Einfach mehr Solarplatten kaufen reicht leider nicht – ein paar strukturelle Gedanken zur Energiediskussion
Mir fällt schon länger auf – auch aus früheren Folgen, wenn es um den EE-Ausbau in China ging und warum das hier einfach nicht passiert – dass die Diskussion beim “baut halt mehr Solar” stehen bleibt. Wolfgang und Stefan können ein Thema wie den Strommarkt natürlich nicht in jeder Tiefe abdecken, also versuche ich das hier mal für alle, die da tiefer reingehen wollen. Ich bin beruflich auch in dem Thema drin, allerdings kein Experte – also gerne korrigieren.
Das Merit-Order-Problem: Warum Ökostrom trotzdem teuer ist
An der Strombörse funktioniert die Preisbildung nach einem simplen Prinzip: Alle Kraftwerke reihen sich nach ihren variablen Erzeugungskosten auf – Erneuerbare zuerst, weil Wind und Sonne nichts kosten. Dann Kohle, dann Gas. Das teuerste Kraftwerk, das noch gebraucht wird um die Nachfrage zu decken, setzt den Preis – und zwar für alle. Wenn also ein Gaskraftwerk an einem Winterabend läuft, bekommt auch die Windanlage daneben diesen Gaspreis ausgezahlt.
Das hat 2022 schön illustriert was das bedeutet: Rund 62% des Stroms kamen da schon aus Erneuerbaren, aber weil Gas das Grenzkraftwerk war und Gas gleichzeitig auf über 200€/MWh explodierte, kostete Strom an der Börse zeitweise über 500€/MWh. EE-Betreiber haben in dieser Zeit gut verdient – die Verbraucher und die Industrie haben’s bezahlt. Das ACER (EU-Energieregulierungsbehörde) hat das 2022 selbst als “im Wesentlichen einen Gaspreis-Schock, der auch die Strompreise beeinflusste” beschrieben. Genau das droht jetzt wieder, wenn die Hormuzstraße zu bleibt und der Gaspreis steigt.
Reformdiskussionen gab es – auch Habeck wollte Strom- und Gaspreis entkoppeln. Passiert ist: wenig, und seit der Gaspreis wieder sank, ist der politische Wille verschwunden.
Negativpreise: Zu viel Strom, und trotzdem teuer
Gleichzeitig haben wir das scheinbar gegenteilige Problem: 2025 gab es in Deutschland 573 Stunden mit negativen Börsenstrompreisen – fünfmal mehr als noch 2016. Mittags im Sommer produzieren Solaranlagen massenhaft Strom, aber das Netz kann ihn nicht aufnehmen, die Speicher fehlen, und Netzbetreiber in Baden-Württemberg haben schon gemeldet, dass neue Solaranlagen gar nicht mehr angeschlossen werden können.
Das ist kein Argument gegen mehr Solar, sondern ein Argument für das, was immer noch fehlt: Speicher und Netzausbau. Ohne die verpufft ein Teil des produzierten Ökostroms buchstäblich – oder muss abgeregelt werden, obwohl er gebraucht wird. Die nötigen Hochspannungstrassen im Nord-Süd-Korridor haben 2025 zwar endlich Baugenehmigungen bekommen, aber gebaut sind sie noch nicht.
Das Erlös-Problem der Erneuerbaren selbst
Und jetzt kommt der Punkt, der mich am meisten beschäftigt: Der Kannibalisierungseffekt. Vereinfacht: EE produzieren dann am meisten, wenn alle gleichzeitig produzieren – sonnige Sommertage, Windspitzen. Genau dann fällt aber der Marktpreis, weil das Angebot die Nachfrage übersteigt. Das heißt, Windpark A produziert am meisten genau dann, wenn sein Strom am wenigsten wert ist. Die Erlöse sinken also strukturell, je mehr EE-Kapazität gebaut wird.
Das ist eine echte Investitionsbremse. EE-Anlagen sind kapitalintensiv – die Kosten fallen fast vollständig beim Bau an, danach läuft die Anlage mit nahezu null Betriebskosten. Diese Kapitalkosten müssen über lange Laufzeiten finanziert werden, und sollten die Zinsen in den nächsten Jahren wieder steigen, verteuert sich das erheblich. Wenn gleichzeitig die erzielbaren Markterlöse durch den Kannibalisierungseffekt fallen, schließt sich das Investitionsfenster von zwei Seiten – und ein rein marktbasierter Ausbau bremst aus, bevor genug Kapazität da ist.
Was das für die aktuelle Krise bedeutet
Wolfgang und Stefan diskutieren in der Folge auch, ob CO2-Bepreisung das richtige Instrument war. Isabella Weber und die beiden kommen zum Schluss: eher nicht, weil die politische Unterstützung bröckelt sobald die Preise steigen. Das scheint mir richtig – aber es zeigt auch, dass selbst ein höherer CO2-Preis das Erlösproblem der Erneuerbaren nicht vollständig löst. Höherer CO2-Preis = höherer Strompreis insgesamt = höhere EE-Erlöse in Stunden mit Gas als Grenzkraftwerk. Hilft. Aber in den negativen Preisstunden hilft er nicht.
Gibt es hier Leute, die noch tiefer in diesem Bereich unterwegs sind – Strommarktdesign, Projektfinanzierung von EE? Kennt jemand Ansätze oder Instrumente, die diese Strukturprobleme wirklich adressieren – und die auch politisch realistisch sind?