haut rein und zeigt royale Größe!
- Kybernetik und Kritik (Anna-Verena Nosthoff)
- Das knappe Gut Arbeit (Florian Butollo)
- Wie Diktaturen funktionieren (Fritz B. Simon)
- Situation und Konstellation (Hartmut Rosa)
@Stefan hatte im Salon Trailer gefragt, was gelesen werden soll — hab das mal aufgegriffen.
“Das knappe Gut Arbeit” klingt im Trailer schon fast gesetzt, daher 2 Votes möglich.
Bei dem “Männer dürfen nicht ausreisen” geht mir auch gleich die Hutschnur hoch.
Das ist wirklich ein Abgrund. Als wären wir in der DDR.
Ergänzend zu “Wie Diktaturen funktionieren (Fritz B. Simon)” würde ich dringend “The Dictator’s Handbook: Why Bad Behavior is Almost Always Good Politics” von Bruce Bueno de Mesquita empfehlen, der das Thema als spieltheoretischer Mathematiker vollständig durchdrungen hat.
Ich mach diesmal mal kleine Zwischenfazits und schau, wie es sich anfühlt. Wolfgangs Wutrede im Intro hat mir jedenfalls sehr aus der Seele gesprochen.
Bin jetzt gerade mitten in der Sloterdijk-Besprechung und muss zugeben, ihn bisher genau so missverstanden zu haben, wie Wolfgang es in Bezug auf Merkels Migrationspolitik vermutet. Gleichzeitig wundere ich mich ein bisschen über die Freude an der “the cruelty is the point”-Einsicht, eigentlich schon während der März-Episode. Ich finde das nicht gerade bahnbrechend.
Arbeitshypothese, bevor ich gleich weiter höre: Ich glaube, die Verwechslung von Grausamkeit und Effizienz bzw. Wille zur Grausamkeit und Kompetenz ist kulturspezifisch, um nicht zu sagen: sehr preußisch. Bin vor ein paar Monaten auf Reddit von einer Deutschen, die in den USA lebt und darüber nachdenkt, wieder zurück zu kommen, gefragt worden, ob ich glaube, dass es hier in den nächsten Jahren noch schlimmer wird als drüben. Hab das damals so formuliert:
Die Situation ist für rassifizierte Migrant*innen möglicherweise ehrlich gesagt jetzt schon schlimmer, wenn man die Tausenden einkalkuliert, die im Mittelmeer ertrinken oder in türkischen, griechischen und bulgarischen Geflüchtetenlagern festgehalten werden. Die schlimmste Scheiße passiert sicher nicht auf deutschem Territorium, aber sie ist definitiv ein Ergebnis deutscher Politik, wenn man bedenkt, dass die Union mit Abstand die mächtigste Partei der EU ist. Wir sind offensichtlich weit von dem Ausmaß der Gewalt durch Schusswaffen entfernt, aber wer braucht die, wenn man einen gut geölten Bürokratie-Apparat der Grausamkeit hat?
Es ist schwer in Worte zu fassen, aber ich glaube, es ist eine andere Ästhetik des Bösen, weniger spektakulär als die der MAGA-Bewegung (hauptsächlich, weil es jedesmal cringe ist, wenn sie sich doch am Spektakel versuchen, und ich glaube, dass ihnen das bewusst ist), sondern subtil, verschleiert durch Ideen von Rationalität und Effizienz.
Das als kurze Zwischenmeldung, bin gespannt, wie’s weitergeht. Bis später.
Wobei mir ein DDR-sozialisierter Freund einfällt, der mir sagte: “Was bringt mir Reisefreiheit, wenn ich mir eine Reise gar nicht leisten kann?”
Also nochmal die Zuspitzung aus der anderen Diskussion: Wer kann es sich eigentlich leisten “mal kurz” mehr als drei Monate “ins Ausland” zu gehen? Was daran sehr spannend ist: Die Einschränkung bürgerlicher Freiheiten wird als Zumutung empfunden, der geplante Zugriff auf das Menschenmaterial regt aber niemanden auf, solange eine ökonomische Unterschicht betroffen ist (also die Werbung mit “Führerschein" und “Abenteuer”)… Offene Frage: Wie wird man es schaffen nur Zugriff auf die einen zu bekommen ohne die anderen zu verschrecken? (In der Ukraine wurde es mit “Korruption” gelöst, indem man sich vom Dienst an der Waffe freikaufen kann.)
(Der Lob der deutschen Politik in Bezug auf die ukrainische Korruptionsbekämpfung muss man ganz deutlich als Unterstützung der Busifikation sehen.)
Es gibt ja auch so was wie work and travel oder au pair. Allerdings machen das eher Jüngere.
Das ist ja eigentlich der hypernormalisierte Skandal (kaum einer kann sich das leisten) im Skandal (man darf es jetzt auch nicht mehr).
Wobei ich auch Freiheiten, die ich mir grade nicht leisten kann, schätzenswert finde.
Offene Frage: Wie wird man es schaffen nur Zugriff auf die einen zu bekommen ohne die anderen zu verschrecken?
Na, die Frage ist doch mit der Kombination aus Gewissensprüfung und unserem segregierten Bildungssystem längst beantwortet, oder nicht?
bei ca 2:26:00 h
Der Roman “The Great Gatsby” ist von 1925 und von F. Scott Fitzgerald Der große Gatsby – Wikipedia
Geht so um Gesellschaftskritik und Darstellung von amerikanischen Lebensgefühl in der Prohibition. Wolfgang meinte in der Filmkritik zur Umsetzung von 2013 damals, dass die Charaktere quasi nicht mehr sagen könnten “ich liebe dich”, wo es angebracht wäre, sondern stattdessen nur sowas sagen können wie “du hast so tolle T-Shirts”. Konsumgefühl löse Romantik ab, wenn ich das richtig verstanden habe.
Fand nur lustig, dass Wolfgang im Podcast sagt, der Roman “The Great Gatsby” sei von Gatsby.
und die es sich leisten können. Wenn der Führerschein schon eine finanzielle Hürde darstellt, liegt ein Jahr Work&Travel in der gleichen Kategorie.
Je nach Land geht auch Fahrrad und per Anhalter.
aber es bleiben die Kosten für Flug, Versicherung und Start…
Ihr redet ja drüber, dass die Sillicon Valley Menschen ihre Welt mit der Welt an sich verwechseln. Ich hab letztens aus Gründen Whitehead gelesen und dort die “fallacy of misplaced concreteness” entdeckt. Also der “Trugschluss der deplatzierten Konkrektheit” (eigene Übersetzung). Grundlegend ist da, so wie ich es verstehe, dass eine eigene Abstraktion für eine “Konkrektheit” (also so IST DIE WELT und nicht SO IST DIE ABSTRAKTION die ich mir von der Welt gemacht habe) gehalten wird. Seit ich das gelesen habe sehe ich es überall. In meinem Zettelkasten hab ich mir dazu folgendes notiert:
Der Grundfehler, eine Abstraktion für die Realität selbst zu halten. Whitehead: “mistaken our abstraction for concrete realities”. Beginnt bei Platon (Ideen sind realer als die Dinge) und durchzieht die gesamte westliche Denktradition bis in die moderne Wissenschaft. Warum verwechseln wir Modelle mit der Wirklichkeit? Woher kommt der Drang, alles in abstrakte Ordnungen zu pressen? Was ist der philosophische Ursprung von Imperialismus und Faschismus? Warum gilt das Messbare als realer als das Erlebte? Platon: Die Idee ist realer als das Ding (erster Fehler) Moderne Wissenschaft: Das mathematische Modell wird für die Natur gehalten. Baudrillard: Das Realitätsprinzip als System, das diese Verwechslung universalisiert. Bauman: Der Ordnungsimpuls, der Ambiguität eliminiert. Faschismus: Die politische Konsequenz, wenn man die abstrakte Ordnung militant durchsetzt. BIP als Maß für Wohlstand (Abstraktion ersetzt Erfahrung) Algorithmen als “objektive” Entscheidungsträger. Standardisierte Tests als Maß für Intelligenz. Die eigene Ordnung für universell halten (Imperialismus) usw.
Das ist aus dem Buch “Science and the modern world”. Ich find das grad hochrelevant, deshalb post ich das hier jetzt.
Das ist ein sehr kluger Gedanke. Ich denke er geht noch tiefer:
Wir können nur Abstraktionen wahrnehmen.
Die rohen sensorischen Daten unserer Wahrnehmung entprechen ungefähr dem Rauschen einer alten Bildröhre.
Um da überhaupt Informationen extrahieren zu können schleifen wir diese Rohdaten durch verschiedene Filterkerne die evolutionär entstandene Modelle auf das Rauschen fitten.
Die Welt wie wir sie wahrnehmen ist schon nicht “echt” sondern ein Artefakt unseres Filterapparats und der zu Grund liegenden Modelle.
Deshalb nehmen wir sowas wie geschlossene Körper wahr, obwohl unsere Körper aus Energiefeldern bestehen die nur extrem dünn mit Materie besetzt sind.
Wir nehmen sowas wie lineare gerichtete Zeit wahr, obwohl Zeit eigentlich eine nach Entropie sortierte Landschaft ist, die gar keine “Abfolge” hat, sondern nur Lokalität.
usw.
@Stefan Fritz B. Simon (* 27. Oktober 1948 in Siegen) ist ein deutscher Psychiater, Psychoanalytiker, Familientherapeut und eine Gründerpersönlichkeit.
Ja, wenn man das unbedingt will, ist das möglich. Unsereiner ist ja damals auch in den Ferien dafür arbeiten gegangen. Ist natürlich nicht so’n Luxus, wie es bezahlt zu kriegen. Mit Sabbat Jahr kenn ich mich nicht aus.
Bei diesem Kunstwerk bewegen sich die Zeichentrick-Tiere aus dem Dschungelbuch wie normale Tiere, sie essen laufen, schlafen.
Das fiel mir so ein, als ich Deinen Text las. Übrigens hat dieser Film, wenn man ihn komplett sieht eine sehr krasse Wirkung auf die eigene Wahrnehmung und die eigenen Gefühle, weil man die ganze Zeit versucht, die Bilder mit dem Original abzugleichen.
Dauer: 4 Minuten
Könnte man die Texte von Nosthoff und Rosa nicht ggf. auch zusammennehmen? Klingt für mich ein bisschen so, als gehe es bei Rosa auf individueller Ebene um die Konsequenzen dessen, was Nosthoff auf gesellschaftlicher Ebene analysiert…
@Wolfgang „Nach dem ersten Weltkrieg habe ich gesagt: ‚Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.’ Nach dem zweiten Weltkrieg, angesichts meines Todes, sage ich jetzt: ‚Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt’.” (Schmitt 1984)
Das bezieht sich bei Carl Schmitt wohl ehr auf Radiowellen.
Nosthoff Buch hat relativ gute Kritiken bekommen, aber ihr geht es ja um eine ideengeschichtliche Rekonstruktion der Kybernetik und Kybernetik-Kritik und da weiß ich nicht ob man da so viel heuristisches Potenzial hat. Aber definitiv noch das beste der Bücher.
Fritz B. Simons Buch wurde von dem guten Systemtheoretiker Fran Osrecki ziemlich zerissen (wohl auch, weil Simon selbst eher ein ziemlich amateurhafter Systemtheoretiker ist).
Und das Buch von Rosa ist schreckling und Christoph Möllers hat es in der FAZ komplett zerstört.