Die Pandemie zeigt etwas, das sich wahrscheinlich erst in 10–15 Jahren, wenn überhaupt, ausbuchstabieren lässt.
Sie macht aber jetzt schon deutlich, wie Macht funktioniert: Gedankenmodelle, die in einer bestimmten Zeit und Hierarchie entstanden sind, verlieren an Bedeutung, wenn diese Hierarchie selbst erschüttert wird. Die Pandemie zeigt nicht nur, dass Hierarchie eine künstliche Form von Macht ist, sondern macht die Ebenen der Machtwirkung unmittelbar erlebbar. Im Lockdown zuhause, Haushalt, Kinder beschulen, Angehörige pflegen, Homeoffice – dabei immer dieses latente Ohnmachtsgefühl und die Angst. Und all das global, kollektiv, als Content frei verfügbar und teilbar. Jeder konnte jeden im Lockdown emotional miterleben.
Egal ob konservativ oder progressiv: Das unmittelbare Erleben, die Auswüchse, Skandale und alles was damit zusammenhängt, sind Belege dafür, dass Gedankenmodelle, die vorher Plausibilität hergestellt haben, es nicht mehr in gleicher Weise leisten können – weil es an die Grundsubstanz menschlicher Kognition geht: das Bedürfnis nach einer stimmigen Erklärung der eigenen Lage.
Eine steile These, mit der ich bewusst anecken will: Vielleicht sind Ukrainekrieg, Gaza, Irankrieg, Trump auch Ausdruck einer Spannung, die sich lange vorher aufgebaut hat und die durch die Pandemie einen neuen Resonanzraum bekommen hat. Das ist eine Vermutung, keine bewiesene Kausalkette – aber sie würde erklären, warum plötzlich so viel gleichzeitig kippt.
Was mich davon überzeugt: Begriffe wie Macht müssen neu gedacht werden. Bisher denken wir Macht fast immer entlang einer Achse – von oben nach unten, oder als Gegenmacht von unten nach oben. Die Pandemie hat aber gezeigt, dass Macht gleichzeitig aus mehreren Richtungen wirkt, die sich nicht mehr sauber trennen lassen: der Staat verordnet den Lockdown, gleichzeitig entsteht Macht horizontal zwischen Nachbarn (wer kontrolliert, wer denunziert), gleichzeitig baut sich von unten Druck auf durch das massenhaft geteilte Erleben, und gleichzeitig wirkt eine mediale Ebene, die niemand zentral steuert und die trotzdem alles überformt. Vier Richtungen, gleichzeitig wirksam, keine davon eindeutig übergeordnet. Das lässt sich mit einem Modell, das nur oben und unten kennt, nicht mehr fassen.