Meritocracy Trap, Geschichte des Klangs, Bumblebee Drone, Katholiken & Krieg, KI-Literatur, unpolitisches BVerG, Haydn

Wir reden über Daniel Markovits, The Meritocracy Trap. Ein Buch von 2019, das seinen Realitäts-Plausibilitätstest erschreckend gut bestanden hat. Außerdem: Trumps hyperehrliche Rohstoffpolitik und Jake Pauls Niederlage im Boxkampf vor dem Salon.

Literaturliste

  1. Daniel Markovits: The Meritocracy Trap penguin.co.uk

  2. Ben Shattuck: Die Geschichte des Klangs hanser-literaturverlage.de

  3. C.J. Chivers: In Ukraine, a New Arsenal of Killer A.I. Drones Is Being Born nytimes.com

  4. Uwe Volkmann: Die unpolitische Gewalt faz.net

  5. Ungleichheit.info ungleichheit.info

  6. Hito Steyerl: Medium Hot. Bilder in Zeiten der Hitze diaphanes.net

  7. Benjamin Riley: Large Language Mistake theverge.com

  8. Vauhini Vara: What If Readers Like A.I.-Generated Fiction? newyorker.com

  9. Nils Schniederjann: Nicht besser als die EKD: Die Kriegsrhetorik der deutschen Katholiken freitag.de

  10. Musik: Quatuor Arod spielt Haydn warnerclassics.com

  11. Ankündigung: Patrick Kaczmarczyk – Zerfall der Weltordnung: Die Ignoranz des Westens und der Aufstand des globalen Südens westendverlag.de

Alternatives Deutungsangebot für das Verhältnis zwischen Transhumanismus und christlichem Schöpfungsmythos (Wolfgang bezeichnet es mit Bezug auf Alexandr Wangs Familienplanung als losgelöst voneinander):

Leute wie Wang sind meiner Meinung nach ganz im Gegenteil sehr direkt von der Vorstellung eines allmächtigen Schöpfers beeinflusst, ob sie es zugeben oder nicht. Man könnte meinetwegen auch statt von “Gott” von “durch den Menschen nur sehr bedingt kontrollierbaren Ereignissen” sprechen, seien es Naturkatastrophen, Erbkrankheiten oder natürlich der Tod.

Sie haben zu diesen Phänomenen ein Verhältnis, das am besten als ödipal bezeichnet werden kann. Sie sehen sich als Kinder eines Rabenvaters und einer Mutter, deren gut gemeinte Fürsorge an nicht akzeptable Grenzen gerät. Ihre Beziehung zu Gott ist durchdrungen vom Verlangen nach dem Vatermord, ihre Beziehung zu Mutter Natur von einer Lust, sie sich vollständig gefügig zu machen. Das transhumanistische Projekt ist für sie der Befreiungskampf der Menschheit aus den Fesseln der Unmündigkeit, ihre Waffen sind Ratio, Technologie und Extraktivismus. Es ist ein Atheismus, der Gott nicht leugnet, sondern sich von ihm im Stich gelassen fühlt.

Sehr lesenswert dazu ist Max Mores “Letter to Mother Nature”, ein (kurzer und ziemlich witziger) Grundlagentext des Transhumanismus, der all diese Facetten mehr oder weniger absichtlich sehr explizit macht.

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zu Uwe Volkmann und “Die unpolitische Gewalt”:

Greift der Artikel selbst als auch eure Diskussion im Podcast nicht an einer entscheidende Stelle zu kurz?

die Richter am BVerfG mögen sich zwar einerseits auf eine zu dogmatische oder strikte Auslegung der Gesetzestexte beschränken, aber das BVerfG ist doch hochgradig parteipolitisch besetzt und umkämpft. Siehe die kürzliche Richterwahlen und das Brosius-Gersdorf-Debakel.

Gerade der Fall des Schuldenbremsenurteils ist doch eher als reines parteipolitisches Kräftegerangel zu sehen, oder?

Die CDU hat die Klage eingereicht und das CDU-geprägte BVerfG hat anschliessend die schärfste Gesetzesauslegung als auch das schärfste Strafmass gegen die Ampel-Koalition abgefeuert.

Alexander Thiele und andere waren überrascht über das hohe Strafmass, welches nicht eine zukünftige Einhaltung des Haushalts in Folgejahren einfordert sondern den aktuellen Haushalt als ungültig erklärte mit entsprechendem Zugzwang der Ampel zum Jahresende.

Was meint ihr?

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Voll cool, dass Du den Server einfach mit Claude Code aufgesetzt hast, aber machst Du Dir keine Sorgen um die Datensicherheit?

Du kannst ja prinzipiell nicht selbst erkennen, ob Claude Code nur eine nette Fassade hochgezogen hat, oder ob er das fachlich korrekt und sicher umgesetzt hat.

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Bei der Beschreibung mit dem Rootserver habe ich auch etwas Panik bekommen.

Ich würde dringend empfehlen, die Claude-Sessions zu dokumentieren und das Ganze von jemandem Sachkundigen prüfen zu lassen. Da muss nicht nur das grundlegende Setup sicher sein; es sollte auch ein Update-Konzept geben, das Sicherheitsupdates entweder automatisch einspielt oder wenigstens auf Aktualisierungsbedarf hinweist. Bei vernetzter Software, die Nutzereingaben verarbeitet, ist nicht die Frage, ob sie Sicherheitslücken hat, sondern nur, wann diese gefunden werden, wie schnell automatisierte Systeme im Internet sie ausnutzen und ob man selbst schneller ist, die Patches einzuspielen. Bestenfalls wird der Rootserver dann eine Spam- und/oder Virenschleuder, schlimmstenfalls gehen sensible Nutzerdaten verloren.

Stichwort Nutzerdaten: Auch an das Backupkonzept sollte gedacht werden, und das Wiederherstellen des Rootservers sollte z. B. mit einem temporär gemieteten zweiten Server verprobt werden.

Update- und Backupkonzepte sind natürlich vorhanden. (Zu deiner Beruhigung: Auch der Hoster selbst erstellt jeden Tag ein Snapshot und auf dem Server läuft nur Discourse. So viel kann nicht kaputtgehen). Weiß auch nicht, ob ihr das hier zu hoch hängt. Claude hat hier ja nichts programmiert, sondern lediglich die Software installiert. Diese Zeilen für die Konsole habe ich selbst noch gut im Blick.

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Risikoanalyse: Root-Server-Betrieb ohne Expertise

Die Kernfrage zuerst

Die Aussage “Claude hat nur installiert” offenbart ein fundamentales Missverständnis: Installation ist 5% des Problems, Betrieb ist 95%. Ein korrekt installierter Server kann morgen verwundbar sein, wenn ein CVE für Discourse oder eine seiner Dependencies veröffentlicht wird.


Risikotypen im Detail

1. Juristische Risiken (die unterschätzten)

  • DSGVO-Verantwortung: Als Forenbetreiber bist du “Verantwortlicher” i.S.d. Art. 4 Nr. 7 DSGVO. Bei einem Datenleck:

    • Meldepflicht an Datenschutzbehörde binnen 72 Stunden

    • Ggf. Benachrichtigung aller betroffenen Nutzer

    • Bußgelder bis 4% Jahresumsatz oder 20 Mio € (in der Praxis bei Privatpersonen deutlich weniger, aber nicht null)

  • Beweislastumkehr: Du musst nachweisen, dass du “geeignete technische und organisatorische Maßnahmen” getroffen hast. “Claude hat’s installiert” ist kein Nachweis.

  • Haftung für Inhalte: NetzDG-Anforderungen bei bestimmter Größe

2. Technische Risiken

Risiko Was der Betreiber denkt Was tatsächlich gilt
Snapshots = Sicherheit “Hoster macht täglich Snapshots” Snapshots sind Verfügbarkeit, nicht Security. Bei Ransomware oft nutzlos, bei Data Breach irrelevant
Nur Discourse = wenig Angriffsfläche Stimmt teilweise Aber: Discourse = Rails + Redis + PostgreSQL + Nginx + Docker. Jede Komponente braucht Updates
Installiert = fertig “Läuft doch” Server-Härtung? Fail2ban? SSH-Keys statt Passwort? Firewall-Regeln? TLS-Konfiguration?

Konkrete Angriffsvektoren bei Fehlkonfiguration:

  • SSH mit Passwort-Auth + Standard-Port = Brute-Force-Ziel

  • Nicht gepatchte Discourse-Version = bekannte Exploits

  • Docker-Socket exposed = Root-Zugang zum Host

  • Offene Redis/PostgreSQL-Ports = Datenbankzugriff von außen

3. Operationale Risiken (die vergessenen)

  • Erkennung: Woran merkst du, dass jemand eingebrochen ist? Logs lesen? SIEM? IDS?

  • Incident Response: Was ist der Plan bei Kompromittierung? Wer macht Forensik?

  • Kontinuität: Was passiert wenn du krank bist und ein kritisches Update raus muss?


Die Argumente des Betreibers – eine Analyse

“Konsolen-Zeilen habe ich selbst noch gut im Blick”

Das ist wie “Ich habe den Mietvertrag auf Japanisch unterschrieben, aber ich hatte ihn gut im Blick.” Wenn du nicht verstehst was ufw allow 22/tcp vs. ufw allow from 192.168.1.0/24 to any port 22 bedeutet, ist “im Blick haben” wertlos.

“So viel kann nicht kaputtgehen”

Doch. Ein Forum speichert: E-Mail-Adressen, Passwort-Hashes, IP-Adressen, private Nachrichten, Nutzerprofile. Das ist personenbezogenes Datenmaterial. Ein Leak ist nicht “kaputt”, sondern ein meldepflichtiger Datenschutzvorfall.


Kriterien für vertretbares Risiko

Niedriges Risiko (vertretbar):

  • Kleines Hobby-Forum mit <50 Nutzern

  • Nur Pseudonyme, keine echten Namen/Adressen

  • Keine privaten Nachrichten oder nur unwichtige Inhalte

  • Du kannst den Server sofort offline nehmen wenn nötig

  • Nutzer wissen, dass es ein Hobbyprojekt ist

Hohes Risiko (Expertise nötig oder Managed Hosting):

  • Nutzerbasis mit echten Identitäten

  • Sensible Themen (Gesundheit, Politik, etc.)

  • Private Nachrichten mit vertraulichem Inhalt

  • Kommerzielle Aspekte

  • Du wärst geschädigt wenn es in der Zeitung steht


Pragmatische Empfehlung

Option A: Managed Discourse Hosting (~$100/Monat bei Discourse selbst oder günstigere Alternativen)

  • Security ist deren Problem

  • Updates automatisch

  • Du bist trotzdem DSGVO-verantwortlich, aber “geeignete Maßnahmen” sind dokumentiert

Option B: Weiter selbst hosten, aber:

  1. SSH nur mit Key-Auth, Custom-Port, Fail2ban

  2. Automatische Security-Updates aktivieren

  3. Discourse-Update-Notifications abonnieren und zeitnah handeln

  4. Monitoring einrichten (mindestens Uptime + Disk + Auth-Logs)

  5. Dokumentieren was du konfiguriert hast (für dich selbst und ggf. Nachweispflicht)

Option C: Aktuelles Setup beibehalten

  • Akzeptables Risiko nur bei: kleinem Hobby-Forum, keine sensiblen Daten, Nutzer informiert

  • Nicht akzeptabel bei: jeder Form von “echtem” Community-Betrieb


Fazit

Die Frage ist nicht “Kann Claude das installieren?” (ja), sondern “Kannst du auf einen Security-Alert in 48h reagieren und beurteilen ob er für dich relevant ist?” Wenn die Antwort nein ist, ist Managed Hosting die richtige Wahl – nicht weil das Setup “falsch” ist, sondern weil Server-Betrieb ein kontinuierlicher Prozess ist, keine einmalige Installation.

[Claude Code hat bei Strukturierung und Formulierung geholfen]

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Claude hat garantiert die Sicherheit besser im Blick als der durchschnittliche Linux-Admin :sweat_smile:

Da gleich Angst zu haben, ist ein wunderbarer Spiegel der deutschen Mentalität. Nur um mal auszuprobieren, ob so ein Forum als Methode des Austauschs taugt, muss das ja noch keine failsafe Lösung mit mehrfach abgestuftem Backup und absolutem Sicherheitsanspruch sein.

Nur die regelmäßige Aktualisierung aller beteiligten Komponenten darf nicht in Vergessenheit geraten. Stefan treibt sich ja aber lange genug im CCC-Umfeld herum, dass ihm das sicher bewusst ist :wink:

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Hast du mir wirklich grade mit Claude geschrieben, warum ich Claude nicht benutzen soll? :grinning_face_with_smiling_eyes: ich lese in deinem Post, das Claude ziemlich gut Bescheid weiß, was zu beachten ist. hehe

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Da hast Du vollkommen recht. Voll cool oder?

Aber es steht nur da weil ich als Mensch Claude das Problembewusstsein über das Prompt vermittelt habe und weil ich als Mensch das Ergebnis verifiziert habe. Hätte Claude halluziniert hätte ich das gemerkt und hätte Claude entsprechend neu bepromptet.

Ohne Nutzer ist ein LLM nicht intelligent. Erst das Team aus Mensch und Maschine kann das.

Ein LLM ist einfach eine Orthese für dein Sprachzentrum das besser formulieren kann. Aber es weiss nicht, ob es gerade Unsinn formuliert

Kleines Denkangebot dazu: @fdoemges.bsky.social on Bluesky

Ich bin ein Mensch! :face_with_spiral_eyes:

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Genau. Und wenn Du jetzt auch noch das richtige Urteilsvermögen und Problembewusstsein für die Domäne mitbringst, dann wird das eine super Idee. Aber beides wird Dir Claude nicht liefern können wenn Du es nicht selbst hast. Claude kann Dir sagen Wie etwas geht, aber erst nachdem Du selbst auf die Idee gekommen bist danach zu prompten.

Ich will damit auch überhaupt nicht behaupten, dass sei alles nicht der Fall, aber dann doch gerne mal nachfragen. Ich habe ja auch ein Interesse daran, dass das hier ne dauerhafte Veranstaltung wird.

P.S: Frag Claude mal ob Du hierfür ein Impressum brauchst…

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Es scheint auch psychosoziale Gründe zu haben, dass Meritokratenkinder 1 zu 1 in den Fußstapfen ihrer Eltern durchs Leben wandern. Wie sind Pfadabhängigkeit und Scheuklappen (Sinnlogik der eigenen Klasse) zu erklären, wenn so wenig Freizeit bleibt?

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zu Ben Shattuck: Die Geschichte des Klangs

Wem noch nach einen anderen klugen und kurzen Liebenroman zumute ist, dem sei von Christoph Martin Wieland “Menander und Glycerion” empfohlen. Es handelt sich um einen Briefroman, der den Vorgang des Verliebens und der langsam folgenden Entzauberung zeigt, ohne bitter zu werden. Es handelt sich um ein Alterswerk Wieland und ist entsprechend mühelos aufgebaut. Die Frauenfigur Glycerion ist (für Wieland typisch) emanzipiert und wohl auch am interessantesten. Im Roman geht auch nicht um irgendwelche Verwerfungen, sondern um einen undramatischen, aber durchdachten Blick auf Liebesbeziehungen. Ich lese den Roman jedes Jahr wieder.

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Was haltet ihr von dem Text Nummero 8 über KI und Autorschaft und seiner Besprechung?

Ich sehe das Potential der KI hier (neben der schlichten Tatsache, dass die Texte besser werden)vor allem darin, dass sie den Akt der Rezeption verändern kann, indem der Rezipient nicht mehr das Gefühl hat, gerade an dem Wesen des mystischen Geschöpfes “Autor” zu partizipieren, was die Aufmerksamkeit mehr auf die Konstruktionsprinzipien des Textes und die Wahrnehmungsstruktur des Lesers lenken könnte, wenn die große Entität hinter dem Text verunsichert wird und als Spekulationsobjekt an Relevanz verliert. Es könnte eine Fokusverschiebung von “Was will der Autor uns damit sagen?” oder “Was sagt das über den Autor aus?” zu “Was macht der Text wie warum mit uns, wieso funktioniert es (nicht) und was sagt das über uns/unsere Erwartungshaltung aus?” geben.

Wenig überzeugend finde ich Stefans Idee, dass der Rezipient selbst zum Autor wird und an Kunstprodukten für seinen eigenen Gebrauch herumdoktort, um z. B. Dogma-Filme mit Musik zu unterlegen (ich schlage Lars von Triers “Idioten” mit einem Underscoring im Hans Zimmer-Stil vor). Das nivelliert die Idee der Kunst als Konfrontation mit dem Fremden, an dem man wächst, und ihren Kommunikationscharakter - was das ganze nach ein bisschen Spielerei auch schnell zu einer unbefriedigenden Sache machen würde, wie wenn man sich selbst Briefe schreibt…

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Das kann ja nun wirklich jeder von sich behaupten! Wo bleiben die Beweise? Und sieht nicht auch Wolfgang wie ein Intellektueller aus, genau so wie ihn sich eine KI mutmaßlich vorstellt? Von wegen sicher, ich wittere das Ergreifen der Weltherrschaft durch Skynet von diesem Forum aus und seine Nutzer werden die ersten Todesopfer sein. Rette sich wer kann! :wink:

Bzgl. BVerfG - Die unpolitische Gewalt

Meines Erachtens darf bei der Diskussion nicht verkannt werden, dass es sich bei einer Verfassungsbeschwerde um ein Prüfverfahren handelt, das explizit darauf ausgerichtet ist, die Verletzung subjektiver Grundrechte durch staatliche Hoheitsakte im konkreten Einzelfall zu überprüfen. Dem Beschwerdeführer dürfte es jedenfalls im Allgemeinen egal sein, mit welcher Argumentation und formalen Begründung seiner Verfassungsbeschwerde stattgegeben wird. Das Brett ist also an der dünnsten Stelle zu bohren.

Sicherlich erscheint es unzweckmäßig, eine so bedeutende Fragestellung wie die Triage den Bundesländern zu überlassen. Eben so ist es aber im Grundgesetz angelegt. Bundestag und Bundesrat wären im Wege einer Grundgesetzänderung zuständig, dies anders zu regeln.

Es erstaunt auch gewissermaßen, dass die fehlende Gesetzgebungskompetenz im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens nicht aufgefallen ist.

Zum BVerfG Block

Ich würde sagen, dass es nicht die Frage ist, ob “formlajuristisch argumentiert” wird oder nicht. Denn juristisch wird vor Gericht immer argumentiert und das machen die Richter:innen schon deshalb, um sich als überparteilich zu zeigen und vor Kritik zu schützen. Auch am Supreme Court der USA wird immer juristisch argumentiert, nur sind es halt mittlerweile Argumente, die eigentlich zum Himmel stinken. Aber sie haben immer noch die Fasade eines juristischen Arguments (es gibt einen sehr schönen Podcast zum Thema Supreme Court: 5 to 4 Podcast). Das eigentliche Problem, das auch der FAZ-Artikel nicht angeht, sondern durch das Argument mit dem “formaljuristisch Argumentieren” umgeht, ist die Macht, die das BVerfG besitzt. Und es besitzt extrem viel Macht schließlich kann es Gesetze kippen und mittlerweile, Dank Selbst-Legitimierung, Vorgaben für künftige Gesetze machen. Damit ist es extrem politisch. Dies ist das eigentliche Thema: Darf das Gericht mit seinen paar, sehr indirekt legitimierten Richtern, Gesetze kippen? Schließlich bekommen Juristen am Ende alles verargumentiert :wink:

Zur kommunalpolitischen Diskussion in diesem Zusammenhang. Ich verstehe das Argument von Stefan, dass viel mehr auf niederen Ebenen geregelt werden kann und v.a., dass es auf niederen Ebenen geregelt werden sollte. Aber beim Thema “Leben und Tod” finde ich das problematisch. Stefan brachte das Argument, dass er ja durch Wahlen demokratisch bestimmen könne, was für Regelungen getroffen werden (es werden Vorschläge unterbreitet und man stimmt jenen zu, die für einen passen, also z.B. wie eine Triage zu erfolgen hat). Unter der Annahme, dass dieses Argument zutrifft, würde die Verlegung der Entscheidung über eine Triage-Regelung auf die kommunale Ebene bedeuten, dass der einzelne entweder gar keine oder im Zweifel keine “demokratische” Mitsprache an Entscheidung hat. Gar keine im Falle einer Kommune, die gar kein eigenes Krankhaus hat und im Zweifel keine, wenn ich in einem Krankenhaus einer anderen Kommune lande. Und dann kann ich diese Regelung juristisch noch nicht einmal überprüfen lassen (da sprechen wir noch nicht einmal vom BVerfG, Verwaltungsgerichte reicht schon), weil dann formualjuristisch argumentiert wird, dass ich keine Klagebefugnis habe, da ich ja in einer anderen Kommune wohne.

Wenn man die Fragen über “Leben und Tod”, wie ihr es nanntet, so absolut kommunal regelt, wie es Stefan vorschwebt, dann ist Assistierter Suizid in jeder Kommune anders geregelt und man muss Glück haben, dass man zum entsprechenden Zeitpunkt in der richtigen Kommune lebt. Noch dramatischer: Dann sind Vorsorgevollmachten in jeder Kommune einzeln geregelt und vermutlich anders. Im Zweifel muss für jede Kommune eine eigene Vollmacht erstellen oder die Kommune gar meiden, weil dort die eigenen Wünsche nicht erfüllt werden.

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Zunächst einmal zur Meritokratie würde ich nicht sagen, dass das eine völlig neue Klasse ist. Es gibt bei Marx ein Kapitel über die Arbeiteraristokratie, wo er sie grundsätzlich nicht anders als die gewöhnlichen Arbeiter bespricht. Sie haben nun mal auch keine Kontrolle über die Produktionsmittel, was immer noch den Kapitalisten vorenthalten ist und sie sind z.B. auch nicht krisenresistent. Es ist eine kulturell führende Gruppe, aber haben eher wenig Bewusstsein für Machtverhältnisse z.B.

Ich versuche gerade ein bisschen Gramsci zu lesen https://www.linksjugend-solid.de/wp-content/uploads/2023/01/Reader_Antonio-Gramsci.pdf
Und der eine Text über den Fordismus kommt mir etwas ähnlich vor. Fordismus ist nicht nur die Einführung von Fließbandproduktion, sondern die Einführung einer besonderen Mentalität und “Arbeitertypus”.

Dieser Arbeiter soll sich privat weniger psychisch und physisch verbrauchen, damit er fit bleibt für die Arbeit. Deswegen würden die Leitideen des Fordismus Prohibition und Puritanismus sein. Gramscis Anhaltspunkt dafür sind puritanische Initiativen von Ford, wo Kontrolleure sich das Privatleben der Arbeiter und Angestellten anschauen. Wenn sie “fordistisch” agieren, bekommen sie Lohnerhöhungen (man findet sowas wie den “five dollar day” bei Ford). Sie müssen z.B. monogam sein, sprich keine Frauen in Bars ansprechen, auch nicht zu romantisch sein und sie sollen ihr Geld “rational” ausgeben, z.B. kein Alkohol kaufen.

Er spricht hier auch schon von dieser Arbeitswut, wo selbst Milliardäre noch täglich zur Arbeit gefahren sein sollen, was ein Unterschied gewesen sei zu Europa (Sind Milliardäre bei uns immer noch bequemer im Vergleich zur USA?).

Diese Moralvorstellung oder Mentalität verselbstständige sich mit der Zeit und baue eine Moraldiskrepanz auf zu den Oberklassen auf, die wahrscheinlich mehr Scheidungen aufweisen und die Prohibition eher umgehen können und wollen (The Great Gatsby handelt ja davon). Jedenfalls ließen sich diese Arbeiter nicht mehr so leicht steuern, weil sie eine bestimmte Disziplin und Effizienzdenken internalisiert haben. Sie mögen die Führung nicht, aber gehen voll in dieser Produktionsweise auf.

Meiner Meinung nach sieht das so ähnlich aus wie bei der Meritokratie. So verselbstständigt sich diese Mentalität und es gibt niemanden, der das wirklich stoppen will oder kann. Das Kapital hat sie dahin gesetzt, belohnt diese Leute und sie glauben, sie machen das aus Freiheit heraus. Aber gerade deswegen können die Leute da nicht ausbrechen. (Eigentlich würde man ja sagen, dass sei die Protestantische Arbeitsethik, aber Gramsci gibt hier explizit Selektionsmechanismen an aus der Ökonomie selbst, die die Leute dahin setzen. Ich denke das ist ein Unterschied oder das ergänzt sich.)

Ich würde ebenso behaupten, dass diese Meritokraten eine Form von organische Intellektuelle werden könnten in dem Sinne, dass aus dem Produktionsprozess kommen, dort z.B. Menschen organisieren konnten und Anliegen formulieren, aber eben nicht politisch und gesellschaftlich. Sie haben kein Klassenbewusstsein und kein Klassenprojekt. (Der Punkt ist vlt etwas unsicher und angreifbar hier).

Beim Punkt der Bildung sollte vlt nochmal klar gemacht werden, dass Bildung mehr von Status und als Zugangsvoraussetzung abgekoppelt werden müsste. Es sollte weniger Eintrittskarte als eher Teil des gesellschaftlichen Lebens sein.