Neusprech, Doppeldenk und die Große trans Schwester / Helen Joyce: Fakten über Transgender

1. Trans ist ein Chamäleon. Worüber sprechen wir?

In der identitätsorientierten Politik werden Menschen und Ideen von Aktivisten nicht mehr aufgrund von Beweisen beurteilt, sondern anhand einer spezifischen Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit. (Joyce: 60) Man könnte es als Versuch verstehen „die Logik gegen die Logik ins Feld zu führen, die Moral abzulehnen und sie für sich in Anspruch zu nehmen“ (Orwell: 56).

Mit einer „nicht nachlassenden Flexibilität im Umgang mit Tatsachen“ (Orwell: 265) hat die angewandte Postmoderne der Objektivität abgeschworen. Logik und Vernunft sind nicht länger Ideale, sondern sie werden genutzt, um Privilegien zu festigen. „Sprache dient [dieser Logik zufolge] dazu, die Realität zu gestalten, nicht sie zu beschreiben.“ (Joyce: 71) „Diese Technik heißt in Altsprech ganz unverblümt »Realitätskontrolle«. In Neusprech heißt sie Doppeldenk“. (Orwell: 267)

Doppeldenk bedeutet die Fähigkeit, gleichzeitig zwei einander widersprechende Überzeugungen zu hegen und beide gelten zu lassen.“ (Orwell: 268) Welche Überzeugungen sind das?

Beginnen wir mit einer Definition von Geschlecht (sex): Die Evolutionstheorie ist Grundlage moderner Medizin und Biologie. Geschlechter werden als zwei urzeitliche Kategorien verstanden, die sich anhand ihrer reproduktiven Rollen definieren. „Männliche Körperteile sind auf die Produktion von kleinen, beweglichen Gameten (bei Säugetieren Spermien genannt) ausgerichtet, weibliche auf die Produktion von großen, unbeweglichen Gameten (bei Säugetieren Eizelle genannt).“ (Joyce: 26f) Definitionen des biologischen Geschlechts, die sich nicht in Evolution und Fortpflanzung begründen, laufen nach Darwin ins Leere.

„Reproduktionsorgane können sich wie jedes andere Körperteil anormal entwickeln.“ (Joyce: 74) Bekannt sind beispielsweise Sechsfingrigkeit und eine Vielzahl weiterer Anomalien. „Damit es drei biologische Geschlechter geben kann, müsste es eine dritte Art von Keimzelle geben, und die gibt es nicht.“ (Joyce: 74)

Doch die Transideologie denkt dualistisch: es gibt eine immaterielle Psyche und einen Körper, dem diese innewohnt. (Joyce: 67)

Innerhalb der Psyche offenbart sich dem Individuum das angeborene und unbeschreibliche Gender: „so etwas wie eine geschlechtsbestimmte Seele.“ (Joyce: 16) Das Gendergefühl ist „eine Art Amalgam aus Gefühlen, Einstellungen, Wünschen und Selbstidentifikation“. (Joyce: 37)

Der Ruf der Transaktivisten nach Selbstbestimmung ist bei näherer Betrachtung irreführend. Tatsächlich fordern sie die Validierung durch andere. (Joyce: 17f) Sie fordern, als das Geschlechts gesehen zu werden, als das sie sich fühlen.

„Wenn Sie sich der Illusion hingeben, etwas zu sehen, nehmen Sie an, daß alle anderen das gleiche sehen wie Sie. Aber ich sage Ihnen, Winston, daß Realität nichts Äußeres ist. […] Was immer die Partei für Wahrheit erachtet, ist Wahrheit.“ (Orwell: 310)

Wer annimmt, sehen zu können, welchem Geschlecht das gegenüber angehört, der kennt die Wahrheit der Partei einfach nicht.

Und wer auch immer in Diskussionen „mit »trans Frauen sind Frauen« antwortet, macht kein Argument, sondern eine politische Positionierung, die wie ein religiöses Bekenntnis wirkt.“ (Joyce: 160)

Was würde Orwell sagen?: „Das Schlüsselwort lautet hier: Schwarzweiß. Es besitzt, wie so viele Neusprechwörter, zwei einander widersprechende Bedeutungen. Einem Gegner gegenüber gebraucht, meint es die Angewohnheit, im Widerspruch zu den offenkundigsten Tatsachen impertinent zu behaupten, Schwarz sei Weiß.“ (Orwell: 265)

Erinnert sein soll daran, dass die Risiken im Leben von Transfrauen und -männern eben nicht im Geschlechtseintrag liegen, sondern darin, dass das Gegenüber einen Unterschied zwischen Auftreten und biologischem Geschlecht wahrnimmt. Es wäre sinnvoller gesehen, nicht über einen Geschlechtseintrag zu diskutieren, sondern darüber zu diskutieren, wie man Transpersonen durch den Erlass von Gesetzen vor Gewalt, Belästigung und Diskriminierung schützt. (Joyce: 240)

2. Begehren oder sein? Das, was nicht gesagt werden darf.

Ist die Transidentität nicht nur losgelöst vom Körper, sondern auch losgelöst von der Sexualität?

Schauen wir uns das mal an.

Ich werde nun zwei Wege aufzeigen, wie Menschen zu ihrer Transidentität kommen können.

Geschlechtsdysphorie im Kindesalter tritt für gewöhnlich bei Kindern auf, die geschlechtlich nicht konform sind: Jungs, die mit Puppen spielen und Mädchen, die Spielzeugtraktoren sammeln.

Die Dysphorie tritt bei diesen Kindern für gewöhnlich auf, sobald sie von außen gespiegelt bekommen, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung ist. (Joyce: 48)

Bevor Pubertätsblocker in großem Ausmaß eingesetzt wurden, haben die allermeisten Kinder die Geschlechtsdysphorie spätestens zum Eintritt ins Erwachsenenalter verloren. Doch nicht nur das, es stellte sich heraus: die meisten Kinder waren homosexuell. Es gibt zahlreiche Belege, dass Homosexuelle häufig bereits früh im Kindesalter geschlechtlich nonkonformes Verhalten zeigen. (Joyce: 21)

Was machen wir mit diesen Kindern, wenn wir ihnen Pubertätsblocker geben und ihnen noch vor Eintritt ins Erwachsenenalter die Geschlechtsorgane irreversibel verändern? Was machen wir da? Ist das Motto: besser trans und hetero, als cis und homo?

Kommen wir zur zweiten Gruppe: Autogynophilie beschreibt die Neigung eines Mannes, sexuelle Erregung zu verspüren, indem der eigene Körper als Frau vorgestellt wird. (Joyce: 50)

Ein Mann mit Autogynophilie beschreibt es selbst wie folgt: „Hättest du mich gefragt: ›Bist du innerlich eine Frau?‹ hätte ich geantwortet: ›Ich glaube nicht‹. Ich wusste aber immer, dass ich den Körper einer Frau haben wollte. Ich habe den Penis gehasst, ich habe die Erektionen gehasst; dass alles musste ich ändern.“ (Joyce: 54)

Der Beschreibung gemäß scheint der Slogan, trans Frauen seinen Frauen im Körper eines Mannes irreführend. Wie wäre es mit: „Männer, die in Männerkörpern gefangen sind“? (Joyce: 55)

Eine andere autogynophile Transfrau beschreibt ihr Erleben so, dass: „fast alles, was weiblich oder feminin codiert sei, eine intensive, verwirrende, schamauslösende erotische Erregung hervorrufen könne, was den Wunsch nach einem weiblichen Körper gleichzeitig zu beleben und zu diskreditieren scheine.“ (Joyce: 55)

Die Autogynophilie ist „vielleicht am besten als Liebe zu verstehen, eine Liebe, der es wirklich lieber wäre, wenn wir ihren Namen nicht aussprechen würden.“ (Joyce: 60)

Männer mit Autogynophilie erleben viel Scham, Frust und Unverständnis. Deshalb sollte der Neigung mit Respekt begegnet werden. Es ist vollkommen verständlich, dass eine Transfrau, die unter Autogynophilie gelitten hat, nach ihrer Transition behauptet, sie hätte sich schon immer wie eine Frau gefühlt. Die Wahrheit wäre in dem Fall einfach zu schambehaftet: „Früher habe ich in Frauenkleidern masturbiert und jetzt bin ich dazu übergegangen, die Kleider die ganze Zeit zu tragen.“ (Joyce: 60)

Doch mit der Erfindung der Transidentiät haben Transaktivisten jegliche Formen der Autogynophilie tabuisiert. Mit Folgen für junge Betroffene: „Wie kann sich ein Betroffener mit anderen identifizieren oder zu anderen aufschauen, wenn Ältere mit Autogynophilie das, was sie antreibt, leugnen?“ (Joyce: 61f)

Sowohl die Kinder mit nonkonformen Verhalten als auch die Männer mit Autogynophilie zeigen einen klaren Zusammenhang zwischen Trans und Sexualität, der im Konzept der Identität verloren geht.

„Es bedarf wohl kaum der Erwähnung, daß die subtilsten Benutzer von Doppeldenk diejenigen sind, die es erfunden haben und wissen, daß es ein gigantisches geistiges Betrugsmanöver ist. In unserer Gesellschaft sind diejenigen, die am besten wissen, was passiert, auch am weitesten davon entfernt, die Welt so zu sehen, wie sie tatsächlich ist.“ (Orwell: 269)

3. Pipi, Kacka, Obermacker. Schon wieder Weiber?

Ja, ich weiß, wir nerven. Aber hey, wir haben Brüste, ist dann nicht toll!

„In dem Maße, in dem die Klasse der Frauen bedeutungslos wird, wird es auch der Feminismus. […] Wenn Frauen grenzenlos und formlos sind, können sie keine politischen Forderungen stellen.“ (Joyce: 144)

Es nervt!, denkt ihr euch? Und wie es das tut!

Nur ein Quicky, versprochen!

Jede Forderung, Transfrauen müssten auf Frauentoiletten, erkennt immerhin an: mit Männern auf Toilette gehen ist gefährlich. (Joyce: 163)

In öffentlichen Schwimmbädern fanden neunzig Prozent der Fälle von sexuellen Übergriffen und Belästigungen in als »unisex« ausgewiesenen Umkleiden statt. Nur zu Erinnerung: die meisten Umkleiden sind getrenntgeschlechtlich. (Joyce: 165)

Lasst uns eine Umfrage machen. Stimmen Sie folgender Aussage zu: „Sind Sie der Meinung, dass eine Person, die sich als Frau identifiziert, bei der Geburt jedoch als männlich registriert wurde und männliche Genitalien hat, die Möglichkeit haben sollte, Frauenumkleiden zu benutzen, in denen sich Frauen und Mädchen ausziehen und duschen, selbst wenn diese Frauen dagegen sind?“ (Joyce: 227)

Wer dagegen ist, dem habe ich nur eins zu sagen: „Wenn du ein intolerantes Vergewaltigungsopfer bist, dann verpiss dich bitte.“ (Joyce: 176)

Naja, Frauen hatten leider in den vergangenen Jahrhunderten zu keinem Zeitpunkt die Möglichkeit, ein diffuses Gefühl anzugeben, um sich damit die Privilegien männlicher Vorherrschaft anzueignen. (Joyce: 174) Blöd gelaufen.

Und endlich kommt der Quicky zum Höhepunkt: Die Genitalbesessenheit von TERFs.

Ein bisschen Neusprech der letzten Jahre: Menstruierende, Abtreibungssuchende, austragender oder gebärender Elternteil, Menschen mit Vagina, Menschen mit Gebärmutterhals, Menschen die bluten, Oberkörper gebende, Humanmilch Fütternde. Frauen werden in Teile zerlegt, die für sexuelle und reproduktive Dienstleistungen eingesetzt werden können. (Joyce: 145)

Und Männer? Gibt es sie, die: Penisbesitzenden, Spermienproduzierenden, Menschen mit Hoden, Menschen mit Prostata?

Es liegt auf der Hand, dass inklusive Sprache nur in eine Richtung gefordert wird. (Joyce: 146f)

4. Zweifarbiger Regenbogen: die Rückkehr von blau und rosa.

Stereotype, von der manch eine naive Feministin hoffte, sie in der Vergangenheit lassen zu können, sind im fortschrittlichen Gewand zurückgekehrt.

Der Widerspruch ist eine ganz besondere Form des Doppeldenk: „Geschlechtsidentität ist ein angeborenes, unbeschreibliches Gefühl, das nichts mit Körper, Verhalten oder Auftreten zu tun hat. Aber: Diese innere Wahrheit wird durch Stereotype manifestiert.“ (Joyce: 122)

So merkte die Transfrau in der Kindheit schon, dass sie lieber mit Puppen spielte und der Transmann, wollte schon immer kurze Haare tragen. Diese Geschichte in unendlich vielen Varianten erzählen Transpersonen tagtäglich.

Eine Frage: „Wenn sich Erwachsene nicht mehr um die »richtigen« Aktivitäten für Jungen und Mädchen scheren würden, wie könnte ein Kind dann in der Praxis seine Transidentität zum Ausdruck bringen? Wenn es keine Verhaltensweisen gäbe, die für das eine oder das andere Geschlecht tabu sind, wie könnte ein Kind dann das Gefühl haben oder der Welt zeigen, dass es sich nicht mit seinem biologischen Geschlecht identifiziert?“ (Joyce: 124)

Gender wird auf der einen Seite im Bewusstsein definiert, aber es scheint sich in stereotypischen Äußerlichkeiten zu offenbaren. (Joyce: 124) Was ein Fortschritt.

Doch daraus folgt: Wenn du nicht den Sterotypen entsprichst, muss dein Körper entsprechend verändert werden. (Joyce: 125)

5. Rechts, links, rechts, links, stillgestanden! Was sind noch mal Nazis?

Politisch linke Feministinnen haben ein Problem: entweder, sie suchen bei den Rechten nach Verbündeten und machen sich in den Augen der anderen zu Verrätern, oder sie finden sich damit ab, kein Gehör zu finden. (Joyce: 245)

„Entweder man spricht sich gegen Self-ID aus und wird als Sprachrohr der Rechten bezeichnet, oder man schweigt und muss sich anhören, wie andere Linke behaupten, nur die Rechten seien dagegen.“ (Joyce: 247)

Ich habe keine Lust auf rechts links Diskussionen. Ich halte jeden, der sich für egal welche Seite entscheidet, für zumindest in Teilen verblendet. Meinungen sollten sich an einer Sachlage orientieren und nicht an einer Gruppenzugehörigkeit.

Aber trotzdem muss man sich als cis Frau leider eingestehen, dass man zwar Frau ist, aber immer noch cis Frau und deshalb ist trans noch mal unter cis und daraus folgt dann: „Sich gegen die geschlechtliche Selbstbestimmung zu stellen, ist also per Definition ein intoleranter Akt.“ (Joyce: 254)

„Wer den Diskurs kontrolliert, kontrolliert auch die Realität.“ (Joyce: 255)

„Es gibt nur eine endlose Gegenwart, in der die Partei immer recht hat.“

(Orwell: 199)

Und wenn links progressiven freiheitsliebenden Menschenfreunden mal

langweilig ist, dann schreiben sie folgendes in Foren: „IchwilleinpaarTERFszusammenschlagen. Die sind

nicht besser als Faschos.“ (Joyce: 270)

6. Raum 101: Detransition. Man sieht, wen man des Blickes würdigt.

Das Leid aller Menschen soll gehört, gesehen und verstanden werden. Nur die Detransitioner passen nicht so gut in die Erzählung.

Als würde jemand leichtsinnig solche Dinge mit seinem Körper tun, wird dann behauptet.

Wann habt ihr zuletzt mit Jugendlichen Kontakt gehabt?

„»Auf Tumblr wird man als unterdrückter Mensch angehimmelt«, erklärt Kay.“ (Joyce: 114)

Die wilden Jugendjahre scheinen lang vergessen. Doch für manche Jugendliche bedeutet die Ignoranz, dass sie mit Eintritt ins Erwachsenleben ihre Geschlechtsorgane unwiederbringlich verändert haben, sie keine Kinder mehr zeugen oder gebären können, ihnen die Möglichkeit einer erfüllenden Sexualität genommen wurde, und das noch bevor sie Zeit hatten, ihre Sexualität zu entdecken.

„Wenn Identität alles ist und ein Mann oder eine Frau jede Art von Körper haben kann, warum macht man sich dann die Mühe, den eigenen Körper medikamentös oder chirurgisch anzugleichen?“ (Joyce: 69)

Traurig zu lesen, von jemandem, der sein Leben lang unter der Verstümmelung leiden muss: „Es hat mir nie jemand gesagt, dass ich mich selbst lieben soll und dass ich so, wie ich bin, in Ordnung bin. Es hieß nur: ›Ändere dich und es wird dir besser gehen.‹“ (Joyce: 100)

7. Jens, wer brütet dir das Zweite aus? Ein Gedankenexperiment.

Stell dir einen schwulen Politiker vor. Er besteht darauf, dass Frauen in jedem Kontext Frauen sind. Wenn Transfrauen Verbrechen begehen, kommen sie ins Frauengefängnis, beim Sport in Frauenteams. Wenn sie sich zu Frauen hingezogen fühlen, müssen Lesben diese Frauen als potenzielle Partnerinnen betrachten. Für diesen Politiker gibt es keinen Unterschied zwischen biologischem und sozialem Geschlecht. Transfrauen unterscheiden sich lediglich dadurch von Frauen, dass ihnen bei der Geburt fälschlich das Geschlecht als männlich zugewiesen wurde.

Was macht dieser Politiker, wenn er eine Leihmutter sucht? (Joyce: 288f)

„Das Gebot der alten Despotien lautete: ›Du sollst nicht.‹ Das Gebot der totalitären Regime lautete: »Du sollst.‹ (sic!) Unser Gebot lautet: ›Du hast zu sein.‹“ (Orwell: 317)

Literatur:

Helen Joyce: Fakten über Transgender. Deutsche Erstausgabe 2024 Magas Verlag.

George Orwell: 1984. Deutsche Übersetzung Michael Walter. Heyne Verlag. 11. Auflage.

Der Text gibt sich als Verteidigung biologischer Realität. Tatsächlich verteidigt er die Autorität der Gatekeeper: Ärzte, Therapeuten, Behörden und selbsternannte Hüter der Biologie sollen weiterhin entscheiden dürfen, was ein anderer Mensch „wirklich“ ist.

Schon die biologische Eindeutigkeit, auf der alles aufbaut, existiert nicht.

Chromosomen, Gonaden, Hormone, äußere und innere Anatomie sowie Fortpflanzungsfähigkeit können bei einem Menschen in unterschiedliche Richtungen weisen. Es gibt Frauen mit XY-Chromosomen und weiblicher Anatomie, Menschen mit chromosomalen Mosaiken, gemischtem Gonadengewebe oder einer Hormonwirkung, die nicht zum Chromosomensatz passt. Kein einzelnes Merkmal und keine widerspruchsfreie Kombination klassifiziert alle Menschen vollständig und eindeutig binär.

Auch bei der Geburt findet keine umfassende biologische Bestimmung statt. Chromosomen, Gonaden, Hormone oder Gameten werden normalerweise überhaupt nicht untersucht. Es wird kurz auf die äußeren Genitalien geschaut und eine administrative Zuordnung vorgenommen. Dieser Blick von wenigen Sekunden soll anschließend als unveränderliche biologische Wahrheit mehr Autorität besitzen als der gesamte weitere Körper, die Biografie und die eigene Erfahrung des Menschen.

Die Biologie liefert Merkmale. Sie liefert keinen Gatekeeper, der festlegt, welches Merkmal im Konfliktfall alle anderen überstimmt.

Genau diese menschliche Entscheidung wird im Text unsichtbar gemacht. Mal sollen die Gameten entscheiden, obwohl viele Menschen keine produzieren. Dann entscheidet ihre angebliche „Ausrichtung“ auf einen Gametentyp. Reale Abweichungen werden zu „Anomalien“ erklärt. Das Kriterium darf wechseln, solange das gewünschte Urteil bestehen bleibt.

„Biologie“ bedeutet hier praktisch:

Eine äußere Instanz legt fest, welches Merkmal zählt, und erklärt ihr eigenes Urteil anschließend zur Natur.

Darauf beruht auch die gesamte Darstellung von Transgeschlechtlichkeit. Eine trans Person kann in diesem Modell niemals einfach trans sein. Für jedes Alter und jede Lebensgeschichte liegt bereits eine Fremderklärung bereit:

Das Kind ist eigentlich homosexuell.
Die Jugendliche ist beeinflusst worden.
Die erwachsene Transfrau ist eigentlich autogynophil.
Eine andere Selbsterklärung beruht auf Scham.
Eine konsistente Biografie ist ein gelerntes Narrativ.
Detransition beweist den Irrtum.
Dauerhafte Zufriedenheit beweist die Macht der Ideologie.

Welche Beobachtung könnte unter diesen Bedingungen überhaupt zeigen, dass eine Person tatsächlich trans ist?

Keine.

Das ist kein ergebnisoffenes Erklärungsmodell. Es ist ein geschlossenes Verfahren zur Herstellung eines bereits feststehenden Ergebnisses: Cis gilt als Wirklichkeit, Trans muss auf etwas anderes zurückgeführt werden.

Dabei wird die Glaubwürdigkeit radikal ungleich verteilt. Cis Menschen müssen keine Ursache für ihre Identität nennen. Niemand verlangt von ihnen eine vollkommen widerspruchsfreie Lebensgeschichte. Sie dürfen Rollenbildern entsprechen oder ihnen widersprechen, ihren Körper mögen oder verändern, Zweifel erleben und trotzdem cis bleiben.

Trans Menschen müssen dagegen beweisen, dass sie keinem Irrtum, keinem Fetisch, keiner psychischen Belastung, keiner sozialen Beeinflussung und keiner zukünftigen Reue unterliegen. Jede Unsicherheit spricht gegen sie. Jede Gewissheit kann als ideologische Verfestigung umgedeutet werden.

Cis Menschen dürfen über sich selbst Auskunft geben. Trans Menschen werden von anderen erklärt.

Besonders deutlich wird diese Hierarchie in der Medizin.

Cis Menschen nehmen laufend Behandlungen in Anspruch, die ihren Körper an ihr Geschlechtsempfinden und ihre geschlechtliche Erscheinung anpassen: Hormonersatz, Testosteron, Brustaufbau, Brustverkleinerung, Entfernung von Brustgewebe bei Gynäkomastie, Haartransplantationen, Haarentfernung und Pubertätsblocker bei vorzeitiger Pubertät. Das gilt als gewöhnliche Versorgung. Bei trans Menschen werden vergleichbare Maßnahmen zu „Ideologie“, „Verstümmelung“ oder Realitätsflucht erklärt.

Bei intergeschlechtlichen Kindern wurde die angebliche medizinische Vorsicht sogar regelmäßig umgekehrt: Uneindeutige Körper wurden ohne eigene Einwilligung operativ an binäre Erwartungen angepasst. Entscheidend war, dass der Körper später eindeutig gelesen werden konnte. Die Selbstbestimmung des Kindes spielte gerade dort keine tragende Rolle.

Damit ist der tatsächliche Maßstab erkennbar.

Eine medizinische Veränderung gilt als zulässig, wenn sie einen Menschen cis macht, cis hält oder binär lesbar macht. Ermöglicht sie einer trans Person, ihre körperliche Entwicklung selbst mitzubestimmen, wird dieselbe Medizin zur Gefahr erklärt.

Es geht also nicht grundsätzlich um Eingriffe, Reversibilität oder Schutz.

Es geht um die Richtung und darum, wer sie festlegt.

Die Gatekeeper sollen Körper verändern dürfen. Die betroffene Person soll ihnen die Entscheidung nicht aus der Hand nehmen.

Auch der Orwell-Rahmen dient genau diesem Zweck. Er liefert keine biologische oder medizinische Evidenz. Er erklärt die Gegenseite vorab zur totalitären „Partei“. Anerkennung wird zu Realitätskontrolle, respektvolle Behandlung zu Kollaboration und Selbstbestimmung zu erzwungener Zustimmung.

Damit entsteht eine moralische Ausnahmegenehmigung. Wer glaubt, gegen ein totalitäres System, einen Kult oder ein „gigantisches geistiges Betrugsmanöver“ zu kämpfen, kann Zwang leicht als Rettung darstellen:

Behandlung verweigern heißt dann schützen.
Konversion heißt explorieren.
Demütigung heißt Wahrheit aussprechen.
Ausschluss heißt Sicherheit herstellen.
Die fremdbestimmte Pubertät heißt nichts tun.
Die eigene Entscheidung der Person heißt Manipulation.

Das folgt derselben Logik wie der Hexenhammer: Die beschuldigte Person kann sich nicht entlasten. Bestreitet sie die Anklage, zeigt dies ihre Verblendung. Bestätigt sie einzelne Teile, gilt das als Geständnis. Widerspruch und Zustimmung führen zum gleichen Urteil. Gerade weil die Person angeblich getäuscht ist, darf sie nicht selbst beurteilen, ob sie gerettet werden möchte.

Der Text wirft anderen Doppeldenk vor und praktiziert es selbst:

Geschlecht sei offensichtlich, benötige aber Gatekeeper, Tests und Fremdurteile.
Biologie sei eindeutig, widersprechende Biologie werde zur Anomalie erklärt.
Kinder müssten vor irreversiblen Eingriffen geschützt werden, solange diese Eingriffe kein cisgeschlechtliches Ergebnis herstellen.
Stereotype seien schädlich, während Ärzte und Therapeuten entscheiden sollen, welche Abweichung auf Homosexualität, Krankheit oder Transgeschlechtlichkeit verweist.
Trans Menschen sollten vor Diskriminierung geschützt werden, während ihre Existenzweise selbst als Illusion, Fetisch oder Fehlentwicklung behandelt wird.

Auch Sport, Medizin, Umkleiden, Strafvollzug, sexuelle Orientierung und Fortpflanzung werden absichtlich zu einer einzigen Position zusammengezogen. So entsteht der Strohmann, Anerkennung bedeute, körperliche Merkmale dürften nirgends mehr berücksichtigt werden und Lesben müssten bestimmte Personen begehren.

Gesellschaftliche Anerkennung erzeugt keine sexuelle Verpflichtung. Rechtlicher Status entscheidet keine medizinische Diagnose. Eine Sportregel beantwortet keine Frage des Personenstands. Unterschiedliche Kontexte dürfen unterschiedliche Merkmale berücksichtigen, ohne einem Menschen deshalb sein Geschlecht abzusprechen.

Der Text verteidigt am Ende keine objektive Natur gegen subjektive Gefühle. Er verteidigt eine Kompetenzordnung:

Andere dürfen bestimmen, was ein trans Mensch wirklich ist. Der trans Mensch selbst darf höchstens Material für dieses Urteil liefern.

Selbstbestimmung bedroht deshalb keinen biologischen Sachverhalt. Sie bedroht das Monopol der Gatekeeper.

Und genau dieses Monopol wird hier als Wissenschaft, Schutz und Widerstand gegen Totalitarismus verkleidet.

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@TurtleTerf Langweilig. Kein neues Argument, kein neuer Gedanke - noch dazu nur Strohfiguren und erborgte Autoritäten (wie zu erwarten). Alltagsprobleme? Kaum. Statt dessen kuratierte Musterauswahl (wie zu erwarten). Zwischen den Zeilen kann man viel über die Gemütsverfassung von TERFs herauslesen (wie zu erwarten). Während die Selbstidentifizierung anderer in Frage gestellt wird, wird die eigene zum NonPlusUltra erklärt (wie zu erwarten). Hab mich selten so gelangweilt.

Doch, doch, Biologie existiert in meinem Weltbild. Das biologisch weibliche Geschlecht kann Eizellen produzieren, das männlich Samenzellen (das dürfte wohl den Großteil der Menschheit betreffen). Zwittrige Wesen können beides, geschlechtslose nichts von beidem. Ich sehe in Biologie und Selbstidentifikation nicht das Gleiche. Doch Kulturkämpfe sind für mich Energieverschwendung. Dem „Macht-durch-Auswahl-von-sprachlichen-Begriffen“ - Argument stimme ich zu. Genau deshalb reihe ich mich in einen solchen Wort-Zirkus überhaupt nicht ein.

Wen interessiert es, ob es Frau, Mann, Transgender oder Fee sind, die:

  • mit Mietkosten aus dem Wohnbereich drängen oder in die Zahlungsunfähigkeit treiben?
  • in einen Krieg schicken wollen und Diplomatie dogmatisch zurückweisen?
  • Neoliberalismus zum alleinigen Gesellschaftsformat machen?
  • geopolitische Konflikte anheizen?
  • sich an menschenfeindlichen Investitionen bereichern?
  • Hass schüren?
  • Ungleichbehandlung unterstützen?
  • Bildungswesen ruinieren?
  • Gesundheitsvorsorge und Erkrankungen zum Rendite-maximierten Geschäftsmodell machen?
  • Armutsrenten und allgemeine Massenverarmung beschleunigen?
  • fruchtlosen Aktivismus von der Couch betreiben?
  • kein anschlussfähiges Zielbild für eine gemeinsame Zukunft formulieren können?

Sicher ist, dass dahinter immer Menschen stecken und es ist mir wirklich egal, wie sie sich kleiden, wenn ihr Verhalten vor allem die Herabsetzung oder Ausbeutung anderer Menschen befördert.

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@TurtleTerf
Was hier als reflektierte Rationalität verkauft wird, basiert auf einer gefühlten Realität die es nur dann gibt, wenn es einen Gegner gibt, der dieses Gefühl stört.
Eigentlich ist das die Verbindung die jede Position für sich im eigenen Selbstverständnis zu Ende gedacht, als grundlegende Einigung bestehen lassen könnte.
Was nicht der Fall ist, denn die systematische Unterdrückung einer „Minderheit“ liegt im System, was antireflektiv und antirational aufgebaut ist. Du kannst diesen Widerspruch nicht auflösen, und bedienst dich einer faschistoiden ideologischen Logik weil du sonst deine Identität verlierst. Die systemische Logik täuscht dir spezifisch deine Identität vor, in dem sie anderen das Recht nimmt, was du für deine Identität in Anspruch nimmst. Schlimm genug dass du dich instrumentalisieren lässt, schlimmer sind die offenen Drohungen gegen die, die nicht deiner Meinung sind.

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Nehmen wir mal an (der Einfachheit halber, ganz so ist es ja nicht, wie @fdoemges ja schon beschreibt), dass es biologisch nur 2 Geschlechter gibt. Gleichzeitig gibt es aber nun aber in der realen Welt beobachtbar Menschen, die in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht diesem Geschlecht entsprechen. Und das nicht erst seit 20 Jahren.

Was ich nicht verstehe ist, wieso das ein Problem sein soll. Wieso kann nicht jeder selbst entscheiden, was er sein will bzw. wie er sich fühlt? Was kümmert es andere, ob ich als biologischer Mann seit jeher mich als Frau fühle und das auch leben will? Oder, was kümmert mich als Transgender, ob andere Menschen um mich herum keine Differenz zu ihrem biologischen Geschlecht ausmachen?

Was löst diese soziale Angst in Menschen aus? Ist das nur Veränderung, die sie scheuen? Ist das Machtverlust? Deutungsverlust, wie die Welt und damit die Menschen, die auf ihr leben, zu sein hat?

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@Ermel Ich finde, das ist eine sehr gute Frage.

Unbenommen, zu welchem Zählergebnis jemand bei der Anzahl von Geschlechtern kommt - ob es um Ei- und Samenzellenproduktion geht, oder um Selbstzuschreibungen, oder um Fremdzuschreibungen, oder um detaillierte Merkmale der Biologie, oder um Thesen der Geisteswissenschaften, oder um Fortpflanzung: Man könnte gelassen damit umgehen - es wird aber immer wieder zum Aufhänger in Kämpfen um die Köpfe des Publikums.

Als ob es sonst keine drängenden Fragen in unserer Gesellschaft gäbe. Vielleicht ist aber auch genau das eine der Komponenten: Kulturkampf hat mehrere Interessenebenen und erfüllt mehrere Funktionen. Ein Beispiel: Einigkeit verschiedener Gruppen, bei Problemen die sie gleichermaßen betreffen, rückt in weite Ferne. Also ruhig nochmal anheizen - und gern ein paar zugängliche Köpfe dafür instrumentalisieren.

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Notiz an mich selbst: Recherchieren, ob es Quellen von Zeitgenossen Galileos gibt, in denen sie sich wundern, warum die katholische Kirche den geozentristischen Kulturkampf so unerbittlich durchzieht.

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Ich bin auf das Ergebnis gespannt. Bei dieser Gelegenheit kann man darüber nachdenken, ob zwischen Mittelalter und Gegenwart eine Epoche der Aufklärung durchzog, und - falls ja, was davon übrig geblieben ist.

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Neoliberale Beeinflussung durch Filterbubble- Vereinzelung in der Smartphone- Epoche seit den Nullerjahren.

Kulturkämpfe sind da Mittel zum Zweck, damit kein Leerlauf entsteht.

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Ergebnis nach ca. einer Stunde:

  1. Ich werde das so bald wie möglich vertiefen, superspannende Sache.
  2. Als Vorgeschmack ein Fundstück aus einem Brief meines liebsten Stresspatienten René Descartes an Marin Mersenne (1633):

„Ich hatte tatsächlich vor, Ihnen meine Welt als Neujahrsgeschenk zu schicken, und noch vor zwei Wochen war ich entschlossen, Ihnen zumindest einen Teil davon zu senden, falls das gesamte Werk nicht rechtzeitig kopiert werden könnte. Ich muss Ihnen aber mitteilen, dass ich mich in Leiden und Amsterdam erkundigt habe, ob Galileis Dialog erhältlich sei, denn ich glaubte gehört zu haben, es sei im vergangenen Jahr in Italien veröffentlicht worden. Man teilte mir mit, es sei zwar tatsächlich veröffentlicht worden, doch alle Exemplare seien in Rom sogleich verbrannt worden, und Galilei selbst sei verurteilt und mit einer Geldstrafe belegt worden. Darüber war ich so bestürzt, dass ich beinahe beschlossen hätte, all meine eigenen Papiere zu verbrennen oder sie zumindest niemandem zu zeigen. Denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass er – ein Italiener und, soweit ich weiß, in der Gunst des Papstes stehend – zum Verbrecher gemacht worden sein könnte, aus keinem anderen Grund, als dass er versucht hatte, wie er es zweifellos tat, zu belegen, dass sich die Erde bewegt."

(Übersetzung von mir, hier die Quelle auf Englisch, S. 27)

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8. Lehrmeinungen und Leermeinungen. Was denk ich und wenn ja wie viele?

Der Gish-Galopp ist eine Debattiermethode, bei der eine Person das Gegenüber mit einer massiven Flut aus schwachen, falschen oder unbelegten Argumenten in kurzer Zeit überfordert. Ziel ist es, den Diskurs zu dominieren und den Gegner handlungsunfähig zu machen, da eine vollständige Widerlegung aller Punkte zeitlich unmöglich ist. Auf konkrete inhaltliche Argumente wird weder eingegangen, noch werden eigene formuliert.

Doch wie kommt es, dass Menschen trotz Gegenteiliger Informationen an Überzeugungen festhalten?

„Die Weltanschauung der Partei übertrug sich gewissermaßen am erfolgreichsten auf Leute, die unfähig waren, sie zu begreifen. Diesen Menschen konnte man die offenkundigsten Verdrehungen der Wirklichkeit zumuten, weil sie nie ganz die Ungeheuerlichkeit dessen erfaßten, was man ihnen da abverlangte, und weil sie sich zu wenig für öffentliche Ereignisse interessierten, um zu merken, was gespielt wurde. Durch mangelnde Einsicht blieben sie bei gesundem Verstand.“ (Orwell: 200)

Ob Menschen an Überzeugungen festhalten oder nicht, hängt Kevin Simler zufolge vor allem davon ab, warum sie diese Überzeugungen in erster Linie gebildet haben. Er unterscheidet grob in zwei Gruppen von Überzeugungen:

1. »merit« (deutsch: Verdienst, Leistung, Wert): Es beschreibt eine Überzeugung, die auf Beweisen beruhen. Überzeugungen in dieser Kategorie werden angepasst, sobald sich die Beweislage ändert.

2. »crony« (deutsch: Vetternwirtschaft, Klüngelei): Überzeugungen in dieser Kategorie drehen sich ums Dazugehören. Wir passen uns an, um Verbündete zu gewinnen und den richtigen Eindruck zu hinterlassen. Ob eine Klüngelüberzeugung aufgegeben wird, hat wenig mit der Beweislage zu tun, sondern damit, was die Person denkt, was andere Leute glauben.

Das Festhalten an der Genderideologie, scheint bei vielen eine Überzeugung im Sinne der Klüngelei zu sein. Sie wird erst aufgegeben, wenn es sich nicht mehr lohnt, sie zu unterstützen.

„Dank wertbedingter Überzeugungen finden wir uns in der Welt zurecht und dank klüngelbasierter machen wir eine gute Figur.“ (Joyce: 287)

Auch wertbasierte Überzeugungen können falsch sein, doch sie passen sich der Realität an, sobald gegenteilige Beweise vorliegen. Die Klüngelüberzeugung tut dies nicht, da sie sich nie an der Realität orientiert hat.

Die meisten Menschen ahnen, dass ihre Klüngelüberzeugungen auf wackligem Grund stehen. Daher werden diese Überzeugungen selten geprüft. Stattdessen werden sie defensiv verteidigt, sobald sie infrage gestellt werden und es werden die fadenscheinigsten Argumente vorgebracht. Das, was uns wichtig ist, soll nicht vom Wahrheitsgehalt abhängig sein. Der Punkt ist lediglich zu zeigen, dass man eine Überzeugung vertritt, die die anderen auch vertreten. Wahrheit und Realität sind da unbedeutend. Das Risiko, etwas wahrzunehmen, das die eigene Überzeugung ins Wanken bringen könnte, muss minimiert werden. (vgl. Joyce: 286-289)

„Ob man eine Klüngelüberzeugung vertritt und wie lange man an ihr festhält, hängt weitgehend davon ab, wie sehr sie sich auszahlt.“ (Joyce: 289)

Als Hausaufgabe:

Wende das auf Deine eigenen Überzeugungen an.

Vor allem unter dem Aspekt der hier vorgetragenen Argumentationen.

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Spannend! - und eine echte Untersuchung wert. TurtleTerf hat drei verschiedene Mechanismen im Text miteinander verschraubt. Um daraus einen Test zu machen, darf man nicht nur die Texte einer Person oder einer Gruppe analysieren - damit ergäbe sich nichts anderes als eine Bestätigungsmaschine (eine „Waffe“ mit Blickrichtung). Für einen echten Test muss man das Statement des Einen der Erwiderung des anderen als Dialog gegenüberstellen, und dann den Austausch in Hinsicht auf die drei Mechanismen prüfen.

Leitregel: Jeder Mechanismus muss bei der Prüfung auch „nicht vorhanden” zurückgeben können. Darum bekommt jeder nicht nur Marker, die dafür sprechen, sondern eine vorab festgelegte Entlastungsklausel. Drei zulässige Urteile pro Mechanismus: vorhanden / abwesend / unentscheidbar. „Unentscheidbar” ist keine Schwäche, sondern der Beweis, dass das Instrument nicht schummelt.

TESTAUFBAU

1. Gish-Galopp (Taktik ist direkt am Text ablesbar)

Marker dafür: hohe Behauptungsdichte pro Absatz; niedriges Verhältnis von Behauptung zu Beleg; Themenwechsel statt Verteidigung eines angegriffenen Punktes; Breite statt Tiefe (viele flache Punkte, keiner ausgeführt); Einwände werden nicht beantwortet, sondern überschüttet.

Entlastung: Ein Text, der wenige Thesen tief entwickelt, belegt und Gegeneinwände aufnimmt, ist kein Galopp - auch wenn er lang und meinungsstark ist. Hohe Dichte mit sauberer Quellenführung zählt nicht (das ist nur informationsdicht). Genre beachten: Überblicke sind konventionsbedingt behauptungsdicht.

2. Orwells Schutz-durch-Unverständnis (kognitive Eigenschaft)

Das ist am Einzeltext kaum messbar, weil es aufs Innere des Glaubenden zielt. Ich würde es auf einen operationalisierbaren Marker verengen: Doublethink - zwei unvereinbare Behauptungen im selben Text bejaht, ohne sie zu versöhnen oder den Widerspruch zu bemerken.

Entlastung: Widersprüche, die der Autor selbst benennt und auflöst, zählen nicht. Wenn dieser Marker leer bleibt, stufe ich den Mechanismus als „am Text nicht prüfbar” ein - nicht als „abwesend”. Das hält ihn ehrlich.

3. Klüngelüberzeugung (Motiv - hier gilt eine harte Decke!)

Aus Text lässt sich das Motiv nie beweisen, nur damit vereinbare Marker. Marker dafür: Positionierung relativ zu dem, was „die anderen” glauben, statt zur Beweislage; In-/Out-group-Markierungen („Lager”); bei Gegenwind austauschbare, fadenscheinige Argumente und Weiterziehen statt Verteidigen; nirgends ein Update, ein Zugeständnis, ein Steelman der Gegenseite.

Entlastung - und das ist der eigentliche Diskriminator: Zeigt der Autor irgendwo, dass er die Position an Evidenz koppelt? Konzession an die Gegenseite, Unterscheidung stärkerer von schwächeren Gegenargumenten, eine je kostspielige Haltung gegen die eigene Gruppe - jedes davon ist ein Merit-Signal und schlägt die Klüngel-Diagnose. Wichtig gegen die Unfalsifizierbarkeit: „wird erst aufgegeben, wenn es sich nicht mehr lohnt” darf man nicht unterstellen; es braucht eine beobachtete Instanz, sonst bleibt der Punkt offen.

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Zwei Schutzschalter, die aus der Analyse einen Test machen:

Der Spiegeltest: Dasselbe Codebuch muss einen Gegentext genauso scoren können. Ein Instrument, das nur eine Seite je belastet, ist kaputt. Entlastung muss ebenso möglich sein. Ideal ist ein Kontrolltext - entweder von einem Gegenspieler oder ein eigenständiger Text eines anderen zum gleichen Thema, an dem geprüft wird, ob die Marker auch dort feuern. Wenn man nur eine Person untersucht, läuft der Test trotzdem, aber die Aussage bleibt innerhalb nur dieser Texte wahrscheinlich unausgewogen.

Die Motiv-Decke: Zu analysieren sind rhetorische Merkmale der Texte, nicht die Psyche der Person. Verdikt lautet also „diese Texte weisen Merkmale X auf”, nie „diese Person glaubt aus Klüngelei”.

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Mit diesem Test werde ich den ersten Thread von TurtleTerf in Kürze untersuchen. Sofern Texte editiert wurden, wird die erste Fassung zur Analyse genutzt.

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Man könnte sich diesen ganzen Kappes sparen. Interessant ist er lediglich als Anschauungsmaterial dafür, wie man den Eindruck einer Debatte erzeugt, ohne eine zu führen.

TurtleTerf hat inzwischen eine beachtliche Menge an Behauptungen in die Diskussion geschüttet: Frauenrechte würden durch das Selbstbestimmungsgesetz hinfällig, Schutzräume beseitigt, Gewalt durch trans Personen verschwiegen, biologisches Geschlecht sei vollkommen eindeutig, Transgeschlechtlichkeit häufig nur verkannte Homosexualität, Autogynophilie oder soziale Beeinflussung, und hinter der gesellschaftlichen Anerkennung stehe ein von Milliardären finanziertes Netzwerk. Zuletzt kam noch die Erklärung hinzu, ihre Kritiker seien durch Gish-Galopp, mangelnde Einsicht und „Klüngelüberzeugungen“ bestimmt.

Darauf wurden ihr sehr konkrete Fragen gestellt:

Welches Frauenrecht ist durch welche Vorschrift tatsächlich entfallen?

Wo ist die Statistik, die aus einer Sammlung von Einzelfällen ein erhöhtes Risiko macht?

Warum folgt aus einer biologischen Klassifikation das Recht, anderen ihre rechtliche oder soziale Identität vorzuschreiben?

Welches biologische Kriterium klassifiziert jeden Menschen vollständig und widerspruchsfrei?

Welche Beobachtung könnte in ihrem Modell überhaupt zeigen, dass eine Person tatsächlich trans ist?

Welche konkrete Zahlung finanzierte welche Kampagne und erzeugte welchen politischen Einfluss in Deutschland?

Welches denkbare Ergebnis würde ihre eigene Position widerlegen?

Auf keinen dieser Prüfsteine kam eine Antwort, die den jeweiligen Einwand auch nur aufnimmt.

Stattdessen wiederholt sich stets dieselbe Bewegung:

Aus der Frage nach einem konkret verlorenen Recht wird eine allgemeine Klage über „Frauenrechte“.

Aus der Forderung nach Vergleichszahlen wird eine neue Liste spektakulärer Einzelfälle.

Aus der Frage nach der tatsächlichen Rechtslage wird die Erklärung, konkrete Gesetzesregelungen seien nicht Thema.

Aus der Frage nach deutschen Geldflüssen wird ein Rechercheauftrag an einen Podcast.

Aus Einwänden gegen die biologische Prämisse wird ein Joyce- und Orwell-Referat.

Aus der Kritik an diesem geschlossenen Modell wird schließlich die Diagnose, die Kritiker seien unfähig oder gruppengesteuert.

Selbst dort, wo sie ausdrücklich nach einer Antwort fragt, bleibt das Ziel beweglich. Die Finanzierung soll entscheidend sein, bis nach Projekten, Empfängern und politischer Wirkung gefragt wird. Dann sei das zu aufwendig. Frauenrechte sollen verschwunden sein, bis nach einem konkreten Recht gefragt wird. Dann sei das Thema viel umfassender. Biologie soll eindeutig sein, bis die Kriterien auseinanderfallen. Dann werden Abweichungen zu „Anomalien“ erklärt.

Das ist kein bloß missglückter Argumentationsversuch. Es ist Behauptungs-Dogpiling als Methode: immer mehr Material aufhäufen, damit kein einzelner Satz lange genug festgehalten und geprüft werden kann.

Der Ton ist maximal selbstgewiss. Sobald eine Prämisse präzise gefasst wird, bleibt nur der Themenwechsel. Erst dicke Hose, dann leere Hose. Wieder und wieder.

TurtleTerfs jüngste Definition des Gish-Galopps trifft deshalb unfreiwillig ziemlich genau ihr eigenes Vorgehen: angegriffene Punkte nicht verteidigen, stattdessen Breite erzeugen, Themen wechseln und immer neue Behauptungen nachschieben.

Taubenschach ist dafür fast schon ein zu freundliches Bild. Es wird kein Zug beantwortet. Das Brett wird mit immer neuem Dreck bedeckt, und der entstandene Lärm anschließend als Argument präsentiert.

Man könnte sich das alles schenken. Als Demonstration dafür, wie man Diskussion simuliert, ohne sich einem einzigen belastbaren Prüfstein auszusetzen, ist es allerdings beinahe lehrreich.

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9. Alles nur ein Nullsummenspiel? 2+2=5.

Zu Verhandeln ist eine tagtägliche Aufgabe des Menschen: zu welchem Preis wir ein Auto kaufen wollen, unter welchen Bedingungen wir einen Arbeitsvertrag unterschreiben oder was wir zu Abend essen wollen. Verhandeln ist eine urmenschliche Fähigkeit, die darauf abzielt, Einigung zu erzielen.

Bei der Frage inwiefern das biologische Geschlecht in Alltag und Recht relevant sein sollte, fand bislang keine Verhandlung statt. Alle Gruppen außerhalb der Transgemeinschaft konnten ihre Sorgen und Bedürfnissen noch nicht äußern, ohne dafür massive Kritik bekommen zu haben. Doch Verhandlungen sind auch im Interesse von Transpersonen.

Nach Ury ist das wichtigste Verhandlungsprinzip, sich auf Interessen und nicht auf Positionen zu konzentrieren. Unter Interessen versteht er die Ergebnisse, die für jemanden in einer Verhandlung wichtig sind. Die Positionen hingegen bezeichnen die starren Forderungen. Wenn Positionen aller Beteiligten miteinander vereinbar sind, ist keine Verhandlung erforderlich. Sind die Positionen jedoch unvereinbar, muss kreatives Denken Lösungen finden, damit alle Beteiligte genug von dem bekommen, was sie wollen.

Wer an Positionen festhält, spielt ein Nullsummenspiel: jeder Gewinn der einen Seite muss ein Verlust der anderen Seite sein. Wenn Interessen über Positionen gestellt werden, können Dritte entscheiden, welche Forderungen Vorrang haben sollten.

Eine der Gruppen, die schon längst an Verhandlungen hätte teilnehmen sollen, sind Transpersonen. Denn Transpersonen sind keine homogene Masse an Menschen. Die Interessen von Transpersonen sind sehr unterschiedlich und sie hängen davon ab, ob sie prä-, post- oder nicht-operativ leben und ob sie sexuell gleich- oder gegengeschlechtlich orientiert sind. Auch Transpersonen kommen aus verschiedensten politischen Spektren, so wie jede andere Gruppe an Menschen auch, die lediglich ein einziges Merkmal teilt. Ihre Forderungen und auch Interessen können stark variieren. Auch Menschen mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung haben spezifische Interessen. Detransitioner sind häufig durch die Erfahrung traumatisiert und auch sie brauchen Raum, ihre Interessen zu äußern.

Das Selbstbestimmungsrecht ist ein relevantes Interesse von geschlechtsdysphorischen Erwachsenen. Menschen, die über eine medikamentöse und/oder chirurgische Transition nachdenken, brauchen Zugang zu Informationen, auch über langfristige gesundheitliche Folgen. Sie müssen darüber informiert werden, was sie nach einer Transition erwartet, wie sie selbst und ihr Umfeld mit der Transition umgehen können.

Um die Interessen aller in den Blick zu bekommen (auch die von Frauen, geschlechtsdysphorischen Kindern, Homosexuellen und weiteren Gruppen), müssen wir das Blickfeld erweitern und über mehr verhandeln als lediglich das Selbstbestimmungsgesetzt. Ein erweiterter Blick könnte auch helfen mehr Studien in Auftrag zu geben, die mehr herausfinden über die Ursachen und die Behandlung von Geschlechtsdysphorie. (Vgl. Joyce: 290-292)

Wir müssen uns kollektiv fragen: „Was wollen wir genau erreichen, wenn wir erlauben, dass Personen ihren Geschlechtseintrag rechtskräftig ändern dürfen?“ (Joyce: 293)

Hier ergibt sogar die Nullsumme “fünf”. :rofl:

Nach mehreren Threads voller konkreter Einwände erfahren wir nun, es habe „bislang keine Verhandlung“ stattgefunden. Offenbar beginnt eine Verhandlung für TurtleTerf erst in dem Moment, in dem niemand mehr widerspricht.

Danach folgt die nächste begriffliche Großlieferung: Interessen, Positionen, Nullsummenspiele, kreative Lösungen und neutrale Dritte. Konkrete Interessen, zwischen denen tatsächlich verhandelt werden müsste, werden wieder nicht benannt.

Besonders schön ist der Satz, Dritte sollten entscheiden, welche Forderungen Vorrang haben. Nach tagelangem Gerede über Selbstbestimmung landet TurtleTerf damit erneut genau beim Gatekeeper: Andere sollen festlegen, welche Selbstbestimmung gewährt wird.

Auch das bewegliche Ziel bleibt zuverlässig in Bewegung. Erst verschwinden Frauenrechte. Dann geht es um Gewalt. Danach um Milliardäre, Orwell, Autogynophilie und Klüngelüberzeugungen. Jetzt ist plötzlich das Problem, dass nie ordentlich verhandelt worden sei.

Auf die bereits gestellten Fragen kommt weiterhin keine Antwort. Stattdessen wird das Regal mit neuen Begriffen so hoch gestapelt, dass TurtleTerf selbst nicht mehr herankommt.

Das ist der Versuch, jeden verlorenen Argumentationspunkt durch einen neuen Tagesordnungspunkt zu ersetzen.

Erst dicke Hose, dann leere Hose – und anschließend wird behauptet, man habe noch gar nicht angefangen zu verhandeln.

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Ich bin großer Freund von Verhandlung.

Nur muss etwas mehr Substanz da sein um in die Verhandlung zu gehen.

Fdoemges hat es schon gesagt, die gestellten Fragen müssten beantwortet werden damit man einen Verhandlungsrahmen abstecken kann.

Sonst wird die Verhandlung im Nichts enden.

It‘s your turn.

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Vermutlich dasselbe, was wir erreichen, wenn wir ihnen erlauben, ihren Namen, Wohnort oder Familienstand selbst zu bestimmen (kennt ihr nicht in Russland): Der Staat verwaltet Personen und besitzt sie nicht.

Spannender wäre daher die umgekehrte Frage:

Was wollen wir erreichen, wenn wir Dritten die Macht geben, Frauen in „echt“ und „meh“ zu sortieren?

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Keine. Es gibt keine tatsächlichen trans Personen. Es gibt Menschen mit Geschlechtsdysphorie, die so stark ausgeprägt ist, dass eine Geschlechtsangleichung derzeit die beste medizinische Behandlung ist. Die Zukunft hält eventuell bessere Behandlungen bereit.

Dafür dass es keine gibt machst Du hier aber ganz schön viel Geschiss um das Thema.

Aber schön, dass Du hier mal die Widersprüche deiner Ideologie offen legst UND noch demonstrierst dass Du die auch nicht auflösen kannst.

War nett zu plaudern.

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