Zunächst einmal zur Meritokratie würde ich nicht sagen, dass das eine völlig neue Klasse ist. Es gibt bei Marx ein Kapitel über die Arbeiteraristokratie, wo er sie grundsätzlich nicht anders als die gewöhnlichen Arbeiter bespricht. Sie haben nun mal auch keine Kontrolle über die Produktionsmittel, was immer noch den Kapitalisten vorenthalten ist und sie sind z.B. auch nicht krisenresistent. Es ist eine kulturell führende Gruppe, aber haben eher wenig Bewusstsein für Machtverhältnisse z.B.
Ich versuche gerade ein bisschen Gramsci zu lesen https://www.linksjugend-solid.de/wp-content/uploads/2023/01/Reader_Antonio-Gramsci.pdf
Und der eine Text über den Fordismus kommt mir etwas ähnlich vor. Fordismus ist nicht nur die Einführung von Fließbandproduktion, sondern die Einführung einer besonderen Mentalität und “Arbeitertypus”.
Dieser Arbeiter soll sich privat weniger psychisch und physisch verbrauchen, damit er fit bleibt für die Arbeit. Deswegen würden die Leitideen des Fordismus Prohibition und Puritanismus sein. Gramscis Anhaltspunkt dafür sind puritanische Initiativen von Ford, wo Kontrolleure sich das Privatleben der Arbeiter und Angestellten anschauen. Wenn sie “fordistisch” agieren, bekommen sie Lohnerhöhungen (man findet sowas wie den “five dollar day” bei Ford). Sie müssen z.B. monogam sein, sprich keine Frauen in Bars ansprechen, auch nicht zu romantisch sein und sie sollen ihr Geld “rational” ausgeben, z.B. kein Alkohol kaufen.
Er spricht hier auch schon von dieser Arbeitswut, wo selbst Milliardäre noch täglich zur Arbeit gefahren sein sollen, was ein Unterschied gewesen sei zu Europa (Sind Milliardäre bei uns immer noch bequemer im Vergleich zur USA?).
Diese Moralvorstellung oder Mentalität verselbstständige sich mit der Zeit und baue eine Moraldiskrepanz auf zu den Oberklassen auf, die wahrscheinlich mehr Scheidungen aufweisen und die Prohibition eher umgehen können und wollen (The Great Gatsby handelt ja davon). Jedenfalls ließen sich diese Arbeiter nicht mehr so leicht steuern, weil sie eine bestimmte Disziplin und Effizienzdenken internalisiert haben. Sie mögen die Führung nicht, aber gehen voll in dieser Produktionsweise auf.
Meiner Meinung nach sieht das so ähnlich aus wie bei der Meritokratie. So verselbstständigt sich diese Mentalität und es gibt niemanden, der das wirklich stoppen will oder kann. Das Kapital hat sie dahin gesetzt, belohnt diese Leute und sie glauben, sie machen das aus Freiheit heraus. Aber gerade deswegen können die Leute da nicht ausbrechen. (Eigentlich würde man ja sagen, dass sei die Protestantische Arbeitsethik, aber Gramsci gibt hier explizit Selektionsmechanismen an aus der Ökonomie selbst, die die Leute dahin setzen. Ich denke das ist ein Unterschied oder das ergänzt sich.)
Ich würde ebenso behaupten, dass diese Meritokraten eine Form von organische Intellektuelle werden könnten in dem Sinne, dass aus dem Produktionsprozess kommen, dort z.B. Menschen organisieren konnten und Anliegen formulieren, aber eben nicht politisch und gesellschaftlich. Sie haben kein Klassenbewusstsein und kein Klassenprojekt. (Der Punkt ist vlt etwas unsicher und angreifbar hier).
Beim Punkt der Bildung sollte vlt nochmal klar gemacht werden, dass Bildung mehr von Status und als Zugangsvoraussetzung abgekoppelt werden müsste. Es sollte weniger Eintrittskarte als eher Teil des gesellschaftlichen Lebens sein.