Ich mische mich ungern ein, ich glaube du übergehst die Frage warum. Fdeomges stellt sie und kann sie beantworten.
Gute Fingerübung. Ein paar Gedanken dazu.
Wie Identitäten entstehen
Die Frage “Ich kann mich nicht erinnern dass mir meine zugewiesen wurde” ist eigentlich der beste Beleg für die These. Identitäten werden nicht zugewiesen. Niemand kommt und sagt “du bist jetzt X”. Sie entstehen als Antwort auf die Frage: “Was bin ich für die Anderen? Welche Erwartungen muss ich antizipieren?” Das Kind lernt nicht “ich bin ein Junge” — es lernt wie sich Jungen verhalten müssen damit die anderen sie als Jungen behandeln. Diese Antizipation wird zur Selbstbeschreibung, und die Selbstbeschreibung wird zur Verhaltensanweisung. Der ganze Prozess läuft unterhalb der bewussten Schwelle. Genau deshalb kann man sich nicht daran erinnern.
Steve Vai
Das Gegenbeispiel trifft eine andere These. “Ich sage mir täglich ich bin Steve Vai aber werde es nicht” — klar, Affirmation ist keine Identität. “Steve Vai” ist ein Individuum, keine soziale Kategorie. Da steckt keine Gruppe drin, kein Erwartungshorizont, kein Verhalten das antizipiert werden kann.
“Musiker” wäre eine Identität. Wer sich als Musiker identifiziert, weiß was Musiker tun — auf Konzerte gehen, jammen, über Equipment reden, sich in Musikerkreisen bewegen. Ob man dabei gut oder schlecht spielt ist eine andere Frage. Der Punkt ist dass die Identitätskonstruktion das soziale Verhalten steuert.
Wirkrichtung
Die Frage ob Identität Verhalten erzeugt oder ob Persönlichkeit zuerst da ist und Sprache nur beschreibt, lässt sich mit dem Antizipationsmodell auflösen. Persönlichkeit entsteht nicht im Vakuum und wird dann nachträglich beschrieben. Sie entsteht in der sozialen Interaktion — als Antwort auf wahrgenommene Erwartungen. Sprache liefert dabei die Kategorien in denen antizipiert wird. “Leistungsträger” beschreibt nicht jemanden der schon so ist — es liefert die Kategorie, anhand derer jemand sein Verhalten ausrichtet.
AfD
Die Alternative “bekannte Persönlichkeiten, Medienaufmerksamkeit und eine Klientel die sich nicht vertreten sah” beschreibt den Effekt. Die Frage ist woher das Gefühl kommt sich nicht vertreten zu sehen. Die Merkel-CDU hat Politik gemacht die objektiv im Interesse vieler ihrer Wähler lag — Wirtschaft stabil, Arbeitsmarkt gut. Was sie nicht mehr bedient hat war die Identität: “Wir sind Deutsche, das ist unser Land, und die Ordnung steht.” Die AfD hat dieses Angebot gemacht und gleichzeitig die Knappheit erzeugt: “Ihr verliert euch.” Das funktioniert weil der Kapitalismus den Mechanismus eingeübt hat — man kauft keine Produkte, man kauft Identitäten. Die AfD überträgt das in die Politik.
Zur Kirche: Das Christentum hatte hegemoniale Macht bevor es Staatsreligion wurde. Konstantin hat es 380 nicht zur Staatsreligion gemacht weil er so fromm war, sondern weil es bereits Millionen Anhänger hatte — durch Identitätsangebote (Erlösung, Gemeinschaft, moralische Ordnung), nicht durch staatliche Ressourcen. Die Macht folgte der Identität, nicht umgekehrt.
Corona
Die Beobachtung dass “Ich bin solidarisch” zur Identität wurde, inklusive Überlegenheitsgefühl und Ausgrenzung — das bestätigt die These. Derselbe Mechanismus, linkes Vorzeichen. Solidarität war keine Handlung mehr sondern eine Selbstbeschreibung, und wer sie nicht übernahm wurde ausgeschlossen. Genau so funktioniert Identität als Machtinstrument: Zugehörigkeit definieren, Grenze ziehen, Abweichung sanktionieren.
Trump/VdL
Die Frage warum die Umgebung mitmacht auch wenn einer “die größte Scheiße baut” beantwortet sich mit demselben Mechanismus. “Ich gehöre zum inneren Kreis”, “Ich bin loyal”, “Ich bin Teil des Gewinner-Teams” — alles Identitätskonstruktionen. Wer Trump fallen lässt verliert nicht nur Zugang zu Macht, sondern seine Selbstbeschreibung. Und die verteidigt man.
Bewusste Analyse
Dass bewusste Analyse von Identität beeinflusst wird, macht sie nicht zum Bauchgefühl. Analyse ist immer von Vorannahmen beeinflusst — die Frage ist ob man das weiß. Wer seine eigenen Identitätskonstruktionen kennt, kann methodisch korrigieren. Wer sie nicht kennt, hält sein Bauchgefühl für Analyse.
Dieser Text wurde durchaus mit KI-Hilfe erstellt, aber die Gedanken sind die der Autorin und jedes Wort wird von ihr verantwortet.
Sehr spannend, und durch deinen Foren / KI Thread habe ich mich inspirieren lassen, eine Antwort zu schreiben, obwohl es schon so spät ist. Die KI braucht dringend eine Redigierfuntkion, damit ich direkt markieren kann, was mir nicht gefällt. Das dauert ja sonst ewig.
Hier meine Antwort mit der ich jetzt einigermaßen d’accord bin
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Mir ging es in meiner Ausgangsthese nur um die Identitätskonstruktion durch Sprache – nicht im linguistisch-deterministischen Sinne, sondern im konstruktivistischen.
Unsere innere Identität entsteht aus dem Zusammenspiel von materiellen Verhältnissen und der Art, wie wir darüber denken und sprechen. Wer in Machtpositionen landet, muss deren Sprache übernehmen, um dort zu funktionieren. Das ist die eigentliche Pointe: Wenn man die Sprache der Macht nutzen muss, um mächtig zu sein – wer kontrolliert dann hier eigentlich wen?
Warum ich Machtausübung auf der Ebene der Sprache suche? Weil hier mein Ansatzpunkt für Selbstwirksamkeit liegt. Ich kann schließlich nicht einfach zum Kanzleramt spazieren und Merz erklären, dass ich bei Identitätsangeboten wie ‚Leistungsträger‘ nicht mehr mitmache. Aber ich kann durch Reflexivität meine eigene innere Identität von diesen Kategorien befreien (ein bisschen?). Ich entziehe der Macht die Grundlage, indem ich aufhöre, mich selbst über ihre Sprache zu definieren.
Man kann natürlich auch eine Revolution anzetteln – aber das Risiko ist groß, dass man am Ende selbst auf dem Chefsessel landet (oder plötzlich Musikmanager wird, @Syd
) und feststellt, dass die neue Rolle die eigene Identität schneller frisst, als einem lieb ist.
Die Frage “wenn man die Sprache der Macht nutzen muss um mächtig zu sein — wer kontrolliert dann hier eigentlich wen?” lässt sich weiterdrehen. Ich würde die These aufstellen, dass es für die Sprache der Macht ganz konkrete Gatekeeper gibt: AMG, Patek Philippe, Hermès, LVMH. Wer zur Elite gehören will, muss sich über deren Produkte als Elite ausweisen — die Tasche, die Uhr, das Auto sind keine Accessoires, sondern Eintrittskarten. Am meisten Macht in dieser Hinsicht versammelt ein Franzose namens Bernard Arnault, dem über LVMH rund 75 Luxusmarken gehören. Er verkauft keine Produkte — er verkauft Identitätszugang. Royals, Hollywood-Stars, Scheichs, Staatschefs, Edel-Prostituierte — alle kaufen bei ihm ein um als das erkannt zu werden was sie sein wollen. Die Sprache der Macht hat einen Besitzer.
Dass man sich durch Reflexivität von Identitätskategorien befreien kann — ja. Aber das “(ein bisschen?)” verdient eine ehrliche Antwort. Wer wissen will was es kostet eine zugewiesene Identität abzulegen, muss nur ältere transidente Menschen fragen. Es geht. Aber es kostet Beziehungen, Karrieren, Sicherheit, manchmal Jahrzehnte. Und genau darin zeigt sich die Macht: Du kannst die Identität ablegen. Aber wenn du dann im Leben weiterkommen willst, musst du etwas drauf haben worauf keiner verzichten kann. Sonst macht die Gesellschaft dich einfach ein. Der Gehorsam wird nicht direkt erzwungen — er wird über den Preis des Ausstiegs diszipliniert. Denn Identität macht soziale Interaktion billig — für alle Beteiligten. “Der ist X, die ist Y” — fertig, die Antizipation läuft, niemand muss nachdenken. Wer seine Identität ablegt, zwingt sein gesamtes Umfeld zum Nachdenken. Und das nehmen die übel. Das erklärt auch die Aggression gegen Transmenschen, Veganer, Atheisten — die bedrohen nichts Praktisches. Sie machen die Abkürzung kaputt.
Danke für die Erweiterung und deine ehrlicheAntwort! Im Zusammenhang mit Symbolen der Macht als Eintrittskarte frage ich mich: Wo beginnt eigentlich das Korrumpierende? Geht es wirklich nur darum, wie andere mich mit einer Rolex sehen – oder vielmehr darum, wie ich durch die Rolex (oder das Wissen, sie mir leisten zu können) auf meine Mitmenschen blicke?
Es ist ja schon interessant, dass Merz sich als Mittelschicht bezeichnet und Macron seine Luxusuhr verstecken wollte, während Trump mit dem Goldpalast flext.
Identitäten als Energiesparmodell fürs Gehirn - gefällt mir und deckt sich auch mit meiner Ausgangsthese. Wer diese Kategorien aufbrechen will – sei es durch eine Transition, radikalen Veganismus oder den Ausstieg aus dem klassischen Arbeitsmarkt –, muss enorme innere Arbeit leisten.
Doch damit zwingt man auch sein Umfeld, die bequeme, erwartete Welt zu verlassen,
Für mich als Selbstständigen ist das in abgeschwächter Form nachvollziehbar: Ich verzichte auf die ‚sichere‘ Identität und die systemische Absicherung, gewinne dafür aber Zeit und Selbstwirksamkeit. Man entzieht sich der Fremdbestimmung, muss dafür aber den Preis der eigenen Verwertbarkeit zahlen – ein Deal, der zeigt, dass wahre Freiheit immer auch Arbeit an der eigenen Identität bedeutet, und das man Macht verstehen, ihr aber nicht wirklich entrinnen kann.
Danke für die Antwort – das Antizipationsmodell ist der beste Teil davon. “Was bin ich für die Anderen?” löst die Wirkrichtungsfrage tatsächlich eleganter als jedes Entweder-oder.
Zum Steve-Vai-Einwand: überzeugt. Ich hatte den Unterschied zwischen Individuum und sozialer Kategorie nicht klar genug im Blick.
Aber bei vdL bleibe ich skeptisch – nicht gegen die These insgesamt, sondern gegen ihre Reichweite in diesem Fall. Dass das Umfeld seine Identität als loyale Innenzirkel-Mitglieder schützt, erklärt, warum niemand aufsteht. Es erklärt aber nicht, warum jemand nach einer handfesten Affäre – Stichwort Bundeswehr-Beraterverträge – nicht abgesägt, sondern nach Brüssel befördert wird. Das riecht weniger nach Identitätsdynamik als nach klassischem Machtinteresse: Jemand, der zu viel weiß oder zu gut vernetzt ist, um fallen gelassen zu werden. Wegloben als Entsorgung mit Aufstiegsschleife. Verschwörungstheorie toppt Identitätstheorie an Plausibilität…
Was die Epstein-Files gerade sehr anschaulich illustrieren – unabhängig von allen Spekulationen über konkrete Personen: Netzwerke auf dieser Machtebene funktionieren nicht primär über Identität und Zugehörigkeitsgefühl, sondern über wechselseitige Abhängigkeit, geteiltes Wissen und den nüchternen Wert, den jemand für andere hat. Schutz entsteht nicht, weil man sich als Teil derselben Gruppe fühlt, sondern weil der Fall eines Mitglieds andere mitreißen würde. Das ist eine andere Mechanik – kälter, kalkulierter, und durch Identitätsanalyse allein nicht zu fassen.
Die Identitätsthese erklärt Stabilität von unten. Was sie schwerer fassen kann, ist Stabilität von oben – die, die durch Netzwerke, gegenseitige Abhängigkeiten und kalkulierten Interessenausgleich entsteht. Beides gehört zum Bild.
Das finde ich eine sinnvolle Ergänzung für korrumpierende Macht. Wie Metallica sang: “Wash your back, so you won’t stab mine".
Die Beobachtung dass Stabilität von oben möglicherweise anders funktioniert als Stabilität von unten ist fair. Allerdings wird es auf dieser Ebene generell schwieriger zu beurteilen was tatsächlich passiert. Bei Epstein etwa reichen die Erklärungsversuche von Kompromat-basiertem Erpressungsnetzwerk über einen Investmentklub mit extremen Anforderungen ans Collateral bis hin zu einer Art Beichtvater-Funktion — der Typ der so weit jenseits aller Normen operiert dass man bei ihm alles besprechen kann. Adam Tooze hat bei der Analyse des Schriftwechsels zwischen Epstein und Summers auf genau diese letzte Lesart hingewiesen. Solange nicht klar ist was dort tatsächlich gelaufen ist, würde ich mich ungern festlegen ob Identität dort der tragende Mechanismus ist oder etwas anderes.
Was sich leichter zeigen lässt ist MAGA. Kalkuliertes Interesse erklärt einen Teil — Steuersenkungen, Deregulierung, Machtzugang. Aber es erklärt nicht warum Leute bei Trump bleiben die er öffentlich demütigt, feuert, und die dann zurückkommen. Sessions, Barr, Haley, Vance — alle wurden erniedrigt und haben sich wieder eingereiht. Wer gedemütigt wurde und zurückkommt, schützt nicht sein Interesse, er schützt seine Zugehörigkeit. Und Trump gibt den Leuten in seinem Umfeld Identitäten die an ihn gebunden sind: Vance war ein Nobody-Senator, jetzt ist er “Trumps Kronprinz”. Ohne Trump kollabiert diese Identität sofort. Das ist kein kaltes Kalkül — das ist Abhängigkeit durch Identität.
Oder es ist die Drohung wenn du nicht das machst was ich will droht dir Machtverlust.
Bin mir nicht sicher ob Identität Macht akkumuliert oder Macht Identität schafft.
Nach meiner Theorie ist es eher letzteres.
Die Frage ob Identität Macht akkumuliert oder Macht Identität schafft lässt sich vielleicht auflösen wenn man aufhört nach einem Startpunkt zu suchen.
Macht wirkt — durch Gewalt, Geld, Institutionen, Narrative. Wenn sie wirkt, hinterlässt sie einen Abdruck im Individuum: Identität. Identität ist nicht die Macht selbst. Sie ist das was übrig bleibt nachdem Macht gewirkt hat — der Abdruck, die irreversible Zustandsänderung die zurückbleibt nachdem die Energie aufgenommen und wieder abgegeben wurde.
Dieser Abdruck reproduziert dann die Bedingungen unter denen neue Macht wirken kann. Die Identität formt das Verhalten, das Verhalten stabilisiert die Struktur, die Struktur hinterlässt neue Abdrücke. Kein Kreislauf mit einem Anfang — ein thermodynamischer Prozess.
Und wie jede irreversible Zustandsänderung ist der Abdruck nicht ohne erheblichen Energieaufwand reversibel. Genau deshalb kostet es transidente Menschen Jahrzehnte und Beziehungen und Karrieren eine zugewiesene Identität abzulegen. Der Abdruck will bleiben. Und genau deshalb reicht Bewusstsein allein nicht — man kann die Entropie nicht durch Beobachten rückgängig machen. Man braucht Energie. Mindestens so viel wie die Macht aufgewendet hat um den Abdruck zu setzen. Manchmal mehr.
Wer das in Aktion sehen will muss nicht weit gucken. Die heißen Diskussionen in diesem Forum selbst sind ein brauchbares Analyseobjekt.
Es gibt hier Diskussionen die regelmäßig eskalieren — nicht weil die Sachfragen so kontrovers wären, sondern weil Identitäten kollidieren. Das Muster ist immer dasselbe: Jemand postet etwas, und bevor der Inhalt verarbeitet wird feuert bei anderen bereits die Identität. Die Reaktion kommt nicht auf das Argument — sie kommt auf die wahrgenommene Bedrohung der Selbstbeschreibung.
Konkretes Beispiel: Die KI-Diskussionen in diesem Forum. Es bilden sich zwei antipodische Identitätskonstrukte heraus — nennen wir sie die Cyborgs und die KI-Gatekeeper. Und wenn Identität der Abdruck ist den Macht hinterlässt, lohnt die Frage welche Macht hier jeweils prägt.
Die Gatekeeper-Identität ist ein Abdruck des Bildungssystems. Originalität, Eigenleistung, geistiges Eigentum, Autorschaft — das sind keine natürlichen Kategorien, das sind Werte die über Jahrzehnte eingeübt wurden. Wer in einem System aufgewachsen ist das Noten für individuelle Leistung vergibt und Abschreiben als Betrug sanktioniert, für den ist “das hat eine KI geschrieben” kein Sachargument — es ist ein moralisches Urteil. Und in der Forderung nach dem “selbst Gedachten” steckt bei genauerem Hinsehen ein Reinheitsgebot: Der Gedanke soll unvermischt sein, unverfälscht, ein kognitiver Naturzustand. Wer KI benutzt hat kontaminiert. Das ist kein epistemisches Argument — es ist Othering. Und es reproduziert exakt das Muster das dieser Thread analysiert: Eine historisch eingeübte Ordnung wird als natürlicher Zustand verteidigt.
Die Cyborg-Identität hat eine andere Genealogie. Was hier wirkt ist weniger Tech-Hegemonie als eine alte Ingenieurstradition. Der Kern dieser Tradition: Wer etwas kann worauf andere nicht verzichten können, ist weniger beherrschbar. Der Kaiser kann seinen Kathedralenbauer einsperren oder töten lassen — aber dann hat er niemanden mehr der ihm eine Kathedrale baut. Diese Abhängigkeit der Macht von der Kompetenz ist der älteste Schutzraum den es gegen Machtmissbrauch gibt. KI erweitert in diesem Rahmen nicht die Abhängigkeit, sondern die Autonomie — mehr können, mehr bauen, weniger ersetzbar sein.
Diese Identität ist kein Abdruck einer Machtstruktur — sie ist eine Antwort auf Macht. Sie sagt nicht “ich gehöre dazu” sondern “ihr könnt mich nicht zwingen weil ihr mich braucht.” Das ist eine fundamental andere Genese als die des Gatekeepers, dessen Identität vom Bildungssystem geprägt wurde.
Und die Konflikte die daraus entstehen folgen einem klassischen Insider-Outsider-Muster. Die Gatekeeper sind die Etablierten — die Akademie, der Diskursraum, das Forum ist ihr Territorium. Wenn jetzt Leute auftauchen die nicht nach den Regeln spielen, die sich nicht durch Eigenleistung im traditionellen Sinn legitimieren, die mit Maschinen verschmolzen sind, dann ist die Reaktion keine intellektuelle Position — es ist Grenzverteidigung. Die Sprache verrät es: “Slop”, “Spam”, “das ist keine Diskussion mehr” — Kontaminationsvokabular. Halbwesen die die Reinheit des Diskurses bedrohen. Die Cyborgs wiederum wollen kein Territorium übernehmen — sie wollen ihre Arbeit machen. Und sie wehren sich wenn jemand ihnen sagt sie gehörten hier nicht hin. Wer das bekannt vorkommt: Es ist derselbe Mechanismus wie in der Migrationsdebatte. Dieselben Reflexe, dasselbe Kontaminationsvokabular, dieselbe Angst vor dem Unreinen. Nur das Objekt hat gewechselt.
Das ist keine Beobachtung von außen. Mir gelingt es selbst selten einen Angriff der KI-Gatekeeper zu ignorieren — obwohl die rationale Antwort wäre es zu halten wie die Queen und gar nicht erst zu reagieren. Aber die Cyborg-Identität sitzt tief genug dass sie feuert bevor ich nachdenken kann. Das ist kein Versagen der Selbstreflexion. Das ist der Punkt: Identität sitzt tiefer als Bewusstsein. Man kommt da nicht einfach raus, auch wenn man den Mechanismus kennt.
Das lässt sich auch an anderen Stellen beobachten — Feminismus, Elitenkritik, Corona. Überall dort wo es heiß wird lohnt ein einfacher Test: Verteidige ich gerade meine Selbstbeschreibung, oder bringe ich ein Argument? Wenn die Antwort ehrlich ist, klärt sich meistens warum die Diskussion eskaliert ist. Die Sachfrage war der Auslöser, der Treibstoff war Identität.
Der Antagonismus „Cyborg vs. Gatekeeper“ gefällt mir. Ich möchte ihn ergänzen und auch ein bisschen auflösen mit dem Aspekt „menschliche Neugier“ in einem Diskussionsforum als virtuellem Treffpunkt. Wir wollen etwas erfahren über die Personen (Persönlichkeiten, meinetwegen auch „Identitäten“) hinter den Beiträgen.
Wir lesen Kommentare nicht nur, um Argumente zu verarbeiten, sondern auch, um jemanden zu erkennen – Denkweise, Temperament, Widersprüche, Humor. Die KI-Formulierung stört das, nicht weil sie sprachlich unschön ist oder schlecht leserlich, sondern weil sie die Lesbarkeit der Person hinter dem Beitrag reduziert. Das damit verbundene Störgefühl ist kein Gatekeeper-Reflex; das können auch Leute empfinden, die KI-Nutzung grundsätzlich akzeptieren, so wie ich.
Zum Punkt, dass Diskussionen über Sachfragen oft empfunden werden als Angriff auf die eigene Selbstbeschreibung a.k.a. Identität: Ja, absolut. Und weil unsere Identitäten vielschichtig sind, ist das Triggern dieser Konflikte ein extrem effektives Machtmittel: divide et impera.
Anhand einer Friedensbewegung, die in den 1980ern Hunderttausende unterschiedlichster politischer Coleur auf die Straße brachte und heute fast niemanden, ließe sich das vermutlich konkretisieren…
Der Wunsch die Person hinter dem Beitrag zu erkennen ist verständlich. Aber er ist ein Wunsch nach Zugang zu meiner Privatsphäre, und den gewähre ich nicht. Ich bin nicht lebensmüde und fange hier mit Oversharing an. Ich teile genau das was ich teilen will — auf der Ebene der Argumente alles, auf der persönlichen Ebene nur gezielt. Wer damit ein Störgefühl hat, sollte sich fragen ob das Störgefühl wirklich daher kommt dass die Person “nicht lesbar” ist — oder daher dass die Identitäts-Marker fehlen an denen man den anderen einordnen kann. Und das wäre dann wieder exakt der Mechanismus den wir hier diskutieren: Identität macht soziale Interaktion billig. Wer die Abkürzung nicht liefert, zwingt den anderen zum Nachdenken. Und das nehmen die übel.
Wer wissen will wer ich bin: Ich empfehle die Folge des Fernsehpodcast an der ich teilgenommen habe — https://www.youtube.com/watch?v=HfNEtKp1Wbs&t=279s
Zum divide et impera: Ja. Die Friedensbewegung der 80er ist ein gutes Beispiel. Was sie konnte war eine gemeinsame Sache über Identitätsgrenzen hinweg zu organisieren — Konservative neben Linken neben Kirchenleuten neben Punks. Was seitdem passiert ist, ist nicht dass die Sachfragen weniger dringend geworden wären. Was passiert ist, ist dass die Identitätsfragmentierung so weit fortgeschritten ist dass keine gemeinsame Sache mehr die Identitäten überbrückt. Die Frage wer neben wem auf der Demo steht ist wichtiger geworden als wofür man demonstriert. Auch das ist der Mechanismus.
Das „Störgefühl“ war ein allererster Eindruck, als ich ganz frisch hier aufgeschlagen bin und mich mit einer ungewohnten Anzahl von KI-Hybrid-Texten konfrontiert sah. Es trifft auf dich nicht (mehr) zu: Du gibst mehr von dir preis, als jede(r) andere hier bereit ist, zu offenbaren. Und hast meinen allergrößten Respekt dafür. Ganz ehrlich.