Mai-Salon: Gegenmacht, Kunstfreiheit und gute Literatur

Ein konkretes Beispiel aus dem verfügbaren „Werkzeugkasten“ der Gegenmacht aus dem langen Text.

Glied: Organisation (eigene Leistung)

Hebel: Kombination von betrieblicher Organisation und sichtbarer Kampagne

Referenz: Die Entlastungstarifverträge in Berlin und Nordrhein-Westfalen sind über eine Verbindung von betrieblicher Organisierung und öffentlicher Kampagne zustande gekommen.

Potenzial: Anwendung auf Gesundheitswesen, Altenpflege, Kitas und Nahverkehr

Einen Selbstläufer sollte man dabei nicht erwarten, und das ist der Punkt, an dem die meisten Illusionen scheitern. Die betriebliche Organisierung ist mühsame Überzeugungsarbeit, Mensch für Mensch, ohne Abkürzung. Die öffentliche Kampagne wiederum muss klug aufgebaut sein – und hier ist die entscheidende Einsicht, dass man den Hype von vornherein als das einpreisen muss, was er ist: ein kurzes Fenster. Gelingt es, öffentliche Aufmerksamkeit auszulösen, klingt sie ebenso schnell wieder ab, wie sie gekommen ist. In genau dieser knappen Spanne entscheidet sich alles. Es müssen Verhandlungsgremien installiert und mit echten Kompetenzen und Verbindlichkeit ausgestattet werden, solange der Druck noch trägt. Versäumt man das, werden dieselben Gremien nach dem Abklingen der Aufmerksamkeit schlicht ignoriert – und der ganze Aufwand verpufft.
Und es gelten, offen gesagt, noch eine Menge weiterer Bedingungen, die ich hier gar nicht alle benennen kann. Das erste Glied ist also kein Automatismus, sondern Handwerk unter Zeitdruck.

@Flo Ich denke tatsächlich, dass auch in konkreten spezifischen Beispielen (zu Hebeln) der Würdebegriff, wie du ihn angesetzt hast, mit trägt (Wie siehst du das?) und ebenso „Traktion“ für eine Gegenmacht ausgewiesen wird - Letzteres in einem äußerst bescheidenen Ausmaß.

Ich würde die These mit der “Bildzeitung von links” etwas vorsichtig sehen. Vereinfachung oder Reichweitenlogik bedeutet nicht automatisch “Verblödung” oder eine Art bewusste Massenverdummung im Sinne von Le Bon. Ich würde nicht sagen, dass so die Bildzeitung funktioniert, aber man kann sich das mal merken.

Der Vergleich mit Führerkult und Massenerhebung passt nur begrenzt, weil heutige politische Öffentlichkeit viel stärker fragmentiert ist. Gerade im digitalen Raum haben wir eher dezentrale Netzwerke, in denen sich Leute situativ zu Themen, Symbolen oder Kampagnen verbinden, ohne dass daraus eine geschlossene Massenstruktur entsteht. Im Internet treffen die z.B. aufeinander und geben sich durch bestimmte Slogans oder Umgangsformen zu erkennen.

Ich würde das allgemeiner mal in den Raum stellen, dass heutzutage man den Leuten ihren politische Einstellung und Praktiken nicht vorschreiben kann. Es gibt kein zentrales Presseorgan und keine zentrale politische Steuerung, wonach man sich richtet. Das Vorgehen ist oft dezentral und von einander getrennt und nur in bestimmten Themen mobilisierend oder insgesamt organisierend. Die müssen sich ja auch nicht alle mögen, ohne Distanz sein und immer persönlich gleich befreundet sein.
Es gibt quasi vereinigende Konflikte, aber eben auch einzelne, spezielle Themen. Eine linke Bildzeitung wäre nur ein Stück eines Mosaiks.

Das heißt nicht, dass es keine problematischen Effekte von Medienlogiken gibt – aber die Mechanik ist eher indirekt und verteilt als eine zentrale “Steuerung” von Massen.

Im Podcast haben sie aber auch was gesagt und das kommt auch im Buch vor wie man das machen kann ohne, dass es zu autoritär oder unfair wird: über bestimmte Themen reden, immer wenn was falsch läuft bei Bild und co. das thematisieren …

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@Ernst Ich hatte ja Würde so nebenbei in den Kontext mit dem Plakat (Werbung Marketing) gesetzt. Das ist ein echter Spagat auf den ersten Blick.

Was aber die Gemeinsamkeit ist, ist die psychologische Basis. Es gibt keine würdevolle Werbung oder Marketingstrategie, es gibt aber einen grundlegenden Mechanismus (wieder mal) den man sich zu Nutze machen kann ohne dabei zu befürchten in die Hölle zu kommen. Eben keine linke Bildzeitung die auf Verblödung setzt.

Weil ich keine fachliche Ahnung habe kann ich nur aus meiner persönlichen Erfahrung sprechen.

Wenn ich einem Menschen begegne, was sind die Grundbedingungen für ein Gespräch. (Noch kein Diskurs) Sympathie, Empathie, Vertrauen. Und ganz wichtig: Überraschung oder sogar Irritation.

Es gibt bestimmt Fachleute unter den Mitlesenden die das eventuell ergänzen oder korrigieren.

Das sind Grundelemente über die Werbung/Marketing und Manipulation funktionieren.

Die nächste Stufe ist, mein Gegenüber fühlt sich einer bestimmten anderen Gruppe zugehörig was schlagartig alles ändert. Empathie Sympathie und all das schöne verschwinden sofort, sofern ich ihm nicht den Platz gebe, erstens seine Identität (Zugehörigkeit) in Würde auszuleben, zweitens seinen Ort den er sich gesucht hat (Plausibilität) ohne Abwehr als legitim zu betrachten.

Und dann passiert‘s. Das Gespräch entwickelt sich, es zeigen sich Unterschiede, die Wahl der Worte wird respektvoll, die schönen Dinge kehren zurück.

Daraus lässt sich etwas entwickeln, noch nichts entscheidendes, aber der Anfang ist gemacht.

Auf „der gesunde Menschenverstand“ ist plötzlich die Nachfrage was das eigentlich sein soll, kein Angriff sondern Interesse.

Um deine Frage konkret zu beantworten, weil ich nur von mir selbst ausgehen kann, sind die Beispiele die ich in die Kategorie „jetzt hat‘s aber Traktion!“ (Mamdani, Piker) gepackt hatte, welche, von denen ich glaube (und das nur in meiner Vorstellung) die haben etwas ähnliches wie ich erfahren.

Achso, fast vergessen: Der Inhalt spielt zunächst keine Rolle, der Andockpunkt oder im Falle von Piker die Attitüde als Andockpunkt für eine Masse ist wichtiger

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Also ist das Bild-Blog etc. schon erfüllt?

Klar ist das begrenzt, aber der Hang Politik zu personalisieren ist doch immer (auch hier und im Podcast auch) zu beobachten. Da wird dann schon auf die Person gegangen und über die Person berichtet. Eines der Probleme der Parteien ist ja die Notwendigkeit Personen zur Wahl zu stellen (womit allerlei Probleme einhergehen)… mit dem Vorschlag Reiche als Paparazzi zu begleiten zeigt sich das Problem: Reichtum in seinen Ausmaßen sichtbar machen anhand des Konsums (Villen, Yachten, Hubschrauber) von Einzelpersonen um etwas über Reichtum zu sagen ist keine einfache Sache. (Ich warte aber auch noch auf das Buch, um mir mal Semsrotts Argumente anzugucken.)

Thesendiskussion: Muss linker Boulevard verblöden, um zu wirken?
Eine naheliegende Frage, wenn man BILD als Referenz ernst nimmt: Kommt eine linke Boulevard-Grammatik ohne die schmutzigen Werkzeuge der Vorlage überhaupt zu Traktion – also ohne gezielte Verblödung und ohne Angstmache? Meine Antwort: Verblödung nein, Affekt ja, Angst nur in einer bestimmten Form. Der Reihe nach.

Verwechslungen müssen vermieden werden: Vereinfachung ist nicht Verblödung. Boulevard verlangt zwingend Reduktion – den einen Fall statt der Statistik, die kurze Aussage. Aber Reduktion kann zweierlei tun: den Leser mit einem brauchbaren Modell der Wirklichkeit zurücklassen oder mit einer Attrappe. Cum-Ex als Kriminalgeschichte verblödet nicht, es klärt auf – es bringt einen realen Raub in eine Form, die man behält. Der Unterschied liegt nicht im Schwierigkeitsgrad, sondern in der Richtung: Versteht der Leser hinterher mehr oder weniger? Die einfache Form ist insofern eine demokratische Anforderung, keine Beleidigung des Publikums.
Bei der Angst muss man ehrlicher sein, denn hier hat die Gegenseite einen echten Vorteil. Verlustangst mobilisiert verlässlicher als Hoffnung, das ist gut belegt. Aber die rechte Methode lebt von diffuser Angst vor einem personifizierten Anderen – und diffuse Angst lähmt, sucht Schutz, sucht den starken Mann. Genau das braucht den ängstlichen, unwissenden Leser, weil nur der die Attrappe nicht durchschaut. Angst und Verblödung sind dort kein Zufallspaar, sie bedingen einander.
Es gibt aber mobilisierende Affekte, die in die andere Richtung arbeiten. Empörung über Ungerechtigkeit etwa ist nicht Angst – sie setzt einen verletzten Standard voraus und richtet sich nach oben: nicht „du bist bedroht”, sondern „dir wird vorenthalten, was dir zusteht”. Empörung aktiviert, wo Angst lähmt. Dasselbe gilt für Angst mit Adresse: „Deine Miete steigt, weil ein Fonds dein Haus gekauft hat” ist eine konkrete Furcht mit Handlungsoption – das Gegenteil der lähmenden Bedrohung. Derselbe Affekt, entgegengesetzte Wirkung, je nachdem, ob er auf einen Hebel zeigt oder bloß auf einen Sündenbock. Und der stärker unterschätzte Hebel ist möglicherweise ohnehin nicht Furcht, sondern Würde (um den Gedanken von @Flo aufzunehmen): „Ohne uns läuft nichts” – die affektive Form der Chokepoint-Position, und eine, die den Leser stärker zurücklässt, nicht schwächer.
Der eigentliche Grund gegen die Verblödung ist aber nicht moralisch, sondern strategisch, und das finde ich die interessanteste Wendung: Die Rechte kann sich Verblödung leisten, weil ihr Ziel Gefolgschaft ist – wer folgt, muss nicht verstehen. Die Hebelkette will das Gegenteil. Ein besetzter Anlageausschuss, ein durchgehaltener Tarifkampf, eine kontrollierte Stimmrechtspolitik brauchen urteilsfähige Leute, keine aufgeputschte Masse. Verblödete Anhänger teilen einen Hashtag, aber sie führen kein Gremium. Wer sein eigenes Publikum verdummt, sägt den Ast ab, auf dem die ganze Strategie sitzt.
Bleibt eine unbequeme Restwahrheit, die ich nicht wegmoderieren will: Die Linke hat es hier schwerer. Verlustangst und fertiges Feindbild mobilisieren nun einmal billiger als Empörung und Würde, die beide einen wahren Sachverhalt und einen aktiven Leser voraussetzen. Die linke Boulevard-Grammatik ist damit strukturell die anspruchsvollere Übung – sie muss Traktion erzeugen, ohne zu den zwei stärksten und schmutzigsten Hebeln zu greifen. Kein Grund, sie zu lassen. Aber eine gute Erklärung, warum sie nicht von selbst entsteht – und warum die (von links initiierten) bequemen Imitationen der rechten Masche zuverlässig scheitern: Sie gewinnen kurz Aufmerksamkeit und verlieren genau das, worauf am Ende alles ankommt.

Hier sehe ich Parallelen in der Einordnung - ich bezeichne die „linke BILD-Zeitung“ als einen Hebel (von vielen) im Modell der Hebelkette: angesiedelt im Glied 1 (Organisierung) mit adressierter Überleitung an Glied 2 (Politik).

Ziel: Wirksame Gegenmacht der Zivilgesellschaft ausrichten als Aufmerksamkeitskeitsorgan, indem die Empörung an die richtige Adresse geschickt wird.

Hast du da Erfahrung auf die du diese Aussage stützt oder sagst du das einfach so?
Recherche könnte damit beginnen “Crazy Rich. Die geheime Welt der Superreichen” zu lesen, gucken, was für ein Quatsch Rainer Zitelmann schon wieder macht und Yachten identifizieren.

Davon abgesehen haben die auch ihre Magazine, Kataloge usw.

“Crazy Ritch” und “Superyachten - Luxus und Stille im Kapitalozän” sind beide gute Bücher.

Aber hier wird regelmäßig das Gegenteil kritisiert: Die Personalisierung von Armut durch die Zurschaustellung von armen Menschen wird als moralisch verwerflich und als Ausdruck einer Moralisierung von Armut (Selber Schuld!) betrachtet.

Man kann sich entscheiden das zu tun (Umverteilung der Berichterstattung!), reiche Deutsche die sich öffentlich keinen extravaganten Lebensstil leisten deckt man damit nicht ab und man muss sich wieder mit Argumenten zur Philanthropie oder Charity herumschlagen… “Guck mal, reiche Menschen machen doch auch was Gutes!”

Arte hat es auch versucht mit den Superyachten und landet bei “aber wenn sie mit Solar betrieben werden, ist es doch nicht ganz so schlimm…und Reiche interessieren sich auch fürs Klima!”

Hier ist dann aber wieder die Frage: wie funktioniert denn die Bildzeitung? Fragt die sich bei Migranten, was denn mit den gut integrierten und hilfsbedürftigen Migranten? Glaube eher weniger.

Der linke Boulevard darf genauso inhaltlich verkürzten Krawall in einfacher Grammatik machen, wie der rechte - sollte er sogar.

Nun eben mit Empörung und Mobilisierung, statt mit Angst aufgrund von Verblödung mit anschließender Lähmung. Idealerweise geht die Erwiderung der Gegenfront im adressierten Krawall unter.

Das klingt zum Beispiel so: „SKANDALÖS! Cum/Ex-Banker stehlen unsere Steuergelder! So-und-so-viele Milliarden wurden uns in den letzten 12 Jahren geklaut. Beteiligt waren die Banken XYZ und die Investoren ABC! WIR WOLLEN UNSER HART VERDIENTES GELD ZURÜCK, Herr Finanzminister!

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Das ist doch eigentlich das Format FunFacts auf Youtube

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Genau das ist die (moralische) Frage: Will man das auch so, weil es funktioniert?

(Unterschied wäre immer noch: Reichtum wird im Gegensatz zu Armut nicht mit Achtungsentzug beantwortet, von daher ist mir noch nicht ganz klar wie man Reichtum moralisieren kann…)

Ich würde sagen: teilweise, weil Empörung und Affekt die Wahrnehmung beeinflussen. Der wesentliche Unterschied ist, wohin anschließend der Blick in Hinsicht auf Ursache, Verantwortung und Handlungsmöglichkeiten ausgerichtet wird.

Die Quintessenz eines Vergleichs zwischen der BILD-Zeitung und dem Boulevard-Blatt von links:

Formal teilen beide dieselbe Grammatik – Personalisierung, kurze Sätze, Empörung, der eine Fall. Der Unterschied liegt vollständig in vier Vorzeichen: Richtung (oben statt unten), Wahrheit (Deckung statt Erfindung), Leserbild (Mündigkeit statt Gefolgschaft) und Zweck (Überleitung statt Selbstzweck).

Daraus folgt die unbequeme Bilanz aus dem letzten Beitrag: Die linke Form ist strukturell die schwierigere, weil drei dieser vier Vorzeichen sie verteuern – Wahrheit bindet, Mündigkeit setzt einen aktiven Leser voraus, Überleitung verlangt eine Handlungsoption. Die BILD hat es leichter, weil sie auf all das verzichten darf. Die Gegenform muss mit angezogener Handbremse gewinnen – und genau deshalb entsteht sie nicht von allein.

Ich würde sagen es gibt schlicht keine Möglichkeit eine Strategie zu bekämpfen die empfundene gefühlte Wahrheit als Kern in sich trägt. Gefühlte Wahrheit braucht keine Strategie mehr.

Das strategische Denken aus der kritischen Analyse heraus gegen gefühlte Wahrheit ist immer unterlegen.

Deshalb hab ich für mich beschlossen mich darüber zu freuen, dass es Menschen wie Hasan Piker und Mamdani gibt. Oder ich freu mich über Stefan und Wolfgang und über viele andere. Damit ich nicht nur konsumiere treffe ich mich mit Leuten die meinen Wahrheit fühlen können und diskutiere.

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Habe FunFacts nicht so wirklich mitbekommen, aber das scheint wieder so ein Satireformat zu sein. Anscheinend werden wir bis ans Ende unserer Tage Satireformate bekommen.

Naja… mit Satire adelst Du links-liberale Comedy aber ganz schön… (“Die Känguru-Rebellion” wurde ja schon intensiv besprochen und dem ist nichts hinzuzufügen…)

Arte beschäftigt sich auch mit der Frage “Lohnt sich politisches Engagement noch” (nicht nur mit Anton Jäger):

  1. Ich finde es lustig, dass der Linken ständig Moralismus und Alarmismus vorgeworfen werden, linke Analysen dann aber oft nur durch genau diese Brille gelesen werden: “Willst du das denn?”, “Ist das gerecht?”, “Sollte das anders sein?”
  2. Es ist eigentlich nicht die zentrale Frage. Mich interessiert zunächst eher, welche gesellschaftlichen Formen sich überhaupt reproduzieren können und unter welchen Bedingungen. Der Maßstab ist dabei nicht notwendigerweise ein moralischer. Die Übernahme von bestimmten Logiken ist richtig, aber man muss damit ja gerade arbeiten.
  3. Außerdem kann man die Überlegung ja konkreter weiterführen und konkreter sagen, welche Folgen daraus entstehen könnten. Wir haben Entpolitisierung, Autoritarismus, Religiosität, staatliche Repression (sowohl für als auch gegen eine solche Zeitung) und vieles mehr als mögliche Entwicklungen im Angebot. Das erinnert mich ein wenig an den “Linksfaschismus”-Vorwurf von Jürgen Habermas. Woher kommt eigentlich die Sicherheit, dass etwas Schlimmes herauskommen muss, sobald etwas “ins Werk gesetzt” oder verwirklicht wird? Ich mein, in der Diskussion wird hier eine Art Katastrophenhorizont aufgebaut. So ein Alarmismus gegen (schein) Alarmismus. Sobald von Massenwirksamkeit, Boulevard, Affekten oder politischer Mobilisierung die Rede ist, soll dann sofort Le Bon, Führerkult, Autoritarismus oder die BILD im Raum stehen als Mahnmahl.

Wobei ich auch mal anmerken will, dass ich eher glaube, dass die Stärke von Linken Formaten in der Vertiefung liegt und nicht in der Popularisierung.

Achtungsentzug ist vermutlich ein richtiger Punkt. Aber ich bin mir nicht sicher, warum daraus direkt “Moral” folgen soll.

Da schwingt schon wieder so etwas wie aristotelische Tugendethik oder ein Denken in Kategorien der “Sünde” mit. Ich würde aber nicht sagen, dass das die primäre Funktionsweise der BILD-Zeitung oder ähnlicher Formate beschreibt. Wobei das durchaus mit reinspielt, man denke an “Neiddebatte”, also eine Markierung mit einer der sieben Todsünden.

Solche Medien arbeiten nicht zuerst moralisch, sondern affektiv: Sie greifen unterschiedliche Emotionen auf und bündeln sie je nach Thema Empörung, Angst, Neugier oder Zustimmung.

Gerade deshalb kann man das differenzieren anstatt das sofort als moralische Struktur zu lesen. Von daher wäre es auch passend, eher auf Interessen und Lebensrealitäten zu schauen, die diese Affekte anschlussfähig machen als auf Moral.