Stefan (im Urlaub auf Texel) und Wolfgang gehen durch den Juli: Spahns Rücktritt und eine Stunde Leihmutterschaft, der KI-Bogen von der Investmentblase über Xis Rede in Shanghai bis zur lokalen KI, dazu Chinas Eingriff in den Ölmarkt, Schirachs Kanzlergesetze und die TikTok-Farlands.
00:00:00 Es war Juli 2026
Stefan nimmt aus dem Urlaub auf Texel auf, Wolfgang sitzt am gewohnten Platz. Nach der Begrüßung geht es direkt in die Personalie des Monats.
00:00:53 Jens Spahn
Spahn tritt als Minister zurück, behält aber sein Mandat; Stefan zieht Parallelen zu Sebastian Kurz und Guttenberg. Wolfgang rekonstruiert: Spahn stimmte einem Beschluss gegen die Leihmutterschaft zu, umging sie für das eigene Kind aber in den USA — gestürzt hätten ihn vor allem die Frauen der Union. SPD, Linke und Grüne kritisierten die Doppelmoral, nicht die Leihmutterschaft selbst; Stefan vergleicht mit Anne Spiegel: Immer wieder geben Familienthemen den Ausschlag.
00:11:28 Nolans Odyssee
Stefan beschreibt zwei Internet-Fetische rund um Nolans Odyssee-Verfilmung: IMAX-Technikbegeisterung bis hin zu Reisen nach Prag und Professoren, die den Trailer auf historische Akkuratesse prüfen — dabei sei die ausgedachte Geschichte so misstrauisch zu lesen wie Politikererzählungen. Wolfgang verweist auf den Rap zu Filmbeginn als bewussten Anachronismus.
00:15:51 Die Finals
Stefan berichtet von den Finals in Hannover: deutsche Meisterschaften in rund 40 Sportarten zeitgleich in einer Stadt, BMX im Rathaus, Segeln auf dem Maschsee, alles kostenlos. Das ZDF überträgt mit jungem Personal; die ARD befragt tags darauf Athleten, woran es gelegen habe.
00:20:17 Sommersalon
Wolfgang kündigt den Sommersalon am 22. August in Frankfurt an: Es gibt noch Karten und Gelegenheit, vor allem andere Hörerinnen und Hörer zu treffen.
00:21:51 Hitze und Brände
Wolfgang spricht die Waldbrände in Südeuropa an. Stefan schildert die Dürre auf Texel samt absolutem Feuerverbot — Temperatur und Trockenheit seien zwei verschiedene Dinge.
00:23:42 Merz’ Fleißarbeit
Zum Kabinettsumbau formuliert Stefan die These, Merz — der anderen Faulheit vorwirft — arbeite selbst nicht; Merkel und Kohl betrieben Politik als Interessenausgleich über unzählige Vorgespräche. Bei Robin Alexander heißt es, Merz habe nicht mehr die Kraft, Katherina Reiche auszuwechseln. Wolfgang hält dagegen, hier würden Nicht-Ereignisse aufgeblasen, während Austerität bei gleichzeitiger Rüstungsverschuldung unverhandelt bleibt.
Quellen:
- Reiche unangreifbar – Merz fehlt die Kraft zum Wechsel — Machtwechsel (WELT): „Kann Merz es nicht? Wie die CDU am Kanzler (ver)zweifelt", 28.07.
00:32:13 Leihmutterschaft
Im Deutschlandfunk plädiert der Ethikrats-Vorsitzende Helmut Frister für eine regulierte altruistische Leihmutterschaft; sein Argument, ein Verbot verhindere die Existenz von Leben, weist Wolfgang als Fehlschluss zurück — es gehe um den Wunsch nach genetisch eigenen Kindern, auf den es kein Recht gebe. Die Verfassungsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf nennt das Verbot im ZDF-Morgenmagazin einen paternalistischen Grundrechtseingriff; Wolfgang hält das für libertär, Stefan verweist auf das Arbeitsrecht als Regulierung formal freiwilliger Verträge. Am Ende eine Differenz: Wolfgang zieht eine rote Linie gegen jede Bauchvermietung und plädiert für Co-Parenting und Mehrelternschaft, Stefan will altruistische Einzelfälle möglich lassen.
01:31:10 Mamdani zu Bregmans Frage
Im Interview-Ausschnitt sagt Zohran Mamdani, es brauche ein gewisses Maß an Absurdität, um zu glauben, dass man selbst regieren solle — und Ehrlichkeit über die eigenen Positionen. Stefan überträgt das auf Trump, dessen Verhalten sich so leicht erklären lasse — erklärungsbedürftig sei die Unehrlichkeit von Figuren wie Rutte oder Merz.
Quellen:
- Mamdani über Ego, Absurdität und Ehrlichkeit in der Politik — The Interview (NYT): „Zohran Mamdani Knows He Has Political Capital", 18.07. · YouTube
01:36:54 Salon-Lektüre
Wolfgang kündigt die nächste Salon-Lektüre an: Theo Bakers „How to Rule the World" über die Elitenausbildung in Stanford. Zuletzt ging es um „Kybernetik und Kritik" von Anna-Verena Nosthoff und das neue Buch von Eva von Redecker.
01:39:25 KI-Investmentblase
Stefan trennt technische Fähigkeiten vom Investorenüberbau: Der KI-Wettlauf sei der Stellvertreterkrieg zwischen den USA und China. Adam Tooze sagt in „Märkte, Mächte, Emissionen", die Bewertungen rechtfertigten sich nur, wenn Amerika zum Rechenzentrum der nicht-chinesischen Welt werde — dazu das BIZ-Szenario: Arbeitnehmeranteil am BIP von 60 auf 20 Prozent, oder Finanzkrise. Stefan hält die Zahlungsströme für nicht organisiert: Nutzung kostet ein Vielfaches der Abos, chinesische Modelle rund ein Prozent der amerikanischen Preise. Jürgen Schmidhuber sieht die Blase an Zombie-Unicorns und einbrechenden Cashflows. Stefans Schluss: ökonomisch hochgefährlich — die Hyperscaler stellen rund 40 Prozent des S&P 500.
Quellen:
- USA als Rechenzentrum der Welt / These der KI-Firmen / „wahnwitzige Vorstellung" / Gopinath-Warnung / BIZ-Szenario — Märkte, Mächte, Emissionen: „Boom, Bubble, Burst? KI und Finanzmärkte", 13.07.
- „Shadow Borrowing": Die 2008-Parallele — Jesse Rogers, Instagram
- Die wahre KI-Verschuldung: 1,65 Billionen — @wolfofthebrook, Instagram
- KI-Blase: Zombie-Einhörner und 900 Milliarden Verlust — Big Technology: „AI Pioneer Jürgen Schmidhuber", 15.07.
- Subprime-Datacenter-Krise / „Wetter gut, Urlaub steht an" / Portfolios und Sparwelle — Big Technology: „What Happens If AI Fails?, Subprime Data Center Crisis", 24.07.
- Doctorow: „AI is a bubble and it’s gonna burst" — Verso Books, Instagram
- Horrorwoche für OpenAI: Apple-Klage, Abgänge, Downgrade — Prof G Markets: „OpenAI Is Spinning Out Of Sam Altman’s Control", 20.07.
- Börsenbericht: KI-Zweifel und Ölpreis über 100 Dollar — Deutschlandfunk: „Der Tag an der Börse", 23.07.
02:25:41 Xi zu KI
Ausschnitte von Xi Jinpings erstem Auftritt auf der World AI Conference in Shanghai: KI in einer Reihe mit Dampfmaschine und Elektrizität, Open Source, menschliche Kontrolle, globale Governance mit der UN, 5.000 Trainingsprogramme für Entwicklungsländer. Wolfgang liest die Rede als Inszenierung eines benevolenten Führers, verweist aber auf die Doppeldeutigkeit: „Menschliche Kontrolle" meine immer auch die Kontrolle der Partei; mit Zhao Tingyang und Carl Schmitt sieht er hinter dem Universalismus einen Dominanzanspruch. Stefan zieht die Parallele zu Putins Bundestagsrede 2001 und verbindet Xis Angebot mit Alexander Kluges Antikrieg: vertragliche Einhegung wie im Atomzeitalter. Europa, so beide, ist derzeit nicht sprechfähig.
03:01:03 KI-War zwischen China und Amerika
Xis Open-Source-Strategie auf der Marktebene: Open-Weight-Modelle aus China verschieben den Markt. Bei Intelligent Machines heißt es, GLM, DeepSeek und Kimi seien gut, lokal betreibbar und Chinas Ziele eher politisch als ökonomisch; Prof G Markets spricht von „AI-Dumping": 45 bis 50 Dollar pro Million Tokens bei GPT-5.6 und Claude, 87 Cent bei DeepSeek. Stefan hält dem Zensurvorwurf entgegen, Einschränkungen kämen derzeit praktisch aus Amerika. Den Destillationsvorwurf weisen beide zurück — die amerikanischen Modelle seien selbst eine Destillation des Internets (Casey Newton); Wolfgang sieht die Tradition, chinesische Industrialisierung als Nachahmung abzutun. Am Ende deuten beide die Lage als Verhinderung eines Lock-in-Kapitalismus — analog zu erneuerbaren Energien.
Quellen:
- China verschenkt KI-Kapazität, „um US-KI zu killen" — Intelligent Machines #877: „Model Now Available", 01.07.
- Galloway: AI-Dumping / China-KI-Nutzung explodiert / OpenAI unter Druck durch Preiskrieg — Prof G Markets, 20.07.
- Die Ökonomie dahinter: Warum China Modelle verschenkt — Cherry Park, Instagram
- „China hat das AI-Race übernommen" (Kimi K3) — Sina, Instagram
- Vergecast-Intro / Lauren Feiner zu Exportkontrollen / Was passiert, wenn China gewinnt? — The Vergecast: „The US is losing its lead in AI", 20.07.
- Wie die USA auf Chinas Open-Source-KI reagieren sollten (Casey Newton) — Hard Fork: „OpenAI Models Go Rogue + Kimi K3 Freakout", 24.07.
- Kara Swisher über „Destillation als Diebstahl" — Pivot: „Trump’s Tariffs Return, Kalshi’s Midterms Hub, and Elon’s AI ‚Odyssey‘", 24.07.
03:41:01 Lokal AI
Stefans These: Lokale Modelle sind die nächste Entwicklung, zentrale Rechenzentren haben beim Anwenden von KI ein Auslaufdatum. Clips aus Intelligent Machines beschreiben quantisierte Modelle auf Geräten wie dem DGX Spark; Stefan fordert die deutsche Hackerszene und den Chaos Communication Congress auf, Local AI als Bastelthema zu entdecken. Wolfgangs Bild: ein Balkonkraftwerk für KI. Schmidhuber erwartet, dass KI wie einst das Mobiltelefon zum lokalen Alltagsgerät wird; im Hardfork-Podcast heißt es, der Investoren-Flügel um David Sacks wolle Intelligenz als billige Massenware. Stefans Schluss mit Tooze: Entweder senken die Investitionen die Arbeitskosten drastisch, oder zwei Billionen Dollar verpuffen — KI bleibt trotzdem günstige Infrastruktur.
Quellen:
- Selbst hosten statt Cloud / Krikorian: Open-Source-KI verbreiteter als man denkt — Intelligent Machines #879: „Alex Karp, Alex Karp, Alex Karp", 15.07.
- Schmidhuber: KI wird billig und lokal — Big Technology: „AI Pioneer Jürgen Schmidhuber", 15.07.
- Open-Source-Idealisten vs. eigennützige VC-Klasse — Hard Fork, 24.07.
04:01:56 Kermanis Hinweise zum Gelöbnis
Ein Deutschlandfunk-Beitrag zur Rede von Navid Kermani beim Gelöbnis am 20. Juli: Der Tag stehe nicht für Gehorsam, sondern für die Pflicht zum Widerstand; einen offenkundig völkerrechtswidrigen Krieg wie den gegen den Iran müssten Soldaten verweigern. Stefan ergänzt, direkt davor habe Kermani den Bundeskanzler namentlich als wankelmütig in Völkerrechtsfragen benannt.
Quellen:
- Kermani-Gelöbnisrede: Pflicht zur Befehlsverweigerung — Deutschlandfunk: „Feierliches Gelöbnis der Rekruten der Bundeswehr", 20.07.
04:06:32 China und das Öl
Anhand von Max Fishers Video „China quietly saved the world last month": Warum stieg der Ölpreis nach dem Iran-Krieg nicht katastrophal? Die Hormus-Schließung entzog dem Markt 20 von täglich 100 Millionen Barrel; Pipelines und Reservefreigaben kompensierten nur einen Teil — den Rest erklärt Chinas Halbierung seiner Ölimporte binnen eines Monats. Fisher hält für plausibel, dass China dem Malacca-Dilemma vorbaut: Eine US-Sperrung der Straße von Malakka funktioniert als Druckmittel im Taiwan-Fall nicht mehr. Wolfgang wendet sich gegen Verbotsforderungen für Chinas Iran- und Russland-Importe, da genau sie den Weltmarkt stabilisieren; Stefan sieht China in der Lage, Trump über den Ölpreis unter Druck zu setzen.
04:33:10 Kanzlergesetze
Wolfgang spielt einen Funk-Clip zu Schirachs Vorschlag der Kanzlergesetze ein: ein einmalig für sieben Jahre gewählter Kanzler, der drei Gesetze ohne Bundestag beschließen darf. Wolfgang hält dagegen, dass Kompromisse den Parlamentarismus ausmachen, und argumentiert mit Philip Manow, dass begrenzte Amtszeiten die Sanktionsmöglichkeit der Abwahl beseitigen. Stefans Gegenentwurf: personelle Macht nur auf Bürgermeisterebene, darüber Gremienarbeit nach Schweizer Vorbild.
04:44:30 The Farlands
Wolfgang stellt aus dem BBC-Podcast The Interface die TikTok-Farlands vor: Der Begriff stammt aus Minecraft, wo am Weltrand die Darstellung zerfällt; auf TikTok erreicht man solche Randbereiche durch langes Scrollen. Der Meme-Forscher Aidan Walker beschreibt dort nischigen Brainrot mit Zügen von Konzeptkunst und Creepypasta-Horror, erschlossen über Zahlencodes in Kommentarspalten — eine digitale Flüsterkneipe mit eigener Data-Moshing-Ästhetik. Wolfgang verbindet das mit Bourdieus Regeln der Kunst und dem L’art pour l’art. Stefan erinnert an die verlorene Long-Tail-Idee des Web 2.0 und schlägt als Gegenprogramm die schulische Entzauberung der Algorithmen vor.
05:02:03 Salon-Hinweise
Zum Schluss der Hinweis auf den Live-Sommersalon am 22. August in Frankfurt — Tickets mit Saalplan über die Homepage. Im kommenden Salon geht es um Theo Bakers „How to Rule the World"; Stefan kündigt einen Rundown zu Odyssee-Texten an und empfiehlt Jon Stewarts Gespräch mit Nolan. Nach dem Hinweis auf das Abo über Steady, Apple oder Patreon verabschieden sich beide mit „Bis dann".