Wie wir uns selbst beherrschbar machen — eine Ideologiekritik am Beispiel des New-Yorker-Artikels über Sam Altman

Wie sähe denn eine Alternativversion des „New Yorker“-Artikels aus, die diese Strukturen benennt? Oder eine Ergänzung, Part 2?

Ich kenne mich in der US-Startup-Szene nicht aus, aber könnte mir vorstellen, etwas in der Art über Jens Spahn und seine Masken-Deals zu verfassen. Sein Werdegang als typischer Partei-Karrierist, die Strukturen, die seinen Aufstieg ermöglichten, die Deals, die uns Milliarden kosteten - und warum sie für ihn folgenlos bleiben (Spoiler: ALLE schrieen nach Masken, wer also hat das Recht, ihn zu verurteilen?). Schau‘n mer mal…

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Ich versuche es nochmal zusammenzubringen.

Du arbeitest dich am Protagonisten Altman bzw Spahn ab, während die Grundthese ist: die Individuen sind nur Stellvertreter in einem System, dass diese braucht und immer wieder hervorbringt.

Der Kabarettist Hagen Rether hat das Konzept in einer Nummer über den damaligen deutsche Bank Chef Ackermann mal als “Avatare" bezeichnet.

Finde das genaue Video nicht, hier nur mal ein beispielverweis

Und hier meine Zusammenfassung des Prinzips, so wie ich es verstanden habe- was also hoffentlich in die richtige Richtung geht

Ackermann kannste jetzt halt austauschen mit Spahnoder Altman


​1. Der Funktionär als Austauschbare Maske

​Für Rether ist eine Person wie Josef Ackermann nicht die Ursache des Übels, sondern lediglich dessen Symptom. Er bezeichnet solche Figuren als „Avatare“ oder „Platzhalter“, weil sie innerhalb der Systemlogik vollkommen austauschbar sind.

  • Die Logik dahinter: Wenn Ackermann zurücktritt oder abgelöst wird, ändert sich am Gebaren der Bank oder des Marktes nichts. Der Nachfolger muss exakt dieselben Mechanismen bedienen (Gewinnmaximierung, Shareholder-Value), um im Amt zu bleiben.

  • Das Bild des Avatars: Ein Avatar in einem Videospiel wird von einer Software gesteuert. In Rethers Analogie ist die Software das globale Finanzsystem. Die menschliche Komponente des Avatars ist für das Ergebnis irrelevant.

​2. Kritik an der „Empörungsbewirtschaftung“

​Rether kritisiert scharf, dass sich die Öffentlichkeit und die Medien oft an Einzelpersonen abarbeiten.

  • Ablenkungsmanöver: Indem wir uns über Ackermanns „Victory-Zeichen“ oder seine Gier echauffieren, personifizieren wir ein strukturelles Problem. Das ist bequem, weil es uns erlaubt, einen Sündenbock zu hassen, anstatt das komplexe System zu hinterfragen.

  • Entlastung des Konsumenten: Wenn nur „die da oben“ (die Avatare) böse sind, müssen wir unser eigenes Verhalten (unseren Konsum, unsere Geldanlagen, unseren Lebensstil) nicht ändern. Rether deckt hier die Doppelmoral des Publikums auf.

​3. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“

​Der von dir erwähnte Gedanke (frei nach Adorno) zieht sich wie ein roter Faden durch Rethers Werk. Er argumentiert, dass moralisches Handeln innerhalb eines amoralischen Systems fast unmöglich ist:

  • Systemzwang: Ein Bankchef, der plötzlich „ethisch“ handelt und dadurch die Rendite senkt, wird vom Aufsichtsrat oder den Aktionären sofort entfernt. Der „Avatar“ wird also vom System korrigiert, sobald er aus der Rolle fällt.

  • Strukturelle Verantwortung: Rether möchte den Blick weg von der Individualpsychologie (Ist Ackermann ein gieriger Mensch?) hin zur Systemarchitektur lenken (Warum belohnt unser System gieriges Verhalten?).

​Zusammenfassung des Gedankens

​Hagen Rethers Kernbotschaft ist: Hasse nicht den Spieler, hasse das Spiel. Indem er Ackermann zum Avatar erklärt, nimmt er ihm paradoxerweise einerseits die individuelle Bedeutung und bürdet uns gleichzeitig eine größere Last auf: Wir können uns nicht mehr damit begnügen, Köpfe rollen zu sehen. Wenn wir eine Veränderung wollen, müssen wir die „Programmierung“ des Systems ändern, nicht nur das Personal an der Spitze.

​„Wir regen uns über die Ackermanns auf, während wir gleichzeitig bei der Deutschen Bank unsere Riester-Rente haben. Wir schimpfen auf die Avatare, deren Gehälter wir mit unseren Schnäppchen bezahlen.“ – Sinngemäß nach Hagen Rether

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vs.

Spahn und die Strukturen hinter ihm (!) zu analysieren ist das glatte Gegenteil von „sich an dem Protagonisten Spahn abarbeiten“. Findest du nicht, @Kokosmilch ?

Der Artikel ohne Fokus auf die Personen, nur auf die Struktur:

Ohne Fahrer

Wie die KI-Industrie gebaut ist, um nicht kontrollierbar zu sein


Im Frühjahr 2019 nahm Microsoft 13 Milliarden Dollar und kaufte sich damit etwas, das es formal nicht kaufen kann: Einfluss auf ein Unternehmen das sich als gemeinnützige Stiftung beschreibt. Die Konstruktion war kreativ. OpenAI hatte eine Profit-Tochter gegründet, deren Rendite gedeckelt war — “capped profit” nannten sie das. Microsoft investierte in die Tochter, nicht in die Mutter. Die Mutter kontrollierte die Tochter. Und die Mutter kontrollierte nichts, das sich in Dollar ausdrücken ließ.

Was folgte, war keine Geschichte über Verrat. Es war die erwartbare Entfaltung einer Kapitalstruktur, die von Anfang an zwei inkompatible Logiken in einer Hülle eingesperrt hatte.

Die Nonprofit-Logik sagt: Wir entwickeln KI zum Wohl der Menschheit, Gewinne sind Mittel zum Zweck. Die Investorenlogik sagt: 13 Milliarden Dollar erwarten Rendite, Skalierung ist Pflicht. Diese beiden Sätze können nicht gleichzeitig wahr sein, wenn Kapital knapp ist und Entwicklungsgeschwindigkeit Geld kostet. Die Frage war nie ob der Konflikt aufbrechen würde. Die Frage war nur wann.

Boards in founder-led Tech-Unternehmen sind eine besondere Konstruktion. Sie bestehen typischerweise aus Menschen die dem Gründer etwas verdanken, mit dem Gründer befreundet sind, oder vom Gründer ausgewählt wurden weil sie das Unternehmen verstehen — was bedeutet, dass sie dessen Prämissen teilen. Strukturell ist das kein Kontrollgremium. Es ist ein Beratungsgremium mit Veto-Fiktion. Das Veto funktioniert genau einmal, weil die Reaktion der Investoren auf eine Board-Entscheidung gegen den Gründer die Machtfrage sofort neu stellt: Wer hält das Kapital, wer hält die Mitarbeiter, wer hält die Verträge?

Das hat nichts mit den Charakteren der Beteiligten zu tun. Es ist die Mechanik jeder Struktur dieser Art, in jeder Branche, in jeder Dekade.

Parallel dazu entwickelte sich, was man intern Safety-Apparat nannte. Die besten Forscher aus akademischen Institutionen, aus Anthropic, aus DeepMind, wurden geworben — mit der Aussicht, an dem Problem zu arbeiten das sie für das wichtigste der Menschheitsgeschichte hielten. Das Superalignment-Team bekam zwanzig Prozent der verfügbaren Rechenkapazität versprochen. Eigene Abteilung. Eigenes Budget. Die Botschaft: Hier könnt ihr das Problem lösen, ohne die Kompromisse die anderswo nötig wären.

Diese Konstruktion erfüllte mehrere Funktionen gleichzeitig. Sie ermöglichte tatsächliche Safety-Forschung — das soll nicht bestritten werden. Aber sie erfüllte auch andere Funktionen, unabhängig von den Absichten der Beteiligten: Sie senkte Recruiting-Kosten für Spitzenforscher, die ohne dieses Versprechen nicht gewechselt hätten. Sie erhöhte die politische Legitimität gegenüber dem Kongress, der regulieren wollte. Sie schuf ein Signal an Investoren, dass das Unternehmen die Risiken seiner eigenen Technologie ernst nimmt — was Vertrauen erzeugt und damit Kapitalzugang erleichtert.

Iain Leike, einer der leitenden Safety-Forscher, beschrieb das Superalignment-Versprechen nach seinem Abgang als “pretty effective retention tool.” Er meinte das als Kritik. Als Strukturbeschreibung ist es präzise: Das System hatte Safety-Versprechen in Wettbewerbsvorteile konvertiert. Ob die Versprechen eingehalten wurden, war für diese Funktion irrelevant.

Als die Rechenkapazität dann unter Druck der Skalierungsagenda umverteilt wurde, war das kein Verrat an einer Vision. Es war die Auflösung eines Widerspruchs der immer da war. Zwischen dem Versprechen an die Forscher und der Pflicht gegenüber dem Kapital konnte nur eines gewinnen, und die Kapitalstruktur hatte das Ergebnis vorherbestimmt.

Im Hintergrund läuft seit Jahren eine Entwicklung die alle anderen überlagert: Das Verhältnis zwischen den USA und China in der KI-Entwicklung hat die Logik eines Rüstungswettlaufs angenommen, auch wenn niemand das so nennt. Compute-Überlegenheit gilt als strategische Ressource. Wer langsamer entwickelt, riskiert nicht nur Marktanteile — er riskiert geopolitischen Bedeutungsverlust.

Unter diesen Bedingungen wird Safety strukturell nachrangig, unabhängig von den Werten der handelnden Personen. Nicht weil niemand es ernst nähme, sondern weil ein Unternehmen das Safety priorisiert und deshalb langsamer entwickelt, in einer Welt die Geschwindigkeit belohnt, mittelfristig die Ressourcen verliert auch Safety zu betreiben. Das ist kein Zynismus. Es ist ein Gefangenendilemma, das kein einzelner Akteur allein auflösen kann.

Regulierung könnte das ändern — wenn sie verbindlich wäre, global koordiniert, und schneller als die Technologie selbst. Keine dieser Bedingungen ist erfüllt.

Dario Amodei hat OpenAI verlassen und Anthropic gegründet — mit explizitem Safety-Fokus, mit einer anderen Unternehmensstruktur, mit der Überzeugung, es besser machen zu können. Anthropic nimmt heute Geld von Google. Anthropic hat seine eigene Scaling Policy verwässert. Claude, das Sprachmodell von Anthropic, wurde für eine CIA-Operation lizenziert. Amodei ist kein Heuchler. Er operiert in derselben Struktur wie alle anderen, mit denselben Kapitalzwängen, denselben geopolitischen Drücken, denselben Anreizen.

Das ist der Punkt an dem der Bericht eigentlich interessant werden müsste: Wenn jeder der das System verlässt um etwas Besseres zu bauen, am selben Punkt landet — was sagt das über das System? Nicht über die Personen.

Die Antwort liegt nicht in San Francisco. Sie liegt in der Frage welche Gesetze es gibt, die Compute-Konzentration regulieren. Welche internationalen Abkommen KI-Entwicklungsgeschwindigkeit verbindlich begrenzen könnten. Welche demokratischen Institutionen schnell genug entscheiden um mit technologischer Entwicklung Schritt zu halten — und warum sie das strukturell nicht können, weil demokratische Verfahren auf deliberativer Trägheit aufgebaut sind, die im 20. Jahrhundert als Feature galt.

Diese Fragen haben keine Protagonisten. Sie haben keine Szene auf einer Superyacht. Sie lassen sich nicht mit Ja oder Nein beantworten.

Das ist vermutlich der Grund warum sie nicht gestellt werden.”

Bei Jens Spahn wird mir das schwer fallen. Den will ich gerne im Knast sehen, aber versuche wir es mal:


Der Staat als Beute

Was übrig bleibt, wenn man die Maskenaffäre ohne Protagonisten betrachtet


Im März 2020 tat das Bundesgesundheitsministerium etwas, das es so noch nie getan hatte: Es rief ein Beschaffungsverfahren aus, das jedem Anbieter einen festen Preis garantierte — 4,50 Euro pro Maske — ohne Ausschreibung, ohne Qualifikationsprüfung, ohne Mengenbegrenzung. Offenes Haus hieß das Verfahren. Wer fristgerecht liefern konnte und den Preis akzeptierte, bekam einen Vertrag. In wenigen Tagen entstanden 738 Verträge mit einem Gesamtvolumen von über 6,4 Milliarden Euro.

Das war kein Fehler im System. Das war das System unter Bedingungen, für die es nicht gebaut war.

Die erste Struktur ist die älteste: Es gab keine Reserve. Der Nationale Pandemieplan von 2016 empfahl eine vorsorgliche Beschaffung von Schutzausrüstung. Ein Planspiel von 2012 hatte durchgespielt was passiert wenn eine Pandemie die Lieferketten trifft. Beides ohne Konsequenz. Nicht weil irgendjemand entschieden hätte, keine Reserve zu bauen — sondern weil Reserven im Haushalt Geld kosten ohne sichtbaren Output zu produzieren, und weil die politische Ökonomie von Haushaltsverhandlungen systematisch gegen Ausgaben ohne kurzfristigen Nutzen arbeitet. Jeder Finanzminister der je eine Schutzausrüstungsreserve gestrichen hat, hat rational gehandelt. Das Ergebnis war eine Lücke, die im März 2020 mit jedem Mittel gefüllt werden musste.

Die zweite Struktur ist die des Notstandsrechts. Das Vergaberecht hat Ausnahmetatbestände für Krisen — sie erlauben schnelles Handeln ohne die normalen Kontrollmechanismen. Diese Ausnahmen sind nicht prinzipiell falsch; sie existieren weil Bürokratie in echten Notlagen töten kann. Aber sie schaffen ein Zeitfenster in dem der Staat als Käufer operiert, ohne die Schutzmechanismen die ihn normalerweise vor Übervorteilung bewahren. Ausschreibungspflicht, Qualitätsprüfung, Referenzanforderungen, Preisprüfung — alles entfällt. Was bleibt, ist ein Käufer mit unbegrenztem Budget und ohne Marktvergleich.

Das ist für jeden Anbieter eine strukturell außergewöhnliche Situation. Nicht weil Anbieter böse sind, sondern weil Märkte das ausnutzen was ausgenutzt werden kann. Haarverlängerungsstudios boten Masken an, Immobilienmakler boten Masken an, Unternehmensberater boten Masken an — weil der Staat signalisiert hatte, er kaufe alles zu einem Preis der weit über dem Weltmarktpreis lag. Das ist kein moralisches Versagen von Haarverlängerungsstudios. Das ist Preissignal-Reaktion.

Die dritte Struktur ist die des Netzwerkzugangs als Ressource. Das offene Haus-Verfahren war formal offen — aber nicht jeder wusste von ihm. Wer früh informiert war, wer Kontakte ins Ministerium hatte, wer in den richtigen Netzwerken saß, konnte früher agieren als andere. Information ist in Krisen knapp und ungleich verteilt. Kontakte zu Ministerien sind eine Ressource die sich in normalen Zeiten langsam aufbaut und in Krisen schlagartig monetarisiert. Das ist nicht Korruption im engeren Sinne — es ist die normale Funktion von politischen Netzwerken unter extremen Anreizen.

Die vierte Struktur ist die der Haftungsasymmetrie. Gewinne aus dem Maskengeschäft flossen privat. Verluste — Überbeschaffung, Qualitätsmängel, Lagerkosten, Vernichtungskosten, Prozesskosten — trägt der Steuerzahler. Der Bundesrechnungshof hat das quantifiziert: 5,8 Milliarden Masken für 5,9 Milliarden Euro, davon 1,7 Milliarden verteilt, mehr als die Hälfte bereits vernichtet. Folgekosten bis 2024 bereits über 517 Millionen Euro, weitere Lager-, Logistik- und Rechtskosten bis 2027 prognostiziert, rund 100 Klagen mit 2,3 Milliarden Streitwert noch anhängig.

Diese Asymmetrie ist nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis einer Risikostruktur die der Staat in der Krise selbst erzeugt hat: Er hat Abnahmegarantien gegeben ohne Abnahmeprüfung, Preise fixiert ohne Marktvergleich, Vertragsabschlüsse delegiert ohne klare Haftungsketten. Das OLG Köln hat dem Ministerium in einem Berufungsverfahren eine Niederlage beschert weil eine Bedingung in der Ausschreibung nichtig war — das Ministerium hatte versucht, aus Verträgen zurückzutreten die es selbst so formuliert hatte.

Die fünfte Struktur ist die der parlamentarischen Kontrolle im Ausnahmefall. Der Bundestag hat Kontrollrechte — Anfragen, Ausschüsse, Rechnungshofberichte. All das funktioniert mit Verzögerung. Eine Enquete-Kommission, die im Dezember 2025 tagt um die Ereignisse von März 2020 aufzuarbeiten, kommt fünf Jahre zu spät um irgendetwas zu verhindern. Der Bundesrechnungshof kann rügen, aber nicht sanktionieren. Niemand hat die institutionelle Macht, die Verantwortlichen in Echtzeit zu stoppen.

Und niemand ist haftbar. Das ist die sechste und stabilste Struktur: Der Staat haftet nicht für seine Entscheidungsträger, Entscheidungsträger haften nicht persönlich für Entscheidungen die im Rahmen ihrer Befugnisse lagen, und “Rahmen der Befugnisse” wird im Notstand weit interpretiert. Der Bundesrechnungshof hat “massive Überbeschaffung”, “blamabel schlechte Dokumentation”, und Überdehnung von Ausnahmetatbeständen festgestellt. Persönliche Konsequenzen: keine.

Der Sudhof-Bericht — von der Nachfolgeregierung als Aufklärungsinstrument in Auftrag gegeben — ist fertig und wird zurückgehalten, weil laufende Prozesse eine Veröffentlichung angeblich unmöglich machen. Die Dokumente die den Beschaffungsvorgang dokumentieren sollten wurden nachträglich zu Verschlusssachen erklärt. Der Bundesrechnungshof sieht dafür keine tragfähigen Gründe. Ob das strukturelles Versagen ist oder intentionale Opacity — die Funktion ist dieselbe: Die Kostenkette ist nicht rekonstruierbar, die Entscheidungskette ist nicht transparent, die Verantwortung verteilt sich auf ein Ministerium.

Das ist kein Skandal im Sinne einer Abweichung. Das ist das normale Ergebnis einer Struktur die im Ausnahmefall die Kontrollmechanismen aussetzt, Haftung sozialisiert, Gewinne privatisiert, und anschließend die Aufarbeitung durch dieselben Institutionen betreibt die ein Interesse an Intransparenz haben.

Der nächste Pandemie-Notfall wird dieselbe Struktur aktivieren. Mit anderen Personen, denselben Ergebnissen.”

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Sind beide sehr gut, Chapeau! :slightly_smiling_face::+1:

Ich freue mich wirklich, dass bei all der gegenseitigen Stichelei am Ende was Produktives bei rumkommt.

Meine Version, die auch die Person Jens Spahn zum Inhalt hätte, würde ein paar weitere Aspekte beleuchten, hier als Fragen formuliert. Unter anderem:

  • Wie kam er an den Job als Gesundheitsminister, trotz bekannter Interessenkonflikte? War womöglich der Bug (seine Lobbyisten-Tätigkeit) hier das Feature (gute Vernetzung)?
  • Warum umging er funktionierende Institutionen zur Beschaffung und zog sein eigenes Ding durch? GEGEN den Rat seiner Experten? Das Resultat war, dass das 22-fache des eigentlichen Bedarfs beschafft wurde.
  • Warum die Erfindung einer „Pandemie der Ungeimpften“? Auch hier: Seine eigenen Experten trugen das nicht mit (vgl. RKI-Protokolle).

Die letzten beiden Punkte lassen sich weder durch besonderen Druck, noch durch die vorhandenen Strukturellen erklären. Wohl aber, warum im RKI nach außen hin alle schwiegen: Das RKI ist eine dem BMG untergeordnete Behörde. Da landen wir wieder bei der Struktur.

Dazu das Medienversagen als wesentlicher Grund, warum es keine Aufarbeitung gibt. Die steckten alle mit drin („schrieen nach Masken“). Übrigens bis hin zu durchaus alternativen Kanälen - der Prof. Rieck im Klingbeil-Thread („Warum ist Korruption so billig?“ oder so ähnlich) ist hierfür ein schönes Beispiel.

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zwei kleine Aspekte:

Liegt dem nicht die Täuschung zugrunde, Politik sei sachgerechte Verwaltung der Realität? (Das kann dann ja nur in der immer wiederkehrenden Feststellung enden, dass “Politik” dumm oder unwissend ist und “falsche” Entscheidungen getroffen habe. Wenn man nicht zur Kenntnis nimmt, dass es nur um Macht haben/ nicht haben geht.) (Weswegen Jens Spahn ja nicht trotz, sondern gerade wegen seines Umganges als nächster Kanzlerkandidat gehandelt und sein Agieren als Ausweis besonderer politischer Eignung gehandelt wird.)

und:

Politiker stürzen extrem selten über politische Skandale und sehr viel häufiger über private, da hier ihre moralische Redlichkeit in Frage gestellt wird.

Die Frage, ob Altman ein moralisch integerer Mensch ist soll Aufschluss über die Machtkämpfe in und Ausrichtung seiner Firma geben.

Hier ist der Fall des Göttinger Landrates spannend, da er anders als in einer amerikanischen (personenzentrierten) Firma zeigt, wieviel Machtmittel gebraucht werden um einer Person (in einem vollkommen “programmierten” System politische Macht zu entziehen.

(und auch hier ist nochmal Armin Laschet spannend: gestolpert über ein privates Lachen in einer politischen Situation (nicht, als er als Lehrbeauftragter Urkundenfälschung beging), der jüngst in einem Interview mit verbaler Gewalt die Machtfrage zwischen Journalismus und Politik zu klären, damit er nicht zwischen Staatsräson und Zapfsäule zerquetscht wird…)

Das Problem ist doch nicht Altmann, oder Musk, oder Allen (Liste können wir beliebig fortsetzen). Sieht man sehr schön an Anthropic, die aus einem kontra Standpunkt vs Altmann ein eigenes Unternehmen gegründet haben und jetzt denselben Weg gehen wie OpenAI (sie sind noch nicht da, aber warten wir mal noch ein Weilchen). Das System, dass sich etabliert hat, lässt den handelnden Personen kaum eine Alternative. Nach dem Motto: “Mach was die Macht von dir verlangt, oder scheitere.”

Dasslebe sehen wir an Polikern. Mit großen Plänen und vielleicht sogar innovativen Ideen gestartet, und dann entweder über Jahre bis Jahrzehnte im Betrieb geschliffen bis sie dasselbe tun wie alle vor ihnen oder gescheitert.

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Vielleicht kann man sich darauf einigen, dass das System stärker ist, als die handelnden Personen wenn sie ihre Machtposition behalten wollen.

Moooment: Wir wollen doch diesen StartUp-Heinis jetzt ihre Semantik von Disruption nicht durchgehen lassen.

Sie wollten sich für die Machthaber produktiv machen, um selbst mächtig zu werden. Jetzt kleine Kullertränchen zu vergießen, weil sie sich in Machtkämpfen befinden ist doch naiv. Wir können doch jetzt nicht das ganze ideologische Spiel des grandiosen Genies (was aber leider vom bösen System gehemmt wird!) reproduzieren…

Das ist im Kern die These von Bruece Bueno des Mesquita in seinem “The Dictators Handbook - Why bad behaviour is almost always good politics”

Da dröselt er das spieltheoretisch aus: Entweder Du passt zum System und spielst nach den Regeln des Systems oder Du bist nicht lange in deiner Position, weil man Dich austauscht.

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aber jetzt wollen wir uns nicht blöder machen, als wir sind.

Das gilt für jedes System.

Wenn ich zum Bäcker gehe und sage: “Bitte einmal Waschen, Schneiden, Legen.”, werde ich “aussortiert”: “Hier ist eine Bäckerei, gehen Sie bitte zum Frisör.”

Wenn die StartUp-Heinis im Wirtschaftssystem auftauchen, wollen sie Geld verdienen. Die Zuschauer die glauben Altman wolle die Welt verbessern unterliegen nur einer selbstgemachten Täuschung. Eine Firma die Geld verdienen will, wird tun was sie muss um Geld zu verdienen.

Wenn ich in einem politischen System mitspielen will geht es um Macht. Wie akkumuliere ich sie (Wählerstimmen, Rückhalt in der Presse, Rückhalt in der Wirtschaft etc.), wie behalte ich sie, wie baue ich sie aus…

Und das konstituiert ja schon einen schmalen Verhaltenskorridor. Und wenn Du den verlässt wird halt kein Geld verdient.

Du kannst Dich dagegen entscheiden, ein Startup zu gründen, aber wenn Du existieren willst, dann kannst Du es nicht beliebig führen sondern musst Dich im Prinzip an die Regeln halten

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ja klar. Der Trick ist doch nur, dass diese ganzen Heinis eine Verzauberung durchführen und dann die Entzauberung stattfindet. Diese ganze KI-Diskussion ist doch eine von “Ich habe ein Produkt erschaffen und das wird eine Lösung sein!” “Wofür denn genau?” “Das wissen wir jetzt noch nicht, aber kauft das Produkt jetzt!”

Die ganze Geschichte von Elon Musk ist eine Geschichte von “Ich habe eine Lösung!” “Für welches Problem?” “Willst Du etwa an der Genialität meiner Lösung zweifeln?”

Natürlich kannst Du auch ein StartUp gründen, was sich an die Regeln hält, die Frage ist dann, was Dein Produkt ist. Du kannst auch fair-gehandelte Seife auf Ziegenmilchbasis verkaufen, damit wirst Du dann eben nicht “das mächtigste Unternehmen der Welt” und wenn dann PETA Videos aus deiner Ziegenmassentierhaltung veröffentlicht hast Du ein Problem, weil Dein Produkt eben nicht “Seife” ist, sondern “Seife mit Moral”.

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Ich kenn den nicht, ich hab mit Spieltheorie auch nichts am Hut.

Ist das denn schlüssig aus deiner Sicht oder was wäre schlüssiger?

Ich finde das schlüssig.

Ich weiß nicht wie du auf Trick kommst. Das ist kein Trick. Das ist der Machtmechanismus verstanden.

Diese Leute kommen nicht durch irgendwelche Tricks in solche Höhen. Die haben buchstäblich verstanden worum es geht. Die mögen gleichzeitig irgendwie Doof oder verrückt oder sonst was sein, mit solchen Fragen kann man wunderbar sein Betriebssystem updaten.

Was zählt ist die verstandene Macht.

Dann kannst du sogar Ziegenmilchseife verkaufen, das ist dann nur eine Frage der Skalierung. Halt ein bisschen kleiner als Tesla.

All diese wirren Milliardäre können so wirr sein wie sie wollen, denn die haben etwas begriffen. In Echt begriffen. Deshalb hab ich noch kein Imperium aufgebaut, deshalb hat hier auch sonst noch niemand ein Imperium aufgebaut.

Elon Musk ist der ultimative Beweis dafür dass die Aufdeckung moralischer Verkommenheit ein Ablenkungsmanöver ist.

Das ist nicht schwer zu verstehen!

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Es geht um die Verzauberung des Publikums.

Die Aldi-Brüder haben niemanden verzaubert und sind damit äußerst erfolgreich. Sie müssen niemanden täuschen, sie müssen nicht in auf Twitter abhängen, ständig in Podcasts herumhängen oder Personenkult betreiben.

Wenn Du jetzt “moralische Verkommenheit” eines Musk als Ablenkungsmanöver siehst, dann hast Du dich vorher verzaubern lassen und ärgerst Dich über Deine Blödheit (und wendest diese als “verstandene Macht” gegen andere i.S.v: “Der Mechanismus”, “Die Macht”. Damit kann man dann seine eigene moralische Vollkommenheit präsentieren und sich als Opfer “des Mechanismus” sehen, redet aber eigentlich (und hier muss ich dann leider dem Ausgangspost recht geben) im doppelten Sinne von der Selbst-Beherrschbarmachung).

Elon Musk ist wenn, dann nur Beweis für die Blödheit des Publikums. (deshalb meine Abneigung über solche Personen zu sprechen und diese pars-pro-toto für ein Wirtschaftssystem zu nehmen.)

Also: Den Schlussakt für die Ouvertüre zu halten ist der Fehler. Deswegen (und auch hier widerhole ich mich) ist der Ausgangsartikel nur Unterhaltsliteratur und nur der Schlussakt. Die Ouvertüre ist “Altman will die Welt verbessern, weil er ein guter Mensch ist.” Diese Selbstverblödung Personen mit Rollen zu verwechseln muss man schon aktiv mitgehen.

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Verzauberung also. Ich sage Verzauberung ist ein Nebenprodukt. Wenn du die Verzauberung einfach weglässt landest du bei dem selben Ergebnis. Niemand braucht irgendwen zu verzaubern um an eine solche Position zu gelangen. In dem Sinne hast du recht wenn du sagst die Leute lassen sich verzaubern. Es ist aber schlicht egal. Die Verzauberung ist der Versuch einer Erklärung die aber nur normativ ist.

Das Ereignis ist die Machtfülle und die Schritte zur Akkumulation dieser. Das Anerkennen dieser Machtfülle ist keine Kapitulation, sondern ganz simpel die Feststellung dass sie existiert. Im Gegenteil, darin liegt die Möglichkeit zu erkennen dass ein Wirtschaftssystem genau die gleichen Mechanismen braucht, also die Machtfülle der ursächliche Sinn ist.

Wie aufwändig es ist so ein System aufzulösen kann man prima bei sich selbst beobachten, wenn ich weiß wie es ist Macht abzugeben. Wenn ich meine Position aufgebe zugunsten einer Lösung, und zwar konkret im Alltag. Nicht mit einem theoretischen Überbau, nicht mit oder ohne Verzauberung sondern konkret im Jetzt.

Musk oder wer auch immer ist mir egal. Ich hab keinerlei Einfluss weder in Person noch auf das was diese Leute in die Welt gebracht haben. Durch die Anerkennung der Existenz der Machtfülle spar ich Ressourcen weil ich mich nicht darüber echauffieren muss wie falsch, ungerecht, doof, wirr, böse die sind und was sie vielleicht genutzt haben könnten um eine Machtfülle zu erreichen. Ich kann stattdessen mich voll und ganz auf meinen Wirkkreis konzentrieren. Das ist meine Ouvertüre.

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da ist mir dein Machtbegriff zu abstrakt und nicht trennscharf (die Diskussion führt ihr ja an anderer Stelle).

Die Möglichkeit Geld (nicht) auszuzahlen ist an der Stelle keine Macht, sondern Verfügungsmöglichkeit über Geld. “Mein Laden, meine Regeln.” ist keine Machtfrage, sondern eine Geldfrage. Ein Wirtschaftsystem hat auch nicht als “ursächlichen Sinn” “Machtfülle”, sondern Steigerung von Geldsummen.

Da wird es mir dann zu mythisch-verklärend.

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Alles fein, für mich liegt die Geldfrage der Machtfrage nachgelagert. Erst Macht, dann Geld, dann mehr Macht.