Ist nur intersektionaler Queerfeminismus echter Feminismus?

Ich meine die Setzung des Mann/Frau-Gegensatzes.

Es kann wissenschaftlich und auch jenseits der Naturwissenschaften, beispielsweise in der Psychoanalyse oder auch in der kritischen Theorie der Gesellschaft, durchaus sinnvoll sein, diesen Dualismus zumindest in der Theorie aufrechtzuerhalten, um ihn (dialektisch) durchdringen zu können.

Das ist nochmal was anderes. Der “queere Feminismus” setzt sich in den Texten andauernd mit Psychoanalyse auseinander und da bleiben die Thesen von Lacan, Freud usw. nicht einfach so stehen, sondern dieser Dualismus wird problematisiert und verschoben. “Das Unbehagen der Geschlechter” ist quasi eine tiefgreifende Studie über Psychoanalyse. Das Problem bleibt vor allem, wie die Politik, die sozialen Verhältnisse und die Wissenschaft diese Kategorien legitimiert. In viele gesellschaftlichen Kontexten bleibt die Frau in der Dichotomie Mann/Frau strukturell die Unterworfene und politisch abhängige. Dazu kommen auch noch aktuelle Kulturkämpfe, wo der Gegensatz offensiver und aggressiver durchgesetzt wird wie beim Sport oder Inspektionen von Schülern https://ohiocapitaljournal.com/2022/06/03/gop-passes-bill-aiming-to-root-out-suspected-transgender-female-athletes-with-genital-inspection/ Allgemein wird das stark politisiert und staatlich mobilisiert. Oder auch diese Vorstellung beim Transvestigation, dass öffentliche Personen Transgender sein könnten.

Das Geschlechterverhältnis, “dieser Gegensatz von Mann und Frau” steht und fällt mit dem Produktionsverhältnis.

Das ist nicht ausgemacht und unbegründet. Die Produktionsverhältnisse und die Geschlechterordnung sind nicht dasselbe, aber eher ineinander verschränkt und können sich gegenseitig beeinflussen. Es handelt sich auch heutzutage teilweise um “befreite” Subjekte und weniger um eine fordistische Ordnung mit dem Mann als Familienoberhaupt und Alleinernährer.

ich hier einen kritischen Wissenschaftsbegriff vorausgesetzt, […] auch wenn in der Verwaltung kaum noch etwas von ihm übrig zu sein scheint

So ein kritischer Wissenschaftsbegriff ist überhaupt kaum auffindbar. Wenn, dann wird er gesondert angeboten und bearbeitet. Es gibt viel LGBTQ+ und Diversity Programme aber im Wissenschaftsbetrieb findet dies nur begrenzt Umsetzung. Bei der Besetzung von Führungsrollen muss man auch eher danach suchen. Bei Führungspositionen sind sogar Quoten plausibel, einfach weil eine gesamte Hierarchie-Etage darf nicht nur aus Männern bestehen. Es ist auch so, dass die Wissenschaften nicht so links, kritisch und marxistisch oder “postmodern” seien, wie es gelegentlich dargestellt wird.

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Noch einmal: Das ist der Schluss, den Klemm zieht - Frauen sind theoretisch Gebärende. Sie will die darauf basierende Ungerechtigkeit bekämpfen. Das Problem bei ihr ist bloß nicht die Kategorisierung per se. Das ist auche in sehr schwaches Argument, sondern die Unterdrückung der Frau als Gebärende. Kategorien aufzulösen wird die materielle Grundlage für das Patriarchat nicht entziehen.

Beides geht zusammen. Das muss sich nicht ausschließen, sondern kann in einem wechselseitigen Zusammenhang stehen. Ob das Zuweisung oder Erkennung ist, ist nicht entscheidend. Beide Begriffe setzen eine geschlechtliche Ordnung voraus. Man könnte auch erstmal sagen, ein Mensch wird so operationalisiert für rechtliche, medizinische, verwaltungsorientierte Zwecke. Die Hebamme ist auch nicht so verantwortlich dafür.

Aber in letzter oder extremster Instanz wird das Patriachat nicht diskursiv, sondern über Gewalt aufrechterhalten.

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Genau.

Ideologie ist Prä-Gewalt. Sie wird als Herrschaftsinstrument genutzt um sich die Gewalt “sparen zu können” - aber sie ist immer mit Gewalt unterlegt.

Wenn die Kategorisierung als “natürlich” erscheint (“das wird erkannt, nicht zugewiesen”), dann ordnen sich die Leute selbst zu. Maximale Kontrolle bei minimalen Systemkosten - ich hatte das in Post #19 “Externalisierung von Überwachungskosten” genannt.

Die Gewalt kommt erst zum Einsatz wenn jemand versucht auszubrechen. Dann zeigt sich dass die “Erkennung” immer schon Zwang war - nur unsichtbar gemacht durch Naturalisierung.

Das ist genau was trans Menschen täglich erleben: Die vermeintlich neutrale “Erkennung” entpuppt sich als gewaltsame Fixierung sobald man ihr widerspricht.

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Wie bereits erwähnt, sehe ich in deinen Ausführungen keinen großen Widerspruch zu meinen, bis vielleicht auf den, dass ich gewohnt bin, gewisse Dinge anders auszudrücken. Wenn ich meine, es kann sinnvoll sein, diesen Dualismus aufrechtzuerhalten und nicht in Kategorien wie bspw. “FLINTA-Personen”, “AFAB” oder “cis” aufzuweichen, schließt das nicht aus, dass “dieser Dualismus (…) problematisiert und verschoben” werden soll, eher im Gegenteil.

Wo ist dies unbegründet? Auch dass sie dasselbe seien, habe ich nicht behauptet. Auf die qualitative Veränderung und die Vergesellschaftung der Frau in der postfordistischen Arbeitsrationalität habe ich ja, so wie du, mehrfach hingewiesen. Für mich bleibt der Gedanke von Roswitha Scholz, demzufolge das Patriarchat eine gewisse Metamorphose durchlaufen hat, hier am eindrucksvollsten. Insofern, dass es für den Produktionsprozess weitestgehend irrelevant ist, ob die unbezahlte Care-Arbeit oder Berufe, die ursprünglich mal als klassisch “weiblich” galten, nun von Männern oder Frauen ausgeführt werden, solange sich nur jemand finden lässt, von dem sie ausgeführt werden, wenngleich Frauen aufgrund der Geschichte und aufgrund ihrer Gebärfähigkeit hier einem repressiven Zugriff natürlich weiterhin verstärkt ausgesetzt sind. Das Patriarchat bleibt demnach an die Produktionsweise gebunden und dort, wo sich Demokratie und Wohlstand nie so wirklich durchgesetzt haben, umso stärker. Das soll hier jetzt aber auch keine Seminararbeit werden. Wir müssen da ja auch auf keinen Nenner kommen, ich glaube aber, so verschieden denken wir da nicht?

Eben, das hält mich aber nicht davon ab, einen solchen vorauszusetzen, gerade weil er irgendwann einmal postuliert wurde und die Universitäten sich gerne weiterhin mit diesem schmücken, um im nächsten Moment betriebswirtschaftliche Vorgaben an jedem erdenklichen Ort zu implementieren. Ich sehe die Diversity-Programme etc. zwar eher als Symptom dieser Entwicklung, wenngleich sie im Einzelfall sinnvoll sein können, stimme dir aber vollumfänglich dahingehend zu, dass die bürgerliche Wissenschaft in ihrer gegenwärtigen Gestalt weder wirklich “links” noch “kritisch” und schon gar nicht “marxistisch” ist. Vor den sogenannten postmodernen und konstruktivistischen Theorien, Methoden und Gewissheiten konnte ich mich in meinem sozial- und erziehungswissenschaftlichen Studium allerdings kaum retten.

ps: ich ziehe mich hier jetzt wirklich raus, weil meine Punkte gemacht sind.

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Ja, so weit auseinander liegen wir tatsächlich nicht. Der entscheidende Unterschied liegt woanders:

Du und JJ_Anon wollen den Dualismus aufrechterhalten um ihn zu kritisieren (dialektisch durchdringen, problematisieren). Ich will die Fixierung angreifen weil sie selbst schon Herrschaft ist.

Aber beide Positionen kritisieren das Patriarchat.

Klemm tut das nicht. Sie will den Dualismus nicht kritisieren, sondern biologisch festschreiben (“Evolution seit der Alge”, “Würde der Mutterschaft”). Das ist der fundamentale Unterschied. Sie naturalisiert genau das was wir - auf unterschiedliche Weise - beide kritisieren wollen.

Gibt es eine internationale feministische Hymne?

Dann könnten sich wenigstens einmal alle hinter eine Position stellen.

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Es muss ja nicht gleich eine Hymne sein. Eine Anthologie, in der verschiedene Positionen für den Feminismus und gegen das Patriarchat zusammenkommen, wenngleich sie untereinander widerstreitende Auffassungen vertreten, wäre doch schon mal ein Anfang…

Wie die Diskussion gezeigt hat, ist das ja gar nicht so einfach, alle unter einen Hut zu kriegen.

Außerdem schließt die Sprachbarriere viele Personen aus.

Kann ja schließlich nicht verlangt werden, dass alle so komplizierte Texte lesen können, wenn sie denn überhaupt lesen können.

Ich würde die Leitfrage („Ist nur intersektionaler Queerfeminismus echter Feminismus?“) gerade im Kontext des Klemm-Konflikts für falsch gestellt halten.

Denn der konkrete Fall zeigt weniger, *was* Feminismus ist, als vielmehr, wie innerfeministische Grenzziehungen funktionieren: Eine Autorin vertritt eine feministische Position, die die Problematisierung der Kategorie „Frau“ kritisiert, darauf folgt eine diskursive Eskalation, schließlich wird ihre Stimme aus einem explizit feministischen Sammelband entfernt. Unabhängig davon, wie man Klemms Position inhaltlich bewertet, ist das zunächst einmal kein Beweis dafür, dass sie „kein Feminismus“ sei, sondern ein Beispiel dafür, dass Definitionsmacht innerhalb feministischer Öffentlichkeiten ausgehandelt wird.

Historisch wäre es ohnehin verkürzt, Feminismus als einheitliche, theoretisch kohärente Bewegung zu denken. Viele Strömungen, die heute unstrittig als feministisch gelten, waren in Bezug auf bestimmte Gruppen exkludierend (z. B. weiße, bürgerliche Suffragetten gegenüber nicht-weißen Frauen). Daraus folgt nicht, dass sie „unecht“ waren, sondern dass feministische Politik immer zugleich emanzipatorisch und begrenzt situiert ist. Eine Reinheitslogik („nur intersektional/queer = echter Feminismus“) wiederholt letztlich die Tendenz, retrospektiv eine vermeintlich richtige Linie festzuschreiben.

Der Konflikt um Klemm berührt dabei eine tiefere theoretische Spannung: die Frage nach dem feministischen Subjekt. Wenn Feminismus primär über eine stabile Kategorie „Frau“ organisiert wird, wird diese Kategorie oft über geteilte Unterdrückung definiert. Donna Haraway hat bereits Anfang der 1980er Jahre in „Ein Manifest für Cyborgs” genau hier eine zentrale Kritik formuliert: Wird „Frau“ ontologisch entlang patriarchaler Machtverhältnisse bestimmt, dann ist das politische Subjekt der Befreiung zugleich ein Produkt der Herrschaft, die es überwinden will. Emanzipation gerät so in ein paradoxes Verhältnis zu ihrer eigenen begrifflichen Grundlage.

Intersektionaler Queerfeminismus reagiert auf dieses Problem, indem er feste Identitätskategorien dekonstruiert und auf ihre Ausschlüsse hinweist. Dass diese Sensibilität in Debatten schnell in harte Abgrenzungen umschlägt, lässt sich auch als Folge historischer Erfahrungen feministischer Ausschlüsse verstehen. Gleichzeitig entsteht dadurch aber eine neue Norm: Wer bestimmte theoretische Prämissen (z. B. die radikale Problematisierung der Kategorie „Frau“) nicht teilt, wird nicht nur kritisiert, sondern mitunter als außerhalb des legitimen feministischen Diskurses positioniert.

Auf der anderen Seite ist es ebensowenig zielführend, wenn, wie auch hier in der Diskussion, zur Begründung solcher Grenzziehungen auf eine vermeintlich „biologische“ Grundlage von Geschlecht verwiesen wird („Gender sozial, Sex biologisch“). Diese Trennung ist theoretisch verkürzt. Die sozialen Kategorien „Mann“ und „Frau“ und die damit verbundenen Herrschaftsverhältnisse existierten historisch lange vor den modernen biologischen Entdeckungen (Chromosomen, Hormone, Gameten etc.), die heute oft als Beweis eines natürlichen Binarismus angeführt werden. Die Biologie hat die Zweigeschlechterordnung nicht hervorgebracht, sondern vielfach nachträglich wissenschaftlich stabilisiert und naturalisiert.

Noch deutlicher wird das in der medizinischen Praxis: Humanmedizin und Biotechnologie werden vielfach eingesetzt, um Körper an binäre Geschlechternormen anzugleichen. Operationen an intergeschlechtlichen Neugeborenen, hormonelle Normalisierungspraktiken, plastische Eingriffe zur Angleichung an hegemoniale Geschlechterideale etc. zeigen, dass ein erheblicher technologischer Aufwand betrieben wird, um Körper in eine binäre Ordnung einzupassen – selbst dort, wo keine medizinische Notwendigkeit besteht. Das spricht eher für die soziale Stabilisierung der Binarität als für ihre Selbstverständlichkeit als vorsoziale Natur.

Hier bietet das xenofeministische Manifest von Laboria Kubonics eine hilfreiche Intervention in die Debatte: Xenofeminismus teilt mit intersektionalem Queerfeminismus die Kritik an naturalisierten Kategorien, lehnt aber zugleich eine Reduktion politischer Praxis auf Identitäts- und Diskursfragen ab. Statt zu fragen, wer das „richtige“ feministische Subjekt ist, verschiebt er den Fokus auf die materiellen und technologischen Bedingungen von Emanzipation (Reproduktion, Medizin, Infrastruktur, Arbeit, Technik).

Übertragen auf den Klemm-Konflikt hieße das: Die zentrale Frage sollte nicht sein, ob eine bestimmte Position „noch Feminismus“ ist, sondern welche analytischen Perspektiven unterschiedliche feministische Ansätze auf Herrschaft, Materialität und Körperpolitik eröffnen – und wo sich ihre jeweiligen Lücken befinden. Ein Sammelband mit pluralen feministischen Stimmen könnte gerade produktiv sein, weil er diese Konfliktlinien sichtbar macht, statt sie durch Ausschluss zu glätten.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Leitfrage selbst wie ein Symptom der Polarisierung: Wenn Feminismus nur noch über theoretische Konformität definiert wird, droht er von einer emanzipatorischen Praxis zu einer identitätspolitischen Grenzverwaltung zu werden. Intersektionaler Queerfeminismus ist eine wichtige und notwendige Weiterentwicklung feministischer Theorie – aber ihn zum allein „echten“ Feminismus zu erklären, reproduziert genau jene Ausschlusslogiken, die er ursprünglich zu kritisieren versucht.

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Also zu den ersten drei Absätzen: Genau das ist ja eines der Probleme, auf die ich hinaus will.

Beim Rest kann ich dir nur teilweise zustimmen. Es stimmt nicht, dass die Biologie die Zweigeschlechterordnung nachträglich wissenschaftlich stabilisiert und naturalisiert hat. Das negiert ja jegliche ontologische Grundlage von Biologie. Man hatte eine Idee von Körperteilen, von Knochen, von Krankheiten, etc. bevor es die Biologie im heutigen Sinne gab, eben weil man eben diese Basis bereits vorfand. Aber das erklärt man auch nicht für grundfalsch, nur weil man sich in bestimmten Aspekten geirrt hat. Würde aus materialistischer Perspektive auch gar keinen Sinn machen, weil sich damit ja nicht erklärt, woher denn überhaupt die Geschlechterunterscheidung sonst kommt.

Was die medizinische Praxis betrifft. Es ist von der falschen Seite her gedacht. Dass die moderne Medizin missbraucht wird, um die Geschlechterverhältnisse zu zementieren, heißt ja nicht, dass die Grundlage, auf der sie arbeitet, falsch ist. Das ist ein Fehlschluss..

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Der Anteil intergeschlechtlicher Menschen an der Gesamtbevölkerung beträgt zwischen 1 und 2 Prozent. Das ist ziemlich vergleichbar mit dem Anteil rothaariger Menschen an der Gesamtbevölkerung. Wir alle fänden es richtigerweise absurd, wenn jemand behaupten würde, es gäbe nur zwei Haarfarben (hell und dunkel) und dann halt noch so ein paar Anomalien, aber die könne man ruhig ausklammern.

Der Punkt ist nicht, dass es keine empirisch feststellbaren anatomischen Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen gibt. Es leugnet auch niemand, dass diese Unterschiede auf das Kollektiv bezogen bimodal ziemlich weitgehend kategorisierbar sind und für sehr, sehr viele Individuen eine Zuordnung zu den Kategorien ohne dramatische Konsequenzen für die persönliche Biografie erfolgt. Nichtsdestotrotz ist die Behauptung, jeder Mensch könne vollständig und reibungslos einer von zwei Kategorien zugeordnet werden schlicht und ergreifend sachlich falsch. Geschlechterbinarismus ist keine biologische Tatsache, sondern ein Paradigma, das biologischen Erkenntnissen sowohl zeitlich als auch epistemologisch vorausgeht und in das diese eingefügt wurden, was sich mit zunehmendem Erkenntnisstand immer schlechter bewerkstelligen lässt. Der Zeitpunkt des Paradigmenwechsels wird kommen.

Würde aus materialistischer Perspektive auch gar keinen Sinn machen, weil sich damit ja nicht erklärt, woher denn überhaupt die Geschlechterunterscheidung sonst kommt.

Ein unfassbarer Satz. Wir brauchen eine Erklärung für den Ursprung von Geschlechterunterscheidung, deswegen können wir die Idee eines naturgegebenen Geschlechterbinarismus, der an vormoderne Körperpolitiken anknüpft, nicht in Frage stellen? Das ist das Gegenteil von materialistischem Denken. Mal ganz davon abgesehen, das unsere starres, binäres Geschlechterverständnis kulturspezifisch ist. Vor allem in vorkolonialen Zeiten gab es auf der ganzen Welt verschiedene Geschlechtersysteme, teils noch rigider, teils fluider, mit drei oder mehr Geschlechtern, mit Geschlechtern, die ein Mensch im Laufe seines Lebens wechselt, mit Geschlechtern, die nicht als angeboten, sondern als regelmäßig (wieder-)herzustellen verstanden wurden, und, und, und. Teilweise haben diese Ideen bis heute überlebt, wie beispielsweise die indischen Hijras, wobei zur Zeit des britischen Kolonialismus selbstverständlich versucht wurde, diese Geschlechtertradition sogenannter Männer in sogenannter Frauenkleidung gewaltsam auszulöschen.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass du sehr unsauber zwischen “Sein” und “Sollen” trennst. Beispielsweise habe ich die Einschreibung unserer Ideen über Geschlecht in unsere Körper mittels Medizin und Technologie beobachtend und wertneutral beschrieben. Du sprichst auf einmal von “Missbrauch”. Nur um das einmal klarzustellen: Ich halte weder Brustvergrößerungen, noch weggelaserte Damenbärte, noch Christian Lindners Kiefer-OP für einen Missbrauch medizinischer Möglichkeiten, solange das alles einvernehmlich und nach Bereitstellung aller relevanten Informationen über etwaige Risiken etc. durch das Fachpersonal geschieht. Wenn jemand das Bedürfnis verspürt, nach irgendeinem Ideal von Männlichkeit oder Weiblichkeit zu streben und dafür Modifikationen des eigenen Körpers für notwendig hält, dann wünsch ich demjenigen, das alles glatt läuft und erlaube mir ansonsten kein weiteres Urteil.

Mir ging es nur darum, und ich polemisiere jetzt, dass selbst vermeintlich banale Aussagen wie “Frauen sind die mit dem Busen und Männer die mit den Bärten” erstens sehr schnell an der beobachtbaren Realität scheitern und zweitens noch schneller scheitern würden, wenn nicht massiver ökonomischer und technologischer Aufwand betrieben würde, um sie so wahr wie möglich zu machen. Nicht zuletzt, weil eben auf “Männer sind die mit den Bärten und Frauen die mit dem Busen” in der Regel ein “und so soll es auch sein” folgt, sodass zum Beispiel Männer mit Busen und Frauen mit Bärten dazu angehalten sind, entsprechende Abhilfe zu schaffen.

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Ein unfassbarer Satz. Wir brauchen eine Erklärung für den Ursprung von Geschlechterunterscheidung, deswegen können wir die Idee eines naturgegebenen Geschlechterbinarismus, der an vormoderne Körperpolitiken anknüpft, nicht in Frage stellen? Das ist das Gegenteil von materialistischem Denken.

Natürlich brauchen wir eine Erklärung für den Ursprung von Geschlechterunterscheidung oder sollen wir uns damit begnügen, dass das irgendwann einfach so gekommen ist?

Den zweiten Satzteil unterstellst du mir, das habe ich so eben nicht geschrieben. Es ist umgekehrt: Ich sage, die Geschlechterunterdrückung muss eine materielle Basis haben. Ich sage nicht, dass wir deswegen Geschlechterbinarismus tradieren sollen.

Ich sage, die Geschlechterunterdrückung muss eine materielle Basis haben. Ich sage nicht, dass wir deswegen Geschlechterbinarismus tradieren sollen.

Dann verstehe ich nicht, wo unser Dissens ist. Wo habe ich denn etwas anderes behauptet?