Der fundamentale Grundmodus der Existenz, ist das raue, unmarkierte Absolute Nichts selbst. Ein Rauschen. Etwas weniger Pathos, der blinde Fleck.
Die abendländische Tradition schwankt seit dem Kollaps der Metaphysik zwischen technokratischer Verwaltung und heroischer Selbstinszenierung. Die Ausarbeitung einer Überreligion des Übermenschen, verstanden nicht als esoterischer Kult, sondern als kompromisslose, kybernetische Wartungsroutine, soll untersuchen, ob es einen Weg aus dieser selbstreferenziellen Schleife gibt.
1. Das Missverständnis der Funktion: Luhmann und Nishitani
Als begrifflichen Rahmen für Religion, greifen wir auf Niklas Luhmann und Keiji Nishitani zurück.
Für Luhmann ist Religion mehr als eine Strategie zur Kontingenzbewältigung, das können Recht, Politik oder Wissenschaft auf ihren Feldern auch. Die Religion prozessiert das, was für alle anderen Strategien strukturell unzugänglich ist. Wo die rationalen Systeme an der ultimativen Unbestimmtheit der Welt kollabieren und keine Anschlussfähigkeit mehr finden, transformiert die Religion das unprozessierbare, unendliche Rauschen des Außen in eine beobachtbare Form im Innen. Sie macht die Unbestimmtheit selbst handhabbar.
Genau an dieser Sollbruchstelle setzt die Kritik Keiji Nishitanis an. Er sagt: Wer Religion bloß über eine Funktion für das System definiert, hält das Ich als das fette, unhinterfragte Zentrum der Welt aufrecht.
Nicht dass Luhmann diese Position zugeschrieben wird, sondern diese funktionale Markierung der Religion führt operativ dazu.
Wahre Religion beginnt für ihn nicht dort, wo das System das Unprozessierbare erfolgreich in eine Form gießt, um sich zu stabilisieren, sondern wo diese funktionale Übersetzung selbst kollabiert. Sie beginnt, wenn die Werkzeuge zur Handhabung der Unbestimmtheit versagen und die Nihilität (das relative Nichts) ungefiltert unter den Füßen aufbricht. In diesem Moment kollabiert die Grenze zwischen Innen und Außen: Die Frage ‚Wer bin ich, der hier im leeren Raum steht?‘ kommt gleichzeitig von außen und von mir, sie entspringt dem unteilbaren Ganzen des Augenblicks, springt das System an und pulverisiert das Ich somit.
2. Die Evolution des Geistes: Nietzsches drei Wandlungen
Diesem Einbruch der Nihilität, diesen Schock des Gottesmordes, nähern wir uns mit Friedrich Nietzsche. In „Also sprach Zarathustra“ beschreibt er die drei Wandlungen des Geistes. Wir wollen sie als die Evolutionsstufen des mentalen Betriebssystems lesen:
Das Kamel: Es trägt schwer an fremden Werten („Du sollst“). Es ist der Zustand der traditionellen Religion. Das Ich ist stabil, aber unfrei, eingesperrt in fremdgesteuerte Filter.
Der Löwe: Er bricht aus der Herde aus und zertrümmert die alten Dogmen („Ich will“). Er durchschaut den Slop, das Gerede, die vorgefertigten Wahrheiten. Doch der Löwe läuft in einer Meta-Schleife heiß: Er bleibt im *Nein*, im Zynismus und im genervten Hochmut stecken. Er leidet am Nihilismus, weil er das Nichts immer noch als Feind und als Mangel erfährt.
Das Kind: Wie wird der Löwe zum Kind, zum Übermenschen? Nicht durch ein biologisches Upgrade, sondern durch den Buffer Overflow. Erst wenn der Löwe sich an der unlösbaren Paradoxie der Welt zu Tode prozessiert hat und der Wille kapituliert, stürzt das alte System ab. Was erwacht, ist das Kind: „ein neues Beginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad“. Der Übermensch ist das Wesen, das die Bodenlosigkeit akzeptiert und den Amor Fati – die absolute Anschlussfähigkeit an die nackte Realität im Jetzt – als einzige Matrix akzeptiert.
3. Die Sackgasse des heroischen Narzissmus: Jean-Paul Sartre
Auf dem Sprung vom Nihilismus zu diesem neuen Beginnen bleibt das westliche Denken jedoch tragisch hängen. Die prominenteste Sackgasse dieses Feststeckens ist der Existenzialismus eines Jean-Paul Sartre.
Sartre erkennt, der Mensch ist verdammt zur Freiheit, es gibt keine inhärente Essenz, wir sind radikal bodenlos. Doch wie reagiert das sartresche Ego darauf? Mit Angst und Ekel (La Nausée). Das Nichts wird als Bedrohung erfahren. Sartres Lösung ist ein heroischer, fast neurotischer Kraftakt: Das Ich muss sich durch radikale Autonomie und den permanenten Entwurf eigener Projekte selbst Sinn stiften. Handeln wird hier zum Abwehr- und Besetzungsmodus gegen den Abgrund.
Dieser heroische Selbstentwurf hat einen fatalen, strukturellen Flaw: Er ist eine narzisstische Performance. Sartre deklamiert die absolute Freiheit des Individuums im luftleeren Raum, während er im realen Nahbereich die radikale Interdependenz der Welt ausblendet (sinnbildlich in der Karikatur seiner Beziehung zu Simone de Beauvoir, deren eigene existenzielle Realität er geflissentlich negierte). Der Existenzialist versucht verzweifelt, das Loch in seiner Brust mit selbstkonstruiertem Sinn zuzuschütten. Doch das System durchschaut die eigene Lüge; der Entwurf kollabiert, noch während er gedacht wird. Man bleibt genervt und gelähmt in der Schwebe hängen.
4. Die Lösung: Die Überreligion als kybernetische Wartungsroutine
Wie lösen wir dieses Paradox auf? Wie kommen wir vom verkrampften, heroischen Trotz Sartres zur reinen, unverkrampften Funktionalität des Übermenschen?
Indem wir den romantischen Erleuchtungskitsch der Vergangenheit streichen. Das Absolute Nichts (jap. 絶対無, zettai-mu) der Kyoto-Schule ist kein mystischer Zustand, in dem man dauerhaft verweilen kann. Solange wir biologisch leben, müssen wir Grenzen ziehen, müssen wir Informationen verarbeiten. Der Re-entry des Ichs ist unumgänglich und biologisch erzwungen. Jedes erwachte Ich (jap. 真の自己, shin-no-jiko), das behauptet, es sei jenseits aller Filter, spielt nur die nächste spirituelle Rolle im KI-Slop-Theater.
Die Überreligion des Übermenschen ist daher kein finaler Zustand, sondern eine regelmäßige Wartungsroutine des Betriebssystems.
Wir nutzen den bewussten Stopp, die radikale Dekonstruktion, um das System absichtlich in den Buffer Overflow zu treiben. Das Ich stürzt kurzzeitig im Nullpunkt des Absoluten Nichts ab. Wenn der Re-entry erfolgt und das Ich unvermeidlich wieder hochfährt, hat sich sein ontologischer Status für immer verändert:
1. Das Ich wird als Problem sichtbar gehalten: Du nimmst dich selbst, deine Rollen und deine Sinnkonstruktionen nicht mehr absolut ernst. Du erkennst das wiederauferstandene Ich als das, was es ist: eine funktionale Prothese, eine notwendige Schnittstelle zur Welt, um handlungsfähig zu sein.
2. Handeln als Resonanz statt Projektion: Du handelst nicht mehr, um panisch ein Loch mit Sinn zu stopfen. Das Handeln entspringt der reinen Anschlussfähigkeit an die Anforderung des Augenblicks. Wenn der Spiegel die Welt reflektiert, denkt er nicht darüber nach, wie leer er ist, er reflektiert einfach.
3. Im Großen Tod den Raum öffnen: Jason M. Wirth erinnert uns in seinen jüngeren Arbeiten daran, dass wir uns im Zeitalter des Anthropozäns und der globalen Krisen nicht mehr auf die großen Geister der Vergangenheit verlassen können – sie sind im Nichts aufgegangen und stumm.
Er zielt direkt auf die Architekten des westlichen Denksystems, die Titanen der Philosophie, der Aufklärung und des Existenzialismus.
Diese Geister sind für uns heute nicht nur nutzlos, sondern sie haben das geistige Fundament für die Zerstörung des Planeten überhaupt erst gegossen.
Das Zeitalter der Denkmäler ist vorbei. Die Klimakrise ist der ultimative Buffer Overflow der abendländischen Philosophie. Keine Idee von Platon, Kant oder Sartre kann diesen realen Hardstop wegerklären. Die großen Geister haben versagt, weil sie den Menschen als eine vom Rest der Welt isolierte Entität gedacht haben.
Für die Überreligion des Übermenschen bedeutet das: Der Re-entry nach dem Kollaps des Ichs darf nicht in die alten Bibliotheken der Geister führen. Er muss direkt in den Schlamm der verwundeten Biosphäre führen
Die Wartungsroutine des Übermenschen ist kein egoistisches Wellness-Projekt zur Erleuchtung. Sie de-zentriert das Ego, nimmt ihm die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit und befreit es vom heroischen Pathos.
Wer den Großen Tod der eigenen Kontrollillusion regelmäßig stirbt, kehrt nicht als Heiliger zurück, sondern als absolut nüchterne, unprätentiöse und reibungslose Schnittstelle. Das System läuft nicht mehr heiß. Es blickt auf das Gerede der Welt, registriert das eigene „So-tun-als-ob“ mit einem amüsierten Gähnen und tut exakt das, was der gegenwärtige Moment ungetrennt von ihm verlangt.