Ich würde die Leitfrage („Ist nur intersektionaler Queerfeminismus echter Feminismus?“) gerade im Kontext des Klemm-Konflikts für falsch gestellt halten.
Denn der konkrete Fall zeigt weniger, *was* Feminismus ist, als vielmehr, wie innerfeministische Grenzziehungen funktionieren: Eine Autorin vertritt eine feministische Position, die die Problematisierung der Kategorie „Frau“ kritisiert, darauf folgt eine diskursive Eskalation, schließlich wird ihre Stimme aus einem explizit feministischen Sammelband entfernt. Unabhängig davon, wie man Klemms Position inhaltlich bewertet, ist das zunächst einmal kein Beweis dafür, dass sie „kein Feminismus“ sei, sondern ein Beispiel dafür, dass Definitionsmacht innerhalb feministischer Öffentlichkeiten ausgehandelt wird.
Historisch wäre es ohnehin verkürzt, Feminismus als einheitliche, theoretisch kohärente Bewegung zu denken. Viele Strömungen, die heute unstrittig als feministisch gelten, waren in Bezug auf bestimmte Gruppen exkludierend (z. B. weiße, bürgerliche Suffragetten gegenüber nicht-weißen Frauen). Daraus folgt nicht, dass sie „unecht“ waren, sondern dass feministische Politik immer zugleich emanzipatorisch und begrenzt situiert ist. Eine Reinheitslogik („nur intersektional/queer = echter Feminismus“) wiederholt letztlich die Tendenz, retrospektiv eine vermeintlich richtige Linie festzuschreiben.
Der Konflikt um Klemm berührt dabei eine tiefere theoretische Spannung: die Frage nach dem feministischen Subjekt. Wenn Feminismus primär über eine stabile Kategorie „Frau“ organisiert wird, wird diese Kategorie oft über geteilte Unterdrückung definiert. Donna Haraway hat bereits Anfang der 1980er Jahre in „Ein Manifest für Cyborgs” genau hier eine zentrale Kritik formuliert: Wird „Frau“ ontologisch entlang patriarchaler Machtverhältnisse bestimmt, dann ist das politische Subjekt der Befreiung zugleich ein Produkt der Herrschaft, die es überwinden will. Emanzipation gerät so in ein paradoxes Verhältnis zu ihrer eigenen begrifflichen Grundlage.
Intersektionaler Queerfeminismus reagiert auf dieses Problem, indem er feste Identitätskategorien dekonstruiert und auf ihre Ausschlüsse hinweist. Dass diese Sensibilität in Debatten schnell in harte Abgrenzungen umschlägt, lässt sich auch als Folge historischer Erfahrungen feministischer Ausschlüsse verstehen. Gleichzeitig entsteht dadurch aber eine neue Norm: Wer bestimmte theoretische Prämissen (z. B. die radikale Problematisierung der Kategorie „Frau“) nicht teilt, wird nicht nur kritisiert, sondern mitunter als außerhalb des legitimen feministischen Diskurses positioniert.
Auf der anderen Seite ist es ebensowenig zielführend, wenn, wie auch hier in der Diskussion, zur Begründung solcher Grenzziehungen auf eine vermeintlich „biologische“ Grundlage von Geschlecht verwiesen wird („Gender sozial, Sex biologisch“). Diese Trennung ist theoretisch verkürzt. Die sozialen Kategorien „Mann“ und „Frau“ und die damit verbundenen Herrschaftsverhältnisse existierten historisch lange vor den modernen biologischen Entdeckungen (Chromosomen, Hormone, Gameten etc.), die heute oft als Beweis eines natürlichen Binarismus angeführt werden. Die Biologie hat die Zweigeschlechterordnung nicht hervorgebracht, sondern vielfach nachträglich wissenschaftlich stabilisiert und naturalisiert.
Noch deutlicher wird das in der medizinischen Praxis: Humanmedizin und Biotechnologie werden vielfach eingesetzt, um Körper an binäre Geschlechternormen anzugleichen. Operationen an intergeschlechtlichen Neugeborenen, hormonelle Normalisierungspraktiken, plastische Eingriffe zur Angleichung an hegemoniale Geschlechterideale etc. zeigen, dass ein erheblicher technologischer Aufwand betrieben wird, um Körper in eine binäre Ordnung einzupassen – selbst dort, wo keine medizinische Notwendigkeit besteht. Das spricht eher für die soziale Stabilisierung der Binarität als für ihre Selbstverständlichkeit als vorsoziale Natur.
Hier bietet das xenofeministische Manifest von Laboria Kubonics eine hilfreiche Intervention in die Debatte: Xenofeminismus teilt mit intersektionalem Queerfeminismus die Kritik an naturalisierten Kategorien, lehnt aber zugleich eine Reduktion politischer Praxis auf Identitäts- und Diskursfragen ab. Statt zu fragen, wer das „richtige“ feministische Subjekt ist, verschiebt er den Fokus auf die materiellen und technologischen Bedingungen von Emanzipation (Reproduktion, Medizin, Infrastruktur, Arbeit, Technik).
Übertragen auf den Klemm-Konflikt hieße das: Die zentrale Frage sollte nicht sein, ob eine bestimmte Position „noch Feminismus“ ist, sondern welche analytischen Perspektiven unterschiedliche feministische Ansätze auf Herrschaft, Materialität und Körperpolitik eröffnen – und wo sich ihre jeweiligen Lücken befinden. Ein Sammelband mit pluralen feministischen Stimmen könnte gerade produktiv sein, weil er diese Konfliktlinien sichtbar macht, statt sie durch Ausschluss zu glätten.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Leitfrage selbst wie ein Symptom der Polarisierung: Wenn Feminismus nur noch über theoretische Konformität definiert wird, droht er von einer emanzipatorischen Praxis zu einer identitätspolitischen Grenzverwaltung zu werden. Intersektionaler Queerfeminismus ist eine wichtige und notwendige Weiterentwicklung feministischer Theorie – aber ihn zum allein „echten“ Feminismus zu erklären, reproduziert genau jene Ausschlusslogiken, die er ursprünglich zu kritisieren versucht.