Thesendiskussion: Muss linker Boulevard verblöden, um zu wirken?
Eine naheliegende Frage, wenn man BILD als Referenz ernst nimmt: Kommt eine linke Boulevard-Grammatik ohne die schmutzigen Werkzeuge der Vorlage überhaupt zu Traktion – also ohne gezielte Verblödung und ohne Angstmache? Meine Antwort: Verblödung nein, Affekt ja, Angst nur in einer bestimmten Form. Der Reihe nach.
Verwechslungen müssen vermieden werden: Vereinfachung ist nicht Verblödung. Boulevard verlangt zwingend Reduktion – den einen Fall statt der Statistik, die kurze Aussage. Aber Reduktion kann zweierlei tun: den Leser mit einem brauchbaren Modell der Wirklichkeit zurücklassen oder mit einer Attrappe. Cum-Ex als Kriminalgeschichte verblödet nicht, es klärt auf – es bringt einen realen Raub in eine Form, die man behält. Der Unterschied liegt nicht im Schwierigkeitsgrad, sondern in der Richtung: Versteht der Leser hinterher mehr oder weniger? Die einfache Form ist insofern eine demokratische Anforderung, keine Beleidigung des Publikums.
Bei der Angst muss man ehrlicher sein, denn hier hat die Gegenseite einen echten Vorteil. Verlustangst mobilisiert verlässlicher als Hoffnung, das ist gut belegt. Aber die rechte Methode lebt von diffuser Angst vor einem personifizierten Anderen – und diffuse Angst lähmt, sucht Schutz, sucht den starken Mann. Genau das braucht den ängstlichen, unwissenden Leser, weil nur der die Attrappe nicht durchschaut. Angst und Verblödung sind dort kein Zufallspaar, sie bedingen einander.
Es gibt aber mobilisierende Affekte, die in die andere Richtung arbeiten. Empörung über Ungerechtigkeit etwa ist nicht Angst – sie setzt einen verletzten Standard voraus und richtet sich nach oben: nicht „du bist bedroht”, sondern „dir wird vorenthalten, was dir zusteht”. Empörung aktiviert, wo Angst lähmt. Dasselbe gilt für Angst mit Adresse: „Deine Miete steigt, weil ein Fonds dein Haus gekauft hat” ist eine konkrete Furcht mit Handlungsoption – das Gegenteil der lähmenden Bedrohung. Derselbe Affekt, entgegengesetzte Wirkung, je nachdem, ob er auf einen Hebel zeigt oder bloß auf einen Sündenbock. Und der stärker unterschätzte Hebel ist möglicherweise ohnehin nicht Furcht, sondern Würde (um den Gedanken von @Flo aufzunehmen): „Ohne uns läuft nichts” – die affektive Form der Chokepoint-Position, und eine, die den Leser stärker zurücklässt, nicht schwächer.
Der eigentliche Grund gegen die Verblödung ist aber nicht moralisch, sondern strategisch, und das finde ich die interessanteste Wendung: Die Rechte kann sich Verblödung leisten, weil ihr Ziel Gefolgschaft ist – wer folgt, muss nicht verstehen. Die Hebelkette will das Gegenteil. Ein besetzter Anlageausschuss, ein durchgehaltener Tarifkampf, eine kontrollierte Stimmrechtspolitik brauchen urteilsfähige Leute, keine aufgeputschte Masse. Verblödete Anhänger teilen einen Hashtag, aber sie führen kein Gremium. Wer sein eigenes Publikum verdummt, sägt den Ast ab, auf dem die ganze Strategie sitzt.
Bleibt eine unbequeme Restwahrheit, die ich nicht wegmoderieren will: Die Linke hat es hier schwerer. Verlustangst und fertiges Feindbild mobilisieren nun einmal billiger als Empörung und Würde, die beide einen wahren Sachverhalt und einen aktiven Leser voraussetzen. Die linke Boulevard-Grammatik ist damit strukturell die anspruchsvollere Übung – sie muss Traktion erzeugen, ohne zu den zwei stärksten und schmutzigsten Hebeln zu greifen. Kein Grund, sie zu lassen. Aber eine gute Erklärung, warum sie nicht von selbst entsteht – und warum die (von links initiierten) bequemen Imitationen der rechten Masche zuverlässig scheitern: Sie gewinnen kurz Aufmerksamkeit und verlieren genau das, worauf am Ende alles ankommt.