Wer finanziert wen? Über eine rhetorische Strohpuppe im Geschlechterstreit

Es wird doch erklärt.

Es liefert die Antwort auf die Frage “wie?”, Deine Frage ist “warum?” da forscht man dann psychologisch nach innerpersonalen Gründen und kommt nicht weiter (sind die vorgestellten Gründe die echten Gründe oder nur die vorgestellten? Kann man aus unterschiedlichen Gründen die selbe Handlung ausführen? Sind die vorgestellten Gründe bewusst, oder liegen dahinter ganz andere unbewusste Gründe vor?), oder man sucht nach Letztbegründungen (“Weil der Mensch so und so ist”) und muss bei beiden an der Kette von “Warum?” und “Warum?” und “Warum?” scheitern.

Warum macht stumm.

Das ist wohl so. Fällt mir schwer anzuerkennen.

@Flo @JakobB Ich denke, dass eine grundlegende Kultivierung eine Rolle spielt, ebenso, wie eine grundlegende Nicht-Kultivierung eine Rolle spielt.

—————

Erfolgt eine Kultivierung, geschieht das durch die Vermittlung bestimmter Gedanken. Diesen Gedanken folgt ein Gefühl und dem Gefühl folgen Kommunikations- und Handlungsmuster. Je nach ethischer Auffassung findet man das Ergebnis gut oder nicht gut.

Beispiel: Die Benjadhamma - die „fünf edlen Tugenden” werden in der thailändischen buddhistischen Erziehung traditionell zusammen mit den fünf Silas (den fünf Grundregeln) gelehrt: Die Silas sagen, was man unterlässt, die Benjadhamma benennen die positive Tugend, die man kultiviert.

Eine der Benjadhamma ist Mettā-Karuṇā – Güte und Mitgefühl. Der entscheidende Punkt: Mettā ist im Theravāda-Buddhismus ausdrücklich grenzenlos und unparteilich gedacht. Die klassische Meditationsanleitung lässt den Übenden die Güte in Kreisen ausweiten – erst auf sich selbst, dann auf nahestehende, dann auf neutrale, schließlich sogar auf vollkommen unbekannte Personen. Der Fremde ist dabei kein Sonderfall, sondern der Normalfall der „neutralen Person”, an dem sich die Tugend gerade bewährt. Eine Freundlichkeit, die nur Bekannten gilt, wäre nach diesem Verständnis noch keine echte Mettā, sondern bloß Anhänglichkeit. Ist man in Thailand unterwegs, wird man genau diese Kultivierung häufig beobachten.

Ebenso möglich ist das planmäßige Pflegen der Gegenhaltung. Misstrauen, Verachtung, Entmenschlichung des Fremden werden ja nicht durch Nachlässigkeit erzeugt, sondern aktiv eingeübt – von Ideologien, Milieus, Propaganda.

—————

Erfolgt Nicht-Kultivierung, ist das der bloße Ausfall der Kultivierung – der Boden liegt brach. Dafür gibt es das gute Wort Verwahrlosung: die Anlage ist da, wird aber nie gepflegt, verkümmert oder verwildert. Ein Beispiel sind isolierte Kinder weitgehend ohne soziale Prägung. Folge sind gravierende, oft irreversible Defizite.

—————

Ich denke, was wir in unserem Kulturkreis häufig beobachten, kommt aus dem Feld der Kultivierung in einer heterogenen Weise, weil es die große Klammer nicht gibt. Neben der individuellen Erziehungs-Biografie, sind Einflüsse durch beliebige selbstgewählte Vorbilder, Sozialgruppen, Medieneinwirkung und Gesellschaftsform (zum Beispiel Neoliberalismus) entscheidend. Ändern sich Gewichtungen in der (von außen) einwirkenden Ethik, können sich (über Gedanken, gefolgt von Gefühlen) auch Kommunikation und Verhalten ändern.

1 „Gefällt mir“

Den einzigen Einwand den ich habe ist, Gefühl ist durch Taten oder Gedanken erst öffentlich. Weshalb ich mir unsicher bin ob die Reihenfolge stimmt. Worte oder Taten können Gefühle erzeugen - unbestritten - nur die Sichtbare Konsequenz der Gefühle zeigt sich wiederum erst so. Einschließlich der Mimik oder Gestik, was in diesem Sinne ein äußerlich sichtbares Ereignis ist.

Henne Ei?

Nein, das ist keine Henne-Ei-Frage. Was regt ein Gefühl an, das sich auf andere Menschen richtet? Meinungen? Erfahrungen? Was noch - und was kommt wann zum Tragen?

Andersrum - Gefühle führen zu Worten und Taten. Vor den Gefühlen stehen Gedanken. Diese Gedanken haben Ursachen. Dort kommt der Begriff Kultivierung zum Tragen, und eigene Erfahrungen (beides in Bezug auf andere Menschen).

Verstehe ich nicht.

Hast Du den Wiki-Abriss zu “Etablierte und Außenseiter” gelesen?

und wenn ja, wie kommst Du dann (statt “Erziehung” zu sagen) zu Kultivierung?

Da ist die Reise in einen buddhistischen Tempel in Thailand vielleicht etwas zu kompliziert.

Und das Gegenteil dieser Erziehung ist dann überhaupt keine Erziehung? Verwahrlosung einzelner isolierter Kinder ohne “soziale Prägung” (entweder “sozial”, also durch andere Menschen vermittelt, oder “Prägung”, also ohne Vermittlung durch andere Menschen?)

Da muss “das Böse” mit harter Arbeit erzeugt werden und nur mit “der richtigen Erziehung” kann man was dagegen tun…währenddessen erziehen sich die Menschen selbst…

Da ist Elias doch viel spannender, wenn er feststellt

Die Studie zeigt, dass sich soziale Ungleichheiten hier nicht nur entlang von Schicht, Rasse oder Ethnie bildeten, sondern besonders nach der Dauer, die Menschen in der Gemeinde wohnten: […]

womit man sich z.B. die Migrationsfeindlichkeit von Menschen mit Migrationshintergrund erklären kann (“Also meine Eltern sind ja wenigstens als Gastarbeiter gekommen und haben ihr Leben lang hart gearbeitet! Die Flüchtlinge haben nichts geleistet und kriegen alles umsonst!”), oder die große Angst vor Migration in genau den Gegenden mit der geringsten Migration…

und dann kommen wir zu einem diffusen “Kulturkreis” (was ist Kultur, was ist der Kreis?) und warum sollte das erklärungsstärker sein, als

Hier besteht auch ein Zusammenhang zu dem von Elias beschriebenen, langfristigen Prozess der Zivilisation: Die Menschen verinnerlichen im Laufe der Entwicklung von Generationen immer mehr Fremdzwänge zu Selbstzwängen.

denn das ist doch, was wir hier in Reinform sehen: das Interesse deines Staates (Fremdzwang) wird zu deinem Interesse (Selbstzwang).

Das Problem der demokratischen Parteien ist, dass sie den “Fremdzwang” teilen, die daraus entstehenden “Selbstzwänge” in bestimmten Nuancen aber nicht…

Fremdzwänge zu Selbstzwängen resoniert bei mir.

Als ich ins Arbeitsleben gestartet bin hatte ich die These, das es eine individuelle, psychologische Schutzfunktion gibt, sich das tägliche Hamsterrad schön zu reden, als kognitive Dissonanzreduktion. Wer opfert schon gerne Lebenszeit im Tausch gegen Geld und Unerfülltheit?

Die Diskussion hier zeigt das für mich auf der gesellschaftlichen Ebene.

​Die Unzufriedenheit in der Gesellschaft (also in den Individuen) speist sich daraus: Menschen, die ihre Lebensenergie einem harten System untergeordnet haben, verteidigen diese Härte leidenschaftlich gegen alle, die sie infrage stellen oder ihr zu entkommen scheinen.

3 „Gefällt mir“

und so finden sich gerade alle zusammen um einen schlechten status quo gegen die AfD zu verteidigen…

Merz und das Känguru mit aller Härte der “wehrhaften Demokratie” “gegen den Faschismus”… und im ZDF soll Danger Dan der Staatsräson einen progressiven Anstrich geben…

und Udo Jürgens singt uns aus dem Jahr 1971 entgegen: “Ich kann dich nicht aus heißem Herzen lieben”, aber er würde gerne..

2 „Gefällt mir“

Ich glaube du machst es dir zu einfach.
Was du mit dem Kultivierungs-Post wieder verkomplizierst.

Jetzt nur in Kürze, ich werde nochmal näher darauf eingehen.

Vielleicht reden wir aneinander vorbei, weil “Gefühl” nie von “Emotion” getrennt wurde. Meins meint eher die schnelle, unbewusste Reaktion (Emotion im engeren Sinn) – JakobBs meint das bewusste, benannte Gefühl, das tatsächlich eine Kategorisierung braucht.

Da war ich nicht präzise.

Mit der Trennung löst sich der Widerspruch, ohne dass einer recht behält: Die Emotion ist schon durch Kultivierung vorgeprägt, bevor der konkrete Reiz kommt. Der Gedanke (“Konkurrent”) benennt und richtet sie dann auf ein Ziel. Das bewusste Gefühl kommt danach – fühlt sich introspektiv aber so an, als käme der Gedanke zuerst.

Kein Vorher-Nachher also, sondern ein Loop mit vorgeprägtem Startzustand. Die Frage ist dann weniger, was zuerst da war, sondern wo man den Loop aufschneidet, um ihn zu beschreiben.

2 „Gefällt mir“

Nein, ich habe den Wiki-Abriss noch nicht gelesen. Das werde ich erledigen, bevor ich darauf Bezug nehme - denn das habe ich noch nicht getan. Möglicherweise wird sich nach der Lektüre mein Verständnis vom Begriff Erziehung revidieren. Ich kann hier nicht auf persönliche professionelle Fähigkeiten und berufliche Kompetenzen verweisen.

Vorab Folgendes: Erziehung ist aus meiner Sicht ein wesentlicher Bestandteil der Kultivierung, aber nicht der einzige - im Bewusstsein, dass man über die Frage was Erziehung begrifflich definiert, diskutieren kann. Meine persönliche Referenz sind die Ansätze der Pädagogik nach Pestalozzi. Damit erübrigt sich die Überlegung, ob ich jeden in einen buddhistischen Tempel schicken würde - das würde ich nicht. Das Beispiel ist nicht mehr als ein Beispiel und zwischen Erziehung und Kultivierung sehe ich einen potentiellen Unterschied, der keine Lappalie ist, wenn er zum tragen kommt: Konditionierung (als erzieherischer Härtegrad). Sie kann (muss aber nicht) durch Erziehung bewirkt werden, endet aber innerhalb der erzieherischen Aspekte - was bedeutet, dass sie in der Kultivierung variabel gepuffert werden kann.

Erziehung hat einen Zielpunkt, Kultivierung kennt diesen Abschluss nicht. Erziehung ist transistiv angelegt, Kultivierung kann auch reflexiv erfolgen. Erziehung zielt auf den ganzen Menschen, Kultivierung ist häufig auf ausgewählte Aspekte gerichtet. Kultivierung (über den Zielpunkt der Erziehung hinaus!) stellt einen erzogenen Menschen zur Voraussetzung.

Niemand erzieht sich selbst - Interaktion mit anderen ist essenziell.

Erziehung und Kultivierung (nach meinem Verständnis differenziert und das Eine als Teilmenge des Anderen) setzen auf angeborenen Veranlagungen auf - auch da gibt es ein Zusammenspiel. Jedenfalls: erzogen wird von außen - das ist schon Kultivierung, die kann jedoch darüber hinaus auf Grundlage bestimmter ethischer Aspekte von innen heraus ausgebaut werden (ebenso ist es möglich, sie abzulehnen). Wie gesagt, ich müsste erstmal die verlinkten Artikel lesen, damit ich mich nicht verzettele und wir nicht aneinander vorbeireden. Ich verhänge gedanklich immer noch bei Flos Überlegungen, wie überhaupt ein Gefühl in Bezug auf andere Menschen zustande kommt.

—————

Das Gegenteil von Erziehung? … das hängt davon ab, was man unter Erziehung versteht und welche Seite von „Erziehung” man als Achse nimmt – es gibt mehr als ein Gegenteil.

Wenn man Erziehung als absichtsvolle Formung versteht, ist das Gegenteil das Unterlassen dieser Formung. Dafür hat das Deutsche mehrere Abstufungen und jede wiederum nuanciert:

  • Vernachlässigung – das schuldhafte Nicht-Tun. Es gäbe etwas zu formen, aber niemand kümmert sich.

  • Verwahrlosung – der Zustand, der daraus folgt.

  • Laisser-faire / Gewährenlassen – das bewusste Nicht-Eingreifen, das aber philosophisch schillert: Rousseau hat es wohl zur eigentlichen Erziehung erklärt („negative Erziehung”). Das ist der interessante Fall, in dem das scheinbare Gegenteil sich als Variante entpuppt – Erziehung durch Zurücknahme … ich kann aber nicht behaupten, in diesem Thema sattelfest zu sein.

Wenn man aber – schärfer, im Sinne des „fernen Feindes” – Erziehung als Formung zum Guten meint, dann ist das Gegenteil nicht das Fehlen, sondern die Formung zum Schlechten: die zielgerichtete Prägung in die Gegenrichtung. Dafür ist das treffende deutsche Wort Verführung oder härter, Verdrängung – die planmäßige Gegen-Kultivierung, auf den Menschen als Ganzen bezogen.

Und es gibt ein drittes, das quer zu beidem liegt und vielleicht das eigentlich Radikale ist: die Entzogenheit überhaupt. Nicht schlechte Erziehung und nicht fehlende Fürsorge, sondern das Ausbleiben jeder formenden Beziehung – der Fall der isolierten Kinder, wo kein Gegenüber da ist, das erziehen oder verführen könnte.

Man könnte sagen: Vernachlässigung ist das Gegenteil auf der moralischen Ebene, Verführung auf der Richtungs-Ebene, und Isolation auf der Ebene der Beziehung selbst.

@JakobB Was verstehst du unter Erziehung?

1 „Gefällt mir“

Ich glaube nicht, dass ich es mir zu einfach mache. Kann aber sein, dass mein Post so aussieht - ich habe versucht, mit wenig Text auszukommen. Der Gedanke ist nicht zwingend eine statische Größe - in der Kultivierung sehe ich eine breite Einflugschneise für Einflüsse, die Gedanken verändern oder den einen durch den anderen ablösen können. Du hast das sehr schön als Loop bezeichnet.

Ohne Beispiele: Es ist durchaus denkbar, dass in Gesellschaften mit einem allgemein tief verankerten positiven Blick auf jeden Menschen weit weniger Potenzial für Verführung, Antagonismus, Verdrängung durch eine entgegen gerichtete Ethik, Subversion - oder wie auch immer man das nennen möchte - besteht, als in einer solchen, die diese Grundlage nicht hat, wo also das Wertebild in dieser Hinsicht von vornherein weniger wichtig genommen wird und noch dazu die Ausprägungen in alle möglichen Richtungen blühen.

1 „Gefällt mir“

Ja. Das wieder zu “entkomplexieren” heißt: wir haben es mit einem System zu tun, das genau

abzielt. Ich sage nicht, dass irgendwo ein Stein das Böse verbirgt – ich sage, genau dieses System produziert Irrationalität.

Ich nenne das “Mechanismus”, auch um mich selbst davon freizusprechen, “Gefühl” zu analysieren. Interessant wird es an der Grenze, wo man nicht weiter kommt: Egal ob ich die Grenze bewusst ziehe, sie kognitiv oder bewusst ignoriere – heraus kommt immer dasselbe.

Zugespitzt ist das der Grund, warum Mamdani funktioniert: Die Grauzone kann bespielt werden und andocken. Weder durch Analyse erklärbar, noch durch das Gute unterm Stein.

Meinst du, dass Mamdani auf Grundlage von Irrationalität funktioniert?

Ich glaube schon. Es kann zwar rational analysiert werden, aber wie das letztlich dann funktioniert nicht.

Das stellt deine Arbeit zur Gegenmacht in keinster Weise in Frage. Nur das du das nicht missverstehst…

1 „Gefällt mir“

Ich habe bisher seine konkreten Themen als anschlussfähig angesehen, weil sie Alltagsprobleme in einem buchstäblich sozialdemokratischen Sinne adressieren. Insofern wirkt es auf den ersten Blick rational, dass er funktioniert. Die mobilisieren Leute sind ja nicht nur Wähler, sondern zu großen Teilen auch Akteure. Allerdings kann dort tatsächlich Irrationalität auftreten, indem die damit verbundene Hoffnung mehr trägt, als die tatsächlich verfügbare Macht. Dann wäre allerdings auch der Abschwung vorgezeichnet - wenn Hoffnungen sich nicht erfüllen.

Wo ist die Gruppe von Analytikern, die das für uns untersuchen möchte?:wink:

1 „Gefällt mir“

Ja! Auf die können wir wahrscheinlich lange warten.

Ich glaube die braucht es nicht.

Was wir wissen ist:

Es gibt Bedingungen die eine Gegenmacht mobilisieren kann. Darauf kommt es an, nur ist der Moment wie ein Pendel, einmal ist es Trump das andere Mal Mamdani. Nur die Wege sind unterschiedlich und genau deshalb ist deine Arbeit so wertvoll.

2 „Gefällt mir“

Das habe ich auch nicht vermutet.:wink: Konkretisierungen, die auch als solche verstanden und praktiziert werden, schließen Irrationalität nicht aus. Allerdings befasse ich mich mit dieser Komponente mit Blick auf die Gegenmacht tatsächlich nicht. Sie ist interessant genug, aber für mich nicht zu erschließen - und sie würde auch den Rahmen des Gegenmacht-Threads überdehnen, denke ich.

1 „Gefällt mir“