Sicher ist der Zyklop nach ethischen Maßstäben rücksichtslos und grob, aber ich finde, dadurch, dass er sehr kreatürlich dargestellt wird, misst man sein Verhalten nicht an menschlichen Maßstäben. Vielmehr erscheint sein Wesen als eine rohe ungebändigte Naturgewalt, die gleichgültig gegen die zivilisierte Welt ist und der die Vorstellung völlig fremd ist, diese ameisenartigen Tiere könnten für sich aufgrund ihrer verfeinerten Umgangsformen Vorrechte beanspruchen, die sie beispielsweise über sein Vieh hinausheben. Letztlich ist er aber der zivilisierenden, instrumentellen Verschlagenheit von Odysseus unterlegen, musste sich wahrscheinlich auch noch nie gegen derartige Täuschungen behaupten. Diese Hilflosigkeit ist es meiner Meinung nach, die unser Mitleid erregt. Hätte man stattdessen nach der Vorstellung dieser Übersetzerin daraus ein Duell zweier Schachspieler gemacht, indem man den Zyklopen zu einem großen, einäugigen Menschen “emanzipiert” hätte, dessen Bauernschläue keinen Kontrast zu Odysseus’ Verschlagenheit gibt, sondern lediglich eine Vorstufe davon ist, hätte der Episode diese Dimension, die durchaus an Horkheimer und Adornos Odysseus-Interpretation erinnert, gefehlt, und man hätte ebenso wenig Mitleid empfunden, da der Zyklop dann ja mit den selben gezinkten, nur längst nicht so guten Karten gespielt hätte. Um seine Kreatürlichkeit zu unterstreichen, war es meiner Meinung nach auch notwendig, ihn als Solitär darzustellen, der nicht in einer halbwegs zivilisierten Gemeinschaft mit anderen Zyklopen lebt, die sich wechselseitig helfen und füreinander da sind und an die sich seine Niemand-Rufe hätten richten können.
Als Hybris wird das Ganze doch durchaus thematisiert, allerdings weniger als eine, die sich gegen die Götter als Autoritäten auflehnt, denen man eigentlich blind gehorchen sollte. Odysseus wirft dieses Athene gerade vor, dass die Götter keine zweifellose Autorität darstellen, deren klar kommunizierte Befehle man nur noch blind umsetzen muss, wie es in seine Vorstellungswelt passen würde, da er anscheinend verlernt hat, in etwas anderem als instrumentalisierenden Machtrelationen zu denken. Worauf diese sinngemäß erwidert, dass die Dinge doch für sich sprechen, wenn man sie als sie selbst belässt. Es geht also um eine natürliche Ordnung, die auf vielen Ebenen verletzt wird, welche Verletzung in vielfältigen Aspekten sehr gut beleuchtet wird. Trotzdem bleibt diese ihrer Natur nach etwas schwammig, wenn dies den zivilisatorischen Rückschritt am Ende der Bronzezeit erklären soll. Konsequenterweise müsste man sagen, dass sich Kultur generell nur auf Kosten der Dialektik des dargestellten Prozesses erreichen lässt. Man kann dementsprechend auch nicht wirklich innerhalb des dargestellten Kulturraumes von einer natürlichen Ordnung des wechselseitigen Umgangs nach Zeus’ Gesetz und einer unnatürlichen Abwendung davon sprechen. Hier könnte man mal wieder gut Bertolt Brechts „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ entgegenhalten: auch der zivilisatorische Rückschritt am Ende der Bronzezeit hatte seine Ursachen nicht in der plötzlichen, ursachenlosen Verschiebung irgendwelcher Vorstellungswelten, sondern in Hungersnöten, die zu Völkerwanderungen führten.