Ja und da werden ideologisch getriebene Kämpfe geführt und allseits wird versucht, das irrationale Vorurteil hinter pseudorationalen Zielen anzukoppeln und noch ein paar rationale Argumente per Kurzschluss zusammenzuschweißen. In der Hoffnung, dass es dem gegenüberstehenden Gesprächspartner nicht auffällt.
JakobB und Ernst haben bei der Gelegenheit halt noch die Begriffe Erziehung, Sozialisierung oder Kultivierung durchgerührt. Das stand doch die ganze Zeit unter der Prämisse, dass Rationalität und Irrationalität nicht wie Wurst- und Käsescheiben getrennt, sortiert und in Anteilen pro Kopf ausgeben werden können. Jedenfalls war es unterhaltsam und interessant. Große Systemfragen hab ich da garnicht unbedingt herausgelesen. War doch sowas wie gesellschaftliche Blöcke, die versuchen ihre Narrative über die Leute drüber zu ziehen, damit die zu ihren Unterstützern werden oder die Frage, wie genau sowas nicht passiert. Wie jemand zur Fähigkeit gelangt, nicht einfach nur denkunfähiger Mitläufer zu sein der unbedingt einem Anführer folgen möchte und Böhmermann, Bosetti, Poschardt oder Reichelt an den Lippen klebt, um sich die Richtung abzuholen.
Finde ich gut, deine These nicht widerlegt zu haben, denn darum ging es mir nicht. Gleichwohl habe ich nun einen besseren Zugang zu deinem Bild der Irrationalität. Den Systembegriff nutze ich selbst ungern - das klingt so nach totalisierender Kampfvokabel und unterschlägt beinahe, dass Menschen agieren.
Ich kann noch nicht ganz nachlassen, (wenn so ein Hund sich erst verbissen hat…)
Das spannende und darum kreise ich um die Kermani-Rede: Das Wozu wird auch bei der Bundeswehr nicht freigesetzt.
Das liefert die Bundeswehr auch mit. Deswegen müht Kermani sich ja so ab einen Unterschied feststellen zu wollen. Jetzt können wir es “Volk”, “Demokratie” und “Interessengebiet” nennen (deswegen ja der kalkulierte Skandal “den Führer” zu kritisieren um die überlegene Qualität der Herrschaft daran zu zeigen und deswegen der logische Bruch mit “Landesverteidigung” und zum Beweis eine eindrückliche Liste der “Auslandseinsätze”)
und das (die bei Dir positive Überschreitung, die Freisetzung) macht den “Kreis” erschreckend größer, wo die Wehrmacht noch den “Lebensraum” erweiterte mit klaren Grenzen etc. hat die “Freisetzung” erschreckende Konsequenz (wir erinnern uns an Horst Köhler und seinen Rücktritt) Deutsche Interessen sind jetzt weltweit zu vertreten und im Zweifelsfalle militärisch durchzusetzen. Heute hat man Interesse an der Straße von Hormus und morgen an der Straße von Gibraltar…
Oh doch und es hat stattgefunden. Bei Kühl nachlesen, z.B. S.145, die Weigerung eines Kompanieführers 800 Kriegsgefangene zu erschießen. Konsequenz: 6 Monate Gefängnis (aber nur, weil er zu öffentlichkeitswirksam protestierte, üblich war nach Kühl Verweigerung “auf dem kurzen Dienstweg” ohne Strafe).
Kurzum: Die Erziehung war “gut” (im Sinne von funktional) , die Notwendigkeit der Umerziehung kam erst bei ausbleibendem “Erfolg”.
Warum dieser Hickhack relevant ist: er schließt an die These an, dass Demokraten Faschisten gar nicht kritisieren können, sondern nur verbieten, weil sie vieles teilen…
Die Grundsätze sind (am Beispiel von Armee die gleichen) und was am Ende von der “Erziehung nach Auschwitz” bleibt, ist die Hoffnung diesmal wirklich richtig zu liegen mit den eigenen Richtigkeitserklärungen… und der Soldat soll beim Töten an die Würde des Menschen denken. Er soll Totenschädel produzieren, aber nicht mit ihnen spielen… (oder wie Banaszak sagt: Der Soldat kann ja immer noch desertieren, wenn die AfD an die Macht kommt…)
Deine Mitläufer-Frage lässt sich direkt an etwas anschließen, das wir hier im Häftling/Pflege-Thread schon entwickelt hatten: Plausibilität wird entweder selbst erarbeitet oder von oben übernommen. Von unten wird sie aus einem vorhandenen Angebot aufgenommen – emergent, ungeprüft, weil die Anschlusskosten niedrig sind. Von oben wird sie aktiv eingespeist – Kampagnen, Medienbesitz, gezielt produziert.
Das Interessante: Dasselbe Modell trägt sowohl den Sündenbock-Fall als auch deinen Meinungsführer-Fall. Ob jemand einen Vergleichsgegner braucht (Migrant, Bürgergeldempfänger) oder einer fertigen politischen Haltung folgt (Böhmermann, Poschardt, egal welche Richtung) – strukturell dasselbe: ein von oben produziertes Angebot wird von unten übernommen, weil es billiger ist, als sich selbst eine Position zu erarbeiten. Der Inhalt wechselt, der Mechanismus nicht.
Und hier kommt die Irrationalität ins Spiel, nicht nebenbei, sondern als Voraussetzung: Wäre irgendwo ein “Richtig” erreichbar, gäbe es einen Maßstab, an dem sich das übernommene Angebot prüfen ließe. Genau das gibt es nicht. Weil kein Richtig herauskommen kann, ist die eigene Plausibilitätsarbeit nie mehr als eine Momentaufnahme des Möglichen – Rationalität, die erarbeitet werden muss und trotzdem nie endgültig steht. Mitläufertum ist dann keine Abweichung von einem eigentlich erreichbaren Richtig, sondern die naheliegendste Reaktion auf einen Normalzustand, in dem Irrationalität ohnehin regiert: Warum die mühsame, nie abschließbare Eigenarbeit leisten, wenn das fertige Angebot dasselbe Bedürfnis billiger stillt und am Ende so oder so kein Richtig dabei herauskommt?
Mitläufer zu sein heißt dann nicht, weniger nach Stimmigkeit zu suchen als andere – sondern das Bedürfnis danach billig zu stillen, mit fremder statt eigener Plausibilität. Die Fähigkeit, es nicht zu sein, wäre entsprechend keine zusätzliche Tugend, sondern schlicht die Bereitschaft, die eigene, nie abgeschlossene Arbeit trotzdem zu leisten, obwohl sie keine Garantie auf ein Richtig bietet.
und da komme ich mit Luhmann und sage “Sinn” und “Sinnkonstruktion”, das ist dann etwas weniger mit Folgerichtigkeit versehen als “Mechanismus”. Dir werden “Richtigkeiten” also “Sinnkonstruktionen” angeboten, denen kannst Du dich anschließen, oder etwas anderes zu “Sinn machen”.
(Da ist das deutschlehrerhafte “es heißt nicht Sinn machen, sondern Sinn ergeben!” erstaunlicherweise genau falsch. Man macht sich seinen Sinn, es gibt von alleine keinen.)
Guter Einwand, und ja – ein Widerspruch lässt sich konstruieren, wenn man Luhmanns “Sinn” mitnimmt. Ich würde ihn aber gar nicht brauchen, um deinen Punkt zu retten. Sinn machen läuft bei mir über Plausibilität, und die ist strikt an den Denkenden gebunden, nicht an ein System – ein System kann nicht empfinden, dass ihm etwas stimmig vorkommt, nur ein Subjekt kann das. Damit bleibt Sinn machen individuell, auch ohne dass ich Luhmanns Systembegriff dafür brauche oder ausschließen muss.
Was mich davon abhält, “Sinn machen” einfach als bessere Rationalität zu lesen: Plausibilität ist nicht an kognitive Fähigkeit geknüpft. Wer besser kritisch denken kann, leistet mehr Arbeit an der Sinn-/Rationalitätsherstellung – das schon. Aber das bringt ihn nicht näher an eine Wahrheit, weil Rationalität selbst keine feste Kategorie ist, sondern fluide bleibt. Mehr Fähigkeit heißt mehr Konstruktionsarbeit, nicht mehr Richtigkeit.
das steckt da auch gar nicht drin. Man kann sich aus allem einen Sinn machen: Gott hat den König bestimmt, wird schon richtig sein. Wir haben Merz gewählt, wird schon richtig sein. “Rationalität” ist ja nicht das Ziel von Sinnkonstruktion, sondern nur ein Aspekt. (Und Rationalität noch lange nicht “Wahrheit”) von daher gibt es an der Stelle keinen Widerspruch.
Da bin ich ganz deiner Meinung - und die Tragödie ist, dass das auch nicht öffentlich in der Breite diskutiert wird. … Die Parallelen springen einen förmlich an.
Das ist der Punkt! Der Kreis ist besorgniserregend groß, weil er die Ebene der politischen Führung einschließt, die mit der Richtigkeitserklärung ihre Ideologie und daran geknüpfte Ansprüche nach innen und außen plausibilisieren möchte.
Von mir bekommt Kermani mit Sicherheit kein Lob. Eine sachliche Betrachtung hätte nicht nur vermeintliche Unterschiede zwischen den beiden Armeen herausgeeiert, sondern auch Gemeinsamkeiten in strukturellen Grundlagen klargestellt. Das wäre dann eine gute Grundlage für Erkenntnisse aus der Geschichte gewesen - wird ja immer so schön betont, dass man etwas gelernt hat.
Vielleicht bin ich da zu theoretieverhaftet - ich hänge an der Stelle, dass Verweigerung von Befehlen grundsätzlich unter Strafe gestanden haben soll. Das ist aber auch nur die operative Ebene. Da lassen sich durchaus persönliche Gründe anführen, die in bestimmten Fällen akzeptiert werden können. Ich würde aber nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass man mit Verständnis rechnen kann, wenn es hitzig im Gefecht wird oder gar, wenn man das „Warum“ kurzerhand offen zurückweist (also die große ideologische Idee ablehnt).
Ich erinnere mich an die Substanzbetrachtung: Das gleiche hässliche Wesen, nur mit besseren Manieren.
Da gab es mal was anlässlich der Wehrmachtsausstellung und es war Anspruch der Wehrmacht “sauber” zu bleiben durch die Weigerung des Soldaten (S. 35) und ein Teil der Personen am 20. Juli wurden durch den “Verrat der soldatischen Tugenden” ja auch durchaus motiviert, und/aber auch kein Bundeswehrsoldat darf die Bundesrepublik Deutschland ablehnen, er hat sein Gelöbnis abgelegt… und von Dir kommen dann noch mehr Gemeinsamkeiten zu Kermanis:
“Liebe Rekrutinnen und Rekruten, Sie wissen jetzt schon besser als ich, der nie eine Waffe getragen hat, warum es wichtig ist und im Gefecht sogar überlebenswichtig werden kann, als Soldat gehorsam zu sein. Man kann nicht jeden Befehl infrage stellen, wenn man im Krieg bestehen will, und weil das so ist, achten Armeen bereits im Frieden streng auf Disziplin, Kameradschaft und die Einhaltung der Hierarchie.” […] “Deutlich schwieriger wird die Beurteilung in einer Gefechtslage, sagen wir bei einem Auslandseinsatz, der für viele von Ihnen eine reale Perspektive ist.”
wenn es nicht so traurig wäre, wäre es ja schon fast lustig…