Zynische Betrachtung von Menschen die Sozialhilfe empfangen, als potenzielle Mörder

Ich habe diesen Kommentar als sehr zynisch empfunden. In dem Sinne, dass die Sozialhilfe dafür da sei, die besseren Klassen vor den Armen zu schützen, welche natürlich sonst alle anderen umbringen würden. Hier wird das Wort: “Lösegeld” für die Sozialhilfe verwendet, um nicht vom Taker umgebracht zu werden. Wie schaut ihr darauf?

Warum zynisch?

Soziales Handeln war aber immer zugleich Ordnungspolitik, die auf die Erhaltung des sozialen Friedens abzielte.[7] So sollten die unter Reichskanzler Otto von Bismarck in den 1880er Jahren in Deutschland eingeführte Renten-, Kranken- und Unfallversicherungen die wachsende Bevölkerungsschicht der Industriearbeiter von revolutionären Bestrebungen abhalten.

Quelle: Sozialstaat – Wikipedia

Nur weil “der Sozialstaat” im Schulunterricht und in Sonntagsreden romantisiert wird, kann man sich trotzdem seine Funktion angucken.

Der letzte Satz war schon unangemessen gönnerhaft.

Die Funktionsbeschreibung des Sozialstaates ist also ästhetisch nicht ansprechend?

Die historische Funktion des Sozialstaats finde ich in diesem Kontext nicht so wichtig. Es geht darum, wie man den Sozialstaat im Hier und Jetzt definieren sollte und welche Funktion er haben kann. Im Idealfall soll er ja als ein Auffangnetz dienen, wenn eine Lebenskrise etc. eintritt. Mir ist wohl bewusst, dass darüber in gewissen Kreisen anders gedacht wird und natürlich auch eine ordnungspolitische Facette dazugehört.

Mir geht es um das Bild, welches hier mittels einer Geschichte, über Menschen in prekären Lebenslagen gezeichnet wird, und zwar, dass man sich vor diesen schützen müsse, weil sie einen sonst umbringen würden. Gerade der Satz: “Mit dieser Geschichte tauchen wir in den Kopf der Armen Leute ein”, ist für mich wirklich fatal. Diese Gleichsetzung eines Serienmörders aus einer Geschichte mit Menschen in prekären Lebenslagen ist schlichtweg zynisch.

Statt die Menschen und ihr Leid in diesem Beitrag in den Fokus zurück, wird der Fokus daraufgelegt, wie ich mich als vermeintlich wohlsituierter Journalist vor Menschen in prekären Lebenslagen schützen kann. Diese harte Denkweise mag realpolitische Entsprechungen haben, was es aber keinesfalls besser macht.

Zynismus prägt das ganze System und das ist die Norm. Jetzt auf Zynismus hinzudeuten, macht es nicht besser. Im Gegenteil, denn diese Erkenntnis erzeugt das Wohlgefühl und die Befriedigung etwas erkannt zu haben. Den Schuldigen zu kennen, ihn sogar benennen zu können, um sich dann in der U Bahn, sich seiner eigenen Privilegien bewusst, aber zugleich beschämt, verlegen das nächste Erdloch zu suchen in das man verschwinden möchte: Das System hat gewonnen.

Ich fühle mich nicht als habe ich etwas erkannt, sondern finde lediglich die mediale Darstellung furchtbar und spüre eine Wut über das dargestellte. Ich habe durch meine Arbeit einen täglichen Bezug zu Leute, die Sozialleistungen empfangen. Daher kommt das entsprechende Gefühl auf.

Wenn ich deine Argumentation richtig verstehe, klingt das für mich ziemlich fatalistisch. Ich muss mich ja nicht damit abfinden, dass Zynismus vermeintlich die Norm ist, sondern kann eine andere Betrachtungsweise einfordern, gerade vom ÖRR.

Ist nicht gegen Dich gerichtet.

Ich will auf die Falle hinweisen in die man da tappen kann.

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Als Kinder dieser Gegenwart hat für uns alle mit dem Tag unserer Geburt, eigentlich mit dem Tag unserer Zeugung, die Teilnahme an einem laufenden Krieges begonnen, in dem ausgefochten wird, wem alle Sachen gehören. Das ist zynisch, weil es nicht so sein müsste.

Festzustellen ist, dass die wenigsten Menschen, wenn sie feststellen, dass sie auf legalen Wegen nicht an die Sachen kommen, die sie brauchen, um ihr Überleben und das ihrer Liebsten zu sichern, das nicht einfach hinnehmen und in Schönheit sterben. Jeder einigermaßen vernunftbegabte Mensch sollte in der Lage sein, anzuerkennen, dass es sich dabei jenseits der juristischen Einschätzungen, aus rein moralischen Gesichtspunkten, um Notwehr im Krieg um alle Sachen handelt.

Man tut niemandem einen Gefallen, in dem man die Tatsache leugnet, dass Menschen bereit sind, wenn es sein muss auch mit Gewalt, um ihr Überleben zu kämpfen. Wir müssen und sollten arme Menschen nicht zu moralisch unbefleckten Elendsgestalten verklären, die sich vollkommen wehrlos jede Demütigung von oben gefallen lassen. Selbstverständlich führen wirtschaftlich prekäre Bedingungen dazu, dass Leute stehlen, rauben, morden, einbrechen, enkeltricksen, Drogen verkaufen, gewaltvoll protestieren, Regierungsgebäude anzünden und so weiter und so fort.

Der Ich-Erzähler und vermutlich auch der Autor adressiert hier als wohlhabender Mensch andere wohlhabende Menschen, um mit ihnen über arme Menschen zu sprechen. Das ist ein inhärent unsympathisches kommunikatives Gefüge. Ich habe zumindest Respekt vor der Aufrichtigkeit, vor seinen Peers keinen Hehl aus dem Krieg um alle Sachen zu machen.

Selbst wenn, wäre das ja in Ordnung :blush: Ich schicke das ja hier rein, um andere Perspektive zu lesen, auch wenn ich sie nicht teilen sollte

Ich verstehe deine Perspektive, aber meine Kritik an dem Beitrag ist nicht, einen Zusammenhang zwischen prekärer Lebenslage und Gewalt zu relativieren. Natürlich gibt es das, und kann unter der Zunahme von ökonomische Verteilungskämpfen steigen.

Es geht mir lediglich darum, wie auf Menschen in prekären Lebenslagen geschaut wird. Nicht als Menschen, die aufgrund verschiedenster Krisen Unterstützung bekommen, sondern als potenzielle Gewalttäter bzw. Mörder, die man sich von Leib halten muss. Hier wird nicht aufgeklärt, welche Verhältnisse und Ereignisse dazu führen, dass Menschen Sozialhilfe empfangen, und dass uns das (fast) allen passieren kann, in diese Lebenslage zu rutschen. Diese einseitige Betrachtung, ohne weitere Erläuterung, erzeugt in mir eine starke Aversion.

Ich wollte hier auch erst einen Kommentar zu Jakobs Bemerkung schreiben - aber nachdem Verfolgen des Thread bis hier hin ist sein Kommentar eigentlich wieder sehr passend. Vielleicht schließt sich hier ein Kreis.

Vor X Jahres las ich mal einen Artikel mit dem Titel “The Pitchforks are coming" und es ging auch darum, das bessere Verteilung nötig sei, damit es keine gewalttätige Revolution gibt.

Ich würde ja behaupten die allermeisten Bürgergeldempfänger bis normale Einkommen haben gar keine Zeit für Revolution, denn die müssen arbeiten, Angebote checken um günstig einzukaufen, irgendwie Kohle rankriegen und nebenbei ihr Leben regeln.

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Das ist genau der Punkt, auf den ich hinaus will. Natürlich sind sie potenzielle Gewalttäter, weil die allermeisten von uns potenzielle Gewalttäter sind. So gut wie jeder wäre bereit zur Gewalt, wenn das eigene Leben oder das derjenigen, die einem wichtig sind, davon abhängt.

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Nein, das war einfach ein sehr dummer Feulletonkommentar .

Die Sozialleistungen haben mit dem Phänomen nichts zu tun. Denn eine Partei, die die Lebensbedingungen verbessern würde, wird hier nie gewählt.

Das Prekariat, das auf der Straße bettelt oder sich die Zähne ziehen lassen muss, kommt nie wieder auf einen grünen Zweig. Es sei denn, die AFD kommt dran und braucht Leute, um Terror zu verbreiten.

Aber das sagt er ja gar nicht in dem Beitrag. Er sagte quasi, wenn man in Kopf eines Mörder in einer Geschichte schaut, schaut man in der Kopf von Menschen in prekären Lebenslange. Das ist mir zu pauschalisierend und kausal gedacht. Wenn du und er damit Recht hätten, würde es auf der Welt viel mehr Morde geben, weil es viele Staaten und Gesellschaften ohne soziale Sicherungssysteme gibt. Die Menschen denken doch nicht in der breiten Masse: “Fuck, ich bin arm, ich muss jemanden töten und mir sein oder ihr Geld nehmen !”. Es gibt viele Versuche erstmal seine Existenz anderweitig zu sicher und den meisten ist bewusst, dass sie im Knast landen, wenn sie jemanden umbringen und ihre Familie dann nicht ernähren können. In Haiti bspw. versuchen viele Menschen in prekären Lebenslagen erstmal über das fangen von Glasaalen aus der Armut herauszukommen, was auch in teilen illegal ist, aber zumindest seichter.

Um das noch einmal klar zu formulieren, mir ist der Beitrag einfach nicht differenziert genug für so ein komplexes Thema. Diese enorme Vereinfachung des Beitrags lässt vieles außer acht. Außerdem ist es ja auch wichtig, wie etwas kommuniziert wird, und ich höre da ein ganz klares; “Ich schaue auf die anderen herunter”, raus.

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Der Punkt ist, niemand sollte sich damit abfinden und dennoch tut es am Ende jeder. Ich auch, weil es nicht anders geht.

Das Problem liegt tiefer würde ich sagen, gerade beim ÖRR. Die sind getrieben von allen Seiten und müssen sich durch eine selbstauferlegte „Neutralität“ irgendwie zwischen den stigmatisierten (gefährlichen) Armen und der Hand die sie füttert, durchlavieren im Sinne einer scheinbaren Pluralität in der Meinungsabbildung. Aus meiner Sicht ein aussichtsloses Vorhaben unter diesen Vorzeichen. Die Medien sind Täter und sie sind Opfer gleichermaßen. Was nicht heißt sie nicht zu kritisieren.

Die Reproduktion dieses Mechanismus ist aus meiner Sicht gefährlicher als die Medien selbst. Das Gefühl jemand oder eine Gruppe wird stigmatisiert im Sinne der herrschenden Klasse also top down, die nicht nur empfundene Ungerechtigkeit wird nicht gerechter wenn ich das kritisiere, aber letztlich nichts ändern kann. Das ist die Gegenposition die das System dringend braucht und deshalb zulässt weil es nichts kostet und es zugleich legitimiert. Win win.

Verstehe deinen Punkt, wie würdest du denn damit umgehen und dich dazu verhalten?

Ich versuche es zu ignorieren und da wo es mir möglich ist, Betroffenen zu helfen. So wie Du es im Grunde auch beschrieben hast.

Geht nur im direkten Umfeld, wenn das Umfeld die U8 ist dann eben da.

Ich würde sagen der Umstand dass soziale Fürsorge so geframed wird sagt mehr über das System, als über den Menschen( den potentiellen Mörder). Das Lebewesen, wenn sie auf das Existenzielle zurückgeworfen werden eher zu Handlungen bereit sind, die moralisch fragwürdig sind ist verständlicher und vertretbarer, als ein System das gegenseitige Hilfe auf Abwehr von Chaos setzt statt auf gemeinsames Wohlbefinden das die Gemeinschaft als ganzes stärkt. Wäre beides funktional. Letzteres hätte zusätzlich ein aktives Potenzial.

Zusätzlich ist dieses Verständnis dahingehend problematisch, da es dazu führt, dass Strategien entwickelt werden, die statt Unterstützung einfach Auslöschung sind. Also man wird selbst zum Mörder als Verteidigung Strategie. Sei es durch Passivität wie Mittelmeer oder unterlassen von Anpassung an Auswirkungen Klimawandel.

finde es dann doch sehr spannend, wie man bei dem Gegenteil des Ausgangsposts herauskommen kann…

Da wählt jemand die zynische Perspektive eines Oberschichtsangehörigen und beschreibt die befriedende Wirkung des Sozialstaates als Schutz der Oberschicht vor der gesellschaftlichen Mehrheit mit der ganz klaren Warnung den Sozialstaat nicht abzubauen, wenn man an gesellschaftlicher Stabilität interessiert ist…

und hier wird es dann zu einer Diskussion um Sprachsensibilität und Psychologisierung von Einzelpersonen…

Ich möchte noch mal auf den Titel des Ausgangsstückes hinweisen: “Aufstand der Armen – Was, wenn sie sich nehmen, was ihnen zusteht?”