Juni 2026: Hitze & WM, Rentenreform, Postliberalismus, Krieg und Aufrüstung,…

Claude sagt:

Die verfügbaren Quellen zeigen bisher nur die eine öffentliche Wortmeldung von Clara Bünger, Fraktionsvize und innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion.

:heart: Gute Idee. Das recherchiere ich auch mal assistiert.

Noch einmal zurück zum Liberalismus und den Worthülsen “Freiheit”, “Menschenrechte”…

Das kindische an diesen positiven Bezugspunkten ist ja gerade, dass es positive Bezugspunkte ohne tatsächlichen Gehalt sind. Im Ergebnis eignen sie sich höchstens für Wahlplakate, jeder kann zustimmen und man würde niemanden finden, der sich gegen diese ausspricht. Jeder kann sich ohne Konsequenz auf sie berufen, nichts leitet sich aus ihnen ab.

Ich frage mich, ob die Diskussion um diese Begriffe und ob man diese Höchstwerte denn teile, für fruchtlose Beschäftigungstherapie (Klage ohne Ende und ohne Adressat), die höchstens nur noch geeignet ist die eigene moralische Reinheit zu signalisieren, oder (hier schon genannt) “Sachzwänge” zu entpolitisieren. Die Betonung des Individuums als Dreh- und Angelpunkt der Argumentation lässt zwar jeden und jede mitreden, mehr aber auch nicht. Dann arbeitet man sich in öffentlichem Pathos an gerechtigkeits- und anerkennungstheoretischen Moralisierung an einer sprachlichen Verfeinerung der Individualitätsdefinition ab (der größte Witz ist dann die Schleife “Intersektionalität”, die nach Jahren der Beschäftigung feststellt, dass das Individuum nur in unterschiedlichen Rollen in der Gesellschaft auftaucht - ach was!?) und mehr kommt dann nicht.

Man müsste ja mal feststellen, dass “das Individuum” nichts wert ist, wenn es “um die Wurst geht”. Man müsste mal zur Kenntnis nehmen, dass “das Individuum” keine Rolle spielt, wenn Entscheidungen getroffen werden, damit man sich im ideologischen Spiel nicht verblöden lässt.

Die Argumentationen zur Aufrüstung, Wehrpflicht, Sozialstaat, Miete, Rente zeigen doch gerade die komplette Irrelevanz des Individuums und seines Schicksals bei gesellschaftlichen Entscheidungen. Ob “Du” dir deine Miete leisten kannst, ist egal und dieser freiheitliche Staat verbietet es Dir schlicht nach Artikel 11 UN-Sozialpakt und Grundgesetz Maßnahmen zu ergreifen (Das angestrebte Verbot muss man als Erfolg der überindividuellen Organisierung von Mietern sehen! Hier wurde nämlich mal durchgespielt wie der Staat darauf reagiert, wenn Individuen sich organisieren). Deine individuelle Freiheit wird einfach mit der Wehrpflicht eingeschränkt (mit der lustigen Begründung, damit deine Freiheit zu verteidigen) und Deutschland ist sogar bereit gegen die UN-Kinderechtskonvention zur Rekrutierung von Minderjährigen zu verstoßen (jaaaa, das ist ein “normatives Spannungsfeld” mit “unterschiedlicher Rechtsauffassung”…. die Blödheit der SchülerverterInnen besteht ja gerade in der individuellen Reaktion “Wir wollen aber mitreden!” ), die Einschränkung/Abschaffung des Informationsfreiheitsgesetzes ist ein Erfolg nicht individueller Freiheitsrechte, sondern von überindividueller Organisation und der Reaktion darauf.

In diesen Auseinandersetzungen immer “auf sich selbst” zu verweisen (Aber ich habe doch 40 Jahre gearbeitet! Aber ich wohne doch gerne in meinem Quartier! Aber ich habe doch eine chronische Erkrankung! Aber ich will doch nicht an die Front!) oder auf andere Individuen (der Merz ist aber auch unfähig, der Elon ist aber auch gruselig, aber der Trump ist ja auch senil, der Thiel hat aber komische Vorstellungen) wird entweder nur semantisch beantwortet (Man kann doch die Freiheit deines Vermieters nicht mit staatlicher Gewalt einschränken!) oder eben mit staatlicher Gewalt (Verbot Verstaatlichung). Man ist sogar bereit “das Kapital” zu einem Individuum zu erklären (“das scheue Reh”), dessen Freiheit es zu schützen gilt, oder Freiheit mit dem Gegenteil zu begründen (Freiheit durch Zwang=Wehrpflicht) und selbst bei den aktuellen Reformen sieht man abseits struktureller Veränderungen die Lächerlichkeit der Adressierung des Individuums (Der Bäcker hat länger auf=ich kaufe mehr beim Bäcker! Logisch! Krankschreibung wird schwieriger=Dann bin ich weniger krank! Logisch!)

Das diese Irrelevanz der eigenen Person als persönliche Kränkung gesehen wird und nicht als Eröffnung von Handlungsmöglichkeiten könnte vielleicht etwas sein, was uns “der Liberalismus” eingebrockt hat…

(Rechte Positionen machen es sich da sehr leicht “Du bist nichts, Dein Volk ist alles.” und scheinen ja damit “gut” voranzukommen….)

2 „Gefällt mir“

Klingt ziemlich verbittert. Aber ich kanns verstehen.

Die entscheidende Frage ist, scheiter ich am System oder an mir selbst.

Die Argumente sind gut, stimmig analysiert und machen einen großen Bogen um den Punkt um den es sich dreht. Die eigene Wirkmacht.

Sie hat offenbar Vorlieben. Dabei soll sie nur drauf achten, Username entsprechend zu nutzen

versus

Was fehlt Dir?

Ich habe eingeleitet mit “Nochmal zurück zum Liberalismus und den Worthülsen…”, ich habe nicht die Absicht einen an Individuen gerichteten handlungsoptimistischen Appell zu verfassen, sondern die Fruchtlosigkeit der Adressierung “des Individuums” mit seinen “Freiheiten” und seiner “Würde” zu beschreiben.

Ich will den Punkt der “Psychologisierung” nicht zurückgeben, aber es ist keine Verbitterung. Es ist sogar das Gegenteil. Ich kann mich wirklich sehr amüsieren bei der Feststellung wie banal “Freiheit” oder “Menschenwürde” sind, wenn man mal den ganzen Lametta der Sonntagsrede abnimmt und sich nur die Funktion solcher Begriffe anschaut.

Den Unterschied haben wir ja schon festgestellt.

Du möchtest objektivieren, ich möchte subjektivieren.

Ich freu mich für dich wenn du dich trotz allem amüsieren kannst.

Kurz eingehakt zum Liberalismus und Individualismus

Wer beim Einzelnen ansetzt, hat sich die Verhandlungsposition schon diktieren lassen. Der Einzelne ist genau die Konfiguration, in der konzentriertes Kapital am liebsten verhandelt: Ein Mieter gegen einen Wohnungskonzern, ein Kunde gegen einen Netzbetreiber, ein Klimakämpfer gegen Emissionstreiber, u.s.w. - das gilt auch für Versammlungen von Individualisten. Es wird dann gerne Augenhöhe genannt und ist keine.

Es geht um Organisierung für Wirksamkeit. Organisierung verneint das Individuum nicht. Sie ist seine einzige Chance, überhaupt Hebelwirkung zu entfalten. Dass am Ende Menschen handeln, versteht sich von selbst - nur handeln sie eben gemeinsam an konkreten Stellen: Mietpreis, Netzentgelt, Auskunftsrecht, Geldverteilung … . Dort sitzen die Hebel.

Der Appell an den Einzelnen dagegen ist noch nicht mal eine harmlose Vorstufe davon. Er ist das funktionale Substitut: fühlt sich an wie Handeln, ersetzt es aber. „Freiheit” als Parole leistet dabei treue Dienste - sie klingt groß, verpflichtet zu nichts und lässt sich gegen keine einzige Klausel in Stellung bringen.

1 „Gefällt mir“

Stimme dir voll zu.

Es gibt eine einzige Sache:

Kräfte in einem Kollektiv zu bündeln um sie zu einer Gegenmacht aufzubauen braucht es das Individuum. Ohne geht’s nicht. Wenn das Individuum verstanden hat wo die eigene Macht liegt, sei es durch ein kollektives Wir-Gefühl statt eines großen Gedankens, geht’s sofort los.

Was ich meine ist nicht abbildbar im Liberalismus, oder in anderen Ismen. Es gibt die Sicht von außen in schlaue Begriffe gekleidet, deskriptiv und bestens erforscht, definiert und beschrieben, ich hab nur eine andere Perspektive. Ich appelliere an mich selbst.

Genau. Und wie diese Mobilisierung in Gang gebracht werden kann, hast du selbst der Hebelkette beigesteuert - mit der Methode von Mamdanis Bewegung zur Organisierung. Darauf setze ich gedanklich auf. :raising_hands:

Ich hab mit Claude Fable 5 (Intenstät „hoch“) recherchiert. Folgende Stimmen aus den Parteien zum IFG-Beschluss wurden mir mit Quellenangaben genannt (geprüft habe ich das Ergebnis nicht!):

Grüne: Dröge nennt es einen Angriff auf die Pressefreiheit, von Notz ein Sägen an den Rechtsgrundlagen staatlicher Transparenz. Linke: Bünger sagt, die Regierung wolle sich „unangreifbar machen”. Bemerkenswerteste Stimme aus der Koalition selbst: Juso-Chef Türmer („die SPD darf sich an diesem Raubbau nicht beteiligen”) und der zuständige SPD-Berichterstatter Schätzl warnen öffentlich. FDP: nichts Spezifisches zum IFG, Kritik nur an der Wirtschaftsseite des Pakets. AfD, BSW, Die PARTEI und übrige Kleinparteien: keine auffindbaren Wortmeldungen - wobei alle Parteien ohne Bundestagsmandat mit Äußerungen häufig keine Nachrichtenschlagzeile generieren, und dann wird die Zählung durchaus unscharf.

SPD-Chef Klingbeil verteidigt mit dem dünnsten Satz der Woche: Es gebe „Schwachpunkte” beim IFG. Vielleicht wechselt er bald in die CDU.

Das war’s. Zwei parlamentarische Oppositionsfraktionen, ein parteiinterner Riss – mehr hat die Parteienlandschaft nicht aufgeboten.

Die eigentliche Verteidigung läuft woanders: 120 Organisationen im offenen Brief – vom CCC über Amnesty bis zur taz –, rund 370.000 Unterschriften unter der Petition an die SPD-Fraktion, die Informationsfreiheitsbeauftragten geschlossen dagegen, und 83 Prozent der Bevölkerung, die laut einer Studie im Bundesauftrag mehr Transparenz wollen, nicht weniger. Dazu der Präzedenzfall: Vor gut einem Jahr hat eine Kampagne mit 400.000 Unterschriften denselben Angriff schon einmal gestoppt.

Der aktuelle Stand: Wo die Parteien weitgehend ausfallen, hält die organisierte Zivilgesellschaft die Stellung – sie ist bei der Verteidigung der Informationsfreiheit nicht die Ergänzung des Parlamentarismus, sondern derzeit sein Ersatzspieler auf dem Feld. Wirksam war sie nachweislich schon einmal. Notwendig ist sie offensichtlich.

1 „Gefällt mir“

und da komme ich wieder nicht weiter. Ich liefere Dir doch Argumente für Deine Position…

Ich beschreibe genau die Lücke, in die Du hineinwillst: Einzelpersonen können erfolgreich handeln, wenn sie organisiert vorgehen.

Der winzige kleine Unterschied der dann vielleicht bleibt: Einen Mietenkonzern interessiert nicht, ob du deutsch, weiblich, musikinteressiert, Romanleser, nicht-weiß, links-liberal, Handwerker oder sonstwas bist…

und damit:

Da kommen materialistische Perspektiven weiter (deswegen deren Konflikt mit dem Liberalismus): die “Kunden” eines Mietkonzerns haben genau das als Gemeinsamkeit, als gemeinsames Interesse und darüber sind sie ansprechbar. Da kann die schwarze alleinerziehende Frau gemeinsam mit dem konservativen weißen Rentner zusammenkommen. Deswegen ist (wie ich schreibe) der Versuch Vergesellschaftung von Wohnraum zu verbieten (erstmal sehr lustig, weil Lametta abgeworfen wird und dann) ein Erfolg der Organisation von Mieter*innen.

Man darf sich jetzt nur nicht von der Lamettalosigkeit betrüben lassen, sondern “jetzt erst recht” weiter machen.

Ich bin mir nicht sicher, ob das nicht eine Immunisierungsstrategie ist. Denn wenn Du nur an Dich selbst appellierst, dann könntest Du das ja in Deinem Tagebuch erledigen.

Hm, die Frage ist ja, was aus diesen Ismen geworden ist. Es ist letztlich die Bestätigung eines Systems, die dem Autor und dem geneigten Leser Kritik erlauben kann und dabei trotzdem unbemerkt das Wort im Mund umdreht. Durch Fakten die als Gottgegeben verinnerlicht werden. Genau wie du sagst, ein Mietenkonzern macht keine Unterscheidung, denn es geht ganz materialistisch um Profit. Die Einzelperson kann sich nur im Rennen halten wenn sie für den Profit arbeitet.

Die Ismen kann man auch aufteilen in Politik, Wissenschaft Wirtschaft und daraus wunderbare Konfliktlinien extrahieren und Systemtheorien erstellen und erreicht damit dann was? Bewusstsein soll’s ja nicht sein, denn da kommt eventuell der Materialismus an eine Grenze und braucht dann, wie ich anscheinend auch, die Selbstimmunisierung.
Es gibt einfach zwei Möglichkeiten, wir machen so weiter, oder probieren was anderes aus. Die Tagebuch Idee ist super, ich probiere das mal.

2 „Gefällt mir“

@JakobB @David @Flo @Syd @Falky @mvesper44

Die Kurzthese habe ich mal als Grundlage einer Analyse genutzt:

DER LIBERALISMUS HAT VOR-LIBERALE ZUSTÄNDE ERZEUGT

Eine reizvolle These, finde ich, weil sie dialektisch gebaut ist: der Liberalismus als Totengräber seiner eigenen Voraussetzungen. Nimmt man das ernst, muss es geprüft werden - was eine gewisse Zerlegung nötig macht.

Was dafür spricht

Die stärksten Indizien liegen dort, wo formale Freiheit in reale Abhängigkeit umschlägt – also strukturell vormoderne Verhältnisse unter liberalem Etikett:

Neofeudale Abhängigkeiten. Plattformökonomie erzeugt Beziehungen, die dem Lehnswesen strukturell näher stehen als dem freien Vertrag: Der Gig-Worker, der Uber-Fahrer, der Amazon-Händler „pachtet” Zugang zu einer Infrastruktur, deren Regeln der Eigentümer einseitig ändern kann. Kein Aushandeln unter Gleichen, sondern Unterwerfung unter eine private Gerichtsbarkeit (AGB, Account-Sperrung ohne Rechtsweg, interne „Schiedsverfahren”). Varoufakis nennt das Technofeudalismus, Katharina Pistor zeigt in „Der Code des Kapitals”, wie privates Recht öffentliches ersetzt – das ist der Kern des Arguments: Rechtsprechung, einst dem Souverän abgerungen, wandert zurück in private Hand. Investor-Staat-Schiedsgerichte (ISDS) sind dasselbe auf zwischenstaatlicher Ebene.

Dynastische Vermögenskonzentration. Der Liberalismus trat an gegen ererbte Stände – und produziert nun Erbengesellschaften, in denen die Position bei Geburt wieder mehr über das Lebensschicksal entscheidet als die eigene Leistung. Piketty liefert die Datenbasis: Wenn die Kapitalrendite dauerhaft über dem Wachstum liegt, restauriert sich patrimoniale Struktur von selbst. Das ist nicht metaphorisch vormodern, sondern messbar: soziale Mobilität sinkt, Vermögen re-dynastisiert sich.

Private Paralleljustiz und Marktmacht als Territorialherrschaft. Wenige Konzerne kontrollieren die Infrastruktur des öffentlichen Raums (Kommunikation, Handel, Zahlungsverkehr) – funktional das, was früher Marktrechte, Zölle und Wegezölle des Adels waren. Debanking, das im Gegenmacht-Thread und der Hebelkette unter dem Sanktionsdrohungen einzuordnen ist, gehört exakt hierher: Ausschluss von der ökonomischen Teilhabe ohne Urteil.

Polanyis alte Diagnose. Die Entbettung des Marktes zerstört die sozialen Bindungen, die Marktgesellschaft überhaupt tragen – der Liberalismus verbraucht Voraussetzungen (Vertrauen, Gemeinwesen, geteilte Wirklichkeit), die er selbst nicht erzeugen kann. Das ist übrigens das Böckenförde-Diktum in ökonomischer Übersetzung.

Was dagegen spricht

Der Kategorienfehler. „Vor-liberal” unterstellt eine Rückkehr, aber die Analogie hinkt an entscheidender Stelle: Der Leibeigene konnte nicht kündigen, nicht wegziehen, nicht klagen. Der Gig-Worker kann all das formal – seine Abhängigkeit ist ökonomisch, nicht rechtlich. Das ist ein realer Unterschied, kein kosmetischer. Wer ihn einebnet, verliert die Fähigkeit zu erklären, warum Arbeitsrechte, Sozialstaat und Rechtsweg überhaupt erkämpfenswert waren.

Die Niveaufrage. An fast jedem messbaren Maßstab – Rechtsschutz, Lebenserwartung, Bildungszugang, Gewaltmonopol statt Fehde – sind heutige Gesellschaften von vormodernen Zuständen weit entfernt. Die These lebt von der Strukturanalogie und ignoriert das Niveau.

Die Äquivokation beim Wort „Liberalismus”. Das ist meiner Meinung nach der schwächste Punkt der These: Sie braucht, dass derselbe Liberalismus, der Rechtsstaat und Gewaltenteilung schuf, auch die neofeudalen Zustände erzeugt. Aber die Erosion geht überwiegend vom ökonomischen Liberalismus aus (Deregulierung, Privatisierung des Rechts, Kapitalverkehrsfreiheit) und frisst den politischen Liberalismus (gleiche Rechte, öffentliche Justiz, Bürgerstatus) auf. Das sind zwei Programme, die historisch nur zeitweise verbündet waren.

Zur Kausalität

Eine saubere Kausalkette gibt es, aber sie ist präziser als die These: Nicht „der Liberalismus” erzeugt vor-liberale Zustände, sondern die Entfesselung der Eigentums- und Vertragsfreiheit bei gleichzeitiger Schwächung ihrer öffentlichen Einhegung. Der Mechanismus: Kapitalkonzentration → Konzentration privater Regelsetzungsmacht → Verdrängung öffentlichen Rechts durch privates → Rückkehr von Herrschaftsformen, die Herrschaft über Personen an Eigentum an Infrastruktur koppeln. Das ist keine Ironie der Geschichte, sondern folgerichtig: Eigentum ist eine Herrschaftsbeziehung, und wenn nichts sie begrenzt, wächst sie sich zu dem aus, was sie vor dem Rechtsstaat war.

Fazit

Die These ist als Provokation brauchbar, als Analyse unsauber. Korrekt formuliert lautete sie: Der ökonomische Liberalismus zehrt die Errungenschaften des politischen Liberalismus auf und restauriert feudale Strukturmerkmale auf höherem materiellem Niveau. Damit ist sie vollständig anschlussfähig an die Hebelketten-Linie, denn die Antwort ist dann nicht „zurück zu mehr oder weniger Liberalismus” (die „Baberowski-Falle“), sondern: die privaten Regelsetzungsräume wieder öffentlicher Kontrolle unterwerfen. Genau das tun Glied 2 und 3.

1 „Gefällt mir“

Kurz zu den Prämissen

  1. „ein neues Element“ würde bedeuten, es hätte bisher etwas gefehlt, um die Vergesellschaftung der Geldschöpfung durchzuspielen (die Antwort darauf lautet: Nö.)
  2. „ … wäre das ein Schritt in eine Neuorganisation der Struktur“ - JA, und genau diesem Zweck soll die Hebelkette dienen. Wir hatten ganz am Anfang des Gegenmacht-Threads festgestellt, dass die Strukturen die Ursache der Macht-Asymmetrie sind. Deshalb müssen die Strukturen verändert werden.

@David @Flo und alle Interessierten

These: Geldschöpfung - kein neues Glied, aber gut gelagerter Zunder

Der Vorschlag verdient mehr als ein Schulterzucken, denke ich. Die kurze Fassung vorweg: Die Vergesellschaftung der Geldschöpfung ist kein fehlendes Element der Kette – sie passt vollständig in die vorhandene. Die spannendere Frage ist eine andere, und die lohnt sich.
Zuerst das Strukturelle. Die Hebelkette beschreibt, wie Gegenmacht entsteht, wirkt und stabilisiert werden kann – Funke, Organisierung, Staatseroberung, transnationale Absicherung, ökonomische Hebel. Sie beschreibt nicht, wofür man sie einsetzt. Die Geldschöpfung ist ein Wofür, kein Wie. Und tatsächlich lässt sich das Thema ohne jeden Umbau durch die Kette schicken: Glied 1 organisiert und klärt das Ziel, Glied 2 setzt es um – Geldschöpfung ist reine Rechtsmaterie, Bundesbankgesetz, Kreditwesengesetz - und Glied 3 wäre sogar zwingend im Spiel, weil das Geld im Euroraum bei der EZB und den Geschäftsbanken entsteht und national gar nicht allein regelbar ist. Der Vorschlag bestätigt die Kette in ihrer jetzigen Form: Sie bildet ihn restlos ab.
Gleichwohl: Das Thema selbst ist hoch interessant und darf ernst genommen werden. Die Schweizer Vollgeld-Initiative hat 2018 genau das per Volksabstimmung versucht – Geldschöpfung allein bei der Nationalbank, und immerhin fast ein Viertel der Stimmen geholt. Nach der Finanzkrise haben sogar IWF-Ökonomen das Modell seriös durchgerechnet. Es gibt also belastbares Material, keine Spinnerei.
Die Frage, an der es wirklich hängt: Taugt das Thema als Funke? Kann es die Mobilisierung zünden, das verbindende Interesse stiften? Und hier fällt die Antwort leider deutlich aus: fast sicher nicht. Aus drei Gründen.
Erstens spürt es niemand unmittelbar. Der Funke zündet am fühlbaren Problem – an der Miete, die steigt, an der Bahn, die nicht kommt, an der Schule, die mit Lehrern unterbesetzt ist und wo die Heizung tagelang ausfällt. Die Geldschöpfung hat keine Tür, an der man klingeln kann. Sie ist die abstrakteste Verursachung hinter den fühlbaren Symptomen – und Abstraktion mobilisiert nicht, sie ermüdet. Man könnte sagen: „Die Geldschöpfung ist der langweiligste und zugleich tiefste Hebel des ganzen Systems.“ Folgt man der Langeweile-These, ist das kein Zufall. Genau deshalb ist sie der bestgeschützte Hebel (bis jetzt ohne jegliche Zugriffsmöglichkeit der Gegenmacht).
Zweitens fehlt das Teilsubjekt. Die Kette braucht pro Kampf eine Gruppe mit greifbarem eigenem Interesse – Mieter, Pflegekräfte, Versicherte. Wer ist die Betroffenengruppe der Geldschöpfungsreform? „Alle, irgendwie.” Und alle-irgendwie heißt in der Praxis: niemand. Die Schweizer sind genau daran gescheitert – sie hatten Argumente, aber keine Betroffenen.
Drittens, und das muss offen auf den Tisch: Kein Themenfeld zieht so verlässlich Verschwörungsdenken an wie das Geldwesen. Von der harmlosen Zinskritik bis zur antisemitischen Chiffre ist es dort ein erschreckend kurzer Weg. Eine Bewegung, die mit „die Banken schöpfen unser Geld” an den Start geht, bekommt wahrscheinlich binnen Wochen Zulauf, den sie nicht haben will – und verliert die Deutungshoheit über ihr eigenes Thema. Die hier erarbeitete Grundregel – Struktur statt Sündenbock, Funktion statt Person – ist nirgends schwerer zu halten als beim Geld. Das spricht nicht gegen die Sache. Es spricht massiv dagegen, sie als Mobilisierungsvehikel zu verheizen.

Wohin also damit? An zwei Plätze, beide ehrenwert. In der Enzyklopädie gehört das Thema zu Glied 4, als äußerster Horizont der Kapitalfrage, hinter Stimmrechten und Vergesellschaftung die radikalste Fassung der Frage, die den ganzen Strang trägt: Wem gehört die ökonomische Infrastruktur? Und praktisch gehört es ins Regal der gepflegten Argumente. Denn die nächste Bankenkrise kommt, und wenn sie kommt, steht für ein kurzes Fenster eine Frage im Raum, die plötzlich jeder fühlt: Warum retten wir eigentlich private Geldschöpfer mit öffentlichem Geld? In diesem Moment braucht es das durchgerechnete, zitierfähige, seriös gehaltene Konzept – griffbereit, nicht erst zu erfinden. Sofort schlagkräftig.
Kurz: kein Funke, aber Zunder. Man zündet damit nichts an – man hält ihn trocken, bis das Fenster aufgeht. Das ist keine Herabstufung des Themas. Es ist die Arbeitsteilung: Nicht jedes gute Argument ist ein gutes Mobilisierungsthema, und die wertvollsten liegen mitunter am längsten im Regal.

1 „Gefällt mir“

@Flo und alle Interessierten: Inzwischen gibt‘s auch von Martin Sonneborn Äußerungen zum IFG. Verpackt in einem dichten Beitrag von 3 Minuten 23 Sekunden (mit weiteren Themen).

2 „Gefällt mir“