Ist nur intersektionaler Queerfeminismus echter Feminismus?

Ich wollte eigentlich einen Beitrag über die Unversöhnbarkeit in sozialen Medien ohne Ausweg schreiben (El Hotzo wird ja beispielsweise immer noch von vielen für sein toxisches Verhalten in Beziehungen angefeindet), bin aber jetzt doch gedanklich umgeschwenkt auf ein anderes Thema, das mir im Zusammenhang mit einem anderen Konflikt im Internet gekommen ist.

Also: Hintergrund, wieso ich diese Frage stelle, ist ein Konflikt im vergangenen Jahr, der sich um die Veröffentlichung des Buchs „Das Penismuseum“ entladen hat. Das Buch, herausgegeben von Mareike Fallwickl und Eva Reisinger, sollte ein Sammelband für feministische Texte sein.

Nun war es so, dass dieses Buch von Herausgeberinnen und Verlag auf Instagram angekündigt wurde und ein paar Accounts wurden darauf aufmerksam, dass die Feministin Gertraud Klemm neben anderen illustren Namen einen Text beigesteuert hat. Nun muss man wissen, Frau Klemm vertritt eine bestimmte Art des Feminismus, die ich zwar persönlich nicht teile, aber meines Erachtens ihre Legitimität im Diskurs hat. Sie hat unter anderem den intersektionalen Queerfeminismus dafür kritisiert, den Begriff „Frau“ zu problematisieren.

Nach Ankündigung des Buchs ging die Empörungsmaschinerie in den sozialen Medien los. Es wurde Frau Klemm als sogenannte TERF dargestellt und darauf hingewiesen, dass ihre Position problematisch sei, weil sie sich gegen Queerfeminismus wende, etc. Innerhalb kürzester Zeit wurde von den Herausgeberinnen (die – trotz Herausgeberinnenschaft – nicht wussten, dass ein Text von Gertraud Klemm drinnen sei) und dem Verlag angekündigt, der Text würde nicht im Buch erscheinen. Es wurden klarstellende Postings abgesetzt und die Herausgeberinnen wie der Verlag für das rasche Handeln beklatscht.

Ich persönlich bin mit diesem Handeln nicht ganz einverstanden. Zwar habe ich auch meine Kritikpunkte an Klemms Position, aber wieso wird hier so scharf gegen eine Feministin geschossen? Es gibt doch im Feminismus eine ganze Reihe unterschiedlicher Strömungen – könnte sich ein Sammelband nicht gerade das zunutze machen? Und wieso wirken viele Vertreterinnen des intersektionalen Queerfeminismus so “unversöhnlich” mit anderen Strömungen?

P.S.: Ich bin leider sehr schlecht im Verfassen langer Forenbeiträge, aber es ist ohnehin kein Journal-Paper. Es kann sein, dass ich den Ablauf nicht hundertprozentig sauber wiedergegeben habe, war jetzt reines Gedächtnisprotokoll, daher noch ein paar von mir ungeprüfte Nachrichtenartikel dazu für alle, die es interessiert

https://www.diepresse.com/19772132/aufruhr-in-oesterreichs-literaturszene-leykam-cancelt-feministische-autorin-gertraud-klemm

https://www.derstandard.at/story/2000133831041/autorin-gertraud-klemm-ich-bin-jetzt-eine-flinta

Ich würde sagen: Universalistische Ideen wie Feminismus funktionieren halt schlecht wenn man sagt: gleiches Recht für alle ausser Kevin

Bin mir nicht sicher, was du meinst. Die Position sehe ich in der Debatte nämlich nicht.

Möglicherweise fehlen Dir dazu die theoretischen Grundlagen

So führt man Diskussionen. Gratulation..

Ist das hier eine Diskussion?
Wenn ja hab ich wohl deine Argumente übersehen. Vielleicht magst Du mir da weiterhelfen?

Ich habe ja nur gefragt, wo du die Position “gleiches Recht gilt für alle ausser Kevin” siehst. Ich sehe das weder beim Queerfeminismus noch bei anderen Feminismen. Darauf kannst du mir ja ohne Unterstellung, ich hätte die theoretischen Grundlagen nicht, antworten. Es interessiert mich ehrlich, wo du diese Position siehst.

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Ich glaube, der Knackpunkt liegt darin, dass du Klemm verteidigst mit dem Argument, dass Feminismus auch andere Strömungen als den intersektionalen Queerfeminismus aushalten müsse – also pluralistisch oder sogar universalistisch gedacht werden sollte. Aber genau diese Universalität lehnt Klemm ja selbst ab, wenn sie z. B. FLINTA-Konzepte kritisiert und an einer engeren Definition von ‚Frau‘ festhält.

Wenn man das ernst nimmt, ist es logisch, dass andere wiederum sie ausgrenzen – dann gatekeept eben jede Strömung für sich. Das ist nicht schön, aber folgerichtig. In dem Moment, wo Feminismus kein allgemeines Emanzipationsprojekt mehr ist, sondern eine Frage von Identitätszugehörigkeit, wird Exklusion nicht mehr zum Verstoß, sondern zur Strategie.

Deshalb der ‚Kevin‘-Vergleich: Wer selbst selektiert, kann sich schwer über Selektion beklagen. Wenn man das akzeptiert, wird der Konflikt zumindest nachvollziehbar – auch wenn man ihn persönlich vielleicht trotzdem schade findet.

Das sind zwei Paar Schuh. Mein Punkt ist: Queerfeminismus zu kritisieren, heißt ja nicht, ihn gleich von Haus aus auszugrenzen oder gatezukeepen. Andersrum hätten die Herausgeberinnen ja sagen können: Ja, wir sind mit dieser Position nicht einverstanden, aber wir erkennen sie als feministischen Standpunkt an. Das wurde aber nicht getan. Man hat gesagt: Das ist keine Queerfeministin, die hat mal einen Text veröffentlicht, der uns nicht gefällt, also tschüss.

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Der universalistische Standpunkt wäre, zu sagen: Wir schauen auf den Text und nicht auf die Autorin.

Dein Argument wäre stark, wenn Klemm “nur” Queerfeminismus kritisiert hätte. Aber sie tut mehr: Sie definiert aktiv, wer zum feministischen Projekt gehört und wer nicht. Wenn jemand schreibt, dass FLINTA*-Konzepte die “Grenzen des Feminismus überschreiten”, ist das nicht Kritik einer Strategie – das ist Exklusion einer Personengruppe.

Das ist der entscheidende Unterschied: Queerfeminismus kritisieren kann bedeuten “ich halte gender self-ID für strategisch problematisch”. Das wäre eine Position im Diskurs. Aber “Transfrauen gehören nicht zum feministischen Projekt” ist keine Position IM Feminismus mehr, sondern eine Position ÜBER Feminismus – nämlich eine Definition, wer dabei sein darf.

Dein “Text statt Autorin”-Prinzip funktioniert nur, wenn der Text keine Exklusionslogik enthält. Wenn der Text selbst sagt “Gruppe X gehört nicht dazu”, dann ist “wir publizieren alle Positionen” keine Neutralität mehr, sondern eine aktive Entscheidung, diese Exklusion zu legitimieren.

Es geht ja nicht darum, wer dabei sein darf. Sie sagt ja nicht, Transpersonen dürfen keine Feministinnen sein. Sie sagt nur, dass die Unterdrückungsmechanismen, die sie bekämpft solche sind, die ganz spezifisch Frauen (= Personen, denen bei Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wurde) betreffen. Darüber kann man natürlich streiten. Das ist auch eine Position, die viele materialistische Feministinnen haben.

Und der Text, der erschienen wäre, hat keinen Bezug auf Transpersonen in irgendeiner Form genommen. Daher hätte man den ohne Probleme in dem Band veröffentlichen können.

AFAB ist nicht irgendeine Position “materialistischer Feministinnen” - das ist die patriarchale Grundlogik selbst:

  1. Bei Geburt wird eine Kategorie zugewiesen

  2. Diese Zuweisung ist unveränderlich

  3. Sie definiert deine Identität

  4. Abweichung ist illegitim

  5. Die Kategorie rechtfertigt dann körperbasierte Kontrolle (Abtreibungsverbote, Tamponsteuer, etc.)

Das ist nicht Feminismus. Das ist die Akzeptanz der patriarchalen Kategorisierung - nur mit dem Zusatz “aber diese Kategorie sollte bessere Rechte haben”.

Deshalb ist die Entscheidung der Herausgeberinnen konsequent: Eine feministische Anthologie gibt keine Plattform für Positionen, die patriarchale Herrschaftslogik reproduzieren.

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Gertraud Klemm kritisiert aber schon direkt ein Kernpunkt von Butler. Die Kritik an der Kategorie “Frau” ist keine Kleinigkeit. Theoretisch tut sich damit kein Gefallen. Die Kritik könnte noch nicht einmal wirklich nötig sein, wenn es zur entsprechenden Politik führt, aber eben nicht “als Frau”. Das wirkt von ihr ungeschickt oder konfrontativ.

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Das ist aber jetzt ein Strohmann. Ich habe nicht geschrieben, dass AFAB einfach irgendeine materialistische Position ist. Ich habe lediglich festgestellt, dass materialistische Feministinnen oft Frauen-spezifische Unterdrückungsmechanismen sehen, deren materielle Grundlage die Fähigkeit zu gebären ist. (Ich habe AFAB nur verwendet, damit klar ist, dass in dem Zusammenhang Transfrauen nicht mitgemeint sind.) Das kann man auch wirklich nicht leugnen.

Ich verteidige auch nicht ihre Position. Ich finde den Rauswurf aus dem Sammelband nur völlig falsch.

Du bist gerade von “AFAB” zu “Fähigkeit zu gebären” gesprungen. Das sind zwei völlig unterschiedliche Definitionen. Welche Definition gilt jetzt? Oder springst du einfach zwischen beiden hin und her, je nachdem was gerade passt, Hauptsache Transfrauen werden ausgeschlossen? Die Definition ist egal, Hauptsache das Ergebnis stimmt.

Das ist keine materialistische Analyse. Das ist schlicht diskriminierend und hat nichts mit Feminismus zu tun.

Du schreibst “Ich finde den Rauswurf völlig falsch” - aber auf welcher Grundlage? Du hast keine konsistente Definition von Frau vorgelegt. Du springst zwischen Kriterien. Deine einzige Konstante ist: Trans Frauen sollen ausgeschlossen bleiben. Das ist keine Position die sich argumentativ halten lässt, egal wie sehr du sie vertreten möchtest.

Eine feministische Anthologie muss entscheiden: Reproduzieren wir patriarchale Kategorisierung oder nicht? Die Herausgeberinnen haben sich dagegen entschieden. Den “Rauswurf falsch” zu finden ohne ein einziges tragfähiges Argument dafür - das ist Bauchgefühl, kein Feminismus. Das gehört an den Stammtisch, nicht in feministische Debatten.

Apropos Definition: Es gibt keine widerspruchsfreie, objektiv messbare Definition von “Frau”. Deshalb springst du auch zwischen ihnen.

Chromosomen? XY-Frauen mit Androgeninsensitivität existieren, werden als Frauen behandelt, sind Frauen. XX-Männer existieren. Mosaike (manche Zellen XX, manche XY) existieren.

Gebärfähigkeit? Schließt die Mehrheit aller Frauen aus (alt, jung, unfruchtbar, Hysterektomie). Schließt trans Männer ein.

“Bei Geburt zugewiesen”? Basiert auf 3-Sekunden-Sichtkontrolle der Genitalien, keine biologischen Tests. Wird bei intersex Kindern regelmäßig “korrigiert”. Das ist Verwaltungsakt, keine Biologie.

Genitalien? Existieren auf einem Kontinuum, nicht binär. Sind chirurgisch veränderbar. Welche zählen - bei Geburt oder jetzt?

Hormone? Extreme Variabilität, ändern sich mit Medikation und Alter, überlappende Verteilungen.

Jede materielle Definition ist voller Widersprüche und Ausnahmen. Die einzige widerspruchsfreie Definition ist Self-ID: Frauen sind Menschen, die sagen dass sie Frauen sind.

Du springst zwischen “AFAB” und “Gebärfähigkeit” nicht weil du dich vertippt hast, sondern weil du ein Ergebnis willst (trans Frauen ausschließen) aber keine materielle Definition das konsistent liefert. Das ist keine Analyse, das ist Diskriminierung auf Definitionssuche.

Warum Klemms Position antifeministisch ist:

Geschlechtsdifferenzierung funktioniert als basale Unterscheidung zur Allokation gesellschaftlicher Funktionen. Das System verteilt Reproduktionsarbeit, Care-Arbeit und emotionale Versorgung entlang dieser Differenz.

Diese funktionale Allokation erfordert fixe Kategorien.

Warum? Weil Zuweisungen Adressierbarkeit brauchen. Wenn Geschlechtszugehörigkeit als kontingent beobachtet würde (also: auch-anders-möglich), würde die Frage virulent: “Warum soll gerade DIESE Person DIESE Funktion übernehmen?” Die Naturalisierung der Kategorie (“bei Geburt fixiert, unveränderlich”) macht diese Frage unbeobachtbar. Die Willkür der Zuweisung wird durch Biologisierung unsichtbar.

Zweite Ebene: Die produktive Prekarität der Kategorie

Die Unveränderlichkeit allein würde nur Zugehörigkeit festlegen. Zusätzlich operiert das System mit Binnendifferenzierungen (“richtige Frau” / “keine richtige Frau”), deren Kriterien permanent neu bewertet werden.

Die Paradoxie: Die Kategorie ist unveränderlich (man kann nicht austreten), aber ihre korrekte Performance ist prekär (permanent anzweifelbar).

Funktion dieser Paradoxie: Externalisierung von Überwachungskosten. Das System muss nicht aktiv kontrollieren - die Prekarität erzeugt Selbstdisziplinierung. Jede Person gleicht sich permanent gegen die Norm ab. Maximale Kontrolle bei minimalen Systemkosten.

Klemm reproduziert beide Operationen:

  1. Fixierung der Kategorie (Kontingenz wird unsichtbar)

  2. Prekarisierung innerhalb der Kategorie (kontinuierliche Selbstüberwachung)

Das ist keine Beobachtung des Systems, sondern Operation innerhalb des Systems. Keine Kritik der Herrschaftslogik, sondern ihre Reproduktion.

Jetzt übertreibst du aber

  1. Ich habe nicht den Anspruch einer materialistischen Analyse erhoben. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass es diese Position, die Klemm vertritt, auch unter materialistischen Feministinnen gibt. Ich meine damit übrigens auch nicht, dass Klemm eine materialistische Feministin ist.
  2. Ich habe schon geschrieben, dass ich nicht Klemms Position verteidige, sondern lediglich kritisiert, dass ihr Text auf Zuruf von Leuten auf Social Media entfernt wurde.
  3. Ich habe schon erklärt, dass ich mich nicht vertippt habe, sondern AFAB verwendet habe, um zu differenzieren zwischen Unterdrückungsmechanismen von Frauen und anderen und damit nicht die Frage kommt, wen ich jetzt als Frau meine. Ich verwende normalerweise keine queerfeministische Terminologie, man möge mir das bitte nachsehen, dass ich gewisse Begriffe synonym verwende, die vielleicht nicht haarscharf das Gleiche sind.
  4. Feminismus ist nicht dazu da, um es allen recht zu machen. Deswegen halte ich nichts davon, von Exklusion zu sprechen, wenn man die Analyse nicht teilt, dass Frauen und Transpersonen denselben Unterdrückungsmechanismen unterliegen. Feminismus kann und muss unabhängig davon sich in meinen Augen auch mit Transpersonen solidarisieren.