Ist nur intersektionaler Queerfeminismus echter Feminismus?

Ja, aber genau diese Setzung ist selbst kritisierbar. Wenn analytische Kategorien wie “männlich/weiblich” nicht nur heuristisch verwendet, sondern politisch verallgemeinert und rechtlich fixiert werden, werden sie selbst zu Machtverhältnissen.

Die Kategorie “Frau” ist historisch im Patriarchat entstanden und wirkt als politische Kategorie oft reproduktiv: Sie stabilisiert genau jene Ordnung, die sie kritisieren will. In diesem Sinne ist sie nicht bloß Beschreibung, sondern Teil der sozialen Praxis. Genauso kann diese Kategorie neue Studien und wissenschaftliche Praxis hervorbringen, die ihre eigene Kategorie legitimiert.

Deshalb stellt sich die Frage, was mit “wissenschaftlich sinnvoll” gemeint ist. Sinnvoll für Verwaltung und Statistik kann etwas sein, ohne kritisch zu sein. Eine kritische, feministische Analyse müsste immer auch reflektieren, wie die Kategorie “Frau” selbst konstruiert wird und welche Ausschlüsse und Normierungen sie produziert. Sind Frauen gemeint als biologische Funktion? Sind sie gemeint als Träger von Care-Arbeit und immer moralisch gute Wesen? Dieser Gegensatz von Mann und Frau soll überwunden werden. Im Gegensatz zu Marx Begriffen ist dieses Kategorie nämlich eine Kategorie der Herrschenden und der Institutionen.

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Warum soll er das beantworten? Die Herausgeberinnen können doch reinnehmen und rauslassen, was sie wollen. Die Entscheidung lag bei denen. Die Getrud Klemm hat sogar ihre Position nochmal bekräftigt. Sie findet mitten im Diskurs statt und es wurde anscheinend gesagt, dass sie so nicht in den Sammelband passt.

Ich verstehe nicht ganz, welche Setzung genau gemeint ist, aber will im Grunde auch gar nicht widersprechen. Es kann wissenschaftlich und auch jenseits der Naturwissenschaften, beispielsweise in der Psychoanalyse oder auch in der kritischen Theorie der Gesellschaft, durchaus sinnvoll sein, diesen Dualismus zumindest in der Theorie aufrechtzuerhalten, um ihn (dialektisch) durchdringen zu können. Also um etwas über dieses Verhältnis, das zwar älter als die kapitalistische Produktionsweise aber seit ihrer Entstehung eng mit dieser verbunden ist, aussagen zu können, wenngleich es sich in vielerlei Hinsicht gewandelt haben mag. Die Darstellung ist bereits die Kritik. Man geht die politische Verallgemeinerung, die rechtliche Fixierung usw. quasi mit, um sie kritisieren zu können. Das Geschlechterverhältnis, “dieser Gegensatz von Mann und Frau” steht und fällt mit dem Produktionsverhältnis.

So kann es auch sinnvoll sein, sich wissenschaftlich auf einen bestimmten Aspekt der sozialen Praxis zu konzentrieren oder verschiedene Normierungen, die mit der Kategorie “Frau” zusammenhängen, herauszustellen und zu problematisieren.

Wissenschaftlich sinnvoll" ist wohl auch nicht der präziseste Begriff… Da Wissenschaft und Kritik eigentlich Hand in Hand gehen sollten, habe ich hier einen kritischen Wissenschaftsbegriff vorausgesetzt, dem man der Statistik/der empirischen (Sozial-)Forschung beim Entwerfen ihrer Fragestellungen durchaus noch zumuten kann, auch wenn in der Verwaltung kaum noch etwas von ihm übrig zu sein scheint.

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Also ich glaube nach dem Namen zu urteilen nicht „er“, sondern „sie“.

Ich habe die Frage aus Interesse gestellt. Nirgendwo habe ich daran gezweifelt, dass die Herausgeberinnen niemanden ausschließen dürfen. Ich finde den Vorgang aber relevant: Soll ein literarischer Text nicht erscheinen, nur weil die Autorin in manchen Belangen eine andere Meinung vertritt?

Der Text reproduziert aber keine patriarchale Herrschaftslogik, sondern greift sie an. Daher nochmal meine Frage: Warum ist das dann immer noch ein Problem?

Die „Person selbst in ihrer materiellen Realität“ ist ein ziemlicher Stretch. Wenn es wahrnehmbare Unterdrückungsmuster gegenüber biologischen Frauen (und ja, die gibt es tatsächlich und es gibt von Medizinerinnen oder Biologinnen ein bestimmtes Set an hinreichenden und notwendigen Kriterien, da sehe ich nochmal keine Inkonsistenz) gibt, kann man nicht einfach behaupten, das sei dieselbe Form der Unterdrückung, weil es faktisch nicht stimmt.

Dann frage ich nochmal anders herum: Von welcher Strömung siehst du deine Position am ehesten vertreten?

So dann geb ich auch mal meinen Senf dazu ^^ ist ja krass salty hier teilweise, erinnert mich an Freud’s Idee vom “Narzissmus der kleinen Differenzen” :wink:

Ich wollte eigentlich nur eine Pointe machen: Reproduzieren wir hier ironischerweise nicht gerade genau die Dynamik, die zum Ausschluss von Klemm geführt hat?

Meiner Meinung nach bringen uns diese Fragen nach der Positionierung nicht weiter. Auch die Frage, ob es jetzt richtig oder falsch war Klemm’s Beitrag auszuschließen ist sehr mühsam zu diskutieren. Viel interessanter wäre es doch zu fragen, warum sind die verschiedenen feministischen Kämpfe nicht miteinander vereinbar? Was spricht gegen eine Verbindung von revolutionärer und subversiver feministischer Praxis?

Im Grunde spiegelt sich darin ja das alte Problem der Linken wider: Treffen sich 2 Linke, bilden sich 3 Splittergruppen

P.S.: Versteht mich bitte nicht falsch, ich will hier niemandem auf die Füße treten und auch niemanden verteidigen. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung wer Klemm ist, was ihre Positionen sind usw. und falls diese Person sich transfeindlich, homophob o.Ä. geäußert hat, geht das natürlich nicht klar. Ich hab hier auch nicht alle Beiträge im Detail gelesen. Ich hatte nur das Gefühl, dass die Diskussion in einer Sackgasse steckt und wollte die Pointe oben machen, um die Diskussion dadurch vielleicht in eine andere Richtung zu lenken.

LG Ika

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Das war ja alles Teil meiner Ausgangsfrage. Eine Antwort habe ich darauf nur nicht erhalten.

P.S. Klemm hat sich mit Sicherheit nicht homophob oder transphob geäußert. Ersteres kommt als Vorwurf überhaupt gar nicht vor.

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Ich komme mir auch vor wie im Gender Studies Proseminar.

Was Verdammte Axt ist intersektionaler Queerfeminismus?

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Ja, vom Thema her Proseminar, nur leider hat keiner die Theorie gelesen. thomas ignoriert einfach alle Argumente, friendlynotes hat einen Formatierungsfetisch und ansonsten interessiert man sich mehr für Tone-Policing als für den Austausch von Argumenten.

TLDR: Es wird nicht geblickt, dass Klemm schlicht eine anti-feministische Position bekleidet. Das wurde auch systematisch dargelegt, aber scheinbar ignoriert man am liebsten Argumente die hinter dem eigenen Tellerrand liegen

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Dem ist hier doch in einer für ein Onlineforum mehr oder weniger angemessenen Weise nachgegangen worden, insofern, dass es zumindest in der Theorie – zwischen Queertheorie und materialistischer feministischer Theorie – bestimmte Differenzen gibt, die sich nur schwer theoretisch vereinbaren bzw. überwinden lassen. Das kann sich berechtigterweise als Sackgasse anfühlen und ist in einer konkreten feministischen Praxis wohl tatsächlich eher unproduktiv. In der theoretischen Praxis entsteht so aber eine gewisse Reibung, die durchaus hilfreich dabei sein kann, bestimmte Zusammenhänge besser zu durchdringen und das Denken über diese Sackgasse im Sinne der Sache selbst hinauszutreiben.

Mir ging es vor allem darum, der Position, eine feministische Autorin und mit ihr einen theoretischen Zugang zum Feminismus als “anti-feministisch” zu bezeichnen, zu widersprechen, zumal diese starke Behauptung nicht bzw. nicht ausreichend begründet wurde und darum, einem m. E. unzureichenden Patriarchatsbegriff einen (oberflächlich gehaltenen) materialistischen entgegenzustellen. Darum, dass es eben gute Gründe dafür gibt, zu einigen sogenannten postmodernen feministischen Zugängen eine gewisse Distanz einzunehmen.

Der Pointe kann ich daher nur bedingt zustimmen. Klar, es war an der ein oder anderen Stelle etwas zu salty, was wohl auch daran lag, dass man sich hier offensichtlich mit KI-unterstützten Stichpunktlisten rumschlagen musste. Der ein oder andere Beitrag hat mich allerdings durchaus zum Weiterdenken angeregt.

Daher abschließend zwei Literaturanregungen, die zumindest mein Denken geprägt (Roswitha Scholz: Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die Metamorphose des Patriarchats - Perlentaucher) sowie “entdogmatisiert” (
Materialistischer Queerfeminismus – UNRAST VERLAG) haben.

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Hier ist ein anderer Artikel von Getrud Klemm

Der Text im Prinzip stark polemisch angelegt.

“Frau” umschiffende Begriffe wie “Uterus-Havers” (Planned Parenthood), “Bodies with Vaginas” (The Lancet), “Bonus Hole” (Jo’s Cervical Cancer Trust), “Birthing Parent” (Bank of England) und “Chestfeeding” (NHS) haben sich in der anglikanischen Amtssprache schon selbstverständlich durchgesetzt. Eine Art Höhepunkt markierte das LGBTQ-Glossar der renommierten Johns-Hopkins-Universität, in dem Lesbischsein definiert wurde als “a non-man attracted to non-men” (ein Nicht-Mann, der sich zu einem Nicht-Mann hingezogen fühlt), wohingegen Schwulsein so definiert wird: “a man attracted to other men” (ein Mann, der sich zu einem Mann hingezogen fühlt). Auch im Deutschen wird folgsam ausgewichen – auf Flinta* zum Beispiel. Sich als links Einstufende reden von “Menschen, die menstruieren”, von “gebärfähigen Personen” – nicht immer sinnstiftend, aber stets im besten Glauben, der Inklusion zu dienen. Dass dieses mit der Exklusion des Begriffs “Frauen” einhergeht, scheint nur die Konservativen zu stören.

Frauen selbst schweigen laut. Ihr kommt ja eh noch vor, tröstet man sie. Wir sind doch alle* eine Familie*! Wir wollen doch weltoffen und tolerant sein! Und frauen*solidarisch! Wer nicht dazugehören will, wird sehr patriarchal beschimpft und bedroht – siehe J. K. Rowling.

Das alles ist schon ächtzend und ablehnend gegenüber Queerfeminismus.

J.K. Rowling ist hoch umstritten und wird teils sogar als reaktionäre eingeordnet https://youtu.be/Ou_xvXJJk7k?si=GI9iyfFEAI9bIgM5

Dich verunsichern genderneutrale Toiletten? Terf! Du findest transitionierte Vergewaltiger in Frauengefängnissen gruselig? Nazi! Du hast Mitleid mit den Schwimmerinnen, die dank mitschwimmender Transfrauen um hunderte Plätze nach hinten katapultiert werden? Trans-Genozid-Befürworterin! Du bist Lesbe, und dich törnt der Lady-Dick ab? Transexclusive Bigott! (sic) Du hast ein Buch über Geburt geschrieben, möchtest es an Mütter und Frauen adressieren und nicht an “gebärende Personen”? Radikalfeministisches Fossil! Du bist ein Mann, findest das alles schräg und freust dich heimlich, dass der Feminismus implodiert? Gratuliere, und: Welcome to the Show!

Das ist Affekt, aber keine Reflexion. Es mag sein, dass der Ton im Internet rau ist, aber sie reproduziert das auch nur.

Wenn wir die Geschlechtergrenze aufheben, fehlt uns die soziokulturelle Kategorie, die wir brauchen, um Kritik korrekt zu formulieren – um die Geschichte der Abwertung von Frauen zu benennen, zu verstehen und ihre Perpetuierung zu verhindern. Nicht nur das grenzt Frauen von Transfrauen ab. Die Geschichte der Frauen war und ist damit verbunden, dass ihnen Kinder bleiben. Und was, wenn Kinderkriegen und -aufziehen nicht nur als Leid- und Opferkategorie begriffen wird, sondern als Macht und Leidenschaft? Denn das Vermögen, Leben schenken zu können und es bedingungslos zu lieben, ist ebenfalls eine Identität, die mehr als einen Opferbegriff hergibt. Frausein ist ein Begriff, der mit der Würde der Mutterschaft und allem, was dazugehört, verbunden ist. Natürlich wurde der mütterlichen Würde übel mitgespielt, von Patriarchat, Kapitalismus und und dem Mutterkult der Nazis. Aber macht sie das unsäglich?

Hier ist explizit die Kategorie Transfrau ausgegrenzt, da sie ja keine Kinder bekommen können. Stattdessen gilt bei ihr Frausein als Mutterschaft. Das ist stark normativ eigentlich, während sie diese Offenheit und Spiel der Begriffe davor als abstrus oder lächerlich zurückwies. Ich sehe nicht, dass sie hier unbedingt gutwillig gegenüber Queerfeminismus agiert.

Seit es die geschlechtliche Fortpflanzung gibt, sind Lebewesen von der Alge bis zum Blauwal mit männlichen und weiblichen Keimzellen ausgestattet, mit dem Ziel, genetische Rekombination und Arterhaltung zu ermöglichen. Mit welcher Rechtfertigung wird die Spezies Mensch aus der Evolution herausgelöst, indem die zentrale Schaltstelle unserer Arterhaltung, das Geschlecht, für ungültig erklärt wird?

Hier ist das überzogene Übertragen vom Biologischen auf soziale Verhältnisse. Was Algen oder Blauwale mit menschlichen Gesellschaften zu tun haben sollen, bleibt unklar. Das Argument läuft auf einen klassischen naturalistischen Fehlschluss hinaus.

Ich halte es für zynisch, die Existenz von Geschlecht zu hinterfragen, während zeitgleich Abermillionen von Frauen wegen ihres Geschlechts weltweit genitalverstümmelt, zwangsverschleiert, entrechtet, pränatal abgetrieben und unterbezahlt werden.

Hier versteht sie nicht, dass die Kategorie “Frau” dort in diesem Fall historisch von jenen definiert wird, die Frauen unterdrücken. Die Kritik an dieser Kategorie negiert nicht die Gewaltverhältnisse. Im Gegenteil es ist eine Gegenbewegung zu sowas. Das sie das anführt, um Kritik an Geschlechterkategorien zurückzuweisen, vermischt verschiedene Kontext.

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Ich möchte nicht bedingungslos für die Position Klemms, die dem Radikalfeminismus entlehnt zu sein scheint und mit der ich ohnehin nicht vertraut bin, einstehen, aber lese aus “die Existenz von Geschlecht” heraus, dass hier mehr gemeint ist, als die bloße Definition der Kategorie “Frau”. Also dass Frau-Sein mehr ist, dass in dem Begriff der Frau mehr aufgehoben ist als die wirkmächtige und repressive Definition der Kategorie bzw. umgekehrt, dass sich aus der Kritik an Geschlechterkategorien nicht unbedingt eine konsistente Kritik des Patriarchats ableiten lässt. Die radikalfeministischen Ablehnung bestimmter queertheoretischer Zugänge, welche ich hier gar nicht bewerten möchte, kann auch zu einer theoretischen Auseinandersetzung führen, anstelle die eine oder die andere Seite einfach als anti-feministisch zu diskreditieren.

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Ich fasse nochmal zusammen, warum ich Klemms Position für antifeministisch halte:

Klemm schreibt in ihrem Standard-Artikel: “Die Geschichte der Frauen war damit verbunden, dass ihnen Kinder bleiben” und “Frausein ist ein Begriff, der mit der Würde der Mutterschaft verbunden ist.”

De Beauvoir hat in “Das andere Geschlecht” genau gegen diese Reduktion argumentiert: “Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.” Die Naturalisierung der Mutterrolle und die Fixierung von Frauen auf ihre Reproduktionsfähigkeit - das war die Kritik. Klemm macht exakt das Gegenteil. Sie sagt: Frausein IST Mutterschaft, nur eben “würdevoll” statt abwertend.

Damit schließt sie alle Frauen aus, die nicht gebären können oder wollen: nach Hysterektomie, unfruchtbar, kinderlos, zu jung, zu alt. Nach Klemms Definition sind das keine “echten” Frauen, weil ihnen die “Würde der Mutterschaft” fehlt.

Klemm begründet das biologisch: “Seit es die geschlechtliche Fortpflanzung gibt, sind Lebewesen von der Alge bis zum Blauwal mit männlichen und weiblichen Keimzellen ausgestattet.” Als ob Menschen Algen wären. Als ob aus Biologie direkt soziale Ordnung folgt. Das ist naturalistischer Fehlschluss in Reinform.

Und selbst biologisch stimmt es nicht. Es gibt XY-Frauen, XX-Männer, Menschen mit Mosaik-Chromosomen, mit Hormonvariationen, mit atypischen Genitalien. Die Biologie findet keine scharfen Grenzen zwischen “männlich” und “weiblich”, sondern Überlappungen. Trotzdem wird bei der Geburt in 3 Sekunden eine Kategorie zugewiesen - ohne Chromosomentest, ohne Hormonmessung, nur nach Aussehen.

Das ist der Kern des Problems: Die Fixierung von Geschlechtskategorien bei Geburt IST die patriarchale Herrschaftslogik. Das Patriarchat braucht diese Fixierung um Reproduktionsarbeit, Care-Arbeit und ökonomische Ausbeutung stabil zuweisen zu können. Die Kategorie muss unveränderlich sein (“einmal zugewiesen, immer gültig”) und gleichzeitig prekär (“du musst dich permanent beweisen als richtige Frau”).

Klemm verteidigt genau diese Fixierung. Sie sagt: Geschlecht ist bei Geburt festgelegt, durch Biologie determiniert, und definiert durch Gebärfähigkeit. Das ist nicht Kritik des Patriarchats. Das ist das Patriarchat bloß als Feminismus getarnt.

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Mir scheint auch, dass jetzt jeder ausreichend seine Position dargelegt hat. Ich bin in dem Thema nicht so drin wie diejenigen, die sich hier regelmäßig äußern; finde Klemms Position nach den von JJ_Anons geteilten Texten auch nicht sonderlich glücklich. Antifeministisch, sofern man diesen Begriff nicht polemisch, sondern deskriptiv verwendet, ist ihre Position indes natürlich nicht, da sie sich ja für die Emanzipation der Frau einsetzt, nur diese eben anders versteht als einige Diskussionsteilnehmer. Indessen stellt sich bei der Frage nach der Bewertung des Auschlusses nicht nur die Frage, wie plausibel ihre Position ist, sondern auch die allgemeinere Frage, wie man generell mit differierenden Positionen umgeht, wie sie der Fragesteller auch mitanstoßen wollte. In Bezug auf diese allgemeinere Frage stellen sich natürlich auch wieder konkretere Fragen,z. B. wie der Ausschluss konkret verlaufen ist; handelt es sich dem Charakter nach um eine eher pragmatische Entscheidung oder ein “canceln”; unter welchen Umständen wäre ein solches mglw. tatsächlich gerechtfertigt und treffen die hier zu, oder ist es das generell nicht, etc. …

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Das ist genau der Denkfehler. Feminismus ist nicht “für die Emanzipation der Frau”, sondern Kritik der Geschlechterverhältnisse. Die Frage WER eine Frau ist, ist bereits Teil des Problems.

Wenn Klemm sagt “Frauen sind durch Mutterschaft definiert” und damit alle nicht-gebärenden Menschen ausschließt, dann emanzipiert sie nicht “die Frau”, sondern reproduziert die patriarchale Definition.

Man kann nicht für die Emanzipation einer Gruppe kämpfen, deren Grenzen man nach patriarchalen Kriterien zieht. Das ist wie “Arbeiterkampf, aber nur für Facharbeiter mit deutschem Pass” - die Exklusion macht es zum Gegenteil von Emanzipation.

Klemm ist im Grunde ein Pickme-Girl im akademischen Gewand:

Sie grenzt sich von anderen Frauen ab (“ich bin nicht wie diese Gender-verwirrten FLINTA-Feministinnen, ICH bin eine ECHTE Frau”), definiert diese “Echtheit” nach patriarchalen Kriterien (Mutterschaft, Gebärfähigkeit), und bekommt dafür Anerkennung von genau den Strukturen die Feminismus sonst bekämpfen - Die Presse klatscht, der Standard gibt ihr eine Plattform, Konservative feiern sie als “vernünftige Feministin”.

Die akademische Verbrämung (“Evolution seit der Alge”, “materialistische Analyse”) macht es nur respektabler, ändert aber nichts an der Grundstruktur: Abwertung anderer Frauen im Tausch gegen patriarchale Anerkennung.

Das Tragische: Sie denkt vermutlich wirklich, sie macht Feminismus. Dabei reproduziert sie exakt die Logik gegen die feministische Kritik seit de Beauvoir kämpft - die Naturalisierung und Fixierung von Frauen auf Reproduktion.

Okay, meinetwegen auch “Kritik der Geschlechterverhältnisse” - wobei das starke Ausspielen des einen gegen das andere meines Wissens auch nicht allg. Konsens ist. Und mir ging es in diesem Kontext eher um ihre Verortung im allg. Bewusstsein der Gesellschaft.

Indessen sollte das Hauptanliegen meines Beitrages auch nicht sein, den Diskussionskreisel anhand dieser Streitfage aufs Neue anzuwerfen, sondern mit dem Hinweis auf obige allgemeinere Fragen, die für das ausgängig geschilderte Problem auch relevant sind, “frischen Wind”, neue Impulse, vielleicht eine erweiterte Perspektive in die Diskussion zu bringen.

Vielleicht will das ja jemand mal aufnehmen…

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Das war nicht meine Frage.

Das ist doch ein Zirkelschluss. Resultiert jetzt die patriarchale Herrschaft aus der von dir so bezeichneten “Zuweisung” (die unterschlägt, dass eben auch etwas “erkannt” wird) bei der Geburt oder resultiert diese “Fixierung von Geschlechtskategorien” nun aus der patriarchalen Herrschaft? In keinem Fall erfahren wir etwas über die patriarchale Herrschaft oder sind dazu in der Lage, uns einen Begriff von dem Patriarchat machen zu können. Selbst wenn unter den herrschenden Verhältnissen diese Praxis der Zuweisung aufgehoben wird, ist damit keinesfalls das Patriarchat überwunden.

Sie reproduziert diese Logik ja im Sinne einer feministischen Kritik, nicht um irgendwie die Rolle der Frau im (Re-)Produktionsprozess zu affirmieren, sondern um sie auf eine andere Weise zu kritisieren, als es womöglich in neueren, queerfeministischen und intersektionalen Ansätzen der Fall ist. Dem kann man ebenso wie ihrem polemischen Stil begründet widersprechen. Eine Rechtfertigung dafür, ihre Position als antifeministisch zu bezeichnen, ergibt sich daraus allerdings nicht. Der vermeintliche Gegensatz zu de Beauvoir, die in “Das andere Geschlecht” u.a. betont, dass “die biologischen Gegebenheiten im Licht eines ontologischen, ökonomischen, sozialen und psychologischen Zusammenhangs untersucht werden” müssen, scheint doch sehr an den Haaren herbeigezogen zu sein.

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Was genau ist der Unterschied? Die Hebamme guckt 3 Sekunden auf die Genitalien und schreibt “männlich” oder “weiblich” auf. Was wird da “erkannt” außer einer optischen Beurteilung? Es gibt keinen Chromosomentest, keine Hormonmessung, keine Prüfung irgendwelcher biologischer Kriterien. Es ist eine Kategorisierung nach Aussehen.

“Ist das ein Zirkelschluss - resultiert Patriarchat aus Fixierung oder Fixierung aus Patriarchat?” - Weder noch. Die Fixierung ist VORAUSSETZUNG des Patriarchats, nicht sein Resultat. Ohne stabile Kategorien kann das Patriarchat Reproduktionsarbeit und Care-Arbeit nicht systematisch zuweisen. Die Fixierung ist die Grundlage auf der patriarchale Herrschaft operiert.

Ich habe das bereits mehrfach erklärt (Post #13, #19, #21): Das Patriarchat braucht fixe Kategorien um Funktionen zu allokieren. Wenn Geschlechtszugehörigkeit kontingent wäre (also auch-anders-möglich), würde die Frage virulent: “Warum soll gerade DIESE Person DIESE Funktion übernehmen?” Die Naturalisierung (“bei Geburt fixiert, unveränderlich”) macht diese Frage unbeobachtbar.

“Auch ohne Zuweisung bleibt Patriarchat bestehen” - das bestreite ich nicht. Aber der Fixierung die sprachliche Grundlage zu entziehen ist ein notwendiger Schritt. Ohne die Möglichkeit über Sprache zu herrschen (“du bist eine Frau, also…”) verliert das Patriarchat ein zentrales Werkzeug der Unsichtbarmachung seiner Willkür.

“Sie reproduziert diese Logik im Sinne einer feministischen Kritik” - nein. Ich habe systematisch gezeigt dass Klemm die patriarchale Definition (Frauen = Gebärende) übernimmt und nur die Bewertung umdreht. Das ist keine Kritik, das ist Affirmation mit anderem Vorzeichen. Das ist kein Feminismus, das cosplayed nur einen.

Deine fortgesetzte Behauptung, dieses oder jenes sei nie begründet worden lässt eigentlich nur eine Leseschwäche als Erklärung zu. Natürlich kannst Du Dich auch schlicht weigern die Argumente anzuerkennen aber das macht das Gespräch mit Dir ziemlich irrelevant.