September-Salon: Antifaschistische Wirtschaftspolitik, Anton und Alma und Steimles Wut

Isabella Weber will dem faschistischen Virus mit einer Politik der essenziellen Güter beikommen, und wir streiten, ob das reicht. Dazu eine Berliner Liebe, Uwe Steimles Wut, ein Buch über Asseln, der Film „Naza“ und Mélenchons Frankreich. Precht folgt im zweiten Salon des Monats. Viel Spaß!

Die Lektüren im September

Isabella M. Weber — Antifaschistische Wirtschaftspolitik (Suhrkamp)
Eine Rot-Rot-Grüne Programmschrift? Die Ökonomin Isabella M. Weber legt endlich ihr Buch „Antifaschistische Wirtschaftspolitik“ vor.

Dana Vowinckel — Anton und Alma (Suhrkamp)
Die Literatur ist um ein Liebespaar reicher: „Anton und Alma“ heißt der ergreifende und intelligente Roman von Dana Vowinckel, der nicht nur von der großen Liebe und ihrer Gestaltung im Alltäglichen handelt, sondern sich auch um den 7. Oktober dreht.

Anne Rabe — Und dann entfesselt Uwe Steimle die Wut (ZEIT)
Was ist aus dem Honecker-Imitator geworden? Anne Rabe sitzt nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt in Uwe Steimles ausverkauftem Abend in Bitterfeld-Wolfen und erlebt einen „Entfesselungskünstler des Ressentiments“. Wer mitlacht, gehört dazu.

Alexander Schnickmann — Fuck Nature, Start Writing (Matthes & Seitz Berlin)
Der Schriftsteller Alexander Schnickmann hat mit „Fuck Nature, Start Writing“ eine Parodie auf das Nature Writing verfasst, die von der großen Lust am Fabulieren und Irritieren lebt.

Christian Meier — Wie viele tote Zivilisten sind zulässig? (F.A.Z.)
Wie viele zivile Tote darf ein gezielter Angriff kosten? Der Dokumentarfilm „Naza“ hat darüber in Israel eine Debatte ausgelöst – Christian Meier prüft ihn mit drei ehemaligen Soldaten nach, die die Mechanik bestätigen und das Bild zugleich genauer machen.

Sigrid Nunez — Wenn es wichtig ist (Aufbau)
Die große US-amerikanische Erzählerin Sigrid Nunez konfrontiert uns in dem Band „Wenn es wichtig ist“ mit heiter abgründigen Storys.

Stefan Niggemeier — ZDF-Show mit Florian Schroeder soll Satire gegen Linke und Grüne machen (Süddeutsche Zeitung)
Was kommt nach Böhmermann? Laut einem internen Konzept, das der SZ vorliegt, soll Florian Schroeders neue ZDF-Show vor allem „Grüne, Linke und Co.“ treffen. Stefan Niggemeier schlägt vor, das Werbewort „liberaler“ schlicht mit „rechter“ zu übersetzen.

Raphaël Schmeller — Frankreichs Jugend und Mélenchon (Substack, Surplus, Substack)
Der Journalist Raphaël Schmeller erklärt hervorragend, was gerade mit der Jugend und mit Mélenchon in Frankreich vor sich geht.

Emile Parisien — Floating (ACT)
Der Saxophonist Emile Parisien setzt dem Krach der Gegenwart seinen warmen, fließenden Jazz entgegen: „Floating“ heißt sein wunderbares neues Album.

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Wieso das Verschwinden der Mitte Anlass zur Freude sein soll, verstehe ich ehrlich gesagt nicht, denn anscheinend löst sie sich eher nach rechts auf als nach links. Schön und gut, dass die CDU schwächelt, weil sie keine Lösungen anzubieten hat; aber das zeigt ja immerhin noch, dass man sie nach ihrer praktischen Lösungskompetenz beurteilt. Bei jemandem, der sich nun der AfD zuwendet, wird das wahrscheinlich weniger der Fall sein, da er stärker ideologisiert ist. Dieser Prozess hat nichts damit zu tun, dass die Gesellschaft sich ehrlich macht, das “Konsens-Gedöns” der Merkel-Ära hing nicht mit Habermas zusammen (schön wär’s), sondern ganz im Gegenteil damit, dass es einem so gut ging, dass man sich mit entscheidenden Fragen nicht beschäftigen musste. Nun geht es einem nicht mehr ganz so gut, und die Ideologie der Merkel-Zeit radikalisiert sich. Wer meint, hier kippt etwas, sitzt doch selbst noch der falschen Selbstverortung der Mitte auf. Die AfD ist eher die Mitte der harten Zeiten; die Sehnsucht nach nicht-partizipativer Einigkeit führt sie radikalisiert fort.

Ist dann Radikalität doof weil rechts?

War’s in der Mitte so kuschelig weil CDU?

Hat die Kuschelmitte sich lieber mit Kultur beschäftigt anstatt die Austeritätspolitik ökonomisch einzuordnen und entsprechende politische Forderungen zu stellen?

Ist der radikale Kulturkampf von rechts die Ablenkung um den ökonomischen Status Quo zu sichern?

War der Kulturkampf von links eine Ablenkung um keine politische Forderung auf den Tisch zu knallen?

Fragen über Fragen…

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ja, alles etwas “wild”

Weil es unter der Merkel so gut lief, hat sich unter Merkel die AfD gegründet.

Weil die CDU keine “Problemlösekompetenz” zeigt, wenden sich Wähler ab, außer AfD-Wähler, denen geht es nämlich nicht um “Problemlösekompetenz”, sondern um Ideologie.

und weil die “Ideologie der Merkel-Zeit” ins Elend geführt hat, will man das jetzt härter, damit man zu einer Lösung kommt.

Lieber Flo und JakobB, wie wär’s, sich hier mal ein wenig erwachsener aufzuführen? Oder scheitert es wirklich an basalen Fähigkeiten des Textverständnisses? Um eigentlich Selbstverständlichkeiten in Erinnerung zu rufen: eine Replik, die den Namen verdient, geht auf den Text, auf den man antwortet, ein, indem entweder die dem Verständnishorizont implizit zugrundeliegenden Grundannahmen begründet kritisiert werden, oder die explizit vorgenommenen Ableitungen. Begründet heißt: was sieht man als falsch an, und warum, und bestenfalls, was hält man stattdessen für schlüssiger. Einfach fünf Fragen oder drei ironisierte Behauptungen ins Forum zu rotzen, die allesamt rein gar nichts mit meinem Text zu tun haben, kann wohl kaum als vernünftige Einlassung gelten.

Daran, dass meine Thesen auch begründet kritisiert werden können, zweifle ich nicht, und da kann man gerne drüber diskutieren. Aber darin, auf so etwas zu antworten, sehe ich ehrlich gesagt keinen Sinn…

Das finde ich eine gute Basis für eine Selbstverpflichtung.

Mir fehlen genau die von Dir angeführten Punkte in Deinem Ausgangspost. Was ist die Behauptung im Podcast, was sind Deine Grundannahmen und welche Kritik formulierst Du daraus. Was wäre eine andere Deutungsmöglichkeit?

Vielleicht ist das der Grund, warum sich keine inhaltliche Auseinandersetzung einstellt, sondern sich das Muster Deines Ausgangsposts in der Reaktion wiederholt.

Nee, so ist das definitv nicht, aber ich kann das trotzdem gerne ausführen. Meine zentralen zugrunde liegenden Annahmen sind glaube ich folgende zwei: einerseits, dass sich das politische Spektrum eher als Rampe denn als Hufeisen darstellt. Mitte wird so wieder als relationale Bezeichnung gesehen, die einfach nur einen Bereich des Übergangs zwischen links und rechts markiert, und nicht als Entität eigener Coleur. Linke Perspektiven zeichnen sich optimalerweise dadurch aus, universalistische Ansätze auf einer strukturellen Ebene zu verhandeln; je weiter man nach rechts rückt, desto mehr entfernt man sich grundsätzlich von dieser Herangehensweise, die sich aus der Natur von Gesellschaft selbst ergibt, und gewinnt ein projektionsgeladenes Verhältnis zu ihr. Die zweite Grundannahme ist, dass sich das gesellschaftliche Stimmungsbild auf dieser Rampe vor allen Dingen nach der ökonomischen Situation verschiebt. Während der Merkel-Zeit brauchte man nicht so viel Ressentiment, um an den Wunschprojektionen auf die Gesellschaft festzuhalten, da sich Verteilungskonflikte noch nicht in heutiger Dringlichkeit gestellt haben.

Gedacht sind diese Überlegungen als Gegenpunkt zu der These der neuen Zwanziger, dass durch dss Verschwinden der Mitte eine neue Klarheit herrscht. Meiner Meinung nach ändert sich nichts grundsätzlich, sondern wir klettern auf der Rampe einfach noch weiter nach oben. Die neue Klarheit bleibt vor allem denen vorbehalten, die sie schon vorher hatten.

Vielen Dank für die Erklärung, für mich wird es dadurch aber nicht nachvollziehbarer.

Was meinst Du mit einem relationalen Verhältnis auf einer Rampe?

Was meinst Du mit der “Natur der Gesellschaft”?

und ist sind die Verteilungskonflikte genau Ergebnis der Wunschprojektion “der Mitte”?

Mir fällt es schwer, den unterschiedlichen Gedankenwechseln zu folgen. Erst trennst Du politisches Spektrum von Gesellschaft, das Spektrum ist eine Rampe, die Gesellschaft hat aber eine “Natur” (also einen Urzustand? oder einen wünschenswerten “neutral”-Zustand?). Gesellschaft wandert auf dieser Rampe hin und her (jetzt eben nach “oben” (also rechts). Grund für die Wanderung ist “ökonomische Situation”. Die ökonomische Situation ist ein strukturelles Problem, was aber traditionell “von links” beantwortet wird.

Umgekehrt. Verteilungskonflikte müssen weltanschaulich abgefedert werden. Die Mitte ist hier die moderate Version der AfD bei der Definition eines Wir, das über eine strukturelle Spaltung hinwegtäuscht. Man benutzt nur habermashaft anmutende Floskeln statt solche eines aggressiven Nationalismus.

Das mit der Natur der Gesellschaft ist etwas komplizierter, aber für meinen Gedankengang auch nicht wirklich relevant. Es reicht vielleicht die Feststellung, dass die Gesellschaft dann besonders gut funktioniert, wenn einem universalistischen Ansatz auf struktureller Ebene Rechnung getragen wird.

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Mitte gleich relational, weil die Mitte der Bereich ist, der zwischen rechts und links liegt.

Ob es verständliche Konzepte zur Versorgung mit essentiellen Gütern gibt, wird vielleicht die nächsten Wahlen mitentscheiden, bzw. die Hemmschwelle Randparteien zu wählen senken.

Flankiert von ungeniert vorgetragener Alternativlosigkeit des Sozialdarwinismus.

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Ja, aber die Leute erkennen dieses Problem größtenteils nicht, sondern sehen das Wir von außen statt aus sich selbst heraus bedroht.

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Das ist mir klar, aber Du stellst Mitte als Relation und eigenständige Entität dar. Es wird aber nicht deutlich welcher der beiden Vorstellungen Du dann nachgehst. Glaubst Du Stefan sieht die Entität und Du hättest sie gerne als Relation gesehen?

Ja, alle die meinen, mit dem Verschwinden der Mitte gehe eine Klarheit einher, die sich positiv bemerkbar machen wird.

na gut. Wenn Du eine Relation siehst, kann sich die Mitte ja auch nicht auflösen, da sie als Relation immer vorhanden sein muss.

Als eigene Entität verstanden, die das eine aufnimmt (strukturelle Probleme) und das andere ausgibt (individuelle Lösungen) und damit weder Probleme noch Lösungen bearbeiten kann, kann man sich über deren Auflösung freuen.

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Mit Auflösung ist ja nicht gemeint, dass der Raum wegfällt, sondern dass er immer weniger ausgefüllt wird. Ob man sich über die Auflösung freuen sollte, hängt davon ab, ob sie durch was besseres ersetzt wird.

und da wird es schwierig.

Erst Gesellschaft als Hufeisen, dann Politik als Rampe auf der Gesellschaft sich bewegt, dann Raum der sich auflöst. Eine Relation ist aber kein Raum der gefüllt wird, oder sich auflösen kann. Also ist Mitte jetzt für Dich eine Entität? Die kann sich doch auflösen.

Ich würde mich ja gerne auf ein Bild einlassen um daran zu diskutieren, aber dann darf dieses Bild nicht immer bei jedem Argument ein neues oder flackerndes sein.

(eine ähnliche gedankenvolle Schwere ist doch bei “FDP” auch nicht entstanden. Die ist nicht mehr da und die Neoliberalen der CDU und AfD haben kein Problem damit, sogar die Grünen freuen sich über neue Mitglieder…niemand fragt sich, ob es “eine bessere FDP” geben wird…)

Der Raum zwischen links und rechts ist die Mitte. Dieser Raum ist durch die relationale Beschränkung durch links und rechts definiert. Die dazu gehörige Politik kann mal mehr mal wenger einflussreich sein. Wer sie als eigene Entität betrachtet, bestimmt diesen Raum vorrangig qualitativ statt quantitativ und neigt damit implizit der Hufeisenform zu. Das mittig sein wird nun zum Qualitätsmerkmal, das sich durch eigenes Vokabular (Konsens-Gedöns) rechtfertigt.

ja gut.

Mit der Gedankenführung kann man das nicht nachvollziehen. Da stimme ich Dir zu.

Du hättest ja die ironisch hingerotzten Fragen einfach beantworten können. So ironisch und hingerotzt war es garnicht gemeint.

Gut, ich weiß jetzt dass das halt nicht dein Niveau ist.

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