Ich glaube, es lohnt sich, einen Schritt zurückzugehen, weil sich über die letzten Tage ein Muster gezeigt hat, das eure beiden Einwände – JakobBs “Zeitverschwendung” und Ernsts Nordpol/Neoliberalismus-Tests – aus derselben Wurzel beantwortet.
Der Ausgangspunkt war eine scheinbar kleine Frage: kommt Gefühl vor Gedanke oder umgekehrt. Die Antwort war keine Reihenfolge, sondern ein Loop – Kultivierung prägt eine Emotion vor, ein Reiz löst eine schnelle, meist unbewusste Kategorisierung aus, das bewusste Gefühl kommt danach, fühlt sich introspektiv aber an, als käme der Gedanke zuerst. Wo man diesen Loop aufschneidet, um ihn als Kette zu erzählen, ist keine objektive Feststellung, sondern eine Entscheidung.
Genau diese Einsicht zieht sich seitdem durch alles, was wir diskutiert haben, in immer neuen Anwendungen. Erziehung, definiert als Anpassung an Umstände unter Richtigkeitserklärungen, löst den Unterschied zu Umerziehung auf – nicht aus Versehen, sondern weil dieser Unterschied nur existiert, wenn man vorher einen ethischen Fixpunkt einschmuggelt. Entwicklung ist, wenn sie zu Lebzeiten wirklich nie endet, notwendig auf Irrationalität als Ausgangsmaterial angewiesen: Rationalität ist nicht der Normalzustand, sie ist die Arbeit und die Mühe, aus Irrationalität einen rationalen Gedanken zu formen – ein Zustand, der einmal erreicht, sofort wieder zerfällt, weil die Arbeit nie endet. Und “Mechanismus” selbst, mein bevorzugtes Wort, ist am Ende auch nur ein Schnitt durch einen Loop, keine gefundene Gesetzmäßigkeit.
Das trifft auf JakobBs Punkt: Was er als “Deckungsgleichheit von Fühlen, Denken, Handeln und Glauben herstellen wollen” kritisiert, ist genau das, was ich nicht versuche. Ich versuche das Gegenteil – jede Ebene so sauber wie möglich zu trennen, nicht sie zusammenzuzwingen. Die Mühe entsteht bei mir nicht durch die Trennung, sondern erst, wenn man versucht, die getrennten Ebenen wieder zur Deckung zu bringen, wenn man verlangt, dass sich Gefühl, Gedanke, Handeln und Ergebnis zu einer widerspruchsfreien Geschichte fügen. Genau das hält die Realität nicht her, und deshalb bleibt jede Rekombination der Teile am Ende unspezifisch. Das ist kein Mangel meiner Analyse, das ist ihr ehrliches Resultat.
Das beantwortet auch, warum “Selbsterhaltung” in zwei völlig verschiedenen Bedeutungen auftaucht, die man nicht verwechseln darf. Instinktive Selbsterhaltung ist eine Eigenschaft des Organismus – reflexartig, vorkognitiv, ohne Richtigkeitserklärung, deshalb außerhalb von Erziehung. Die Selbsterhaltung eines Systems wie des Neoliberalismus ist etwas anderes: sie entsteht nicht aus einem Instinkt, sondern aus der Summe vieler einzelner, jeweils für sich irrationaler Richtigkeitserklärungen, die sich zu einem Muster verdichten. Niemand instinktiert für den Neoliberalismus, aber die Anpassungen vieler erhalten ihn trotzdem. Kein Blick in Köpfe nötig, um das zu beschreiben – nur der Blick auf das, was aus vielen Köpfen zusammen entsteht.
Was am Ende übrig bleibt, ist wenig triumphal, aber ehrlicher, als eine geschlossene These zu behaupten: Wir sind wertende Wesen, das lässt sich nicht wegdiskutieren, ohne genau den Fehler zu begehen, den ich bei anderen kritisiere. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob wir das abstellen können, sondern ob wir unsere eigene Wertung bei uns selbst erkennen – und was wir mit dieser Erkenntnis machen.