Danke für die Antwort – das Antizipationsmodell ist der beste Teil davon. “Was bin ich für die Anderen?” löst die Wirkrichtungsfrage tatsächlich eleganter als jedes Entweder-oder.
Zum Steve-Vai-Einwand: überzeugt. Ich hatte den Unterschied zwischen Individuum und sozialer Kategorie nicht klar genug im Blick.
Aber bei vdL bleibe ich skeptisch – nicht gegen die These insgesamt, sondern gegen ihre Reichweite in diesem Fall. Dass das Umfeld seine Identität als loyale Innenzirkel-Mitglieder schützt, erklärt, warum niemand aufsteht. Es erklärt aber nicht, warum jemand nach einer handfesten Affäre – Stichwort Bundeswehr-Beraterverträge – nicht abgesägt, sondern nach Brüssel befördert wird. Das riecht weniger nach Identitätsdynamik als nach klassischem Machtinteresse: Jemand, der zu viel weiß oder zu gut vernetzt ist, um fallen gelassen zu werden. Wegloben als Entsorgung mit Aufstiegsschleife. Verschwörungstheorie toppt Identitätstheorie an Plausibilität…
Was die Epstein-Files gerade sehr anschaulich illustrieren – unabhängig von allen Spekulationen über konkrete Personen: Netzwerke auf dieser Machtebene funktionieren nicht primär über Identität und Zugehörigkeitsgefühl, sondern über wechselseitige Abhängigkeit, geteiltes Wissen und den nüchternen Wert, den jemand für andere hat. Schutz entsteht nicht, weil man sich als Teil derselben Gruppe fühlt, sondern weil der Fall eines Mitglieds andere mitreißen würde. Das ist eine andere Mechanik – kälter, kalkulierter, und durch Identitätsanalyse allein nicht zu fassen.
Die Identitätsthese erklärt Stabilität von unten. Was sie schwerer fassen kann, ist Stabilität von oben – die, die durch Netzwerke, gegenseitige Abhängigkeiten und kalkulierten Interessenausgleich entsteht. Beides gehört zum Bild.