Überspannen Ole Nymoen und Simon David Dressler nicht langsam den Bogen?

Ich mag Ole wirklich gerne, Simon finde ich okay, aber was mir in letzter Zeit ein wenig sauer aufstößt, ist so eine immer zunehmende Art von Arroganz und leider auch teilweise Ahnungslosigkeit bei bestimmten Fragen.

Bei der Wehrpflicht ziehen die beiden sich auf einen reinen Standpunkt des Individualismus zurück, ohne in irgendeiner Form darauf einzugehen, welche Rolle ein gemeinsamer Widerstand im Zusammenhang mit Kriegstreiberei spielen kann. Das geht dann auch mit einer extrem starken Fixierung auf den Staat als Halter des Gewaltmonopols einher, Klassenfragen spielen dabei immer weniger eine Rolle.

Dann gab es auch kürzlich erst eine sehr wirre Kritik an der Schülerstreikbewegung und der SDAJ, die im Prinzip jedes Stellen von Forderungen an den Staat als Affirmation seiner Position abtut. Am bezeichnendsten war dann der Auftritt der beiden bei Fabian Lehr, der sie argumentativ ein wenig zerlegt hat.

Ich frage mich, ob denen die mediale Aufmerksamkeit nicht langsam zu Kopf steigt..

Aber vielleicht sehe ich das zu eng. Was meint ihr?

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Im Gegenteil, auch wenn ich mir das nicht anschauen kann (liegt eher an der Art Humor, der nicht meiner ist) finde ich das Format genau richtig und der Bogen ist längst noch nicht überspannt.

Bitte mehr davon, auch zu kontroversen Themen wie Gaza oder der neue amerikanische Imperialismus.

Ich schaue oder höre mir Oles eigene Formate fast nie an - dafür seine Auftritte beim ÖRR. Dort steigt er mit harten Klassenkampf-Fragen in den Ring. Gelegenheiten, Argumente Stück für Stück aufzufalten, ohne Zeitdruck, bekommt er dort fast nie. Er nutzt dann den Kurzschluss mit folgendem Muster: Problemthema X —> Staat agiert mit Eigeninteresse öffentlich als Manipulateur, Problemthema Y —> Staat agiert mit Eigeninteresse öffentlich als Manipulateur, u.s.w.. Das ist nicht immer so, aber häufig.

Klassenkampf sehe ich dort, Verweise auf Missstände bringt Ole frontal, Staatsversagen wird thematisiert - als „Sensor“ leistet Ole richtig gute Arbeit - wenn ich etwas kritisieren würde, dann, dass der Staat als Adressat für das Publikum kaum verfängt.

Zwei Gründe in einer unglücklichen Kette, die Ole bedenken müsste:

  1. Der Staat ist abstrakt und deshalb als Adressat nicht geeignet - der Staat (Deutschland) ist für viele einer der wenigen noch verfügbaren Institutionen, an denen sie ihre Identität festmachen (können). Deshalb fühlen sie sich von Ole angegriffen, wenn er ihnen ihre kindliche Freude an einem Nationaltrikot und einem gemeinsamen Abend mit Publik Viewing und Bier unvermittelt zerstört. Sie fühlen sich persönlich angegriffen. Ole riskiert, dass seine Zuhörer dicht machen. Er müsste ihnen innerhalb seiner eigenen Sprache und Worte gewähren, dass sie persönlichen Raum haben, weil ihre Identität ihnen nicht abgekämpft werden soll.
  2. Der Staat ist der falsche Adressat für Problemzuweisungen. Der Staat besteht aus Legislative, Exekutive und Judikative. Ole bezieht sich allerdings auf politisches Handeln das Staates - angesiedelt in der Legislative. Statt auf den Staat zu verweisen, ist der Verweis auf die staatliche Politik, oder begrifflich einfach die Politik besser: Er adressiert Regierung und Parlament (wo Gesetze aufgelegt werden und Öffentlichkeitsarbeit stattfindet) und er greift Zuhörer nicht dort an, wo sie empfindlich verletzt werden können. So gesehen könnte Ole wesentlich mehr Zuspruch bekommen, als es zur Zeit der Fall ist.

Ich kann nicht beurteilen , ob sich im Auftreten der ÖRR-Formate Star-Allüren bei Ole entwickelt haben oder nicht. Ich finde seine Performance nicht unbedingt erfrischend, aber das ist Geschmacksache. Ole richtet den Hebel immer wieder konkret auf die Politik als Akteur aus - könnte es noch öfter tun, indem er in der semantischen Darstellung „Staat“ durch „staatliche Politik“ ersetzt.

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Stört dich aber nicht, dass ihre Argumentation recht kurz greift?

Die Verwirrung ist aufseiten von Fabian Lehr und der Kommunistenkneipe entstanden und in dem Gespräch mit Fabian Lehr sind die auch deutlicher geworden.

Kurzabriss:

  • Ole und Simon: Widerstand gegen die Wehrpflicht reicht als Position. Der Staat will in seinem Interesse Zugriff auf die Körper von Schülern erlangen. Diese können ihrer Weigerung Ausdruck verleihen. Das Anhängen weiterer Forderungen ist in Bezug auf die Wehrpflicht sinnlos. Das stellen von Forderungen nach besser Schulausstattung weicht Positionen gegen die Wehrpflicht auf und führt zur Frustration und Leerlaufen der Proteste.
  • SDAJ: Die Forderungen von Schülern nach besserer Schulausstattung nimmt man aus agitatorischer Perspektive auf um Schüler*innen beim Scheitern ihrer Forderungen die wahre Natur des Staates begreifbar zu machen. Deswegen schließe man sich reformistischen Positionen an um diese in revolutionäre zu verwandeln.

Aus meiner Sicht: Ich teile Ole und Simons Analyse und sehe immer wieder die Probleme von solchen Organisationen, die mit einem Erziehungsanspruch an junge Menschen herantreten, sie über Begriffe wie “Alltagsverstand” eigentlich infantilisieren und sie eigentlich nicht weiter befähigen. Da wird dann wild mit Alinsky und Gramsci und der fehlenden “Straßenerfahrung” argumentiert, Lehr fordert die Arbeitermassen auf, sich zu erheben…. und so weiter und so fort….

Doch, das stört mich - aber eher „technisch“ gesehen, als emotional. Diese Kurzschlüsse geben dem Publikum kaum die Möglichkeit die Statements nachzuvollziehen, weil ihnen keine schlüssige Argumentationskette angeboten wird, anhand der sie erkennen können, wo der problematische Mechanismus wirkt und, dass sie selbst auf der Verliererseite des Klassenkampfes stehen (dem Trend der letzten Jahrzehnte bezüglich). So gesehen bleibt Oles Einsatz als Instanz einer Gegenmacht zu Neoliberalismus, Nationalismus und Militarismus in seiner Wirksamkeit weit hinter dem vorhandenen Potenzial zurück - finde ich.

Das ist teilweise den dämlichen Sendeformaten geschuldet. Wer aber hingeht und weiß, was für ein Format ihn oder sie erwartet, kann sich auch darauf vorbereiten. Eine Möglichkeit wäre, einen einzelnen beispielhaften Punkt in der Kürze der jeweiligen Redezeit-Fragmente (verknüpft über diese hinweg) konsequent durchzutragen, anstatt unbedingt die große und ausladende Kritik durchprügeln zu wollen.

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Ich find das Reaction Format gut. Da bleibt was auf Gefühlsebene hängen was entscheidend ist. Das Argument ist zwar nicht ganz egal, aber wirklich zweitrangig. Ich glaube die Zielgruppe die mobilisiert werden soll, fragt nicht nach Kritischer Theorie, denn die mobilisiert nur bedingt.

Meine Sorge ist, wenn man das jetzt wieder alles zerredet, verpufft es.

Wie gesagt, ich find es persönlich furchtbar, aber das ist nur mein Geschmack.

Flo, du hast wirklich ein gutes Herz, und das finde ich super. Du wirkst nach deiner Art mit deinem Wesen in deinem Kreis. Ole ist öffentlich wahrnehmbar, das ist eine gute Grundlage - und nichts von beidem soll wegdiskutiert werden.

Es geht in diese Punkten auch nicht um kritisches Denken, sondern um rationale Erwägungen. Möchte man den Klassenkampf befördern, geht es in erster Linie um Methoden zur Wirksamkeit. Bei der Frage nach der Zielgruppe ist doch die Antwort: Alle! - Es bringt nichts, wenn Gruppen sich auf ewig selbst bespiegeln und das im Weiteren niemanden interessiert.

In Deiner Betrachtung stehen natürliche Subjekte einem künstlichen Subjekt gegenüber: Der Wirtschafts- und Gesellschaftsform als Konstrukte, mit mächtiger Ideologie flankiert. Egal, wie viel Liebe du hineinschickst, diese Entität liebt dich nicht zurück. Liebe ist eine Sache zwischen Menschen, nicht aber zwischen Interessengruppen.

Ich möchte nicht grob sein, gleichwohl, wenn du sagst: Mit ganz viel anders denken und in der richtigen Weise fühlen, und mit purer Liebe, kann die Welt besser werden - dann bin ich beim Blick auf die Menschheitsgeschichte der letzten Jahrtausende extrem skeptisch. Es gibt immer Instanzen, die einfach nur Macht haben wollen, und die sind nicht zimperlich.

Zum Format: Reaction-Performances können gut sein, wenn solides Handwerk drinsteckt. Sie müssen dabei einen zusätzlichen Erkenntniswert bieten und darüber hinausgehen, dass man sich nochmals die eigene Meinung bestätigt. Meine Kritik war in erster Linie an die dämlichen ÖRR-Formate gerichtet, die mit den schlechtesten denkbaren Moderatoren besetzt auf reine Affekte setzen und deshalb als Diskursraum ungeeignet sind. Wer trotzdem hingeht, um sichtbar zu sein, müsste (der kurzen Redezeit wegen) rigoros eine Methode des Boulevard von links praktizieren: Einfache Grammatik + Richtung nach oben + Wahrheitsgehalt + Publikum als urteilsfähiges Subjekt ansprechen + Überleitung zu Forderung einer politischen Handlung.

Ob das Ole & Co. gelingt, kann jeder selbst überprüfen - oder Alternativen beschreiben (nur um sich gegenüber dem Außen verständlich zu machen). Alles, was in seinem Mechanismus nicht beschrieben werden kann, ist für das Publikum nicht unmittelbar zugänglich und damit ausschließlich willkürlicher individueller Interpretation ausgesetzt. Das ist genau das Gegenteil dessen, was ein erfolgreicher Klassenkampf braucht.

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Du bist nicht grob.

Deine Skepsis ist berechtigt, aber ich muss dich dann auch fragen, wo ist der Erfolg? Wo ist die Strategie ein System was wie ein Perpetuum funktioniert erfolgreich zu ändern? Machen wir das hier im Forum?

Das ist wirklich abenteuerlich, bei aller guten Rhetorik, guten Gedanken etc. etc. was ich alles sehr schätze. Wo sind die Resultate.

Noch was:

Ich stelle hier eine einzige naiv formulierte Frage und das Forum steht Kopf. Ein Lawine an Beiträgen, Streit zwischen dir und @JakobB, Ketten an theoretischen Überlegungen.

Ich finde das drückt schon was aus.

Hier stecken mehrere Missverständnisse drin: Innerhalb des Systems finden durch natürliche Subjekte aktive getriebene Interessenkämpfe statt. Das System ist nicht selbsterhaltend - es sieht nur so aus, während sich im Hintergrund mit aller Macht und sehr viel Geld neoliberale Gruppen um Erhalt und Ausbau dieses Systems bemühen. Es könnten genauso gut Buddhisten, Fürsten, Drogenkartelle oder irgendwelche anderen Interessengemeinschaften sein - es stecken aber immer Menschen mit bestimmten Absichten dahinter. Das lässt sich nicht auflösen, deshalb ist es ein ewiges Ringen - es sei denn, die Menschheit einigt sich darauf, alle Staaten und Hoheitsgebiete weltweit exakt zum gleichen Zeitpunkt dauerhaft abzuschaffen. Dann bleibt eine Masse von Menschen, die beginnen muss, abseits übergeordneter Strukturen Kooperationsmöglichkeiten untereinander wiederzuentdeclen.

Du hast Recht - ich habe eine sehr ausladende theoretische Betrachtung in mehreren Teilen und aus dem Abstrakten ins Forum gestopft. Mein Anlass war, einen Ausgangspunkt zu wählen, von dem aus (über eine Kaskade von Randbedingungen hinweg) Überführungen in konkrete Handlungsoptionen möglich sind. Am Ende habe ich behauptet, dass nun ein Werkzeugkasten bereitgestellt wurde. In den umständlichen Herleitungen flossen verschiedene Analyse-Ergebnisse ein. Eines davon war, dass der Aufbau einer wirksamen Gegenmacht aus der Zivilgesellschaft heraus eine Vielzahl von Hebeln bedarf (und benennt!), die in langwieriger und teilweise langweiliger Betätigung, sich über eine fragmentierte Öffentlichkeit hin und über einen sehr langen Zeitraum allmählich entfalten. Die Gegenseite hat die Öffentlichkeit jahrzehntelang konditioniert und macht weiter damit. Das lässt sich nicht in ein paar Tagen auflösen.

Wenn Du mich danach fragst, was im Rahmen unseres Diskurses bisher erreicht wurde: Nichts - aber das war auch nicht zu erwarten. Allerdings haben wir unsere Standpunkte markiert und von dort ausgehend alle miteinander in der Ausrichtung von Handlungsoptionen gegenseitig ein Stückchen vorangetrieben. Mit etwas Glück, hat der eine oder andere ein paar nützliche Anregungen für praktikable Ideen aufgeschnappt. Auf jeden Fall haben wir die Vernetzung untereinander gestärkt - und die Welt ist dadurch wahrscheinlich nicht schlechter geworden.

Ich bleibe jedenfalls noch eine Weile in diesem Diskurs-Stang, denn es gibt noch viele interessante Hebel, die konstruktiven Streit wert sind. Wenn dir inzwischen der Geduldsfaden gerissen ist, bleibt dennoch bestehen, was du hier bereits platziert hast.

Tip top.

Ich habe keine Forderung gestellt, ich habe Fundamentalkritik formuliert und Beispiele gezeigt wie es aus meiner Sicht funktioniert.

Was ich dabei bemerkenswert finde ist, ich übe Fundamentalkritik an Fundamentalkritikern, die sich dann über Fundamentalkritik mit einer Aneinanderreihung von Autoritätsargumenten zur Wehr setzt.

Zu Ole, was ich sage ist:

Sieh es als Schritt in die richtige Richtung mit viel Entwicklungspotenzial. In allen Bereichen.

Es ist wäre gut diese Entwicklung zu unterstützen statt sie im Detail anhand der Designflaws, die es zweifellos gibt, zu zerreden. Popcorn nehmen und schauen was sich entwickelt. Vielleicht ja sogar Traktion.

Genau so sehe ich das. In diesem Sinne entwickelt sich übrigens DIE NEUEN ZWANZIGER mit Podcasts, Literatur, Internetpräsenz und einem lebendigen Forum selbst zu einem Bestandteil der Zivilgesellschaft.

Oles Engagement betrachte ich erfreut und als Schritt in die richtige Richtung. Ich habe mir allerdings erlaubt, auf die Frage von @thomas zu antworten - und meine Meinung zum Besten gegeben, wo Potenzial für weitaus mehr Traktion zu finden ist. Dass es sich dabei um Fundamentalkritik handelt, ist deine Interpretation. Wenn du lieber stumme Gefolgschaft sehen möchtest: Das entspricht einfach nicht meiner Natur. Wenn du mir die Rolle des stillen Medienkonsumenten ans Herz legen möchtest: Der bin ich, während ich mir die Podcasts anhöre und die Videos ansehe - danach gehe ich in andere Modi.

Ich glaube nicht, dass Ole “den Staat” mein, wenn er von “dem Staat” spricht, sondern es eine Chiffre ist für vieles anderes, was entgegen der “objektiven Interessen” der Bevölkerung arbeitet. Ich denk auch, dass allgemein der Einsatz von dem Wort “der Staat” oft so eigentlich funktioniert und man vlt auch diese Verweise auf Verwaltungsapparate und Verfahrenskonzepte hier und da bei Seite legen sollte. Im Diskurs findet eine Verschiebung statt von Interessen der Arbeiter gegen Interessen von Reichen hin zu Interessen vom Staat und damit von uns allen auf einer abstrakten Ebene. Wenn gefragt wird, ob man Wehrdienst für den Staat machen will, dann wird so ein Dienst an der Allgemeinheit eingefordert, die dann auch die Interessen von Reichen beinhaltet. Diese allumfassende Geste sollte einen verdächtig vorkommen. Und um diese Verschiebung zu durchkreuzen argumentiert er hier so fundamental gegen den Staat.

Das verstehe ich sehr gut und es gibt nichts daran auszusetzen. Vielleicht habe ich in letzter Zeit nicht ausreichend von Ole gesehen, um einem umfassenden Überblick über seine rhetorische Variantenvielfalt zu haben. Wie gesagt, meine Gedanken bezogen sich vor allem auf Formate im ÖRR.

Setting: Ole gegenüber steht jemand von der jungen FDP oder der jungen Union, und die machen die ganze Zeit Patriotismus-Argumente. Sie ziehen den Staat überhaupt erst als Subjekt ins Gespräch, und ganz viele nicken mit dem Kopf, wenn dann das Motto kommt, dass man diesen Staat als seine Heimat verteidigen müsse. Das geht richtig schön in die Gefühlswelt des Publikums (das größtenteils ohnehin einfach nur Unterhaltung sucht - aber sie sind da und hören zu). Nun hören sie „Staat“ vom Talking Head der CDU und freuen sich über diese Gemeinschafts-Attrappe, von der sie ein Teil sein dürfen - zumindest, wenn die Nationalmannschaft bei einer WM spielt oder dringend ein Krieg vorbereitet werden muss. Dann sagt Ole: „Also, für den Staat geh ich nicht kämpfen“. Es folgt eine kurze Argumentation von Ole, aber die hören viele aus dem Publikum schon nicht mehr, weil sie emotional noch in der Erregungsschleife seiner ersten Worte hängen. Seine Botschaft verfängt nur bei denen, die schon vorher seiner Meinung waren. Würde er an Stelle des Staatsbegriffs ein anderes Wort oder einen gedankliches Subjekt eine Ebene tiefer verwenden, stiegen die Aussichten, dass auch Leute aus anderen politischen Lagern überhaupt erstmal erfassen, was er meint. Es wird nämlich nicht für einen Staat gekämpft, sondern für eine Machtelite, die ihr ganz eigenes Machtgefüge verteidigen oder ausweiten möchte. Der Soldat stirbt für die Machtambitionen bestimmter Leute, die für ihn nichts übrig haben. Die Mieter gehen das Eigentum der Vermieter verteidigen. Die Arbeiter vom Fließband gehen das Eigentum der Großaktionäre verteidigen, die Mitarbeiter von McDonald’s gehen das Geschäftsmodell eines Franchise-Unternehmens verteidigen, und so weiter. Bei dieser Gelegenheit werden astronomische Geldbeträge an Rendite-orientierte Rüstungsindustrien überwiesen - und alle, die im Publikum sind werden das mit Steuern und Sozialkürzungen finanzieren, während Investoren Rekordrenditen erzielen. Und das Einzige, worauf ich hinaus möchte ist, dass Ole es für die Zuhörer ein kleines bisschen zugänglicher ausdrücken könnte (damit sie es auf ihr Dasein übertragen können) und, dass er im direkten verbalen Schlagabtausch im Rededuell Affekte beim Publikum berücksichtigen könnte. („Diejenigen von Euch, die an die Front gehen, werden verstümmelt oder sterben. Diejenigen von Euch, die übrig bleiben werden den ganzen Krieg bezahlen und dabei in Armut leben.“ )

/ „Was aber, wenn der Feind uns angreift und erobern kommt?“ - „Dann gibt’s vielleicht andere Eigentümer und vielleicht eine andere Hausordnung. Aber was soll er hier wollen, der Feind?“ /

Ist das so? Wobei ich mir da denke, es gab schon zuvor Linke (oder explizit BSW), die meinten man müsse das Themenfeld Staat besetzen und für einen beanspruchen. Das funktionierte bis jetzt nie wirklich und Ole kann man das wahrscheinlich auch nie so vorschreiben bzw. er scheint wirklich ein Kosmopolit hier zu sein. Dazu ist auch die Frage, inwiefern will man alle überreden? Ich meine, wir kennen das alles schon und wir sollten diese Idee von dem zwanglosen Diskurs oder “Marktplatz der Ideen” nicht zu viel Wert geben. Es geht vlt erstmal nur darum diese Position zu besetzen.

Ich würde da sagen, dass das keine Logik ist wie ein falsches Bewusstsein, sondern man kämpft durchaus für den Staat und damit inbegriffen auch für die Machtelite. Es ist mehr eine Logik wie ein Teufelspakt oder ein geschenkter Gaul: man geht das eine mit und muss dann auch plötzlich das andere konsequenterweise mittragen.

So ist es. Ich habe dabei nichts anderes vorgeschlagen, als die Effizienz zum eigenen Narrativ weiter zu optimieren - und ganz bestimmt, kennen sich eine Menge Leute dabei besser aus, als ich. Es ist ohnehin kaum möglich, durch Themenbesetzung planmäßig und schrittweise kontinuierlich Erfolge im Bereich der Weltanschauung anderer (durch überreden oder überzeugen) einfach einzusammeln - und erst recht nicht in einem einzigen Gespräch. Es ist eher wie das Verteilen einer Aussaat - und die wird erst aufgehen, wenn die Umgebungsbedingungen es erlauben. Wird es aber für das Publikum grammatisch und inhaltlich zugänglicher, ist es so, als wären mehr Saatkörner ausgebracht worden - um bei diesem Bildnis zu bleiben. Ob und wann genau die Saat aufgehen und Früchte tragen wird, bestimmt die Qualität des Saatguts und die äußeren Umstände. Ersteres können wir beeinflussen, Letzteres nicht.

Der Erfolg kommt irgendwann, plötzlich, nicht vorhersehbar - und zwar dann, wenn eine handfeste Krise aufgezogen ist und die bisherigen politischen Entscheidungen in der Wahrnehmung vieler Leute versagen. Diese Leute suchen dann Alternativen, denen sie sich zuwenden können.Wer dann sein Narrativ in der Breite platziert hat, dabei eigene Befähigung vermitteln oder simulieren kann, bekommt Zulauf. Das kann man am Erfolg der AfD gut nachvollziehen. Sie haben jahrelang in voller gesellschaftlicher Bandbreite und bis in den kleinsten Anglerverein ihre Erzählung abgesondert. Ihr Erfolg war nur mäßig und sie waren schon wieder auf dem absteigenden Ast, als 2008 die sogenannte Finanzkrise einschlug. Plötzlich stand die Regierung mit zusammengefalteten Händen vor der Krise, und die AfD bekam Auftrieb. Die waren doch selbst überrascht davon, was für eine Chance ihnen (wie aus dem Nichts) in den Schoß fiel. 2015 kam es zur sogenannten Flüchtlingskrise, die Regierung delegierte die Problemlösung weitgehend in die Verantwortung ihrer Bürger. Das funktionierte erstmal gut, doch irgendwann fiel den Leuten auf, dass sie mit dieser Aufgabe ungefragt offenbar ein dauerhaftes Ehrenamt zugesprochen bekamen - sie wurden allein gelassen mit dem Problem. Die Regierung entwickelte und finanzierte auch keine soliden Integrationskonzepte - musste sie in ihrer Selbstsicht auch nicht, weil der Markt alles regelt. Das hat der AfD den nächsten Anschub gegeben, weil deren Klientel endlich mit Sündenböcken versorgt werden konnte: „Die da oben“ und „die Migranten“. Und seit 2019 taucht eine Krise nach der anderen auf, die Regierungen zucken mit den Schultern und finden Gründe im Äußeren (also ebenfalls Sündenböcke), und sagen, dass jetzt echt schwere Zeiten kommen - natürlich nicht für sie persönlich, sondern für alle anderen. Um die Metapher nochmal aufzunehmen: Die Saat geht auf.

Und genau auf solche Gelegenheiten muss sich auch das linke politische Spektrum vorbereiten, und immer weiter das Narrativ pflegen und immer weiter alle Hebel bedienen, bis die Chance kommt, die niemand zielgerichtet vorhersagen konnte.

Das Zynische ist, dass viele Krisen, die überhaupt erst politische Umwälzungen bewirken können, durch den zuvor gesetzten politischen Rahmen überhaupt erst ausgelöst werden (Geopolitik, Neokolonialismus, kriegerische Interventionen, Staatsstreiche, unregulierte Finanzmärkt, …).

Was Ole macht, ist super. Was Wolfgang und Stefan machen, ist super. Was Sibylle Berg und Martin Sonneborn machen, ist super. Was du machst, ist auch super. … Gleichwohl ist die Frage zulässig, ob noch mehr Wirkung (=Zugang) erzielt werden kann - nicht als Imperativ.

Was meinst du mit Effizienz und Narrativ? Das klingt etwas herabwürdigend oder instrumentell als wenn man die Leute hereinlegen muss für ihre Interessen und auch eher nach einem ingenieurswissenschaftlichen Modell: man habe die richtige Lösung schon, muss sie nur noch besser verpacken und verteilen der Effizienz wegen. Aber Politik funktioniert nicht so und das zeigt ja dein eigenes AfD-Beispiel. Die AfD hat nicht gewonnen, weil sie ihr Narrativ effizienter kommuniziert hat, sondern weil reale Krisen reale Erfahrungen erzeugt haben, die ihr Angebot plötzlich passend gemacht haben. Der entscheidende Faktor war nicht die Aussaat, sondern der Boden.

Dazu würde ich auch behaupten, wird diese unterschwellige Einstellung (Effizienz und Narrativformung) mitkommuniziert.

Nicht zwingend - nur wenn man gegenüber dem Publikum Empathie vermissen lässt und die Wortwahl reiner Selbstzweck ist. Kommunikation, die beim Publikum Resonanz erzeugt ist eine echte Leistung. Dein Fass der „Manipulation“ mache ich hier nicht auf - du lässt in den Begriffen mitunter Wertungen mitschwingen. Ich nutze sie leidenschaftslos beschreibend. Möglich, dass das nicht deinen Gewohnheiten entspricht. Das ist kein Problem, denn nichts wäre langweiliger, als dass wir alle gleichförmig agieren.

Mit „Effizienz“ meine ich das Verhältnis von Aufwand zu Ertrag - im Fall von Ole & Co. deren Kommunikationsarbeit im Verhältnis zur Resonanz beim Publikum (insbesondere jenem, welches nicht ohnehin auf ihrer Seite steht).

Mit „Narrativ“ meine ich eine bestimmte Erzählung , die sich beim Zuhörer zu einem Bild aufbauen kann, und gleichzeitig soll dieser Begriff vermitteln, dass nicht der Anspruch geltend gemacht wird, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Wahrhaftigkeit hingegen wird damit nicht in Frage gestellt.

Nein, keiner meiner Begriffe ist in diesem Zusammenhang herabsetzend gemeint - zu solchen Entgleisungen lasse ich mich in der Regel nur gegenüber asozial agierenden Neoliberalen hinreißen, und das wird dann auch entsprechend deutlich gemacht.

Ja, ich benutze Begriffe gerne instrumentell (persönlicher Effizienz wegen :wink:). Dein Verweis auf ingenieurwissenschaftlichen Sprachgebrauch ist nicht von der Hand zu weisen.

Falsch - und ein verhängnisvoller Chiasmus.

Bleiben wir bei unserem Bild, aber tragen wir es zu Ende. Ein Ertrag entsteht nie aus dem Boden allein – er ist immer ein Zusammenspiel aus Boden, Saat und Wetter. Der Boden mag empfänglich gewesen sein, die Krisen haben ihn zweifellos aufgewühlt. Doch empfänglicher Boden bringt von sich aus nichts hervor. Er entscheidet nur, ob das Gestreute keimt – nicht, was gestreut wird und von wem.

Und genau hier hakt das „nicht die Aussaat, sondern der Boden”. Denn diesen Boden fanden alle Parteien gleichermaßen vor. Wenn auf demselben Acker nur eine erntet, dann war es nicht der Boden, der den Unterschied gemacht hat. Den Unterschied macht, wer welche Saat ausbringt. Die AfD hat sich für die billigste entschieden, die es gibt: den Angst-Affekt. Der keimt schnell, verlangt keine Qualität und hält nichts, sobald die Saison vorbei ist - weshalb die AfD scheitern wird, sobald sie in politische Regierungsverantwortung gelangt. (Ich unterstelle dabei demokratische Elemente - die werden allerdings seit Jahren von vielen Parteien, Parlamenten und Kommissionen gründlich zerlegt.)

Auch das vermeintlich „plötzlich passende Angebot” löst sich bei Licht betrachtet auf. Was die AfD erreicht hat, war affektive Resonanz, keine sachliche Passung. Sie hat eine Stimmungslage getroffen, ohne irgendetwas zu lösen, was die Krise überhaupt verursacht hat. Dass es „für einige” passend aussah, ist kein Beleg für Passung, sondern für gelungene Affektbewirtschaftung. Resonanz ist nicht Lösung.

Niemand bestreitet, dass die Erfahrungen echt waren und der Boden bereitet. Bestritten wird, dass damit schon erklärt sei, warum gerade diese Saat aufging. Der Boden senkt die Schwelle. Über die Saat – und über die Verantwortung für ihre Wahl – entscheidet er nicht.

Zu bedenken ist, dass Affektbewirtschaftung von rechts wesentlich einfacher ist, als konstruktive Aufbau-Argumentation von links. Verlustangst ist im Wesen des Menschen tief verankert und leicht zu triggern. Insofern sind Ole & Co. dazu verdammt, viel bessere rhetorische Leistungen zu bringen, als ihre Gegenspieler. Das wurde im Thread zur Gegenmacht unter dem Schlagwort „BILD-Zeitung von links“ diskutiert.

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Noch ein Nachtrag: Man ist bei Auftritten in der Öffentlichkeit niemand, der die Interessen anderer zu vertreten hätte - jedenfalls nicht, ohne offizielles Mandat. In Bezug auf Ole & Co. geht es darum, dem Zuhörer zu helfen, seine eigenen Interessen überhaupt zu erkennen, einzuordnen und anschließend selbst zu vertreten - gerne im Rahmen der Zivilgesellschaft, um Gegenmacht aufzubauen.

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