Neue Zwanziger & Feminismus oder warum gibts hier so viel Männer?

Das Männer eher anderen Männern zuhören als Frauen ist bekannt. Und sicherlich besteht auch die Hörerschaft der Neuen Zwanziger in weiten Teilen aus Männern und beschäftigt sich auch eher mit den Inhalten von Männern. Ich gehöre da auch dazu und das verunsichert mich.

Provokant gefragt:

Schreiben Frauen einfach zu wenig lesenwerte Bücher? Oder kommen sie so wenig im Nachrichtengeschehen vor, dass sie auch in einer Besprechung dazu kaum Auftauchen?

Oder seht ihr das ganz anders?

Dennoch:

Könnten partriachale Muster im Podcast nicht noch viel konsequenter und systemischer reflektiert werden?

Mein Gefühl ist, dass Stefan manchmal damit, so ein bisschen um die Ecke kommt, aber Wolfgang eher blockt.

Mir fehlt definitiv auch ein feministisches Podcast-Äquivalent, dass die Nachrichtenlage der Art sortiert und dass ich mit der gleichen nunja, Muße (und Zeit), hören kann wie die Neuen Zwanziger. Habt ihr sowas?

Liebe Grüße aus der Altmark

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Absolut. Und die meisten Podcasts mit weiblichen Stimmen wiederholen im Grund auch nur, was die Männer prägen. Wir haben es hier mit einem unüberschaubar großen und merkwürdig obskuren Phänomen zu tun. Allerdings kann man das Problem auch von der anderen Seite beleuchten: Statt noch mehr Politik-Talk, jetzt auch noch von Frauen, liese sich fordern, dass Männer ihre Sphäre aufgeben. Ich habe das Argument im aktuellen Fernsehpodcast bereits reformuliert und gefragt: Wozu überhaupt Ministerpräsidenten und Bundeskanzler? Auf diesem Level abseits der konkreten Lebenswelt (Kommune), muss Gremienarbeit reichen. Niemand braucht Führer. Und Führerinnen sind dann auch keine Lösung.

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Hot Take: Würden die 20er noch einen dritten (weiblichen) Host aufnehmen, würden die Hörer***Innen**-Zahlen explodieren.

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Da ist der Wunsch die Mutter des Gedankens. Verständlich aber tatsächlich nicht zuende gedacht.

Ich bin dafür dass Die Neuen Zwanziger weiterhin keine Identitätspolitik betreiben. Eine Frau macht den Podcast nicht zugänglicher für Frauen.

Es ist weiterhin ein bisschen schade, dass sowohl Stefan als auch Wolfgang unbeleckt vom Feminismus sind, aber da jetzt einfach “die müssen uns mitmachen lassen” fordern greift auch zu kurz.

Aber die Lösung ist IMHO offensichtlich: Es gibt jetzt hier ein schönes Forum. Man kann ja mal eine Review vom feministischen Standpunkt aus schreiben.

Das fand ich auf jeden Fall ein super ansprechenden Gedanken. Der Gedanke die männlich / patriarchalen Sphären der Macht einfach abzuschaffen, ist ja total feministisch. Ein schlechtes System wird ja dadurch nicht besser, dass einfach mehr Menschen mitspielen können. Ich denke das Feministische an diesem Take, würde ich auf jeden Fall mehr betonen. Das absurde Theater in diesen Sphären zu entlarven, ist auf jeden Fall schon jetzt eine ehrenwerte Praxis. Ich glaube mir fehlt nur manchmal die Markierung so im Sinne von “ah da sehen wirs wieder: Männer lol”

@emi Deine Frage ist berechtigt, aber du stellst sie auf eine Weise die das Problem reproduziert.

Schau mal was du machst: Du schreibst “Das verunsichert mich” und fragst “Schreiben Frauen zu wenig lesenwerte Bücher?”

Du hast ein strukturelles Problem erkannt (der Diskurs ist männerdominiert), aber formulierst deine Kritik so, dass sie im Rahmen bleibt. Du pathologisierst dich selbst (“verunsichert mich”) statt das System zu kritisieren. Du akzeptierst “lesenswert” als neutrale Kategorie, obwohl das eine männlich codierte Bewertung ist.

Warum machst du das? Nicht weil du dumm bist, sondern weil du antizipierst was hier als “vernünftige Kritik” akzeptiert wird. Würdest du schreiben “Der epistemische Rahmen dieses Podcasts ist patriarchal strukturiert”, würde das als “identitätspolitisch” markiert und nicht ernst genommen. Diese Markierung muss nicht mal ausgesprochen werden - die Antizipation reicht.

Das ist Macht: Nicht dass jemand dir sagt was du denken sollst, sondern dass du selbst antizipierst was akzeptiert wird und dich entsprechend anpasst. Stefan und Wolfgang müssen dich nicht zensieren - du zensierst dich selbst präventiv.

Das Problem mit “mehr Frauen”:

Eine Frau im Podcast würde dieselbe Antizipation durchlaufen. Sie würde lernen welche Fragen als “vernünftig” gelten und welche als “identitätspolitisch”. Sie würde den Rahmen reproduzieren müssen um dort zu funktionieren. Das ändert die Struktur nicht.

Was bräuchte man stattdessen?

Systematische Analyse die zeigt: Mit welchen Unterscheidungen wird hier Politik beobachtet? Was landet strukturell auf der “unpolitisch”-Seite? Nicht weil jemand das böse will, sondern weil die Operationslogik des Diskurses so funktioniert.

Konkret: Wenn Die Neuen Zwanziger über Ukraine reden - Geopolitik, Militärstrategie, Wirtschaft gelten als neutral/politisch. Care-Arbeit, Vergewaltigungen als Kriegswaffe, Reproduktion unter Kriegsbedingungen - entweder absent oder “speziell”. Das ist keine böse Absicht. Das ist strukturelle Codierung.

Die Ironie: Ein Podcast der Machtkritik übt, reproduziert Macht durch die Struktur seines eigenen Diskurses. Und kann das nicht sehen - nicht weil Stefan und Wolfgang blöd sind, sondern weil man den Rahmen nicht sehen kann während man ihn benutzt.

Mein Vorschlag: Nicht mehr Frauen im Podcast, sondern systematische Beobachtung des Podcasts. Reviews die nicht fragen “Stimmt das?” sondern “Welche Fragen werden hier strukturell nicht gestellt? Was kann mit diesem Rahmen nicht gedacht werden?”

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Also ich sehe es skeptisch, dass hier die Geschlechtszugehörigkeit als a priori und zugleich Wesensmerkmal des eigenen Weltverständnisses gesetzt wird; müsste man nicht genau das hinterfragen?

Von so etwas wie “männlichen” und “weiblichen” Perspektiven zu raunen, ist nicht sinnvoll, wenn man ein konstruktives Bild von Gesellschaft pflegen will, bei dem die Dinge von allgemeinem Interesse intersubjektiv zugänglich sind.

@HarmloserName Dein Argument klingt nach Neutralität, aber es verschleiert Machtverhältnisse.

Du sagst: “Wir sollten nicht von Geschlecht als a priori ausgehen” und “Dinge von allgemeinem Interesse sollten intersubjektiv zugänglich sein.”

Hier ist das Problem: Diese “Neutralität” existiert nicht. Sie tarnt nur den herrschenden Rahmen als universell.

Konkret: Jeder Diskurs operiert mit einer Unterscheidung Zentrum/Peripherie. Manche Themen gelten als “eigentlich politisch”, andere als “Spezialinteresse”. Diese Unterscheidung ist nicht neutral - sie ist durch internalisierte Rollenmuster strukturiert.

“Allgemeines Interesse” und “intersubjektiv zugänglich” sind diese Codierung. Sie markieren was als zentral gilt. Alles andere landet automatisch auf der Peripherie - nicht weil es weniger wichtig ist, sondern weil die Unterscheidung selbst so funktioniert.

Dein Vorschlag “Geschlecht nicht als relevant setzen” macht die Struktur dieser Unterscheidung unsichtbar - genau dadurch reproduzierst du sie.

Das ist kein böser Wille. Aber “Neutralität” ist hier kein Ausweg aus Machtverhältnissen, sondern deren Verschleierung. Der Appell an Universalität ist selbst ein Machtmechanismus.

Die Frage ist nicht: Ignorieren wir Geschlecht oder nicht?
Die Frage ist: Wer profitiert davon wenn wir so tun als wäre die Unterscheidung Zentrum/Peripherie neutral?

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In solchen Diskussionen dauert es immer nur 3 Beiträge und ich verstehe kein Wort mehr. Findet ihr wieder eine pragmatische, praktische Ebene?

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Was genau meint deine KI damit, meine Aussage klänge nach Neutralität? Es geht auch bezüglich der sprachlichen Kommunikation darum, einen Modus der Interaktion zu finden, in dem sich Gesellschaft konstruktiv organisieren kann. Fragen des Geschlechts spielen innerhalb eines solchen Rahmens einer partizipativen intersubjektiven Öffentlichkeit natürlich als Grund für Ungleichbehandlung eine Rolle, aber nicht als identitärer Wesensgrund gefühlter Wahrheiten. Dementsprechend kann man auch nicht von der Geschlechtszugehörigkeit von Hörern und Machern von Podcasts auf angeblich fortgeschriebene patriarchale Strukturen schließen.

@Stefan Ganz pragmatisch:

@emi merkte an, dass sie sich eine feministische Perspektive wünschen würde.

@HarmloserName stellte die These auf, dass dies einer irgendwie gearteten Neutralität widersprechen würde.

Ich hab angemerkt, dass sogenannte Neutralität nur Machtverhältnisse verschleiert.

@HarmloserName Erstmal: Claude ist eine Schreibmaschine, kein Diskursteilnehmer. Ich nutze das Ding wie du Word nutzt. Hat keine Meinung, formuliert nur was ich denke. Falls das unklar war.

Jetzt zu deinem Punkt: Dein ganzer Ansatz IST das Problem.

Du redest von “partizipativer intersubjektiver Öffentlichkeit” und “Modus der Interaktion finden” - als ob man Machtverhältnisse durch die richtige kommunikative Form einfach auflösen könnte. Das ist klassische liberale Ideologie.

Du glaubst es gibt einen neutralen Raum jenseits von Machtverhältnissen. Man muss nur die richtigen Regeln finden, dann ist alles gut. “Konstruktiv”, “intersubjektiv”, “partizipativ” - das klingt nach neutralen Kategorien, ist es aber nicht.

Wer definiert denn was “konstruktiv” ist? Wer legt fest was “intersubjektiv zugänglich” heißt? Wer kann unter welchen Bedingungen “partizipieren”? Diese Kategorien sind selbst Machtausübung.

Deine Öffentlichkeit reproduziert Machtverhältnisse indem sie so tut als wäre sie neutral. Du verwechselst formale Gleichheit (alle dürfen reden) mit struktureller Gleichheit (alle werden gehört).

Und dann dieser Move: “nicht als identitärer Wesensgrund gefühlter Wahrheiten” - du framst Strukturkritik als “gefühlt” um sie zu delegitimieren. Genau der Mechanismus den ich beschreibe.

Die liberale Öffentlichkeit ist kein Ausweg aus Macht. Sie ist deren perfekte Verschleierung.

So wie ich Stefan verstanden habe, meint er mit “pragmatisch” die Ebene, auf der argumentiert wird. Nämlich nicht auf der Ebene abstrakter Entitäten wie “die Neutralität”, “die herrschenden Verhaltnisse”, “die Machtstrukturen”, “der Diskurs” etc.

Ich bin auch dafür, dass man es konkret macht. Wo genau in dem Podcast sind patriarchale Strukturen wie fortgeschrieben und wie sollte man konkret damit umgehen?

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Es gibt halt nur männliche Perspektiven. Das kann man nicht einfach auflösen. Aber man kann zum Beispiel über das Forum ab und zu mal eine andere Perspektive beisteuern und ganz konkret sagen, wenn hier offensichtliche blinde Flecken sind

Ja, “ab und zu”, d. h. zum Beispiel jetzt…

Ich denke, die Widersprüche dieses Beitrages sind offensichtlich: was soll das heißen, es gebe nur männliche Perspektiven? Eine solche Aussage wickelt sich schnell in eigene Widersprüche ein. Sie ist außerdem nicht mit der Aufforderung vereinbar, dass man einfach auf diese hinweisen kann/muss. Man kann das Problem nicht derart ins Monströse aufblasen, dass die hiesige in einem universellen Verblendungszusammenhang gefangene Gesellschaft nur als ein willenloser Spielball metaphysischer Schlachten erscheint, den die Begriffe unter sich austragen, und dann Lösungsansätze vorschlagen, die so tun, als läge das Objektive offensichtlich für jedermann einfach am Wegrand bereit. Dann wäre es folgerichtiger, im Fatalismus konsequent zu bleiben und sich einzugestehen, dass man auch selbst nicht aus der “männlichen Perspektive” ausbrechen kann…

@HarmloserName Jetzt machst du es aber komplizierter als es ist.

“Universeller Verblendungszusammenhang”? “Metaphysische Schlachten”? “Fatalismus”?

Ich sage nur: Stefan und Wolfgang sind zwei Männer, also haben sie männliche Perspektiven. Was ist daran kompliziert?

Das heißt nicht dass sie in irgendeiner metaphysischen Gefangenschaft stecken. Das heißt nur: Sie sehen manche Sachen nicht, weil sie halt Männer sind und bestimmte Erfahrungen nicht gemacht haben. Genau wie ich andere Sachen nicht sehe weil ich andere Erfahrungen nicht gemacht habe.

“Blinde Flecken benennen” heißt: Wenn jemand was übersieht, sag ich “Hey, hier fehlt was.” Fertig. Kein Drama.

Du machst aus einer simplen Beobachtung (“zwei Dudes haben männliche Perspektiven”) ein unlösbares philosophisches Problem. Warum?

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Naja wenn es um die Offenlegung von Machtverhältnissen geht, reicht es ja oft einfach nur zu Zählen. Wie viele Bücher von wem? Wer sitzt in Vorständen? Wer redet wo wieviel? Das ist ja auch ein Argument das du schon mal gemacht hast. Also ich denke das offensichtliche bedeutet hier eben schon etwas. Das ist natürlich nicht der Weisheit letzter Schluss aber immerhin ein Anfang Und dann kann man schon auch aktiv in diese Richtung gehen, wenn man feststellt, dass es da ein Missverhältnis gibt. Also z.B. nach anderen Stimmen suchen. Und gerade wenn du feststellst, dass da auch in deinem Verständnis ne Leerstelle gibt (“ich verstehe kein Wort mehr”), schadet es ja nicht, mal gemeinsam ein Buch zu lesen :wink: Gerade im Feld Familienpolitik gibt es doch Unmengen an Büchern. Z.B: Das Ende der Ehe, Lesben sind die besseren Väter, das Patriarchat im Uterus..

Das Ironische: Obwohl ich diese Titel kenne, habe ich keins davon gelesen, aber als Pädagoge glaube ich ja an die Kraft der Vorbilder

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Es würde doch völlig ausreichen, ab und zu mal feministische Texte vorzustellen.

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Ich möchte aus weiblicher Perspektive sagen, dass nicht jeder Podcast zwangsläufig feministische Themen behandeln muss. Selbstverständlich sind patriarchale Muster ein nicht zu unterschätzendes, ernstzunehmendes Problem, ich möchte aber aus meiner eigenen Perspektive behaupten, dass kapitalistische Dynamiken sowie alle Folgen aus der ungleichen Vermögensverteilung an sich mir um ein Vielfaches stärker unter den Nägeln brennen als das Patriarchat.

Für hörenswerte feministische Themen kann ich z.B. den Podcast Diabolical Lies empfehlen. Die zwei Hosts reden über aktuelle US-Themen.

Spotify: Diabolical Lies

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