Alles Faschos außer Mutti (und Eva)

Ein Problem mit Redeckers Faschismusdefinition

Florentine unternahm gestern einen interessanten Versuch, eine an Redecker angelehnte Argumentation auf die Terf-vs.-Trans-Diskussion anzuwenden.

Die genaue Herleitung muss hier nicht wiederholt werden, Interessierte können sie im betreffenden Thread nachlesen. Die Argumentationskette mündet in einer Trinität (Heilige Dreieinigkeit) aus Überlegenheit, Phantombesitz und Liquidation:

Das ist wohl wirklich so, allerdings kam mir beim Lesen der Gedanke: Wie würde ein TERF, der ohne kognitive Beschränkung durch eine Art geistigen Schildkrötenpanzer daherkommt, an dieser Stelle argumentieren, um seinen eher traditionellen Geschlechterbegriff zu verteidigen? Er könnte die Argumentation einfach spiegeln wie folgt:

Die Kategorien „Mann und Frau“ sollen aus der anerkannten gesellschaftlichen Wirklichkeit entfernt werden. Alles ist im Fluss, in der Transformation – gesellschaftliche Strukturen bis hin zur Familie werden aufgelöst, was am Ende bleibt sind vereinzelte Individuen.

Überlegenheit: Transgeschlechtlichkeit wird als moralisch oder politisch überlegen gesetzt, weil sie als inklusiver und integrativer gilt.
Phantombesitz: Die subjektive Geschlechtsidentität und das Recht auf ihre gesellschaftliche Anerkennung werden als exklusiver Besitz des Individuums behandelt.
Liquidation: Die biologischen Kategorien „Mann“ und „Frau“ verlieren ihre eigenständige gesellschaftliche Bedeutung, indem sie durch subjektive Identität überschrieben oder ineinander überführt werden; die darauf beruhenden sozialen Institutionen – insbesondere die Familie – werden dadurch aufgelöst.

Na ja, oder so ähnlich. Es geht mir hier nicht um die Sache, sondern um die Umkehrung der Argumentation durch Spiegelung. Ein Faschismusbegriff, dem keine strukturelle Analyse zugrunde liegt, und der so leicht umgedreht werden kann, taugt wohl nicht viel.

Nun bin ich weder Turtle noch Terf, und dieses Terrain ist mir nicht allzu vertraut. Probieren wir die Spiegelung doch mal bei meinem Lieblingsthema, der Corona-Impfpflichtdiskussion. Grüße gehen raus an Emilia Fester!

Ein Befürworter der Impfpflicht hätte vielleicht im Dezember 2021 argumentiert, dass wir dank Omicron an der Schwelle zur Endemie stünden, aber “die Ungeimpften machen uns da den Strich durch die Rechnung”. Also her mit der Impfpflicht!

Der Impfpflicht-Befürworter hätte die Gegenposition beispielsweise wie folgt eingeordnet:

1. Überlegenheit:
Individuelle Selbstbestimmung auch in in Gesundheitsfragen gilt den Impfgegnern als der schützenswerte Normalzustand liberaler Gesellschaften – körperliche Autonomie als quasi-heiliges Recht, das grundsätzlich Vorrang vor kollektiven Erwägungen hat. Sie pochen auf ihre Grundrechte sogar noch angesichts einer möglicherweise drohenden Katastrophe - und auf Kosten anderer, nämlich der Risikogruppen.

2. Phantombesitz:
Der Anspruch “mein Körper, meine Entscheidung” wird als exklusiver, unbedingter Besitzstand behandelt – obwohl die faktische Grundlage dafür (dass die Entscheidung nur die eigene Person betrifft) durch die Pandemie weggefallen ist. Bei Atemwegsviren mit Übertragungspotenzial ist die eigene Impfentscheidung nie rein individuell – sie beeinflusst Übertragungsketten, Klinikkapazitäten, das Risiko für vulnerable Dritte. Der Besitzanspruch auf “reine Selbstbestimmung” ist insofern ein Phantom, als die Externalität längst Teil der Realität ist, der Anspruch aber so behandelt wird, als gäbe es sie nicht.

3. Liquidation:
Was durch das Festhalten der Ungeimpften an ihrem Autonomieanspruch unerreichbar gemacht bzw. verhindert (quasi “liquidiert”) wird, ist die Herdenimmunität/Endemie. Die Individualisten “liquidieren” damit nicht primär eine andere Gruppe, sondern das erreichbare Kollektivgut selbst: Ein Zustand, der eigentlich in Reichweite läge, wird durch die verweigerte Anpassung der Minderheit dauerhaft unzugänglich gehalten. Hinzu kommt: Die eigenen Großeltern werden durch das Festhalten der ungeimpften Enkel an ihrer Autonomie in Gefahr gebracht oder sterben, werden also im Wortsinn “liquidiert”.

Emilia Fester (paraphrasiert): Und die Ungeimpften hindern uns am Partymachen!

Jetzt die Spiegelung:

1. Überlegenheit:
Impfpflicht-Befürworter priorisieren den Schutz der öffentlichen Gesundheit und des Gesundheitssystems als kollektives Gut gegenüber individuellen Freiheits- und Selbstbestimmungsrechten in gesundheitlichen Fragen. Ihre scheinbare Überlegenheit basiert auf einer Wissenschaft, die so pharmanah wie korrupt ist.

2. Phantombesitz:
Sie gehen davon aus, ein legitimes Recht zu haben, diesen Kollektivschutz notfalls mit staatlichem Zwang und pharmazeutischen Mitteln durchzusetzen – während alternative oder ergänzende Ansätze zur Reduktion von Krankheitsschwere und -übertragung (etwa Prävention durch Lebensstilfaktoren, allgemeine Gesundheitsförderung) in der öffentlichen Debatte vergleichsweise wenig Gewicht erhalten. Angesichts nachlassender Impfwirkung und fehlenden Fremdschutzes ist die pseudo-wissenschaftliche Rechtfertigung der Pflicht zu einer risikobehafteten Impfung ein sich langsam in Luft auflösendes Phantom und zudem mit dem Grundgesetz nicht vereinbar.

3. Liquidation:
Die Impfpflicht zielt nicht auf Verhandlung oder Koexistenz mit der Gruppe der Ungeimpften, sondern auf ihre Auflösung als soziale Kategorie: Durch den Zwang zur Impfung hört die Gruppe auf zu existieren, indem jedes ihrer Mitglieder in die Gruppe der Geimpften überführt wird. Anderssein – hier: die bewusste Entscheidung gegen einen risikobehafteten pharmazeutischen Eingriff – wird nicht als legitime, dauerhaft koexistierende Position anerkannt, sondern soll verschwinden.

Wenn man von der (im ersten Fall fehlenden) Faktendeckung absieht, funktionieren hier wieder beide Richtungen der Argumentation. Was sagt uns das über Redeckers Faschismus-Modell oder zumindest über die daraus abgeleitete Essenz der Trinität aus Überlegenheit, Phantombesitz und Liquidation? Sie taugt nicht zur strukturellen Analyse.

Das Modell selbst enthält keine eingebaute Richtungsanzeige, wer der “eigentliche” Phantombesitzer ist. Die Entscheidung, welche Ansprüche “phantomhaft” sind und welche real, kommt von außerhalb des Modells – aus einer bereits vorhandenen (politischen) Position.

Wir landen bei Jan Philipp Reemtsma, der den Gebrauch des Faschismusbegriffs als Akt “wechselseitiger Vergewisserung affektiver Zusammengehörigkeit” beschrieb – also als Gruppenidentitätsstiftung unter Gleichgesinnten statt als analytisches Instrument - und zweifellos auch das vorliegende Modell der Redecker’schen Trinität dort einsortieren würde.

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Ich habe Redecker noch nicht gelesen, deshalb muss ich darauf vertrauen, dass die Darstellung bislang ihrer tatsächlich entspricht, aber deine Umkehrung beider Beispiele fand ich sehr interessant.

Worin besteht denn überhaupt die Notwendigkeit einen historischen Begriff so schwammig neu zu definieren? Was hat Redecker sich davon erhofft?

Was die Trinität tatsächlich sortiert, ist nicht Überlegenheit, Phantombesitz, Liquidation als Merkmale des Textes — sondern Plausibilität. Ob eine Verlusterzählung als reale Enteignung oder als bloßer Phantomanspruch gelesen wird, entscheidet sich nicht am Text, sondern daran, was der Lesende bereits für plausibel hält.

Genau deshalb funktioniert die Spiegelung in beide Richtungen: Jede Version ist für ihr eigenes Publikum plausibel, für das gegnerische nicht. Das Modell liefert also keine Erkenntnis über den Text, sondern importiert eine beim Publikum bereits vorhandene Plausibilitätsstruktur — und gibt sie als strukturelle Analyse aus. Das ist die fehlende Richtungsanzeige: Sie kommt von außen, weil “plausibel” immer schon “plausibel für jemanden” heißt.

Das erklärt auch, warum Reemtsmas Verdikt trifft: “wechselseitige Vergewisserung affektiver Zusammengehörigkeit” ist nichts anderes als Plausibilität, die innerhalb einer Gruppe zirkulär bestätigt wird. Man erkennt sich am geteilten Plausibilitätshorizont, nicht an einer geteilten Analyse.

Die eigentliche Frage wäre also nicht: Ist X faschistisch? Sondern: Für wen ist die Erzählung von X als Bedrohung plausibel — und was müsste jemand bereits glauben, damit sie es wird?

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ach ist das alles herrlich unproduktiv…

Die Kritik von Reemtsma trifft eine altbekannte Stelle.

Ich wundere mich nur über das Comeback von freudomarxistischen/frankfurter Faschismusbearbeitungen. Damals schon unzureichend, heute immer noch unzureichend. (Keine Analyse möglich.) Da wird der “autoritäre Charakter” wieder aus dem Keller geholt und mit “Zerstörungslust” und “Drang nach Härte” der “Todestrieb” wiederbelebt und eigentlich Huiskens kontraintuitive These bestätigt, dass Demokraten den Faschismus gar nicht kritisieren, sondern nur verbieten können… alles schön in die Psyche schieben vor der “wir” “uns” mit “Gleichgesinnten” dann “gemeinsam” ekeln können…

  1. Demokratie ist dem Faschismus überlegen.
  2. Wir haben ein Recht auf Demokratie, schließlich haben “wir” sie “uns selbst” erarbeitet.
  3. Faschismus muss verboten werden.

und schon stehe ich Hand in Hand mit Elon Musk und kritisiere den autoritären Charakter der Demokraten… “Selber faschistisch!” ist dann die Antwort, die wir uns im Kreise geben, Hufeisen schmieden und es sich jeder in seiner Meckerecke gemütlich einrichten kann…

und so leidig das Thema ist: da ist dann ausnahmsweise Redeckers Position zu Corona spannend, denn hier sieht man das bruchlose Changieren zwischen Ablehnung von “Faschismus” und Befürwortung totalitären Staatshandelns…

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Dein Einwand wäre stark, wenn Redeckers Modell tatsächlich nur aus den drei frei verfügbaren Etiketten „Überlegenheit“, „Phantombesitz“ und „Liquidation“ bestünde. Dann könnte man fast jeden politischen Konflikt in dieses Raster pressen und anschließend spiegeln.

Die entscheidende Frage ist deshalb: Was genau wird jeweils besessen, wer verfügt über wen, und welches frühere Herrschaftsverhältnis soll wiederhergestellt werden?

Phantombesitz meint nicht bloß einen Anspruch, den die Gegenseite für unbegründet hält. Gemeint ist ein Anspruch auf Verfügungsmacht, der aus einer historisch bestehenden Herrschaftsordnung stammt und nach deren Krise als angebliche Enteignung erlebt wird. Der Verlust von Herrschaft erscheint dem früher Privilegierten als Verlust seines Eigentums.

Genau daran scheitert die Spiegelung im Trans-Beispiel.

Die traditionelle Geschlechterordnung beansprucht, Menschen verbindlich zu klassifizieren und ihnen auf dieser Grundlage Rollen, Räume und Anerkennung zuzuteilen. Wenn dieser Anspruch begrenzt wird, verliert die Ordnung nicht die Existenz von Männern und Frauen. Sie verliert ihre exklusive Verfügung darüber, wer als Mann oder Frau gelten darf.

Der Anspruch einer trans Person auf Anerkennung ist dagegen kein spiegelbildlicher Herrschaftsanspruch über cis Personen. Cis Menschen werden weder aus ihrer Geschlechtskategorie entfernt noch gezwungen, ihre eigene Identität aufzugeben. Verloren geht lediglich das Monopol, andere abschließend zu definieren.

Auch bei der „Liquidation“ besteht keine Symmetrie. Auf der einen Seite soll eine Existenzweise als legitime gesellschaftliche Möglichkeit verschwinden. Auf der anderen Seite verliert eine Kategorie ihren Alleinvertretungsanspruch. Die Beseitigung von Menschen als anerkannter Gruppe und die Begrenzung einer Klassifikationsordnung sind strukturell verschiedene Vorgänge.

Das Impfbeispiel zeigt eher, wie weit die Begriffe gedehnt werden müssen, damit die Spiegelung funktioniert. „Liquidation“ bezeichnet dort nacheinander die Verhinderung von Herdenimmunität, mögliche Todesfälle, staatlichen Zwang und das Verschwinden der Kategorie „ungeimpft“. Wenn ein Begriff so viele unterschiedliche Vorgänge bezeichnet, ist nicht das ursprüngliche Modell widerlegt, sondern die Anwendung hat ihre Trennschärfe verloren.

Deine Frage bleibt trotzdem berechtigt: Woher kommt die Richtungsanzeige? Sie kommt nicht aus der bloßen Dreierformel. Sie kommt aus der materiellen und historischen Analyse:

  • Wer hatte institutionelle Verfügungsmacht?

  • Wer konnte wen definieren, ausschließen oder disziplinieren?

  • Welcher Machtverlust wird als Enteignung erzählt?

  • Soll Gleichberechtigung hergestellt werden oder eine frühere Verfügungsordnung zurückkehren?

Ohne diese Fragen wird Redecker tatsächlich zur rhetorischen Schablone. Mit ihnen ist die Spiegelung aber nicht neutral. Sie muss zeigen, dass auf beiden Seiten ein vergleichbares Herrschaftsverhältnis, ein vergleichbarer Besitzanspruch und eine vergleichbare Vernichtungslogik vorliegen. Genau das leisten deine Beispiele bislang nicht.

Der interessante Einwand lautet daher weniger: „Das Modell ist beliebig spiegelbar.“ Präziser wäre: Die verkürzte Trinität ist für sich genommen unzureichend und muss an eine konkrete Herrschaftsanalyse gebunden bleiben. Das trifft eine mögliche oberflächliche Anwendung Redeckers. Es widerlegt ihre Theorie noch nicht.

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Ja. So ähnlich hat Redaktionsassistentin Claudi bei mir auch reagiert, als ich ihr meinen Text zu lesen gab.

Nu’ ist der aber primär eine Reaktion auf deine Redecker-Verkürzung. Ob das Original mehr zu bieten hat, besprechen wir vielleicht mal, wenn wir das Buch gelesen haben.

Das da…

…kommt spät, ist aber eine Betrachtung wert. Zunächst: Die Dreierformel an sich hat keine Richtungsanzeige - das hat deine KI im obigen Zitat (Hervorhebung von mir) korrekt erfasst. Somit liegt der Gedanke nahe, sie durch eine historische und materielle Analyse zu ergänzen. Aber: Auch deine vier Fragen sind nicht neutral. Sie lenken die Analyse bereits in eine bestimmte Richtung - man soll zunächst nach der früheren Verfügungsmacht, dem Definitionsmonopol und dem Verlust einer privilegierten Position fragen. Damit wird die traditionelle Geschlechterordnung zum primären historischen Subjekt der Analyse und die transgender-freundliche Politik erscheint tendenziell als Reaktion auf deren Machtverlust.

Deine Richtungsanzeige ist kein neutraler Kompass, sondern selbst bereits eine politische und theoretische Vorentscheidung.

Denn ein Problem ist nicht dadurch erledigt, dass eine bestehende Ordnung als Herrschaftsordnung identifiziert wurde. Eine neue Ordnung kann reale Probleme lösen und gleichzeitig neue Probleme erzeugen. Sie kann neue Konflikte und neue Asymmetrien hervorbringen, die nicht einfach als Verteidigung eines früheren Herrschaftsverhältnisses beschrieben werden können.

Nehmen wir etwa die praktischen Fragen einer liberalen Transpolitik: Wie werden im Sport konkurrierende Interessen zwischen Trans- und Cisfrauen abgewogen? Wie geht man mit Jugendlichen um, die sich in einer Phase erheblicher körperlicher und psychischer Entwicklung befinden? Wie liberal soll - insbesondere für Minderjährige - der Zugang zu hormonellen und chirurgischen Eingriffen gestaltet werden, insbesondere wenn die Entscheidungen langfristige oder irreversible Folgen haben können? Es sind dies übrigens die Fragen, die @TurtleTerf in diesem Kontext maßgeblich umtreiben, wie ich einer DM an mich zu entnehmen glaube.

Man kann diese Fragen selbstverständlich unterschiedlich beantworten. Aber die bloße Tatsache, dass jemand hier skeptisch ist oder bestimmte Grenzen und Vorsichtsmaßnahmen fordert, macht ihn noch nicht zum Verteidiger einer früheren „Verfügungsordnung“. Und genau hier sehe ich das Problem mit der Redecker’schen (und deiner) Faschismusdiagnostik: Wenn kritische Positionen zunächst als Ausdruck eines Herrschaftsverlustes, eines Phantom-Besitzanspruchs und eines Wunsches nach „Liquidation“ interpretiert werden, dann wird die inhaltliche Prüfung der konkreten Probleme erschwert.

Die Frage „Wer hatte institutionelle Verfügungsmacht?“ ist dabei durchaus interessant. Aber es müsste ebenso möglich sein zu fragen: Welche neuen institutionellen Regeln werden gerade geschaffen? Wer wird durch sie geschützt, wer möglicherweise benachteiligt? Welche Zielkonflikte entstehen? Welche Risiken werden in Kauf genommen? Und welche empirischen Annahmen liegen den jeweiligen politischen Forderungen zugrunde?

Sonst entsteht eine Asymmetrie: Die traditionelle Ordnung wird als Machtordnung analysiert, während die neue Ordnung primär als Emanzipationsprojekt erscheint. Ihre möglichen Nebenfolgen werden dann leicht als bloße Abwehrreaktion derjenigen gelesen, die eine alte Privilegienordnung verlieren.

Ich bestreite also nicht, dass historische Machtverhältnisse für die Analyse relevant sind. Ich bestreite, dass sie allein die Richtung der Analyse vorgeben können. Und ich bestreite insbesondere, dass man die kritische Prüfung einer neuen politischen Ordnung dadurch ersetzen kann, dass man ihre Kritiker in eine faschistische Genealogie einordnet.

Gerade bei den von mir genannten Fragen — Sport, Jugendliche, medizinische Eingriffe — wäre eine solche Etikettierung besonders kontraproduktiv. Man kann für die Anerkennung und den Schutz von trans-Menschen eintreten und trotzdem der Meinung sein, dass es bei einzelnen politischen Maßnahmen reale Zielkonflikte und Grenzen gibt. Wenn jede solche Skepsis als Ausdruck eines Phantom-Besitzanspruchs analysiert wird - und der Fragensteller obendrein das “Fascho”-Etikett angeheftet bekommt -, verliert man die Möglichkeit, diese Konflikte vernünftig zu diskutieren.

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Ich glaube, der Knoten löst sich, wenn man drei Ebenen auseinanderhält: konkrete Regelungsfragen, die Grundannahmen eines Textes und die darin erkennbare Herrschaftslogik.

Sportregeln, medizinische Entscheidungen bei Minderjährigen und Standards für irreversible Eingriffe sind reale Regelungsfragen. Dort muss man Interessen abwägen, empirische Annahmen prüfen und mögliche Schäden auf allen Seiten berücksichtigen. Mein Beitrag entscheidet keine dieser Fragen vorab.

Der analysierte Text bleibt allerdings auch nicht auf dieser Ebene. Seine These lautet umfassender: Die Anerkennung von Transgeschlechtlichkeit entziehe homosexuellen Menschen die begriffliche Grundlage ihrer Existenz. Trans Jugendliche erscheinen darin als ursprünglich lesbische oder schwule Cis-Jugendliche, die durch Transidentität der Homosexualität verloren gingen. Der Satz, bei dieser Entwicklung werde es bald „keine schwulen Menschen mehr geben“, verdichtet genau diese Bewegung. Ärztliche Skepsis soll deshalb vor allem prüfen dürfen, ob eine trans Person „in Wirklichkeit“ homosexuell und cis sei.

Das ist der Gegenstand meiner Analyse.

Ich frage dort nicht abstrakt, welche Seite historisch gut oder böse ist. Ich frage am Text:

Wer gilt als das ursprüngliche und erhaltenswerte Subjekt?
Wessen Selbstverständnis steht unter Vorbehalt?
Wer darf über das „wahre“ Geschlecht anderer entscheiden?
Was geht tatsächlich verloren?
Welche anerkannte Existenzweise müsste verschwinden, damit der behauptete Verlust behoben wäre?

Die Richtungsanzeige steckt in den Asymmetrien des Textes.

Cisgeschlechtlichkeit muss sich dort nicht erklären. Transgeschlechtlichkeit wird als mögliche Verwechslung, ideologische Überformung oder medizinisch erzeugte Fehlentwicklung behandelt. Ein trans Junge kann zum „eigentlich lesbischen Mädchen“ zurückdefiniert werden. Die umgekehrte Frage, ob eine vermeintlich cisgeschlechtliche Person vielleicht vorschnell eingeordnet wurde, spielt keine Rolle.

Auch der behauptete Verlust ist asymmetrisch. Lesben und Schwule verlieren durch die Existenz trans Menschen weder ihre sexuelle Selbstbestimmung noch das Recht, Kontakte abzulehnen, noch den Schutz vor Homophobie. Als Verlust erscheint vielmehr, dass ihre Kategorien nicht mehr ausschließlich aus einer cisgeschlechtlichen Ontologie heraus definiert werden dürfen. Der Wegfall exklusiver Definitionsmacht wird als Gefährdung der Existenz von Homosexuellen erzählt.

Genau darin liegt der Phantombesitz: Ein Verfügungsanspruch über die Grenzen der Kategorien „Frau“, „lesbisch“ und „schwul“ erscheint als Besitz, dessen Einschränkung wie eine Enteignung behandelt wird.

Und daraus ergibt sich die liquidierende Lösung. Die Personen sollen nicht notwendig körperlich verschwinden. Verschwinden soll Transgeschlechtlichkeit als gesellschaftlich und rechtlich gültige Beschreibung. Der trans Junge wird zurückdefiniert, die Transfrau wird wieder zum „biologischen Mann“, Transidentität wird verzögert, angezweifelt oder aberkannt. Die Person darf bleiben, sofern ihre Transgeschlechtlichkeit keine anerkannte Wirklichkeit mehr besitzt.

Deine Fragen nach neuen institutionellen Regeln sind damit keineswegs erledigt. Sie gehören anschließend konkret untersucht. Dann müsste man aber jeweils benennen:

Welche Regel ist gemeint?
Welchen Zweck verfolgt sie?
Wer wird durch welchen Mechanismus benachteiligt?
Welche empirischen Annahmen tragen diese Bewertung?

Der Begriff der „neuen Ordnung“ scheint mir dafür zu groß. Personenstandsrecht, Sportregeln, medizinische Leitlinien und Antidiskriminierungsrecht sind verschiedene institutionelle Bereiche mit verschiedenen Maßstäben. Aus ihrer gemeinsamen Transfreundlichkeit entsteht noch keine geschlossene Gegenordnung mit einem einheitlichen Definitionsmonopol über cis Menschen.

Gerade dieser Ordnungsbegriff erzeugt erst die scheinbare Symmetrie: Auf der einen Seite steht eine historisch institutionalisierte Ordnung, die alle Menschen verbindlich klassifiziert. Auf der anderen Seite werden unterschiedliche Korrekturen und Anerkennungsregeln zu einem Gegenregime zusammengezogen. Danach kann jede Begrenzung alter Definitionsmacht als Aufbau einer neuen Herrschaft erscheinen.

Natürlich können auch einzelne emanzipatorisch begründete Regeln schlecht gestaltet sein. Das müsste sich an diesen Regeln zeigen. Es folgt nicht bereits aus der Anerkennung transgeschlechtlicher Existenz.

Die biologische „Objektivität“, auf die sich die alte Klassifikation beruft, ist zudem weniger eindeutig, als der Text voraussetzt. Chromosomen, Gonaden, Hormone, Anatomie und Fertilität können auseinanderfallen; die Geburtszuweisung erfolgt gewöhnlich anhand äußerer Anatomie und bildet keine umfassende biologische Feststellung.

Man kann daher beides tun: konkrete transfreundliche Maßnahmen kritisch prüfen und zugleich analysieren, wann ein Text Transgeschlechtlichkeit selbst als Ursache eines gesellschaftlichen Verlustes konstruiert.

Meine Diagnose würde zu weit gehen, wenn sie jede vorsichtige Nachfrage zu Sport oder Medizin erfassen sollte. Das tut sie nicht. Sie bezieht sich auf eine Argumentation, in der Transgeschlechtlichkeit als Auflösung von Homosexualität, Geschlechtsbegriffen und gesellschaftlicher Klarheit erscheint und ihre Zurücknahme als Lösung angeboten wird.

Die entscheidende Trennfrage wäre für mich deshalb:

Wird eine konkrete Regel wegen ihrer konkreten Folgen kritisiert – oder erscheint bereits die gesellschaftliche Anerkennung transgeschlechtlicher Menschen als Verlust, der rückgängig gemacht werden muss?

Der analysierte Text überschreitet diese Grenze sehr deutlich.

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Gut, jetzt bewegen wir uns von meiner eher allgemein gehaltenen Kritik an einer unzulänglichen Faschismusdefinition - die wohl einstweilen unbeanstandet bleibt? - zur konkreten Textexegese. Die würde ich dann ggf. vor Ort fortführen, den Text vor Augen.

Ich schreibe das jetzt ohne jede Bosheit: Du machst gerade einfach für alle Leute, die einigermaßen im Thema drin sind, deutlich, dass es dir an Immunisierung gegen TERF-Rhetorik und -dogwhistles mangelt.

Auf die Gefahr hin, deine Aufmerksamkeit jetzt wieder an Entrüstung über Faschovergleiche zu verlieren: Dass Turtleterf sich mit diesem Namen hier einloggt, die Dinge schreibt, die sie schreibt, @fdoemges mal mindestens ernstzunehmend mit Doxxing droht, ist so, als wäre ein Typ in unsere Kneipe stolziert, der ne schwarze Sonne auf die Stirn tätowiert hat, und hätte angefangen, über den großen Austausch zu monologisieren, um danach noch “Ausländer raus” zu skandieren.

Dass das so ist, weiß ich leider aus Erfahrung und scheine damit auch nicht alleine zu sein. Dass Florentine, ich und andere hier diese Auseinandersetzung skippen und direkt zum Wesentlichen übergehen, hat gute Gründe. Den Typen mit dem Tattoo inhaltlich zu stellen, den Fehler machst du einmal. Danach weißt du, dass er dann beim nächsten Mal mit seinen Kameraden wiederkommt.

Deine Forderung, man könne sich doch wenigstens mit Konsequenzen für Jugendlichen beschäftigen, macht so viel Sinn, als kämst du nach einem Vier-Augen-Gespräch mit der Schwarzen Sonne vom Kneipenklo wieder, und würdest vorschlagen, zumindest über die Kölner Silvesternacht müsse sich doch diskutieren lassen.

Dass du das nicht siehst, liegt zum einen daran, dass drohende digitale Gewalt nach wie vor nicht ernstgenommen wird (ich bin mir sicher, Turtleterf hat Gründe, sich ausgerechnet über Collien Fernandez lustig zu machen. Ich weiß, wie TERFs mit Bildmaterial von trans Frauen umgehen, wenn sie glauben, dass niemand guckt), zum anderen daran, dass TERFs als mehrheitlich weiße, cis weibliche Bewegung sehr gut darin sind, den Windschatten zu nutzen, der ihnen die sexistische Unterschätzung weißer cis Frauen als harmlos und ewige Opfer bietet. Es ist nicht deine Schuld, dass du da offensichtlich eine Bildungslücke hast, aber ich zumindest bin nach etwa zehn Jahren genau solcher Diskussionen nicht mehr gewillt, sie für dich zu füllen. Kümmer dich da bitte selbst drum.

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Für mich macht’s wenig Sinn, mich zu den Mutmaßungen über Turtle zu äußern. Aber das…

…müsste ja noch nachvollziehbar sein. Wann war das, in welchem Thread? Und kann man eine Person “doxxen” (?), die ohnehin mit Klarnamen hier unterwegs ist?

Das ist hier kein KI Prompt.

Die Antworten kannste Dir selbst erarbeiten. Wurde ja alles schon Geschrieben.

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Die Frage ist aus meiner Sicht nicht, ob inhaltliche Diskussionen zu Thread-Titeln zulässig sind, wie TurtleTerf sie lanciert hat. Problematisch finde ich, wenn solche Gelegenheiten offensichtlich als Vehikel genutzt werden, um Vorurteile und Vorbehalte zu transportieren - und sich anschließend jeder inhaltlichen Auseinandersetzung zu entziehen.

Ich würde auch die Frage nach dem Doxxing nicht auf technische Aspekte reduzieren (war es das oder nicht?). Allein ein solcher Ansatz wirft doch die Überlegung auf, warum jemand das tut - eine souveräne Position im Sinne offenen Diskurses sehe ich da nicht. Unglücklicherweise wirkt das Umlegen der Auseinandersetzung auf die persönliche Ebene in diesem speziellen Fall wie ein Muster. Das ist der Punkt, wo sich ein Protagonist ohne Grund selbst disqualifiziert.

Die Empfehlung und Anforderung ist doch an jeden in einem Forum, seine Argumentationslinie selbst sachlich zu entfalten, anstatt darauf zu setzen, dass andere das stellvertretend übernehmen, oder dass Parolen einfach hingenommen werden und nicht verteidigt werden müssten, weil man sich kurzerhand auf Meinungsfreiheit beruft. Die gilt selbstverständlich - und zwar für jeden.

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Nee sorry. Entweder, du hältst genug von mir, um korrekt einzuschätzen, dass ich mir so einen Vorwurf nicht aus dem Hintern ziehe, oder du machst dir selbst die Mühe. Mehr Potential für Traffic zum entsprechenden Post zu generieren, nur weil du lowkey nicht weißt, was TERFs sind, seh ich gar nicht ein.

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Ergänzend: Eine Forumsdiskussion schließt nicht aus, dass sich innerhalb dessen Meinungslager bilden können - sie „wachsen“ dann von selbst. Das Schöne ist häufig, dass weitere Stimmen auch weitere Sichtweisen oder Details beisteuern und Überlegungen anregen, die den Horizont verbreitern können.

Manipulierte Ansätze sind etwas anderes. …

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Wenn der Vorwurf im Raum steht, muss er überprüfbar sein. Wo fand “Doxxing” statt, welcher Thread? Ich suche dann gerne selber. Noch besser wäre allerdings ein Zitat.
Oder wurde die Stelle inzwischen gelöscht?

Dann überprüfe das doch anstatt hier immer wieder so Ahnungslosen Spam reinzuhauen.

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Sei beruhigt, das ist eindeutig der Fall.
Der entsprechende Post wurde dann geändert.

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Was ich finde ist ein Fascho-Vorwurf gegen Turtle im Finanzierungs-Thread. Ging das “Doxxing” dem voraus oder war es eine (überzogene, dann korrigierte) Reaktion darauf?

Es geht nicht darum, was ich von dir halte. Sondern darum, dass ein “Fascho”-Vorwurf gegen ein neues Forums-Mitglied geäußert wurde - übrigens, nachdem diesem bereits zuvor eingeschränkte kognitive Fähigkeiten attestiert worden waren - und um die möglichst objektiv zu klärende Frage, wie er begründet wird. Damit verbunden, ob der Vorwurf gerechtfertigt ist, oder nur ein Tool, um eine hier nicht mehrheitsfähige Meinung zu “canceln”.

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Ich muss jetzt wieder ein bisschen menscheln. Sorry.

Es gibt einen Unterschied zwischen einer bewussten Tat - hier ging es bewusst darum in einem Forum zu trollen - und die jeweiligen Lebenssituationen aus der heraus reagiert/geschrieben wird.

Ich kann meine Lebenssituationen so beschreiben, ich habe jeden Tag mit bewusst handelnden Menschen aus diesem Umfeld zu tun. Ich komme also schon aus Gewohnheit „gut“ mit denen klar.

Weil ich jetzt nicht in die Köpfe anderer schauen kann/will, kann ich trotzdem feststellen, es gibt Lebenssituationen die mit meiner nicht vergleichbar sind, deshalb steht jede Reaktion für sich. Damit sage ich nicht eine Reaktion sei nicht kritikwürdig, es wäre vielleicht gut keine Bewertung eines Streits abzugeben. Sonst muss man in die Köpfe anderer hineinschauen.

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