Wie sie uns beherrschen wollen – Uschis neue App

Nach dem großen “Erfolg” der Corona-Warn-App (2020-2023, Kosten ca. 200 Millionen €) hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gestern die EU-Mitgliedsstaaten zur Nutzung einer europäischen App zur Altersverifikation aufgefordert. Die App sei »technisch fertig«, sagte von der Leyen. Es brauche einen einheitlichen europäischen Ansatz, um Kinder in der »Onlinewelt« zu schützen. Die Anwendung soll es ermöglichen, das Alter von Nutzerinnen und Nutzern anonym zu prüfen. Wer vdL ein bisschen kennt, der weiß: Die Sache verdient eine kritische Betrachtung.

Das Prinzip klingt simpel: Wer die App herunterlädt, weist sich einmalig mit einem Ausweis oder Reisepass aus. Die App speichert davon lediglich das Geburtsdatum. Ruft der Nutzer dann eine Seite mit Altersbeschränkung auf, gibt die App das Signal „alt genug" – oder sperrt den Zugang. Kein Name, kein Profil, keine weiteren Daten. Technisch basiert das Ganze auf dem sogenannten Zero-Knowledge-Proof, einem kryptografischen Verfahren, das es ermöglicht, eine Information zu beweisen, ohne die zugrunde liegenden Daten preiszugeben. Österreich setzt dieses Verfahren bereits ein, das Prinzip ist solide.

Soweit der offizielle Rahmen. Die Realität ist komplizierter.

1. Die technische Halbwahrheit

Von der Leyen bezeichnete die App als „vollständig open source". Das ist technisch nicht ganz falsch – und trotzdem irreführend. Was die EU-Kommission auf GitHub veröffentlicht hat, ist ein Blueprint: der Kern, die Protokolle, die Bausteine der Zero-Knowledge-Technik. Entwickler, Mitgliedstaaten, Unternehmen können diesen Code einsehen, prüfen, anpassen.

Aber die fertige App, die Bürgerinnen und Bürger später auf ihr Handy laden werden, kommt nicht von der EU. Sie kommt von der jeweiligen nationalen Regierung oder deren Dienstleistern. Sie wird in nationale digitale Brieftaschen integriert. Und diese nationalen Implementierungen sind nicht automatisch open source. Backend-Infrastruktur, Datenbankanbindungen, staatliche Schnittstellen, nationale Anpassungen – all das kann proprietär und intransparent bleiben.

Das Ergebnis: ein datenschutzfreundliches Frontend mit Zero-Knowledge-Versprechen, dahinter nationale Backends, die niemand von außen prüfen kann. Wer kontrolliert, was mit den Ausweisdaten, den Geräteinformationen und den digitalen Bewegungsprofilen geschieht, wenn nationale Behörden oder private Dienstleister im Hintergrund operieren? Diese Frage bleibt offen.

Hinzu kommen weitere Widersprüche: Von der Leyen betonte ausdrücklich, man wolle nicht, dass Plattformen Gesichter scannen. Ein Erklärvideo der EU-Kommission zur selben App zeigt unterdessen Gesichtserkennung als Option. Die App-Spezifikationen erwähnen „domain-spezifische Kennungen oder Pseudonyme" – was bedeutet, dass Nutzer je nach Plattform identifizierbare Pseudonyme erhalten können. Vollständige Anonymität sieht anders aus.

2. Infrastruktur überdauert Absichten

Selbst, wenn man der EU-Kommission guten Willen unterstellt - der Autor tut es nicht - dann ändert das nichts an einer grundlegenden Tatsache der Technikgeschichte: Infrastruktur überdauert ihre Schöpfer. Systeme, die für legitime Zwecke unter moderaten Regierungen gebaut wurden, stehen der nächsten Regierung zur Verfügung – fertig, erprobt, normalisiert.

Der Patriot Act wurde nach dem 11. September für Terrorismusbekämpfung geschaffen und jahrzehntelang für weit andere Zwecke genutzt. Contact-Tracing-Apps der Corona-Zeit wurden in mehreren Ländern für Strafverfolgung eingesetzt (Singapur, “TraceTogether”-App) oder es entstand erheblicher politischer Druck dazu. Vorratsdatenspeicherung, ursprünglich als Ausnahme gedacht, wurde zur Normalität (in Frankreich, Belgien, Schweden). Von der Leyen selbst zog die Covid-App explizit als Vorbild heran. Das Muster ist bekannt: Krise schafft Ausnahmeinfrastruktur, Ausnahme wird Normalzustand.

Eine App, die Identität mit Internetzugang verknüpft, ist – unabhängig von den Absichten ihrer Erbauer – strukturell ein Werkzeug der Zugangskontrolle. Zero-Knowledge-Proof hin oder her: Sobald ein nationales Backend existiert, das Ausweisdaten mit Internetaktivität technisch verbinden *kann*, ist die Frage, ob es das *tut*, eine Frage des politischen Willens und rechtlicher Schranken. Beides ist veränderlich.

3. Was passiert in der nächsten Krise?

Ein neues Virus, ein Krieg, eine Anschlagswelle. Jede dieser Szenarien hat in der Geschichte dazu gedient, Ausnahmeregeln zu etablieren, die sich als dauerhaft erwiesen. In solchen Momenten ist die Versuchung groß, bestehende Infrastruktur für neue Zwecke zu nutzen – schnell, ohne großes Aufsehen, mit dem Argument der Sicherheit. Eine Altersverifikations-Infrastruktur, die Identität mit Internetzugang verknüpft, ließe sich in einer solchen Lage ohne großen technischen Aufwand erweitern: Zugang zu bestimmten Inhalten sperren, bestimmte Nutzer markieren, bestimmte Aktivitäten protokollieren. Der Schritt vom Kinderschutz zur Inhaltskontrolle wäre dann kein Systemwechsel mehr, sondern eine administrative Entscheidung.

4. Die Dystopie ist bereits real: Die Fälle Doğru und Baud

Man muss nicht spekulieren, ob europäische Institutionen bereit sind, Meinungsäußerungen mit existenzvernichtenden Mitteln zu unterdrücken. Die Bereitschaft dazu ist dokumentiert.

Im Mai 2025 wurde der Berliner Journalist Hüseyin Doğru, türkisch-kurdischstämmiger deutscher Staatsbürger, im Rahmen des 17. EU-Sanktionspakets gegen Russland auf eine Sanktionsliste gesetzt – wegen seiner Berichterstattung über Gaza und pro-palästinensische Proteste. Die Folgen: alle Bankkonten gesperrt, Reiseverbot, faktisches Berufsverbot. Als Beleg genügten der EU Screenshots seiner Social-Media-Aktivitäten, die sein eigener Anwalt als vollständig durch das Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt bezeichnete. Eine vorherige Anhörung fand nicht statt. Inzwischen wurden auch die Konten seiner Ehefrau eingefroren – mit der Begründung, sie lebten zusammen und hätten gemeinsame Kinder. Sein Nachbar würde sich theoretisch strafbar machen, wenn er Doğru Brot brächte.

Im Dezember 2025 traf es Jacques Baud, ehemaliger Schweizer Oberst, NATO-Mitarbeiter, UN-Geheimdienstchef im Sudan: sanktioniert wegen angeblicher prorussischer Propaganda. Er lebte in Brüssel, konnte nicht mehr ausreisen, hatte keinen Zugang zu seinen Konten. Sein zentrales „Vergehen": Er hatte in Büchern und Interviews Positionen vertreten, die von der offiziellen westlichen Linie abwichen – darunter ein Zitat des früheren Selenskyj-Beraters Arestowytsch, das er als Quellenbeleg anführte. Die EU sah das als Verbreitung von Verschwörungstheorien. Eine Straftat wurde ihm nicht vorgeworfen. Gehört wurde er nicht.

Beide Fälle sind keine Ausreißer. Sie sind Präzedenzfälle. Sie zeigen, dass die EU bereits heute bereit ist, Meinungsäußerungen als Sicherheitsbedrohung zu klassifizieren und entsprechend zu handeln – ohne Anklage, ohne Gericht, ohne Verhältnismäßigkeit. Was heute Kontosperre ist, kann morgen Internetsperre sein. Wenn die technische Infrastruktur dafür vorhanden ist, ist es kein Systemwechsel mehr, sondern eine Formalie.

5. „Zensursula": Kontrolle für alle… - außer Uschi

Es wäre naiv, von der Leyens Geschichte dabei auszublenden. Der Spitzname „Zensursula" entstammt ihrer Zeit als Bundesfamilienministerin, als sie 2009 Netzsperren für Kinderpornografie durchsetzen wollte – Sperren, die Datenschützer und Netzexperten als wirkungslose Infrastruktur für zukünftige Zensur kritisierten. Das Gesetz scheiterte letztlich. Ihre Ambitionen in Richtung Chatkontrolle, die eine anlasslose Massenüberwachung privater Kommunikation ermöglichen sollte, wurden bislang vom Europaparlament und technischen Experten gebremst. Der Wille war vorhanden, die Mittel fehlten. Die Alterskontroll-App liefert neue. Im geradezu absurden Kontrast dazu steht die von Ursula von der Leyen an den Tag gelegte Intransparenz bei ihren SMS-Deals.

Fazit:

Die EU-Alterskontroll-App ist nicht das Ende der Freiheit, noch nicht. Aber sie ist ein Baustein in einer Infrastruktur, deren Tragweite weit über Altersverifikation hinausgeht. Zero-Knowledge-Proof schützt dort, wo er korrekt implementiert ist – aber er schützt nicht vor nationalen Backends, die niemand prüft. Er schützt nicht vor politischen Entscheidungen, die morgen anders aussehen als heute. Er schützt nicht vor Krisen, die Ausnahmen legitimieren. Und er schützt nicht vor Regierungen, die – wie die Fälle Doğru und Baud zeigen – bereits bewiesen haben, dass sie unliebsame Stimmen mit bürokratischen Mitteln zum Schweigen bringen.

Eine Authentifizierungsinfrastruktur fürs Internet, die Identität mit Zugang verknüpft, darf nur gebaut werden, wenn sie strukturell, technisch und juristisch so gesichert ist, dass kein zukünftiger Missbrauch möglich ist. Ist das überhaupt möglich? Die EU-App ist davon jedenfalls weit entfernt.

Transparenzhinweis: Der Beitrag wurde zwischen erster Kaffeetasse und Dusche mit KI erstellt. Dabei stammen alle inhaltlichen Vorgaben und einige Stil-Anpassungen von mir.

4 „Gefällt mir“

Klingt doch nach einem soliden Aufschlag. Ihr saß die „Zensursula“ im Nacken, das wollte sie nicht nochmal. Wie viele EU Initiativen muss diese nun nationalisiert werden. Dass es nicht nur Präambeln sondern einen Blueprint bei Github gibt ist ja an Modernität kaum zu glauben.

2 „Gefällt mir“

Du vermutest also bei vdL so eine Art Fehlerbewusstsein? Nachdem sie mit der Berateraffäre (2014 bis 2020, Handy-Daten gelöscht) durchkam und das Konzept mit Pfizergate (2021 bis heute, Handy-Daten gelöscht) direkt wiederholte, für sie bislang folgenlos?

„Zensursula“ ist sie heute noch, Stichwort „Chatkontrolle“. Allerdings stieß das bislang auf Widerstände, auch im EU-Parlament - bleibt zu hoffen, dass dies bei EUDI und der „Einstiegsdroge“ Altersverifikation auch der Fall sein wird.

Übrigens ging der „solide Aufschlag“ direkt ins Netz, die App wurde an Tag 1 nach Veröffentlichung gehackt. Ich verstehe nicht viel von Android, hier ist Claudes Einschätzung dazu:

Das ist eine vernichtende Ergänzung zum Essay – und sie trifft den Kern der Glaubwürdigkeitsfrage.

Zur technischen Einordnung für dich:

Was der Hack bedeutet, in Alltagssprache: Die App schützt ihre eigentlichen Kerndaten – den Altersnachweis – mit einer Art Zahlencode, dessen Schlüssel in einer simplen Textdatei liegt, die man auf einem gerooteten Gerät einfach öffnen und editieren kann. Als würde man ein Bankschließfach mit einem Vorhängeschloss sichern, dessen Schlüssel unter der Fußmatte liegt. Wer physischen Zugriff auf das Gerät hat und Root-Rechte besitzt, kann den Altersnachweis beliebig zurücksetzen und wiederverwenden.

Was das für die Behauptungen bedeutet:

Von der Leyen sagte: „höchste Datenschutzstandards". Ein grundlegender Security-Fehler – keine Hardware-gesicherte Verschlüsselung, kein Integritätscheck – wurde bereits an Tag 1 öffentlich demonstriert. Das ist kein ausgeklügelter Angriff, sondern, wie der Analyst schreibt, schlicht schlechte Programmierung.

„Open Source, jeder kann prüfen" – stimmt. Und an Tag 1 hat jemand geprüft und eine fundamentale Schwachstelle gefunden. Das ist eigentlich der Open-Source-Prozess, wie er funktionieren soll. Das Problem ist, dass die EU diese App als fertig und sicher präsentiert hat.

Die doppelte Ironie: Die App versagt gleichzeitig auf beiden Ebenen. Sie schützt Kinder nicht zuverlässig, weil sie technisch umgehbar ist. Und sie schafft trotzdem die Infrastruktur zur Identitätsverknüpfung, die das eigentliche Risiko darstellt. Das Schlechteste aus beiden Welten.


Hier geht’s zum Hack inklusive Erklär-Video:

[Hacking the #EU #AgeVerification app in under 2 minutes.](https://x.com/Paul_Reviews/status/2044723123287666921)

1 „Gefällt mir“

Klar ist das unschön, dass da so ein krasser Design Fehler drinn ist. Aber immerhin konnte man relativ schnell durch den vorhandenen Sourcecode die Vulnerabilty finden. Closed source wäre das vermutlich länger nicht aufgefallen.

Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen: Wird man reagieren und das schnell fixen? Wie geht man mit Meldern um, nimmt man ihren Rat an oder verteufelt man sie? etc

Der Bug und die damit einhergehende Blamage für Uschi, die das Ding als fertig entwickelt präsentiert hat, ist das eine. Das eigentliche Problem ist aber das Konzept: Die App ist die “Einstiegsdroge” in die von der EU geplante elektronische ID-Wallet. Tatsächlich installieren wir uns mit der angeblichen “Jugendschutz-App” die komplette EUDI-Infrastruktur aufs Handy. Name, Nationalität und Ausweisdaten werden dort hinterlegt, obwohl sie für die Altersverifikation gar nicht nötig wären.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Der Bug ist nur ein Symptom; das Design der App als “Universal-Wallet” unter dem Deckmantel des Jugendschutzes ist das eigentliche Thema.

2 „Gefällt mir“

Das stimmt natürlich, aber das hat eine generelle Alterskontrolle im Internet inherent in sich. Sobald das mal etabliert ist kann man es prima ausweiten.
Nur: Wollen wir Digitalisierung, am besten nicht mit 100 verschiedenen Apps für jedes amt eine, oder nicht? Die Apps müssen ja alle die Identität prüfen, mit mal mehr, mal weniger Daten.

2 „Gefällt mir“

@Syd, ich verstehe total, warum du bei solchen apps erstmal reflexartig auf abwehr gehst.
geht mir grundsätzlich ähnlich. der staat ist nicht automatisch der gute akteur, nur weil er staat ist. da bin ich komplett bei dir.

aber ich glaube, wir übersehen gerade einen punkt, der wichtiger ist als die konkrete app.

wir haben das internet die letzten 40–50 jahre im grunde komplett privaten konzernen überlassen.
und heute sind diese plattformen keine spielzeuge mehr, sondern infrastrukturelle grundversorgung.
so wie straßen, strom oder wasser.

und jetzt stell dir mal folgende situation vor:

die wichtigsten autobahnen der welt gehören einem privaten konzern.
du darfst sie nur benutzen, wenn du vorher alle deine daten abgibst.
und es gibt keine alternative route.

das ist im kern das, was wir im internet längst haben.
nicht, weil es jemand böse geplant hat, sondern weil sich die struktur so entwickelt hat.

deshalb finde ich solche vorstöße — egal ob von der leyen oder sonst wem — nicht automatisch schlecht.
nicht wegen kinderschutz oder moral, sondern aus einem anderen grund:

weil sie ein versuch sein könnten, wieder zugriff auf unsere eigene infrastruktur zu bekommen.

nicht blind vertrauen.
nicht mehr staat um jeden preis.
sondern:

gegenmacht zu systemen, denen wir heute faktisch ausgeliefert sind.

im straßenverkehr haben wir regeln, haftung, tüv und rechte als nutzer.
im internet haben wir das nur sehr begrenzt.
und solange das so bleibt, sind wir als einzelne nutzer ziemlich schwach aufgestellt — egal ob wir dem staat misstrauen oder den konzernen.

mein punkt ist also nicht:
„die app ist gut.“

mein punkt ist:

wir sollten anfangen, das internet wie infrastruktur zu behandeln.
weil es das längst ist.

@Ermel , cc @Stefan

Der Einwand verwechselt zwei verschiedene Dinge: Digitalisierung von Behördengängen und Identitätspflicht im offenen Internet.

Eine App, mit der ich meinen Personalausweis beim Bürgeramt vorzeige, meine Steuererklärung einreiche oder ein KFZ-Kennzeichen beantrage – das ist tatsächlich sinnvolle Digitalisierung. Da findet ohnehin eine Transaktion mit dem Staat statt, Identifikation ist strukturell notwendig, und eine einheitliche Lösung statt 100 (oder auch nur 10) Behörden-Apps ist absolut richtig.

Aber darum geht es bei der Altersverifikations-App nicht. Die zielt auf das offene, anonyme Surfen – auf Inhalte, bei denen ich heute einfach eine URL aufrufe, ohne mich irgendwo zu identifizieren. Da ist Identifikation nicht strukturell notwendig, sondern neu eingeführt.

Der Unterschied ist fundamental: Beim Bürgeramt bin ich schon namentlich bekannt. Im offenen Internet war ich es bisher nicht – und das war kein Bug, sondern ein Feature. Anonymität im Netz ist keine Gesetzeslücke, sie ist ein Grundrecht.

Die EUDI-Wallet für Behördengänge? Gerne, längst überfällig. Aber dieselbe Infrastruktur als Eintrittskarte für das freie Internet? Das ist eine andere Sache – auch wenn beides technisch in derselben App landet. Und genau das ist die offenbar Strategie: beides zusammenzupacken, damit das eine das andere legitimiert.

Vorsicht, Uschis App reguliert nicht die Autobahn, sie stellt eine staatliche Kontrollstelle an die Auffahrt. Der Konzern kassiert wie bisher an jeder Ausfahrt, der Nutzer wird jetzt von zwei Seiten erfasst statt von einer.

Und noch etwas: Die Plattformen profitieren von dieser Lösung. Sie müssen keine eigenen Verifikationssysteme bauen, keine Haftung übernehmen, keine Verantwortung tragen. Der Staat erledigt das für sie – mit Steuergeld und Bürgerdaten. Von der Leyen nennt das „keine Ausreden mehr". Aber die Konzerne müssen ihr Geschäftsmodell keinen Millimeter ändern. Sie lehnen sich zurück und lassen den Staat die Drecksarbeit machen.

Wenn wir das Internet wirklich wie Infrastruktur behandeln wollen: Dann regulieren wir die Autobahn. Entflechtung, Interoperabilität, echte Datenschutzdurchsetzung. Nicht: Ausweispflicht an der Auffahrt, während der Betreiber unberührt bleibt.

Swoeit ich das richtig durchblickt habe soll ja deswegen der eigentliche Altersnachweis gegen eine behördliche Stelle durchgeführt werden und die App, mit der ich dann das Alter nachweisen soll, nur das Alter beinhaltet, welches selbst auch nicht verschickt wird (sonst gibt es schöne Statitiken wie alt die “Kunden” sind), sondern gegen das nur geprüft wird. Der private Dienst bekommt nur ein OK / Nicht OK zurück.

Natürlich kannst Du jetzt den Einwand anführen, dass hiermit eine Tür geöffnet wird, um in Zukunft noch viel mehr den privaten Unternehmen mitzuteilen. Das Risiko sehe ich ebenfalls, aber rein formell könnte man dem ja auf der politischen Ebene entgegentreten. Natürlich mit dem Risiko, dass das irgendwann undemokratischen Kräften in die Hände fallen könnte.

Frankreichs kleiner Sonnenkönig hielt kürzlich eine Rede vor Kommunalpolitikern. Er zieht den gleichen Bogen wie ich, nämlich von der Altersverifikation zur allgemeinen Kontrolle des Internet - allerdings aus der Sicht desjenigen, der diese Kontrolle einführt, und nicht dessen, der sich (wie ich) dagegen wehrt. Bei Macron ist der Vorwand, der diese Kontrolle rechtfertigt, die angebliche „ausländische Einmischung“. Aber wir wissen ja, wie weit dieser Begriff inzwischen gefasst ist - er reicht von der Berichterstattung über Pro-Palästina-Proteste (Hüsein Dogru) bis zum Zitieren eines ukrainischen Politikers, wenn das Zitat dem „Zeitenwende“-Framing vom unprovozierten russischem Angriff widerspricht (Jacques Baud). Selbstverständlich fallen auch geopolitische Analysen mit Fokus auf der russischen Sichtweise (Thomas Röper) unter die unbedingt mit Entzug der Bürgerrechte zu ahndenden Versuche „ausländischer Einmischung“.

Hier der diesbezügliche Teil von Macrons Rede, von Gemini ins Deutsche übersetzt (Hervorhebungen von mir):

„Und dann, wenn ich von Schutz spreche, möchte ich nur ein Wort sagen — und ich beruhige Sie, ich werde meine Ausführung damit beenden — um über die sozialen Netzwerke zu sprechen, über die Bildschirme. Sie haben sie offensichtlich im Wahlkampf erlebt.

Es ist eine großartige demokratische, technologische Innovation, aber wie ich heute Morgen zu jungen Leuten sagte, mit denen ich im Departement Aisne zusammen war: Wissen Sie, wie bei Platon gibt es das Pharmakon, das ist das Medikament und das Gift. Wir befinden uns an diesem Punkt. Das ist das Merkmal großer Demokratien. Man muss es nun im Grunde verstehen, sie zu domestizieren. Das ist die Herausforderung einer Republik. Man muss auf die Höhe von Männern und Frauen zurückkehren, und dass diese sozialen Netzwerke im Dienste des kollektiven Projekts stehen, welches das unsere ist, nämlich in Harmonie zu leben, in der Demokratie, in der Republik, und dass sie nicht dabei sind, das zu transformieren, was die Republik ist.

Das Erste, was wir gerade tun – daran liegt mir sehr viel, es ist ein wesentlicher Kampf, wir haben ihn vor Jahren begonnen –, das ist, die sozialen Netzwerke für unter 15-Jährige zu verbieten. Diese Maßnahme wurde wissenschaftlich begründet, sie kommt von weit her, und ich spreche wirklich davon, indem ich Ihnen sage: Im Jahr 2018 habe ich zuerst geglaubt, dass wir die sozialen Netzwerke davon überzeugen könnten, die Inhalte zu entfernen, die negativ waren. Sie wollen nicht kooperieren, das interessiert sie nicht. Wir haben danach die elterliche Kontrolle eingeführt. Die elterliche Kontrolle, das funktioniert nicht, und es ist ziemlich ungerecht, weil es in Wahrheit die bescheidensten Eltern sind oder die Eltern, die bereits am meisten unter Druck stehen, die es nicht tun können. Da man weiß, dass es schlecht für Kinder und Jugendliche ist, muss man es verbieten.

Die zweite Sache: Wir werden eine ganze Serie von Texten verabschieden, um es zu ermöglichen, die demokratische Debatte besser vor den Wechselfällen der sozialen Netzwerke zu schützen. Heute sind die Algorithmen nicht transparent. Heute ist es offensichtlich, dass es Leute gibt, denen die sozialen Netzwerke gehören, die bestimmte politische Ideen haben, die vielleicht nicht die von einigen in diesem Saal sind. Sie nutzen sie und sie pushen die Inhalte der Leute, an die sie glauben. Das ist von Wissenschaftlern festgestellt worden. Die Transparenz der Algorithmen ist der Schlüssel. Europäische Schlacht.

Die zweite Sache: Heute kann man Inhalte in Wahlkämpfen mit Fake-Accounts pushen. Wir werden auf europäischer Ebene dafür kämpfen, diese Fake-Accounts zu verbieten. Europa muss das erste Territorium sein, wo man sie verbietet. Die Anonymität ist ein viel heikleres Thema, man kann sie vor dem Richter aufheben, aber schon wenn man die Fake-Accounts verbietet, ist das eine Revolution, weil man die digitalen Schlachten verbietet, wo Sie sich plötzlich mit Hunderttausenden von Leuten wiederfinden, die von diesem oder jenem gekauft wurden, die Sie angreifen und das Schlimmste sagen.

Und dann müssen wir das Wort in den sozialen Netzwerken regulieren, und insbesondere die Möglichkeit, dieses Wort in Wahlkampfzeiten zu kaufen, so wie man es im echten Leben tut, wenn ich so sagen darf. Und das sind also Baustellen, die wir gerade finalisieren. Es wird ein Projekt geben, das ebenfalls finalisiert wird, zur gleichen Zeit, in der wir die Rolle von Viginum, dem Generalsekretariat für Verteidigung und nationale Sicherheit, gefestigt haben. Die Regierung wird einen Gesetzentwurf und regulatorische Maßnahmen vorzustellen haben, um den Schutz unserer Wahlen gegen ausländische Einmischungen zu verbessern, die Sie manchmal getroffen haben und die viele unserer Nachbarn getroffen haben. Das wollte ich Ihnen sagen, bevor ich schließe.“


Hier der Link zur Rede:

Sie ist ein Zufallsfund via Xitter, aber sie passt zum Thema „Risiken und Nebenwirkungen“ der Altersverifikation. Macron steht mit seinem Willen zur allgemeinen Zugangsbeschränkung nicht alleine; wenn Merz eine Klarnamenpflicht fordert, hat er Ähnliches im Sinn. Und wie oben bereits ausführlich beschrieben ist Uschis EUDI-basierte App genau darauf ausgelegt.

@Syd ich verstehe deinen punkt und auch deine absicht mit dem thread.
die abwehr ist absolut nachvollziehbar — ging ja auch im podcast in eine ähnliche richtung, nachdem @Stefan das thema angerissen hatte.

ich bin da nur etwas pragmatischer unterwegs.
nach meinem gefühl ist das thema schon so weit fortgeschritten, dass ein grundsätzlicher aufstand dagegen eher symbolisch bleibt. (leider).

für mich ist das deshalb weniger eine lösung als ein signal:
dass wir anfangen, dieses feld überhaupt wieder anzufassen.

die frage ist für mich nicht:
ob das gut oder schlecht ist.
sondern:
was machen wir jetzt damit?

mich würde ehrlich interessieren:
was wäre aus deiner sicht eine idee, wie man das zukünftig gestalten könnte – im sinne der user?

Ich frage nach, um sicher zu gehen, dass ich dich richtig verstehe: Dein Appell wäre also, hinzunehmen, dass die Zeiten des freien Zugangs zum Internet in Kürze vorbei sein werden, und sich innerhalb dieses neuen Paradigma auf Schadensbegrenzung was Datensicherheit, Missbrauch durch Autoritäre etc. angeht zu konzentrieren?

@obsever

@Kompost

Bin ich gemeint oder @observer ?

@observer ist gemeint, da hab ich den falschen Reply-Button erwischt!

Aktuelle “Logbuch: Netzpolitik” Folge hat eine ausführlich Betrachtung des Themas. Bin das noch am Verdauen.

2 „Gefällt mir“

Danke für den Tipp! Kurz mal ins Transkript reingelesen - mir scheint, die lassen kein gutes Bit an Uschis App… :grinning_face:

1 „Gefällt mir“

Hach, immer diese fiesen Autokraten!

Via Xitter

3 „Gefällt mir“

Ist doch irgendwwie spannend zu beobachten, dass in der Türkei die Opposition in Widerspruch gibt zu dem Vorhaben. Das habe ich so in Deutschland noch nicht mitbekommen, da kommt der Widerspruch, wenn überhaupt, aus der Zivilgesellschaft.

3 „Gefällt mir“