ich will mal nicht bewerten, was hier behauptet wird, sondern was Deutschland tatsächlich getan hat. und da fällt mir was auf, das in der ganzen debatte komischerweise nicht vorkommt.
die these im thread läuft ja darauf hinaus: der staat will zugriff auf die körper der schüler, also muss man sich gegen seine übergriffigkeit wehren. der staat als der eigentliche aggressor. das wort kriegstreiberei fällt sogar.
nur:
schaut euch an, was dieser angeblich so aggressive staat die letzten dreißig jahre gemacht hat. wehrpflicht 2011 ausgesetzt. bundeswehr jahrelang kaputtgespart, behandelt wie ein verwaltungsapparat mit ein paar auslandseinsätzen. krieg in Europa galt als erledigte kategorie, als etwas aus den geschichtsbüchern. das ist nicht das verhalten eines staates, der heiß darauf ist, seine leute an die front zu schicken.
und jetzt kommt der punkt, der mich stört. man könnte das für friedfertigkeit halten. ist es aber nicht. es ist etwas anderes, fast unangenehmeres: der staat hat in diese richtung überhaupt nicht gesteuert. er hat die frage nicht bearbeitet, er hat sie verdrängt. dreißig jahre weggeschaut.
wenn das stimmt, dann kann der jetzige schwenk gar nicht aus dem staat selbst kommen. ein staat, der dreißig jahre nicht in richtung verteidigung gesteuert hat, entwickelt nicht plötzlich aus eigener lust am zwang eine wehrpflicht. das passt nicht zusammen. der schwenk ist eine reaktion. verspätet, hektisch, aber eine reaktion — auf Russland, auf den krieg in der Ukraine, auf eine NATO, auf die man sich nicht mehr blind verlassen kann, massiver druck der Trump regierung etc.
und hier wird die ursprungsthese schief. wenn der staat nicht der ursprung ist, sondern der, der einen druck von außen nach innen durchreicht — dann zielt die ganze “wehr dich gegen den übergriffigen staat”-haltung auf den falschen. der aggressor, vor dem Ole und Simon vor allem warnen, sitzt innen — der eigene staat. der, der den druck überhaupt erzeugt, sitzt außen und trägt in ihrer logik kaum gewicht.
ich glaube, das ist kein zufall. die werkzeuge, mit denen hier argumentiert wird — forderungen stellen, widerstand, diskurs — die setzen alle einen gegenüber voraus, mit dem man verhandeln kann. einen, der auf argumente reagiert. gegen einen akteur, der verhandlung als schwäche liest und grenzen überschreitet, weil er es kann, greift dieser werkzeugkasten ins leere. also richtet er sich gegen den einzigen, den er sicher adressieren kann: den eigenen staat.
und damit ich mich nicht selbst unangreifbar mache: der move nach außen hat seinen eigenen blinden fleck. wer den aggressor immer draußen verortet, kann sich jede aufrüstung, jeden “sachzwang” schönreden. das misstrauen, das hier gegen den staat aufgefahren wird, muss ich auch gegen meine eigene verschiebung behalten. ich sage nicht: hört auf, den staat zu kritisieren. die kritik ist berechtigt. sie behandelt den staat als ursprung, dabei reicht er den druck von außen nur durch.
ich hab dafür ein bild im kopf. wir sitzen im auto und streiten, warum die motorkontrollleuchte brennt und wie wir das ohne werkstatt wieder hinkriegen — während uns unter dem wagen die fahrbahn wegbricht. die leuchte brennt zu recht, im motor ist wirklich was. nur ist das gerade nicht das, was uns umbringt. und deshalb ist die frage auch nicht “staat ja oder nein”, sondern: wie kommt ein land, das dreißig jahre nur reagiert hat, wieder ans steuer — ohne dabei selbst der aggressor zu werden, als der es hier beschrieben wird.