Juni 2026: Hitze & WM, Rentenreform, Postliberalismus, Krieg und Aufrüstung,…

Geld ist historisch in erster Linie ein Mittel zur Verrechnung sozialer Schuld gewesen, damit Basis und Grundlage einer arbeitsteiligen Wirtschaft, abgesichert durch eine Art kollektive und herrschaftlich organisierte Buchhaltung. Das konnte z.B. auch ein Wampum-Gürtel aus Muscheln sein, der jährlich in einem Ritual von der Gemeinschaft “gelesen” wurde, um das kollektive Gedächtnis der Verpflichtungen am Leben zu halten.

Mein Schluss daraus ist, als Linke bitte nicht von Freiheit im Zusammenhang mit Geld reden.

Geld bedeutet Handlungsfreiheit, insofern entweder eine gesellschaftliche Ordnung schaffen, die ohne Geld funktioniert, oder eine Geldordnung schaffen, die der allgemeinen Wohlfahrt unterliegt, nicht der Kommerzialisierung, wie es gegenwärtig der Fall.

Als Linke Angst vor dem Freiheitsbegriff zu haben ist mMn keine gute Strategie. Freiheit kann, z.B. beim angesprochenen Aaron Sahr, in acht Dimensionen ausführlich ausgearbeitet werden und nur weil libertäre, konservative und marktradikale Ökonomen und Politiker den Freiheitsbegriff missbrauchen, muss man hier nicht kapitulieren.

Wenn Menschen im täglichen Leben erfahren, was es bedeutet, dass sie Austerität unterworfen werden, dann sind es ganz konkret Freiheitseinschränkungen, daher würde ich hier all-in gehen. Adam Tooze bezeichnete mal die Schuldenbremse als Freiheitsberaubung und das ist mMn die richtige Richtung.

Ja, Adam Tooze hat das gesagt. Es widerspricht nicht dem was ich gesagt habe, er bezieht es auf die Geldschöpfung die durch die Schuldenbremse erschwert wird.

Den Freiheitsbegriff an sich sollen Linke auch nicht meiden, es wäre nur klug Geld nicht mit Freiheit in Verbindung zu bringen in sofern, denn wenn Geld Freiheit bedeutet, ist es erstrebenswert Reichtum zu erlangen. Wenn jemand zu Reichtum kommt, müssen andere dafür bezahlen was diese bestimmt nicht freiwillig tun. Wenn ich Freiheit meine, muss es eben auch frei sein.

Ich gebe dir recht, in diesem System ist Geld Handlungsfreiheit. Die Frage ist, auf wessen Kosten.

Ein weiterer Punkt, historisch müsste man unterscheiden in welcher Bevölkerungsschicht eine idealisierte Form der Verpflichtungserinnerung bestand.

Bei den herrschenden die Steuern eingetrieben haben wohl eher nicht. Die Einführung der Geldmünze ist eine Vereinfachung für die herrschenden, die damit umso mehr Kontrolle erlangten. Mit weniger Einsatz. Das hat sich bis heute gehalten dieses Prinzip.

Die Idee dass Geld zum Wohle aller sei - wir sind weiter denn je davon weg, egal wieviel ich über Freiheit nachdenke.

Den Weg, zu „einem zumindest in weiten Teilen stattfindendem Systemwechsel“ - kannst du ihn skizzieren? @David

Ich denke, wir beide liegen bei der Frage nah beieinander, dass spürbare Unterschiede im Lebensalltag von Menschen ein lohnendes Ziel sind - im Sinne von Freiheit von ökonomischen Zwängen. Das betrachte ich als nahe liegendes Interesse der Gegenmacht. Abseits der Theorie geht meine Frage in Richtung der praktischen Umsetzung. Es reicht nicht, zu sagen: „Es hat Vorteile für die Mehrheit, an einen bestimmten Punkt zu gelangen und ich habe überzeugende Argumente dafür angeboten.“ Wie kommt man hin, mit verfügbaren Mitteln? Oder, falls man die verfügbaren Mittel für unzureichend hält, wie schafft man die geeigneten praktischen Mittel?

@JakobB Okay, du hast recht, da habe ich mich nicht präzise ausgedrückt - wobei ich mir das Leben leicht machen wollte, indem ich einfach von „wackligen Beinchen“ schrieb.

Die Wissenschaft wurde auf Teilmeinungen der Virologie verengt, und alle anderen natur- und geisteswissenschaftlichen Felder wurden kurzerhand übergangen. Wissenschaft als Strohpuppe, um denkfaulen oder leichtgläubigen Menschen die Anschlussfähigkeit schmackhaft zu machen. Das ist ja viel schöner, als beliebige Willkür.:wink:

Es gab auch naturwissenschaftlich-analytische Gründe sich - zum Beispiel bei angebotenen Injektionen von RNA-basierten Substanzen - zu fragen, ob die Risiken wirklich ausreichend untersucht werden konnten, ob die Treffsicherheit gewährleistet ist, oder ob technologisch-begriffliche Unterscheidungen zwischen dem wohligen Wort „Impfung“ und der unterkühlten Beschreibung „synthetischer Bauplan, um dem Immunsystem zu zeigen, wie ein bestimmter feindlicher Virus aussieht“ zum besseren Verständnis und zur Meinungsbildung in der Sache hilfreich sind. … Natürlich darf man dem mündigen Bürger nicht zu viel zumuten. Sein Gehirn muss ja schon viele andere Sachen verarbeiten.

Wenn du mit Foucault argumentierst, es wäre schon hilfreich den Zusammenhang erklären.

Ich hab mich erstens nicht auf Foucault bezogen - ich stelle ihn gar nicht in Frage - zweitens beschreibt Foucault in dem einen Beispiel wie sich Machtverhältnisse innerhalb einer Krise gestalten, im anderen Beispiel wie Regierung und Institutionen Macht manifestieren.

Ich beschreibe ein mehrdimensionales Phänomen was des These von Foucault auch nicht widerspricht.

Den Punkt der wirklich angreifbar ist, das Machtausübung immer ein Oben und Unten braucht greifst du garnicht auf.

Was soll ich denn jetzt ernst nehmen und was nicht?

und da komme ich nicht weiter. Der Satz “man muss Macht neu denken” ist eine Aufforderung an eine nicht näher beschriebene Gruppe und das Gegenteil von der persönlichen Feststellung “meine Perspektive hat sich verändert”.

Auf ersteres habe ich reagiert und auf Foucault hingewiesen (Pandemie-Macht-Staat). Ich argumentiere nicht mit Foucault, ich kann ihm nicht viel abgewinnen, aber er zieht eine Argumentationslinie. Ich reagiere auf Deine Aufforderung an andere und sage: Nö, muss ich nicht, haben andere schon hingelegt, man kann sich einfach was aussuchen, was man für plausibel hält.

Deswegen könnte Foucault ja was für Dich sein und Du liest ihn mit Gewinn.

Doch habe ich. Konstruktivistisiche Perspektive, relationale Machtverhältnisse. (Deswegen kann ich auch nur bedingt etwas mit Foucault anfangen, Du vielleicht aber schon.)

Danke für die Klarstellung. Das hilft schonmal einzuordnen.

Ich denke drüber nach.

Es ist nicht als Appell gemeint, sich jetzt endlich mal und diesmal richtig… mit Macht zu beschäftigen. Ich formuliere das nächstes Mal anders.

Ich habe meinen Text über Macht damals unter anderem deshalb geschrieben, weil eine nicht enden wollende Diskussion über die Pandemie genau in diesem Spannungsfeld stattgefunden hat.

Echt? Hier im Forum? Gibt’s die Diskussion noch?

Würde mich interessieren.
(Bei Tilo fliegt man sofort raus, sobald man was Maßnahmen- oder Impf-mRNA-Kritisches sagt. Heute wieder passiert.)

Tatsächlich nicht hier, im Privaten gab’s eine jahrelange Auseinandersetzung. Ich hab viel über mich selbst gelernt.

Ich hab damals gegen alle allergisch reagiert, sowohl als auch.

Vielleicht zur Liberalismus-Debatte spannend:

Aktuelle Folge “Aufrechte Demokraten”, zweite Hälfte zu Koschorkes “Souveränität der Vernunft

Kurzthese: Der Liberalismus hat vor-liberale Zustände erzeugt. (Wo der Bogen rund wird zu Corona-Pest-staatliches Handeln “nicht neu”)

Wenn jemand zu Reichtum kommt, müssen andere dafür bezahlen was diese bestimmt nicht freiwillig tun. Wenn ich Freiheit meine, muss es eben auch frei sein.

Das setzt voraus, dass sich an der kapitalistischen Ordnung nichts ändern, was mit der Vergesellschaftung der Geldschöpfung jedoch der Fall wäre. Statt Kommerzialisierung steht der Bedarf und das Gemeinwohl im Vordergrund. Zudem ist es doch durchaus erstrebenswert sich ausreichend Freiheit zu organisieren. Das dürften viele mit Reichtum im heutigen Sinne ja verbinden.

Ich gebe dir recht, in diesem System ist Geld Handlungsfreiheit. Die Frage ist, auf wessen Kosten.

Gegenwärtig ginge die Vergesellschaftung auf Kosten des obersten Prozentes, insofern absolut zu verschmerzen, wenn es z.B. keine Milliardäre mehr gibt, weil die Kommerzialisierung der Geldordnung abgeräumt wird, was uns übrigens auch die nächste Finanzkrise ersparen würde.

Ein weiterer Punkt, historisch müsste man unterscheiden in welcher Bevölkerungsschicht eine idealisierte Form der Verpflichtungserinnerung bestand.

In wie fern müsste man dies tun? Grundsätzlich galt historisch die Verpflichtungserinnerung, in welcher Form auch immer, für alle Menschen der Gemeinschaft, die dieser herrschaftlichen Buchhaltung unterworfen war.

Wie kommt man hin, mit verfügbaren Mitteln?

Hinsichtlich des Zieles sind wir uns mit Sicherheit einig, da stimme ich deiner Einschätzung zu. Der Weg dorthin ist, zumindest für mich, inhaltlich noch nicht ausgereift, aber würde hier schlagwortartig folgendes sagen:

  1. Geldordnung unter gemeinwohlorientierter Kontrolle mit Vergesellschaftung der Banken (gibt das Konzept der “Demokratischen Allmenden” von Christian Felber, steht noch auf der Leseliste). Eine Bank dient also der Gemeinwirtschaft und wird demokratisch kontrolliert. Hauptleistung ist die Finanzierung allen Leistungen, die das Gemeinwohl stärken. Konzepte, wie z.B. die Kontrolle des Kreditmarktes beim Wohnbau in den 1960er und 70ern in D gibt es bereits.
  2. Jobgarantie als Instrument für Vollbeschäftigung, aber auch der basisdemokratischen Entscheidung über den Bedarf an Arbeit, also Arbeit, die im öffentlichen Interesse ist, keine “Bullshit-Jobs” im Sinne von David Graeber.
  3. Kommunale Ebene halte ich für den entscheidenden Hebel. Felber hat auch hier Ideen in seinem Buch “Gemeinwohl-Ökonomie”). Hierzu gehört auch die Integration der Banken, basisdemokratische Entscheidung über Ausgestaltung der Wirtschaft, Gemeinschaft, etc.

Wie gesagt, das als grobe Richtung. Muss mir das selbst noch konkretisieren, weil´s dazu bisher nach meinem Wissen nur wenig gute Literatur gibt.

Ich hab wahrscheinlich einfach einen anderen Freiheitsbegriff.

Wenn die Gruppe einer Herrschaft unterworfen ist, ist es in meiner Definition keine Freiheit. Wie die sich dann selbst innerhalb dieser Struktur organisiert ist es in meiner Welt keine Freiheit.

Die Vergesellschaftung der Geldschöpfung kann aus sich selbst heraus keine Freiheit sein, denn es braucht Organisation.

Für mich klingt das alles nach der Suche nach einem Kompromiss der Freiheit suggerieren soll.

Ansonsten können wir über alles diskutieren - aber verbunden mit einem Freiheitsbegriff - kommen wir nicht weiter, denn das wäre Kapitalismus light, was genauso wenig geht wie ein bisschen Schwanger.

@David Okay, die Richtung ist klar - und das selbst konkretisieren finde ich super, weil man dann nicht mehr darauf angewiesen ist, dass jemand anderes schon den Pfad gezeichnet hat. Sowas ist meistens ein Prozess, der sich nicht aus dem Ärmel schütteln lässt - es gibt Einiges zu berücksichtigen, wenn der Absprungpunkt die gegenwärtigen Umstände sind. Ich bin auf deine Ideen ausgesprochen gespannt.:wink:

@David @Ernst

Wie würde sich die Vergesellschaftung der Geldschöpfung in die Hebelkette einfügen?

Scheint mir fast ein neues Element zu sein.

Vorausgesetzt, politische Mehrheit ist etabliert, wäre das ja ein Schritt in eine Neuorganisation der Struktur. Wie könnte die aussehen?

@Flo Eine gute Frage, die ich bisher aufgeschoben habe. Ich wollte zumindest die Vorschläge von @David abwarten - mach‘ mich aber gerne schon mal am Konzept zu schaffen.

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@JakobB Soweit ich das erfassen konnte, ist das der Tenor, der im Podcast aus dem Buch begründet wiedergegeben wird. Während wiederholt gesagt wird der Liberalismus, würde ich eher herauslesen: Liberalismus nach aktueller westlicher Prägung. Die ungelösten Spannungsfelder, aufgeschoben, in sich so widersprüchlich, dass sie demokratischen Ideen entgegenstehen (zum Beispiel Bildungsniveau oder Geringschätzung kultureller Angebote oder Abwesenheit gemeinschaftlicher Zielbilder).

Die Argumentation, dass das zu vor-liberalen Zuständen führen kann, finde ich plausibel. Zwangsläufigkeit sehe ich nicht - es könnte mit einem Liberalismus unter anderen ideologischen und kulturellen Einflüssen zu anderen Zuständen (als den vor-liberalen) führen.

Ein weiteres interessantes Thema - wir haben zu viele davon.:rofl:

Das könnte eventuell Ideen liefern.

Es gibt noch einen zweiten Teil

Die IFG-Reform ist wirklich ein dickes Thema. Ich habe die Sache anhand der Hebelkette als Modell untersucht. Offenbar sind wir nicht die einzigen, die demokratische Ansätze suchen. … Hier die Zusammenfassung.

Fallstudie in Echtzeit: Die Regierung schraubt die Lampe ab
Während wir über stärkere Transparenzpflichten diskutieren, hat die Gegenseite geliefert – nur in die andere Richtung. Am 2. Juli hat der Koalitionsausschuss beschlossen, das Informationsfreiheitsgesetz zu „reformieren”. Liest man das Papier, wird schnell klar: Reformiert wird hier so, wie man ein Haus reformiert, indem man es abreißt.
Was das IFG bisher konnte, in einem Satz: Jeder Mensch durfte von Bundesbehörden Akten verlangen, ohne einen Grund zu nennen. Das war der ganze Trick. Keine Gnade, kein Antrag auf Wohlwollen – ein Recht. Zwanzig Jahre lang sind damit Skandale ans Licht gekommen, die sonst in Registraturen verstaubt wären: Ministerposten mussten geräumt werden, Fördermittelaffären flogen auf, die Kumpanei zwischen Ministerien und Konzernen wurde aktenkundig.
Und jetzt, was daraus werden soll.

Erstens: Wer künftig fragt, muss ein „berechtigtes Interesse” nachweisen. Das klingt harmlos und ist die Kernsprengung! Aus einem Recht für alle wird eine Erlaubnis für wenige – und wer über die Erlaubnis entscheidet, ist ausgerechnet die Behörde, in deren Akten man schauen will. Der Kontrollierte prüft, ob die Kontrolle ihm genehm ist.

Zweitens: Fragen dürfen nur noch natürliche Personen. Übersetzt: Die Organisationen, die das professionell und hartnäckig betreiben – die Rechercheplattformen, die Verbraucherschützer, die Transparenzinitiativen – sind als Antragsteller raus. Man verbietet nicht die Recherche. Man verbietet die Recherchierenden.

Drittens: Die Gebührendeckelung von 500 Euro fällt, künftig gilt das „Kostendeckungsprinzip”. Im Klartext können Anfragen zehntausende Euro kosten – und die bloße Möglichkeit reicht schon: Wer nicht weiß, ob die Antwort 80 oder 18.000 Euro kostet, fragt nicht. Die Abschreckung ist keine Nebenwirkung, sie ist der Zweck.
Dazu neue Ausnahmetatbestände auf einen Stapel von bereits dreißig, und die Namen der Behördenmitarbeiter werden künftig geschwärzt. Verantwortung bekommt ein Passbild ohne Gesicht.
Verpackt ist das Ganze als Punkt 32 in einem Papier mit dem Titel „Ein Programm für Aufschwung und Beschäftigung”, einsortiert unter Bürokratieabbau.

Man muss das würdigen: Der größte Rückbau staatlicher Transparenz in der Geschichte der Bundesrepublik reist als Verwaltungsvereinfachung. Kreativ und öde gleichzeitig. Wer dem Gegenmacht-Thread gefolgt ist, erkennt das Muster sofort: es ist die Langeweile-These, diesmal von der Gegenseite gespielt. Das Wirksame wird unsichtbar gemacht, damit niemand hinschaut. Punkt 32 ist darauf angewiesen, dass er langweilig wirkt. Er ist das Gegenteil.

Zur Cui-bono-Frage: Im entscheidenden Gremium sitzt ein Fraktionsvorsitzender, dessen Karriere mehrfach durch IFG-Recherchen in Bedrängnis geriet. Ein weiterer Abgeordneter, der dem Gesetz einen empfindlichen Karriereknick verdankt, hatte schon in den Koalitionsverhandlungen auf die Abschaffung gedrungen. Die SPD ist über den Koalitionsausschuss mit an Bord. Das alles muss man nicht ausschmücken. Es reicht, es hinzuschreiben.

Was das für die Hebelkette bedeutet
Der Beschluss trifft das Modell nicht am Rand, sondern an der Infrastruktur – gleich dreifach:
Er trifft die Übersetzungsfunktion. Cum-Ex wurde zur Geschichte, weil jemand Akten hatte. Die Kumpanei-Recherchen der letzten Monate liefen über IFG-Anfragen. Ohne Aktenzugang keine Belege, ohne Belege keine Erzählung, ohne Erzählung keine Empörung mit Adresse. Man dreht der Boulevard-Grammatik von links den Rohstoff ab.
Er trifft die Gesetzeswerkstatt. Wer Sollbruchstellen nachweisen will, wer fragt, wessen Hand in welchem Paragraphen steckt, braucht Dokumente. Der legislative Fußabdruck lebt von genau dem Zugang, der jetzt verrammelt wird.
Und er ist die exakte Gegenbewegung zur Initiative aus dem Gegenmacht-Thread. Während hier gefordert wird, Licht auf die verdeckten Kanäle zu machen, wird dort die vorhandene Lampe abgeschraubt. Das ist ärgerlich – und zugleich die beste Bestätigung, die das Modell bekommen konnte. Die Gegenseite hat offensichtlich dieselbe Analyse angestellt: Transparenz ist die billigste und schärfste Waffe der Gegenmacht. Niemand baut eine Lampe ab, die nichts beleuchtet.

Drei Gegenhebel, sofort greifbar
Erstens, die EU-feste Hintertür. Das Umweltinformationsgesetz setzt europäisches Recht um – Aarhus-Konvention, Umweltinformationsrichtlinie – und kann vom deutschen Gesetzgeber nicht einfach kassiert werden. Für alles mit Umwelt- und Energiebezug bleibt dieser Zugang offen, dazu die Transparenzgesetze der Länder. Glied 3, das im Sanktions-Beitrag als Flanke auftrat, zeigt hier seine andere Seite: als Schutzschild, das die nationale Dunkelkammer nicht ganz abdunkeln kann. Die praktische Folge: Anfragen, wo möglich, auf die EU-festen Rechtsgrundlagen umstellen – und die Lücken dokumentieren, die das absichtlich schafft.
Zweitens, die Anhörung als Waffe. Der Beschluss ist ein Papier des Koalitionsausschusses, noch kein Gesetz. Es kommt ein Verfahren, es kommen Anhörungen – und der Widerstand ist schon jetzt breiter als üblich: Die Bundesdatenschutzbeauftragte warnt vor der Abschaffung der Informationsfreiheit, die Journalistenverbände sprechen von einer geplanten Blackbox, eine Petition an die Abgeordneten läuft. Jetzt gilt, was hier zum Gesetzgebungshandwerk erarbeitet wurde: jede Schwachstelle des Entwurfs öffentlich aktenkundig machen, den Verfassungskonflikt vorbereiten – der voraussetzungslose Informationszugang hängt an der Informationsfreiheit des Grundgesetzes, und ein „berechtigtes Interesse” als Türsteher davor wird die Gerichte beschäftigen. Wer nach protokollierter Warnung sehenden Auges beschließt, steht später schlecht da. Dafür muss die Warnung ins Protokoll gebracht werden.
Drittens, der Stoff selbst. Boulevard-tauglicher wird es nicht: “Sie wollen wissen, was Ihre Regierung tut? Weisen Sie erst ein berechtigtes Interesse nach. Und bringen Sie zehntausend Euro mit.“ Das ist nach oben adressiert, sachlich gedeckt bis ins Detail, und die Profiteure der Dunkelheit sind namentlich bekannt. Die Mobilisierung braucht hier keine Zuspitzung, nur Nacherzählung – die Fakten sind die Pointe. Wer die Umadressierungs-Übung aus diesem Thread sucht: Hier liegt sie, servierfertig.

Die Bilanz
Kein Grund für große Vokabeln – die Sache ist als nüchterner Satz vernichtender: Eine Regierung baut die Instrumente ab, mit denen man ihr auf die Finger schauen kann, und verpackt es so unauffällig wie möglich. Zusammen mit der Sanktionsmechanik aus dem letzten Beitrag ergibt das eine Linie, die man ohne Dramatisierung ziehen kann: Kontrolle der Macht wird abgebaut, Kontrolle durch die Macht ausgebaut. Zweimal dasselbe Prinzip in wenigen Monaten.
Demokratien sterben selten am Panzer. Meistens sterben sie am Paragraphen – an vielen kleinen, jeder für sich verteidigbar, jeder als Reform getarnt, in der Summe eine Fassade, hinter der niemand mehr nachsehen darf. Punkt 32 ist so ein Paragraph. Er rechnet fest damit, dass er zu langweilig ist, um Widerstand zu erzeugen.
Diese Rechnung kann man ihm verderben. Das Verfahren hat gerade erst begonnen.

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Ich frag mich nur, gibt es irgendeine Partei die sich dagegen positioniert? Ich hab nichts gehört - was nichts heißen muss. Ich hänge aber ziemlich doll in den Feeds der Linken, mir ist nichts konkretes aufgefallen. Hm.

Vielleicht zu langweilig…