Hier: Claude
Also wenn schon, dann bitte durchziehen: Der Daily Stormer ist nicht “die Bewegung”. “Faschismus" ist ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Positionen – von Leuten mit spezifischen Bedenken zu bestimmten Politikfeldern (z. B. Schutz der traditionellen Familie, Bankensystem) bis zu Leuten mit deutlich schärferer Rhetorik wie in diesen Zitaten. Aus einer Website auf die gesamte Breite einer Strömung zu schließen, ist ein klassischer Fehlschluss.
Ich hab‘ den rheinischen Humor nie so ganz verstanden.
Lott jonn
(der Schlüssel ist Jelassenheit)
Kurze Nachfrage, weil mich der Punkt ein wenig irritiert: Du wechselst mitten im Satz das Register. „Vorstufe” ist Entwicklungslogik – ein Kann, kein Muss, das Vorprodukt reagiert nicht zwingend weiter. Deine Begründung liefert aber gar keine Prognose, sondern eine Substanzdiagnose: gleicher Kern, nur bessere Manieren. Und das ist die viel schärfere Behauptung – die Demokratie ist dann dasselbe, ob sie je zum offensichtlichen Faschismus umkippt oder nicht (das Versteckte tritt dann nur offen hervor).
Genau da habe ich Fragen: Wenn alles dasselbe ist und der einzige Unterschied in der Optik liegt, dann ist ein Gegner gebaut, gegen den nichts mehr zählt – keine Institution, keine Grenze, kein Verfahren, das noch als echter Unterschied durchginge. Ist das deine These oder bietest du damit gezielt eine Strohpuppe an? Vielleicht habe ich das nicht korrekt verstanden.
Deshalb die ernst gemeinte Rückgabe: Was müsste an der demokratischen Struktur konkret anders sein, damit die faschistische Komponente entfällt? Nicht „netter”, sondern anders. Oder siehst du ein konstitutives Dilemma? Der Kern, den du benennst, hängt doch an der Nützlichkeitslogik – Menschen zählen, soweit sie verwertbar sind. Eine Ordnung, die Zugehörigkeit und Existenzrecht nicht an Verwertbarkeit koppelt (bedingungslos, nicht standortabhängig), würde genau die Brücke kappen, über die du Demokratie und Faschismus zusammenführst, richtig?
einige Tage ohne Internet, deswegen verspätet:
Ich bin ja kein Politikberater, oder habe das Sendungsbewusstsein “Staat” weiterzuentwickeln.
Ich gehe selber einer These nach, die ich zuerst für weit hergeholt hielt, bei näherer Betrachtung sich aber immer exakter herausstellt und vermeintliche Widersprüche auflöst.
Das Problem der CDU mit der AfD sind doch nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten, deswegen bleibt nur noch das Verbot um ungewünschte Konkurrenz aus dem Markt zu fegen…
Spannend dazu vielleicht die aktuelle Folge Lanz/Precht mit Julie Zeh, wo zur Verteidigung der Demokratie von Zeh´s Seite angeboten wird: Durchregierbarkeit stärken und demokratische Gestaltungsmöglichkeiten an das individuelle Einkommen knüpfen…
Also die Abschaffung von “demokratischen Errungenschaften” zur Verteidigung “der Demokratie”… aha…
Was in deinem letzten Satz steht, zeigt sehr schön die Absurdität der Geschehnisse - ohne, dass ich speziell diesen Podcast schon gehört hätte. Der Kern ist: Demokratie wird schrittweise abgebaut, man möchte es aber offiziell nicht so sagen und deshalb kommt es zu Konstruktionen, die eine Wahrung von „Demokratie und Freiheit“ zum höchsten Ziel erklären. Die Begründungen würde ich schon fast als Entertainment bezeichnen, weil sie mehr verdecken, als transparent machen. Eigene innewohnende Machtinteressen werden nie angedeutet - die hat immer nur der andere.
Was dein Vorgehen betrifft, Thesen nachzugehen - mach ruhig weiter damit. Ich finde darin immer wieder schöne Impulse.
Inzwischen habe ich mir den Lanz/Precht-Podcast mit Frau Zeh auch angehört. Ich habe Folgendes herausgehört (gesagt wurde mehr, Bezug ist das Thema Demokratiekrise ):
Zeh: Es fehlt der Breite an Vertrauen, dass die Entscheider etwas auf die Kette kriegen > Politikverdrossenheit > Politikerverdrossenheit > Demokratieverdrossenheit / das gemeinsame Ziel ist abhanden gekommen / Trend geht zur Autokratie als akzeptable Option / Wähler haben sich geändert (Individualismus + Konsum) / Wähler erkennen sich in Parteien und Politikern nicht wieder > Problem: Parteiendemokratie verlangt, dass man auch ein Kreuz dort setz, wo man die Partei eigentlich Scheiße findet > Reform nötig > (Tenor: nicht die Demokratie oder das System haben sich geändert, sondern wir (die Leute) haben uns verändert) …
An dieser Stelle hat sich meine Stirn gerunzelt, denn das System hat sich sehr wohl geändert und zwar (ungefähr) von einer Marktwirtschaft mit starken sozialen Aspekten hin zum Neoliberalismus, was sich natürlich auf die Menschen auswirkt.
… > (Lanz: Hyperindiviualismus: jede Einschränkung wird als Angriff auf die persönliche Freiheit bezeichnet - angelehnt an Plato) > (Zeh beklagt Haltung: Gerechtigkeit ist dann erreicht, wenn ich alles bekomme, was ich möchte) > essenzielle Problemthemen der Bürger werden durch Politik nicht ernstgenommen > AfD präsentiert sich als Retro-Angebot (wir setzen uns für euch ein) > Zeh lenkt langsam darauf hin, dass auch mal Basta-Politik nötig werden kann > Moralkeulen spalten die Gesellschaft > System muss angepasst werden > Wiederwählbarkeit abschaffen > Mitbestimmung der Bürger ermöglichen durch Geld (nicht durch Volksentscheide!) indem man persönliches Steueraufkommen individuell Sachfragen zuordnen kann („individuelle Demokratie“) > Mitbestimmung als Belohnung für Steuerleistung > Problem: Parlament bildet nicht den sozioökonomischen Durchschnitt der Bevölkerung ab > Wähler wählen irrational, also emotional, also ist dem eine Verletzung vorausgegangen - was man alles nicht mehr sagen darf, wird als Kränkung empfunden > Ursache des Problems: Kulturkampf > keine abschließende Lösung, deshalb auf Sachfragen schauen und gucken was die Zukunft bringt.
—————
Die Deliberation leger mit Steuern zu verbinden, bedeutet: Steuer gezahlt = Stimme bekommen. Genau dort liegt die Crux, wenn das einfach so in den Raum geworfen wird - Juli Zeh hat das individuelle Demokratie genannt und an irgendwas Schönes gedacht, was dann machbar wird (Geld für Schulen). Gleichzeitig könnte es aber für alles andere Mögliche genutzt werden, schön oder unschön. Der Punkt ist, man würde sich mit Geld in Entscheidungen einkaufen, sofern man welches abzugeben hat. Gedacht war es als demokratiestärkender Anreiz der Betätigung und zur Bewältigung der Ohnmachtsgefühle - wenn ich das richtig verstanden habe. Ohne nun in das Thema tiefer einzusteigen, ist mein entscheidender Kritikpunkt, dass diese Idee lediglich innerhalb der bestehenden Strukturen ansetzen möchte - also überhaupt nicht die Ambitionen zeigt, die Strukturen selbst zu verändern.
Aus diesen Konversationen stammen dann die Ideen, wie der Häftling ist dem Staat mehr wert als die Pflege.
Auf jeden Fall laden sie dazu ein. Juli Zeh hat aus meiner Sicht ein paar treffende Ausgangspunkte skizziert - Hyperindividualismus (jede Einschränkung wird als Angriff auf die persönliche Freiheit gesehen … da denke ich an Hans P., dessen Argumentationen zur Leihmutterschaft ebenso gut für Forderungen gegen rote Ampeln stehen könnten - sofern man mal dort warten musste und ein Auto rücksichtslos so durch die Pfütze gefahren wurde, dass man nass wurde, obwohl man als menschliches Subjekt erkennbar war). Dem stimme ich zu, auch dem daraus ausgeleiteten individuellen Gerechtigkeitsempfinden, das sich anschließend in den Innenwelten manifestiert und dem Verweis auf Kulturkampf als Frustrationsursache, sobald man sich davon angegriffen fühlt.
Die anschließenden Einwürfe, dass politisch regelnd auch einfach mal rücksichtslos durchgegriffen werden müsse und dass Geld einem Stimme verleihen könnte, sind das Verhängnis, das sich dann in den Konversationen am Gartenzaun in Form gravierender Fehlschlüsse spiegelt. Schlagworte wie „individuelle Demokratie“ sind dann das Sahnehäubchen - bei aller guten Absicht (gemeint war sie als Gegengewicht zur unausgewogenen Parlamentsbesetzung), sollte man sowas nicht einfach raushauen, wenn man nicht anschließend noch 2 Stunden Zeit hat, das zu diskutieren und einzuordnen. Kurzschlüsse beim Publikum sind bei solchen Medienformaten grundsätzlich absehbar.
Interessanter wäre für mich ohnehin die Frage, ob für Parlamentsmandate nicht grundlegende persönliche Eignungsfragen interessanter wären (anstatt geldabhängige Mitspracherechte oder anderen Unfug neben Parlamente zu bauen) - fachliche Kompetenzen abseits politischer Arbeit und vor allen: Soziopathen draußen halten. Auch hier wieder: Der Podcast schlägt vor innerhalb der bestehenden Strukturen irgendwie herumzufrickeln, anstatt die Strukturen selbst umzubauen. Das wirkt insgesamt lahm.
Die reden einfach nur entlang ihrer eigenen Interessen, die momentan sich mit der Mainstream Meinung deckt. Da kann man schön mit der Schöpfkelle in den Topf und es wird immer etwas rauskommen was dem eigenen Interesse dienlich ist. Die würden alle ganz anders reden wenn ihnen ernsthaft Gefahr droht. Familie Hegemon und Familie Sehgewohnheit - alle in Einigkeit vereint und voll am Start.
Das tolle ist, ein System das sich einerseits liberalistisch bis in die Haarspitze auffächert, auf der anderen Seite autoritär Interessen bis in die letzte Haarspitze durchsetzt, braucht keine Rücksichtnahme oder Solidarität, es ist ja an alle gedacht.
und das ist doch mal spannend:
Demokratie ist im Interesse der Mehrheit, deswegen muss sie im Zweifelsfall gegen die Interessen der Mehrheit durchgesetzt werden… weil Manipulatoren feststellen die Mehrheit sei ja manipulierbar!
Da kommt man dann höchstens noch mit der Albernheit “aber Böckenförde!” (als Zentrum des Liberalkonservatismus) und das “der mündige Bürger” nur eine verkehrsnotwendige Fiktion, aber immerhin das Ideal sei.
und die Anbetung der repräsentativen Demokratie wird zu einem Hütchenspiel (sie ist fehlerhaft, aber das Beste was wir haben/Freiheit sei leider nur durch Zwang garantierbar/die Probleme der Demokratie liegen in der Vorstellung von Demokratie beim Bürger/ die Interessen des Bürgers lassen sich nur unter dem Interesse des Staates subsumieren/ wir sitzen alle im selben Boot, deswegen musst Du jetzt Härten ertragen)
Die drei Millionäre stellen fest, dass Nicht-Millionäre beleidigt seien…
zur Seite springen Amlinger/Nachtwey/Redecker die diese Beleidigung einem unterbewussten (Die armen Manipulierten! Es ist Ihnen noch nicht einmal selbst bewusst! Es muss ihnen nur erklärt werden!) Vernichtungstrieb zuschreiben.
Derweil lehnt sich der geneigte AfD-Wähler zurück und reagiert mit: “Staatsfunk! Lügenpresse! Meine Miete steigt! Mein Sprit steigt! Mein Kühlschrank bleibt leer! Meine Rente ist weg! Mein Loh sinkt! Ihr habt mir Wohlergehen bei Wohlverhalten versprochen!”
und man antwortet: Vielleicht sollte man Mitspracherecht im Staat an das Einkommen knüpfen, vielleicht sollte man Experten regieren lassen, vielleicht sollte man auch mal härter gegen diese Individualinteressen durchregieren…
aber erklären kann man sich das alles gar nicht…
Jaja, intellektuelle Verwirrung stiften um die Gefühle entwirrt zu haben. Gefühl ist am Ende doch das, was man am leichtesten instrumentalisieren kann.
naja, der “manipulierte AfD´ler” ist ja konsequent in der Fortführung des Mainstream-Denkens (nicht Fühlens!):
- wenn der Miet-Markt von Angebot und Nachfrage bestimmt wird, dann muss man Konkurrenz ausschalten “Die Asylanten nehmen uns die Wohnungen weg und der Staat zahlt noch die Miete!”
- wenn der Arbeits-Markt von Angebot und Nachfrage bestimmt wird, dann muss man Konkurrenz ausschalten “Die Flüchtlinge nehmen uns die Arbeitsplätze weg!”
- wenn Wohlergehen an Wohlverhalten geknüpft ist, dann muss Fehlverhalten mit Schlecht-Ergehen beantwortet werden “Kriminelle Ausländer abschieben! Wer sich nicht integriert gehört hier nicht her! Weg mit dem Jugendstrafrecht! Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen!”
- wenn wirtschaftlicher Erfolg des Staates Ziel der Bevölkerung sein soll, dann ist Leistungsverweigerung staatsgefährdend “Die Schmarotzer müssten zum Arbeitsdienst!”
- wenn persönliche Identität über den Staat hergestellt wird, dann ist die (Export-)Nation das höchste Gut “Ich bin stolz ein Deutscher zu sein!”
- und wenn das Deutschsein die internationale Überlegenheit rechtfertigt, dann “Kann ja nicht jeder einfach herkommen!” und man muss “Verteidigungsbereitschaft herstellen”
Die Verknüpfung von Neoliberalismus mit Neokonservatismus ist nichts anderes als die schwarz/gelbe Koalition nur ohne Handbremse…
und auch hier kommt man wieder zu dem Ergebnis, dass die Demokraten die AfD nicht kritisieren, sondern nur verbieten können.
- der Miet-Markt bleibt Markt, man will höchstens das Angebot vergrößern
- der Arbeits-Markt bleibt Markt, “der Flüchtling” wird nur als notwendig für den nationalen Erfolg (Wirtschaftsstandort!) erklärt
- leider leider kann man sich individuelles Wohlergehen nicht mehr auf gewohntem Niveau leisten, denn das Wohl der Nation (“wir sitzen alle im selben Boot!”) hat Vorrang!
- Abschieben will man auch, man möchte nur vorher gezielter nach Nützlichkeit sortieren…
Uneinigkeit besteht höchstens noch in Details der internationalen Feindbeschreibung (Wie schlimm ist der Russe?).
Wobei das Gefühl dem Gedanken vorgelagert ist.
Das macht es ja so einfach intellektuelle Ergüsse zu produzieren die beim Gegenüber nur gefühlsmäßig erfasst werden.
da würde ich stark widersprechen und das Gegenteil stärken:
Das Gefühl entsteht erst nach dem Gedanken.
Man hasst den Ausländer weil er gedachter Konkurrent ist, nicht weil er gefühlter Ausländer ist.
Das stimmt allerdings. Was du vielleicht unterschätzt, ist das Vergleichsobjekt.
Der Ausländer bekommt eine intellektuelle Zuschreibung die einer Idee entspricht.
Begegnest du einem Fremden im Dorf, ist der erste Kontakt damit verbunden die Fremdheit intellektuell aufzuarbeiten. Die Richtung in die es geht ist eine Entscheidung.
Ich könnte sagen, oh! Ein neues Gesicht, ich geh mal hin und frage wie es ihm geht und ob ich ihm helfen kann.
Ich kann aber auch fragen, was will der denn hier, der hat hier nichts zu suchen.
Das ist der spannende Punkt, der wie du sagst durch Gedanken vorgeprägt ist.
Die Grauzone liegt da, wo unbewusst einem Instinkt gefolgt wird, dann ein Denkvorgang ausgelöst wird - da sind wir noch weit vor der Entscheidung - der von allen möglichen Faktoren wie Sicherheitsgefühl, Misstrauen, kognitiver Fähigkeit besteht.
Wie siehst du das?
ich antworte nicht direkt (dazu hat Elias alles geschrieben), sondern lasse Udo Jürgens Gefühl und Gedanken zusammenbringen:
und bevor jemand schreibt “Huch wie aktuell dieses Lied von 1971 doch ist!”… jaaaa bitte den zweiten Gedanken auch noch denken…
Danke! Die Analysen sind immer gut. Nur erklären bzw beantworten kann es niemand.
Das wundert mich immer ein bisschen.