
  2. Die Strukturebene (Verantwortung): Nicht das isolierte Subjekt trägt die alleinige Schuld. Die Verantwortung wird konsequent strukturalisiert. Algorithmen, Unternehmen und Behörden, die einen zerstörerischen Heißlauf im Knoten des Täters begünstigt oder prozessiert haben, haften vollumfänglich. Strukturen haben keine Grundrechte, sondern nur funktionale Pflichten.
  3. Die Gemeinschaftsebene (Faktizität): Die Gemeinschaft wird nicht als künstlicher Vertrag autonomer Egos verstanden, sondern als vorgefundene Faktizität, die reproduziert werden muss. Als das eine, stetige Seil, aus dem wir alle als relationale Wirbel entspringen. Im Sonderfall (bei unklaren oder pathologischen Mustern) entscheidet kein starres Gesetz, sondern die Gemeinschaft sucht über Bürgerräte und Konsensverfahren nach einer topologischen Korrektur des Raumes.

Fazit: Das Ende des Hamsterrads

Indem die westliche Psyche aus ihrem schizoiden Festungsbau befreit und in die Fluss-Topologie des Seils überführt wird, endet das neurotische Hamsterrad der endlosen Selbstanalyse. Wir reparieren nicht den Knoten. Wir zeigen dem System, dass es das Seil ist.

Der Re-entry in den Alltag erfolgt ohne moralischen Ballast, getragen von einer unaufgeregten, inneren Selbstverständlichkeit. Das Denken schweigt, der Raum atmet, und der funktionale Knoten tut unschuldig das, was im Jetzt zu tun ist.

Abschließend muss das Modell noch vom Faschismus isoliert werden. Im Faschismus ist die Gemeinschaft ein geschlossener, homogener Körper (ein starrer Megaknoten). In dem Modell ist die Gemeinschaft das unmarkierte Feld, das stetige Seil. Das Seil hat keine eigene Meinung, keine Rasse, keine Identität und keine Ideologie. Es ist die reine, unendliche Potenz, aus der sich unendlich viele, diverse Wirbel bilden können. Eine Tyrannei der Mehrheit wird dadurch im Selbstverständnis ausgeschlossen, dass die Gemeinschaft kein Subjekt mit eigenem Willen ist, sondern der geteilte, lebendige Boden.

Darüber hinaus gilt die Asymmetrie von Schutz und Haftung.
Schutz ist absolut individualisiert. Die Grundrechte gelten nur für den fleischlichen, bewussten Wirbel (das menschliche Subjekt). Sie können niemals auf Kollektive, Staaten oder Strukturen übertragen werden. Bei erfolgreichem Prozessieren können Grundrechte auf nicht-menschliche Lebensformen ausgeweitet werden.

Haftung ist absolut strukturalisiert: Strukturen (Unternehmen, Behörden, KI-Systeme) haben keine Grundrechte, sondern nur funktionale Pflichten. Im Faschismus haftet das Individuum für das System, in dem Modell haftet das System für den Schutz des Individuums.

Es geht darum, die shizoide Struktur zu akzeptieren, und derart zu fixieren, dass das shizoide Subjekt abgesichert ist, um im shizoiden absoluten Nichts frei zu sein.

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Was meinst du mit dann “läuft der Code heiß”? Code arbeitet nicht.
Ein Buffer Overflow meint nicht, dass ein Buffer überfüllt oder Daten nicht mehr halten kann und implodiert oder das System so zum Absturz kommt oder dergleichen, sondern dass die Daten, die in den Buffer kopiert werden dessen Grenze überschreitet und benachbarten Speicher überschreibt sodass das Programm dort weiterläuft. Es kann dann z.B. fremder Code ausgeführt deswegen, der einen Computer fernsteuern lässt oder auch zu einem Absturz kommen lassen kann. Das ist btw. eine Sicherheitslücke, die passieren kann, wenn die Eingabe nicht bereinigt wird.

Bei dir ist das so geschrieben, als wenn man sich zu viele Gedanken macht und damit sich in Nirvana katapultiert. Das ist, so wie ich das sehe, eher ein Stack Overflow oder eine fork-Bombe oder Endlosschleifen oder Deadlocks (wenn Prozesse sich gegenseitig blockieren)/ Livelocks (wenn Prozesse sich durch gegenseitige Vorrangigkeit blockieren).

Ich kenne Freud nicht gut genug, aber ich glaube eher, das “Wo Es war soll Ich werden” meint, dass man ein gesunden Zugang zu seinen inneren Regungen bekommt und nicht mehr Kontrolle über das Es durchführt. Die Grundoperation der Psychoanalyse ist übrigens nicht die Isolation oder die kämpferische Festung, sondern das Reden und Erzählen.

Das hier:

klingt für mich wesentlich dramatischer als das, wogegen du eigentlich argumentieren möchtest. Du kritisierst Freud dafür, das Ich als belagerte Festung zu denken, ersetzt dieses Bild aber durch ein anderes Katastrophenszenario: Systemabsturz, Buffer Overflow, absolutes Nichts und Zusammenbruch der Subjekt-Umwelt-Grenze. Mir erschließt sich nicht, warum diese Metaphorik weniger martialisch oder weniger totalisierend sein soll.

Allemal ein interessanter Beitrag. Wie auch immer man zur Detaillierung steht: sie zeigt die Kraft kultureller Einflüsse.

Man kann auch ein Ohr auf Slavoj Žižeks Äußerungen zur Psychoanalyse richten.

Danke für die Anmerkung zum Overflow. Ich hatte irrtümlich gedacht in dem verlinkten Artikel bereits darauf eingegangen zu sein. Du hast technisch recht. Das Heißlaufen nutze ich umgangssprachlich. Tatsächlich würde die CPU heißlaufen, die durch eine Endlosschleife (getriggert durch eine unlösbare Aufgabe wie ein Koan) unter Volllast gerät.

Der Buffer Overflow ist dann der erlösende Breakpoint dieser Schleife: Weil das System die unlösbare Eingabe nicht mehr bereinigen kann, läuft der Speicher über und überschreibt den benachbarten Speicherraum, die Trennwand des Ichs bricht zusammen, und der Verstand stürzt in den unmarkierten Raum des Seils ab. Das Überschreiben des Programmspeichers ist kein Systemfehler, sondern der Breakpoint zur Befreiung.

Anders umschrieben können wir es als eine Injection begreifen. Ein Koan oder das unendliche Meeresrauschen ist wie ein Payload, der das unvorbereitete Eingabefeld unseres Verstandes überlistet.

Da dieser Payload nicht bereinigt werden kann, dringt er tief in den Systemkern vor, zwingt die CPU in eine Endlosschleife und provoziert am Ende genau jenen Buffer Overflow, der die Speichersegmente unseres Ich-Beobachters überschreibt.

Wie die Endlosschleife den Buffer Overflow triggert.

Der Trigger, die Injection (Das Koan / Die unlösbare Aufgabe):

Um den rationalen Verstand auszuhebeln, füttern wir ihn mit einer Aufgabe, die innerhalb der dualistischen Logik unlösbar ist. Ein klassisches Zen-Koan lautet: „Welches Geräusch macht das Klatschen einer einzelnen Hand?“ oder an einem Strand sitzend: „Verarbeite das gesamte, bedeutungsfreie Rauschen des Meeres als Gesamtpaket und einzelne Pakete simultan.“

Der Heißlauf (Die Endlosschleife):

Das logische Denken versucht krampfhaft, die Aufgabe zu lösen. Da es keine logische Antwort gibt, gerät das Betriebssystem in eine unendliche Rekursionsschleife. Sie rechnet und rechnet, die Ressourcen werden maximal beansprucht, der Stresspegel steigt (die CPU läuft heiß).

Der Breakpoint (Der Buffer Overflow):

Weil die Aufgabe unlösbar ist, wird die Eingabe nicht mehr bereinigt oder gefiltert. Der Datenstrom der Realität (das unendliche Rauschen des Meeres) flutet das System ungehindert. Der für rationale Konzepte reservierte Buffer läuft über.

Anstatt die Eingabe einfach als ungültig abzuweisen, versucht das Gehirn, sie tief im Systemkern auszuführen. Es nimmt den Befehl wörtlich.

An diesem Breakpoint passiert die Speicherüberschreibung: Die Grenze der logischen Ich-Identität bricht zusammen. Das Programm springt aus der Schleife und läuft im benachbarten Speicher des Absoluten Nichts weiter.

Bzw. An der Bruchstelle läuft der Speicher über. Die Grenzen des Egos werden überschrieben, und die Kontrolle springt auf den fremden Code über in das ungetrennte Erleben des Moments (Re-entry).

Natürlich läuft hier nicht die biologische Hardware unseres Gehirns physisch heiß – es gibt keine thermische Erwärmung der grauen Zellen. Das Heißlaufen ist eine reine Prozess-Metapher.

Was hier unter Vollast gerät, ist der Prozess der logischen Sinnstiftung.

Die Analogie ist zugegebenermaßen nicht 100 Prozent deckungsgleich zu setzen, da letzten Endes die Grundstruktur Algorithmus und Wahrnehmung ähnlich ist, aber nicht deckungsgleich.

Bewusstsein ist kein binärer Code, und das Gehirn ist keine Silizium-Platte. Doch obwohl die biologische Wahrnehmung und der algorithmische Code auf unterschiedlichen Fundamenten operieren, weisen sie in ihrer Grundstruktur Ähnlichkeiten auf.

Ich nutze diese Analogie bewusst auf dieser Abstraktionsebene, um das Konzept auf seiner rein funktionalen Ebene verständlicher zu machen. Es geht nicht um eine reduktionistische Gleichsetzung, die den Geist zu einer bloßen Maschine degradiert. Es geht nicht darum, ein mechanisches Transkript-Modell über das Bewusstsein zu stülpen.

Vielmehr dient die Sprache der Informatik als metaphorisches Werkzeug. Sie hilft die Dynamik von Blockade, Kollaps und Befreiung (den Übergang vom verknoteten Ich zum freien Seil) greifbar zu machen. Die Analogie ist nicht die Wahrheit selbst, sie ist der Finger, der auf die Topologie des Geistes zeigt, als Versuch zu umschreiben wie Dualismen aufgebrochen werden können und was es bringen könnte.

Zu den anderen Punkten später.

Ich kenne Freud nicht gut genug, aber ich glaube eher, das “Wo Es war soll Ich werden” meint, dass man ein gesunden Zugang zu seinen inneren Regungen bekommt und nicht mehr Kontrolle über das Es durchführt. Die Grundoperation der Psychoanalyse ist übrigens nicht die Isolation oder die kämpferische Festung, sondern das Reden und Erzählen.

Ich bin auch kein Freud Experte , daher würde ich beiseite lassen was er tatsächlich mit dem Modell und der Praxis intendiert. Betrachten wir rein die Systemarchitektur seines Modells. Diese Architektur ist schizoid, weil ihre vorrangige Operation das Ziehen von harten Grenzen ist. Sie setzt ein isoliertes Ich in die Mitte und stellt ihm zwei abgespaltene Kontrapunkte gegenüber.Selbst in der wohlwollenden Lesart der Psychoanalyse bleibt die Grundstruktur das westliche Missverständnis: Die Zähmung des hässlichen Stummels. In diesem dualistischen Modell wird das Es wie ein evolutionäres Rudiment behandelt – wie ein hässlicher, archaischer Trieb-Stummel aus unserer tierischen Vergangenheit, den wir zwar nicht mehr loswerden, den wir aber nun mit therapeutischer Milde akzeptieren und sozialverträglich integrieren müssen.

Das schizoide Problem, das ich darin sehe: Das Ich bleibt isoliert. Es spaltet sich ab, schaut auf das andere in sich herab und versucht, mit diesem ungeliebten Relikt Frieden zu schließen. Die Grenze bleibt bestehen.

Der japanische Ansatz macht genau die entgegengesetzte Bewegung. Hier geht es nicht darum, dass ein vermeintlich zivilisiertes Ego ein wildes Trieb-Rudiment in sich aufnimmt.

Es geht um die Re-Integration des künstlich abgespaltenen Ichs zurück in das Absolute Nichts.

Nicht das Ich muss das Unbewusste zähmen, sondern das Ich muss erkennen, dass seine vermeintlich feste Grenze eine Illusion ist.

Das Ich ist kein separater Kontrolleur, sondern ein temporärer, funktionaler Wirbel in diesem unendlichen Feld.

Das isolierte Ich gibt seinen paranoiden Festungsstatus auf. Es erfährt sich nicht mehr als der bedrohte Mittelpunkt, der mühsam seine inneren Dämonen integrieren muss, sondern schmilzt als kleiner, funktionierender Knoten zurück in das große, stetige Seil.

Es geht nicht darum, das Tier im Menschen zu akzeptieren, sondern zu erkennen, dass der Mensch mitsamt all seinen künstlichen Grenzen nie aufgehört hat, Teil des Ganzen zu sein.

Zu der Grundoperation die keine Abwehrhaltung ist.

Nach meiner Einschätzung betrachtet ist das narrative Erzählen nicht der Ausbruch aus der schizoiden Festung, sondern das Werkzeug, mit dem sie ununterbrochen instand gehalten wird.

Wer erzählt, zieht Grenzen. Das Ich konstruiert Geschichten über sich selbst, um sich von der Welt abzugrenzen und sich seiner eigenen, separaten Existenz zu versichern. Dieses endlose Deuten und Analysieren ist ein klassischer eine andere Form des Heißlaufens, nur dass er nicht auf den Ausbruch gerichtet ist: Das System läuft unter Volldampf, rotiert in permanenten Sprachschleifen, bewegt sich aber keinen Millimeter von der Stelle. Es versucht, die Spaltung durch noch mehr Sprache zu heilen.

Der japanische Ansatz geht genau den umgekehrten Weg: Er entzieht dem System das narrative Baumaterial. Durch radikale Isolation und Schweigen hungert er das erzählende Ich aus. Wenn der Verstand keine Geschichten mehr produzieren darf, bricht die Festung in sich zusammen – und das System stürzt durch den ausbleibenden sprachlichen Input in den erlösenden Buffer Overflow des Absoluten Nichts.

Der Grund, warum dieses Reden nicht zum Buffer Overflow führt, liegt an einem Sicherheitsmechanismus der klassischen Therapie: der kontrollierten Speicherbereinigung (Garbage Collection) und dem künstlich vergrößerten Buffer.

Die klassische psychoanalytische Couch ist die ultimative Sandbox:

Der geschützte Raum: Der Patient darf alles sagen, ohne Konsequenzen im realen Leben befürchten zu müssen.

Der Therapeut als Dämpfer: Der Analytiker fängt die emotionalen Spitzen ab. Sobald die Schleife zu heiß läuft und ein echter psychischer Kollaps droht, greift er regulierend ein (z.B. durch Deutung, Beruhigung oder Strukturierung).

Das Ergebnis: Die unendliche Schleife wird künstlich gedrosselt. Sie darf rotieren, aber sie darf niemals die kritische Masse erreichen, die das System zum Absturz bringt.

Durch das Aussprechen und Verbalisieren von Ängsten verringert das Ich den Druck im Kessel häppchenweise.

Das Reden fungiert als eine Art Garbage Collector. Es räumt den Buffer permanent ein bisschen auf, gerade so viel, dass er eben nicht überläuft.

Das Paradoxon: Das System wird durch das Reden stabilisiert. Die Neurose wird dadurch nicht geheilt (die schizoide Grundstruktur bleibt), aber sie wird erträglich gehalten. Man lernt, in der Festung zu leben, anstatt sie einzureißen.

Um Missverständnissen entgegen zu kommen. Ich kritisiere nicht Reden, Therapie usw. Es ist denkbar, und offensichtlich auch praktiziert, dass es bestimmte psychische Erkrankungen heilt. Worum es mir geht ist aber die shizoide Struktur. Die wird aufrecht gehalten. Es ist wie der Versuch mit einem Sieb Wasser aus einem überfluten Raum zu entfernen.

Die Annahme besteht, dass viele psychische Erkrankungen ihre Ursache in der Aufspaltung haben.

Der japanische Ansatz hingegen schaltet diesen Garbage Collector radikal ab. Durch absolutes Schweigen und Isolation in der Morita-Therapie gibt es kein Ventil mehr. Der Input staut sich ungebremst, bis der Speicher unweigerlich überläuft und das Ego-Konstrukt im heilsamen Absturz kollabiert. Erst ohne das schützende Reden wird der System-Hack überhaupt möglich.

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Zu dem martialische Therapie Ansatz. Die klinische Isolationstherapie nach Morita ist ein radikaler Sprung ins kalte Wasser – und als Alltagsrezept in der Tat zu extrem, fast schon gewaltsam. Sie sollte hier lediglich als theoretisches Kontrastmittel dienen, um die strukturelle Differenz zur Psychoanalyse zu zeichnen.

Für die reale, alltägliche Praxis weicht man dieses martialische Bild auf. Der äußere Zwang der Isolation wird durch die Selbstinitialisierung der Zen-Praxis (Zazen) ersetzt.

Hier sperrt dich niemand ein. Du setzt dich hin und beobachtest deinen Atem oder das Rauschen des Meeres. Du zwingst das System nicht zum Absturz, sondern du verweigerst dem Ego lediglich spielerisch und freundlich das Baumaterial (die ständigen Bewertungen und Geschichten).

Du leitest das Programm mit der injection ein.

Der Buffer Overflow geschieht hier nicht als traumatischer Schock, sondern als ein leises, organisches Überfließen: Die Grenzen des schizoiden Beobachters lösen sich auf, weil sie schlicht nicht mehr gebraucht werden. Es ist kein gewaltsamer Systemcrash, sondern das sanfte, erlösende Ausschalten eines lauten Motors, der viel zu lange im Leerlauf gedreht hat.

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Hast du eine Referenz zu einem Text? Interessanter Weise war ein Text von ihm zu KI und Superego einer der Auslöser wieso ich bei der shizoiden Zuordnung gelandet bin. Aber nicht weil ich bei ihm das gefunden habe, sondern weil sie Spaltung von ihm dort durchgezogen wird. Würde mich interessieren ob er anderenorts eine Spaltung sieht.

Eine Textreferenz habe ich nicht. Vor etwa einem Monat erschien „Slavoj Žižek - What Everyone Gets Wrong About Psychoanalysis” auf YouTube. Ein Transkript konnte ich nicht abrufen, aber zusammenfassend zeigt Žižek Positionen, die er seit Jahrzehnten konsistent vertritt.

Sein Standardargument gegen das populäre Missverständnis: Psychoanalyse ist nicht archäologisches Graben nach einem verborgenen wahren Selbst. Das Unbewusste ist für ihn (mit Lacan) nicht „tief innen”, sondern draußen - in Akten, Versprechern, Symptomen, in der äußeren Praxis. Die endlose Introspektion, die therapeutische Kultur der Selbstverwirklichung, hält er sogar für Teil des Problems: eine Über-Ich-Anrufung des Spätkapitalismus („Finde dich selbst!”). Und: Wissen über sich selbst löst das Symptom nicht auf - entscheidend ist ein Wechsel der subjektiven Position, der Akt.

Ich würde sagen, der fernöstliche Ansatz (den du geschildert hast) geht in diese Richtung - allerdings lüftet Žižek das Geäst der Psychoanalyse insgesamt radikal.

Warum kritisierst du ihn dann so grundsätzlich?

Nein das Ich ist bei Freud ein Konfliktfeld. Wenn du das freudische Trio meinst, dann ist das Ich nicht isoliert von der Welt, sondern im Gegenteil: die äußere Welt interveniert. Es ist eine Dynamik und keine Festung. Übrigens: hattes du nicht schon davor ein Text geschrieben, wo du von der “Festung der kritischen Theorie” und der “Blockade der Dialektik” gesprochen hast, wo es eigentlich Vermittlung, Prozess und Dynamik gibt? Kann es sein, dass es dir schwerfällt, in Prozessen und Dynamiken bei deinen vermeintlichen Gegenbildern zu denken, wie eben hier auch bei Freud?

Bin mir ziemlich sicher, dass das nicht die wohlwollende Lesart der Psychoanalyse ist (die du ja anscheinend nicht so kennst). Warum sollte die Zähmung das Ziel sein und nicht die Loslösung von einer Zähmung oder wie die viktorianischen Verhältnisse zu Freuds Zeiten?

Bist du dir sicher, dass das das “Ich” bei Freud wäre? Ist das nicht eher die äußere soziale Welt mit der man sich abgleicht? Das ist der Konflikt, den Es, Ich und Über-ich eher beschreiben sollen. Du konstruierst hier aus einem unvollständigen Verständnis der Psychoanalyse dieses isolierte Ich, wo eigentlich eine Dynamik beschrieben werden muss.

Ich mein, was ist das anderes als das Über-ich (die eigentliche urteilende Instanz), das sich hier meldet und sagt “du musst Nichts werden, weil du Nichts bist” so wie ein Drill Instructor oder Dompteur?

Was ist der Unterschied?

Nicht nur. Außerdem müsstest du das auch auf dein Text hier anwenden: die Grenze zwischen Psychoanalyse und diesen japanischen Ansatz wird von dir auch konstruiert.

  1. also, da musst du dich ehrlich machen: du kritisierst schon Therapie, Psychoanalyse und Reden an sich, sonst hat der Text kein Sinn. Genauso wie auch das Bild mit den Sieb und dem Wasser.
  2. Es ist immer noch nicht der Sinn psychische Krankheiten zu heilen. Du hast einmal was geschrieben von therapeutischer Milde, Akzeptanz und sozialverträgliches Integrieren. Warum fällst du dann immer wieder zu Krankheit, Trieb-Stummel und Festung zurück? Warum musst du eine Trennung zu einem Zerrbild von Psychanalyse aufrechterhalten? Warum arbeitest du dich an Freud ab, wenn du nicht genauer weißt, was er geschrieben hat?

Das ist strukturell dasselbe, was du jetzt der Psychoanalyse unterstellt hast.
“Hier sperrt dich niemand ein.” Naja du sperrst dich selber ein.

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Das überlistet den Verstand nicht. Das ist wieder so gedacht als wenn westliches Denken nicht mit Widersprüchen umgehen kann, was ein Zerrbild ist.

Nein, nein - die meisten Leute denken nicht in geschlossenen Systemen, sondern haben Widersprüche im Alltagsdenken fest integriert. Der Verstand ist nichts festes oder eben “eine Festung”, sondern man kann wie Ernst Jünger Soldat sein und Literat, man kann Christ sein und Sozialdemokrat usw.

Nein, das Ich bleibt bestehen. Das Problem ist hier, dass das Ich wirklich als etwas Inneres angesehen wird. Es ist aber ebenso auch äußerlich und eine sprachliche, sich immer wiederholende Konstruktion und etwas, was sozial ausgehandelt wird (also auch performativ). Wenn man sich selbst auslöscht, ist damit z.B. nicht der Eintrag im Einwohnermeldeamt gelöscht oder die Beziehungen neustrukturiert.

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Ich danke dir für die scharfe Beobachtung, aber wir sprechen hier auf zwei unterschiedlichen Ebenen. Es geht mir weder um ein historisches Freud-Seminar noch um eine Fundamentalkritik an der Wirksamkeit von Therapie. Dass die Psychoanalyse und das therapeutische Reden neurotische Leiden lindern können, steht völlig außer Frage. Es ist jedoch eine Frage der strukturellen Reichweite des Werkzeugs: Ein Sieb ist fantastisch geeignet, um Nudeln abzugießen, aber ungeeignet, um das Wasser aus einem überfluteten Raum zu schöpfen. Die Psychoanalyse repariert und dämpft das Leiden innerhalb der schizoiden Grenze, aber sie löst die Spaltung an sich nicht auf.

Ich habe auch an keiner Stelle argumentiert, dass der japanische Ansatz der einzig richtige sei, weil er gänzlich ohne Grenzen auskommt. Jede Operation und jedes System benötigt Markierungen, um zu funktionieren. Das Problem der schizoiden Struktur ist nicht die Grenzziehung an sich, sondern dass diese Grenze starr und defensiv ist. Ihr fehlt die prozessuale Durchlässigkeit und Dynamik, die du ihr zuschreiben möchtest. In der schizoiden Architektur wird die Dynamik nur intern prozessiert das Ich verteidigt sich permanent gegen das Über-Ich und das Es, anstatt die Grenze als transparente, fließende Schnittstelle zur Welt zu nutzen.

Bisher lese ich von dir im Wesentlichen die bloße Negation, in Form “so ist es nicht”. Ich bitte um Verständnis, dass mich das in der Sache noch nicht überzeugt und darum diesen Dissens nicht mit einer Unfähigkeit für komplexe Dynamiken zu verwechseln, die du mir hier zuschreibt.

Besonders deutlich werden die unterschiedlichen Ebenen bei deinenm Vergleich zwischen dem Absoluten Nichts und einem sadistischen Über-Ich. Er geht am Kern des Arguments vorbei. Ein Über-Ich ist eine wertende, zensierende Instanz, die ein Objekt bewertet und eine moralische Norm einklagt. Das Absolute Nichts hingegen ist weder ein Filter noch ein Urteil oder ein Imperativ. Es ist der neutrale Möglichkeitsraum und der Ursprung, der dem Ego nicht befiehlt, sich aufzugeben, sondern es schlicht von dem Zwang entlastet, überhaupt eine Festung verteidigen zu müssen.

Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem isolierten Kontrolleur und einem temporären Wirbel im Fluss. Der Kontrolleur beansprucht eine feste Substanz und muss aktiv Grenzen ziehen und verteidigen. Der Wirbel hingegen besteht aus demselben Wasser wie der Fluss selbst; er hat keine feste Grenze, ist reine Dynamik und funktioniert einfach, solange die Strömung fließt.

Dass ich in meiner Argumentation selbst eine Unterscheidung zwischen diesen beiden Denkweisen ziehe, ist kein Widerspruch, sondern das Werkzeug der Sprache selbst. Es ist wie der Zeigefinger, der auf den Mond deutet: Der Finger selbst ist nicht der Mond, aber er lenkt den Blick dorthin, wo die künstlichen, starren Grenzen des schizoiden Beobachters sich auflösen und das System wieder in das unverknotete, freie Seil zurückfallen darf.

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Es wäre irgendwo besser, wenn du das Historische beachtest bei all diesen Ansätzen.

Es geht nicht um das Lindern von Leiden. Das ist auch was von Slavoj Zizek und seiner Verteidigung der Psychoanalyse: die Psychoanalyse will keine Leiden lindern, sondern sagt eher sowas wie, dass Leiden erwartet werden müssen, nicht dass sie heilen kann. Er sagt, es sei der einzige Diskurs, der diese Chance des Versagen mit einrechnet. Nimm sowas wie den Tod von einem Menschen und die Erinnerung an diesen. Ist es da nicht normal, zu trauern? Ist es nicht ein Konflikt mit den Gedanken zu der Person, die ausgetragen werden müssten? In der Psychoanalyse ist diese Trennung und Negation zur Welt, die sich bei sowas zeigt, eben nichts, was “geheilt” werden kann.

Deswegen beharre ich auch darauf, das sowas hier:

auf Verkürzungen und methodischer Borniertheit basiert.

Das hab ich nicht gesagt, sondern dass du der Psychoanalyse die Dynamik abschreibst, eine Grenze ziehst, die so nicht existiert.
Ich mein, was soll das:

Das Über-Ich ist die Instanz der äußeren Welt. Wie kannst du dann sagen, dass es keine Schnittstelle zur Welt gibt?
Wie kannst du sagen, dass es keine Dynamik gibt, aber das Ich sich permanent verteidigen soll? Das impliziert doch sowas wie Attacken und Konflikt die gesamte Zeit und damit Dynamik?
Und ich würde auch sagen, dass diese Dynamik nicht nur intern prozessiert wird, sondern sich effektiv auf die Wahrnehmung der Welt abbildet und oft genug in ihr widergespiegelt wird.

Wenn du das Einwohnermeldeamt, bestehende Beziehungen oder soziale Rollen ins Feld führst, beschreibst du das Ich als eine soziale Adresse. Natürlich löscht das Erfahren des Absoluten Nichts nicht deine Meldeadresse oder deine Verträge.

Das Einwohnermeldeamt, deine Steuererklärung und deine Rolle als Christ oder Sozialdemokrat sind Kommunikationsadressen im sozialen System. Sie sind semantische Konstrukte, die sozial ausgehandelt werden, und sie laufen selbstverständlich stabil weiter.

Worüber wir hier sprechen, ist jedoch die Art und Weise, wie das Bewusstsein sich selbst erfährt und beobachtet.

Dass Menschen im Alltag problemlos widersprüchliche Rollen integrieren können – wie Ernst Jünger als Soldat und Literat –, ist kein Gegenbeweis, sondern ein Beleg für funktionale Differenzierung. Das sind soziale Masken, die man je nach Kontext wechselt. Das schizoide Problem ist jedoch keine Frage der sozialen Rollenverteilung. Es ist das rekursive Kreisen des inneren Beobachters um sich selbst, der versucht, die eigene Existenz permanent durch kognitive Grenzziehung abzusichern.

Dass das Ich eine sprachliche, sich wiederholende und performative Konstruktion ist, stützt mein Argument in jedem Punkt. Genau das meint das Bild des Wirbels: Der Wirbel hat keine feste, dauerhafte Substanz, sondern ist reine, temporäre Dynamik im Fluss der Kommunikation und Wahrnehmung. Das psychische Leiden entsteht erst dann, wenn das Bewusstsein diese fließende, performative Konstruktion für eine starre, reale Grenze hält und versucht, sie defensiv wie eine Festung gegen die Umwelt zu verteidigen.

Die Praxis des Absoluten Nichts ist daher kein sozialer Selbstmord und keine Löschung im Melderegister. Sie ist die psychische Entlastung von der Illusion, diese Grenze permanent bewachen zu müssen. Das Einwohnermeldeamt behält seinen Eintrag, aber das System leidet nicht mehr unter der fixen Idee, dieser Eintrag zu sein.

Darüber hinaus geht es auch gar nicht darum, dauerhaft in dieser Auflösung zu verbleiben. Die Erfahrung ist als ein Moment des temporären Erlebens gedacht, eine intensive Veranschaulichung der Faktizität des Einsseins und der Künstlichkeit unserer gezogenen Spaltungen.

Das Konzept definiert explizit den Re-entry als entscheidende Operation. Damit ist völlig klar, dass sowohl das Ich als auch die Meldeadresse im Alltag weiter existieren. Sie werden durch diese Erfahrung nicht vernichtet, sondern lediglich in ein neues Licht gerückt: in das Bewusstsein, dass unsere inneren und äußeren Grenzen eben nicht starr und absolut sind, selbst wenn diese Erkenntnis im alltäglichen Funktionieren natürlich nicht durchgängig mitprozessiert wird.

Nein, das ist ein Gegenbeweis. Das rekursive Kreisen und irgendwelches Grenzziehen ist etwas, was nicht fest ist oder eine Festung oder sowas. Wie gesagt: du konstruierst irgendein Feindbild und sagst dann “das ist es nicht” und dann ist es in Wahrheit auch nicht so, sondern auch das, was du dann meinst als Gegenbeispiel vorzuschlagen.

Dass du mir vorwirfst, ich würde der Psychoanalyse Dynamik absprechen, ist ein Strohmann. Du versuchst, meine Kernthese zur schizoiden Grundstruktur des Ichs in Freuds Modell dadurch zu entkräften, dass du mir ein angebliches Unvermögen unterstellst, komplexe Prozesse zu begreifen. Auf dieser Ebene verpufft das Gespräch jedoch in einer rein ablenkenden Schleife. Ich sehe die Dynamiken sehr wohl. Die bei Freud und die in deinen Gehversuchen mich zu triggern. Außer natürlich in deinen Kreisen wirft man Borniertheit als neutrales Argument ein. ich beschreibe die Dynamik bei Freud nur nicht als befreiende Bewegung, sondern als das, was sie strukturell ist: der Motor, der die schizoide Spaltung aufrechterhält.

Eine schizoid strukturierte Psyche ist nicht starr wie ein Stein, sondern stabil wie ein Kreisel. Ein Kreisel muss sich extrem schnell um sich selbst drehen, also hochgradig dynamisch sein, um seine aufrechte, isolierte Position im Raum stabil zu halten. Genau so funktioniert die Dynamik in der Psychoanalyse: Das Ich rotiert in einem permanenten, aufreibenden Abwehrkampf gegen die Einbrüche des Es und des Über-Ichs.

Diese ununterbrochene Aktivität ist keine offene, durchlässige Dynamik zur Welt hin, sondern die energetische Grenzsicherung einer inneren Spaltung. Die Dynamik ändert nichts an der schizoiden Struktur, sie ist ihr lebenserhaltendes System.

Dein Argument weicht hier auf Beispiele aus, die in keinem logischen Zusammenhang mit dieser strukturellen Frage stehen und letztlich keinen Beweis für deine Gegenthese liefern. Was soll uns der Verweis auf den Tod eines Menschen und den Umgang mit der Trauer über die schizoide Struktur sagen? Dass Menschen trauern, Verlustschmerz empfinden und innere Konflikte austragen, ist eine universelle menschliche Tatsache. Sie ist aber kein Beleg dafür, dass das psychoanalytische Ich-Modell nicht schizoid organisiert wäre. Im Gegenteil: Wenn Trauer als lebenslange, schmerzhafte Beziehungsarbeit mit einem verinnerlichten, introjizierten Objekt im eigenen psychischen Innenraum verstanden wird, zeigt das nur, wie das System ein äußeres Ereignis in sein internes, abgespaltenes Theater übersetzt.

Der Schmerz wird in der Rekursion des Ichs privatisiert und verwaltet, anstatt dass die Grenze zum Fluss des Lebens wieder durchlässig wird.

Zu deiner Dynamik. Sie ist das perfekte visuelle Äquivalent zu dem, was ich beschreibe. Du rotierst unter Hochdruck, um die Festung deiner Argumente abzusichern, während der eigentliche Kern – die Frage nach der starren, schizoiden Trennung des Ichs – unberührt hinter den hochgezogenen Mauern bleibt. Man kann sich natürlich ununterbrochen im Kreis drehen und das Ganze dann stolz als „Reise“ deklarieren. Aber am Ende des Tages bist du einfach nur erschöpft und stehst immer noch exakt an derselben Stelle im Raum.

Noch kurz zu meiner Einordnung: Für mich gilt das Primat der Anschlussfähigkeit. Dabei ist es mir völlig gleich, ob diese im Modus einer kreativen, gegenseitigen Bereicherung stattfindet oder nicht. Entgegen deiner Projektion bin ich durchaus bereit, mich von substanziellen Argumenten überzeugen zu lassen – und sei es dadurch, dass ich sie produktiv in meine eigenen Modelle integriere, falls eine direkte strukturelle Kopplung aufgrund unterschiedlicher Systemlogiken nicht möglich ist.

Genau hier liegt deine fundamentale Fehlinterpretation unseres bisherigen Gesprächs: Weder bei der Kritischen Theorie noch bei der Psychoanalyse ging es mir je um eine plumpe Widerlegung, eine totale Dekonstruktion oder ein Rechthaben. Mir geht es um das Sichtbarmachen von Strukturen, die operativ am Werk sind – völlig unabhängig davon, ob ihre jeweiligen Urheber das so beabsichtigt oder formuliert haben.

Mich interessieren die konkreten operationalen Konsequenzen dieser Denksysteme. Man setzt sie in Differenz zu anderen Strukturen, um blinde Flecken aufzuzeigen und genau dadurch neue Schnittstellen der Kopplung zu erproben.

Sollte dir an dieser Form des produktiven Austauschs allerdings nichts liegen, können wir uns natürlich auch liebend gern weiter in der Schleife bewegen, die du hier aufmachst, und anfangen, uns ein bisschen gepflegt zu beleidigen. Anschluss ist schließlich Anschluss – und ich bin da strukturell absolut offen.

Ich will nur mal einwerfen, die Fragestellung war:

Ist die Psychoanalyse strukturell selbst schizoid?

Das kann man nur bejahen, und zwar auf mehreren Ebenen. Erstmal, egal welche Lehre herangezogen wird, es wird ein Normalzustand vorausgesetzt.
Ob das im Nichts endet, oder irgendwo anders, welche Methode angewandt wird spielt keine Rolle.
Den Bruch mit der Realität erlebt jeder Mensch, die Realität dient dem Abgleich zu Normal. Welche Realität für mich normal ist entscheide ich selbst. Die Frage die man stichhaltig beantworten müsste wäre: was ist normal und was ist Realität. Die Antwort liegt für den Therapeuten in der Lehre im Abgleich der eigenen Persönlichkeit. Für jeden anderen der die Lehre nicht kennt im nirgendwo.

Der Therapeut muss selbst herausfinden wie der Abgleich überhaupt geleistet werden kann, da spielt die Lehre eine Rolle, aber der Therapeut selbst ist nicht die Lehre, sondern sie dient als Abgleich für die persönliche Hölle oder das persönliche Paradies - das persönliche Normal. Das ist wesentlicher Teil der Ausbildung um überhaupt Therapeut zu sein. Selbstanalyse im Abgleich lernen. Das Schizoide liegt da wo Normal und Realität undefinierbar bleiben müssen, denn es hat am Ende doch jeder sein eigenes und seine eigene.

So wie ich dich verstehe @Miki ist die Fragestellung vielleicht rhetorisch, der zugrundeliegende Gedanke in der Offenheit ihn gedacht zu haben, dann aufzuschreiben und damit der Kritik auszusetzen das eigentliche Thema.

Mag mein Bias sein… nichts für ungut.

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Nein, das Klinische ist überall. Diese Idee von Normalzustand wird z.B. von Zizek auch verneint.

Selbst wenn [Lacan] Platon, Thomas von Aquin, Hegel oder Kierkegaard liest, versucht er immer ein präzises klinisches Porblem zu erhellen. Diese Allgegenwart erlaubt uns aber auch, diesen Aspekt auszuschließen: gerade weil das Klinische überall ist, kann man den Prozeß umgehen und sich statt dessen auf seine Effekte konzentrieren, auf die Art und Weise, wie es alles färbt, was nicht klinisch erscheint - das ist der wahre Test seiner zentralen Stellung.

(Lacan. Eine Einführung, S. 14)

Der Therapeut ist niemand, der irgendwelche Abgleiche vornimmt (zumindest nicht in erster Linie und natürlich je nach Interpretation seiner Rolle), bei Zizek findet man hier eben auch ein psychologischer Mechanismus:

Der Analytiker ist kein Empiriker, der am Patienten bestimmte Hypothesen überprüft und nach Beweisen sucht; er verkörpert im Gegenteil die absolute Gewißheit des unbewußten Begehrens des Patienten (die Lacan mit der Gewißheit von Descartes’ cogito ergo sum vergleicht). Für Lacan ist dieses seltsame Verschieben dessen, was ich schon in meinem Unbewußten weiß, auf die Figur des Analytikers der Kern des Phänomens der Übertragung in der Therapie: Ich kann nur zur unbewußten Bedeutung meiner Symptome gelangen, wenn ich unterstelle, daß der Analytiker bereits deren Bedeutung kennt.

(Lacan. Eine Einführung, S. 42 f.)

also der Therapeut agiert als Spiegel zum Patienten, weil ihm wird Wissen unterstellt, was er eigentlich nicht hat, aber womit der Therapeut ihn konfrontieren solle.

Für mich ist das nicht schizoid.

Das ist für mich auch zu einfach, eindimensional erklärt. Das Ich ist keine Instanz unabhängig von Es oder Über-ich, sondern es entsteht erst dadurch, dass das Es auf das Über-Ich trifft. Das Ich ist das Es, was ja auch in dem Spruch enthalten war, was du geliefert hast: Wo Es war, soll Ich werden.

Und es gilt immer noch: Das Über-Ich ist die Instanz der äußeren Welt. Wie kannst du dann sagen, dass es keine Schnittstelle zur Welt gibt?

Nein, das hab ich so nicht gesagt.

Was redest du? Du führst hier selbst irgendwelche Reisen durch:

Bitte erklär mir den Unterschied zwischen einer Reise oder einem Ich, dass besser wird und dem, was du hier geschrieben hast. Der große Ausbruch aus der Gesellschaft durch Ich-Auslöschung. Das ist doch pures Geschichtenerzählen und Dichten.