Ein Problem mit Redeckers Faschismusdefinition
Florentine unternahm gestern einen interessanten Versuch, eine an Redecker angelehnte Argumentation auf die Terf-vs.-Trans-Diskussion anzuwenden.
Die genaue Herleitung muss hier nicht wiederholt werden, Interessierte können sie im betreffenden Thread nachlesen. Die Argumentationskette mündet in einer Trinität (Heilige Dreieinigkeit) aus Überlegenheit, Phantombesitz und Liquidation:
Das ist wohl wirklich so, allerdings kam mir beim Lesen der Gedanke: Wie würde ein TERF, der ohne kognitive Beschränkung durch eine Art geistigen Schildkrötenpanzer daherkommt, an dieser Stelle argumentieren, um seinen eher traditionellen Geschlechterbegriff zu verteidigen? Er könnte die Argumentation einfach spiegeln wie folgt:
Die Kategorien „Mann und Frau“ sollen aus der anerkannten gesellschaftlichen Wirklichkeit entfernt werden. Alles ist im Fluss, in der Transformation – gesellschaftliche Strukturen bis hin zur Familie werden aufgelöst, was am Ende bleibt sind vereinzelte Individuen.
Überlegenheit: Transgeschlechtlichkeit wird als moralisch oder politisch überlegen gesetzt, weil sie als inklusiver und integrativer gilt.
Phantombesitz: Die subjektive Geschlechtsidentität und das Recht auf ihre gesellschaftliche Anerkennung werden als exklusiver Besitz des Individuums behandelt.
Liquidation: Die biologischen Kategorien „Mann“ und „Frau“ verlieren ihre eigenständige gesellschaftliche Bedeutung, indem sie durch subjektive Identität überschrieben oder ineinander überführt werden; die darauf beruhenden sozialen Institutionen – insbesondere die Familie – werden dadurch aufgelöst.
Na ja, oder so ähnlich. Es geht mir hier nicht um die Sache, sondern um die Umkehrung der Argumentation durch Spiegelung. Ein Faschismusbegriff, dem keine strukturelle Analyse zugrunde liegt, und der so leicht umgedreht werden kann, taugt wohl nicht viel.
Nun bin ich weder Turtle noch Terf, und dieses Terrain ist mir nicht allzu vertraut. Probieren wir die Spiegelung doch mal bei meinem Lieblingsthema, der Corona-Impfpflichtdiskussion. Grüße gehen raus an Emilia Fester!
Ein Befürworter der Impfpflicht hätte vielleicht im Dezember 2021 argumentiert, dass wir dank Omicron an der Schwelle zur Endemie stünden, aber “die Ungeimpften machen uns da den Strich durch die Rechnung”. Also her mit der Impfpflicht!
Der Impfpflicht-Befürworter hätte die Gegenposition beispielsweise wie folgt eingeordnet:
1. Überlegenheit:
Individuelle Selbstbestimmung auch in in Gesundheitsfragen gilt den Impfgegnern als der schützenswerte Normalzustand liberaler Gesellschaften – körperliche Autonomie als quasi-heiliges Recht, das grundsätzlich Vorrang vor kollektiven Erwägungen hat. Sie pochen auf ihre Grundrechte sogar noch angesichts einer möglicherweise drohenden Katastrophe - und auf Kosten anderer, nämlich der Risikogruppen.
2. Phantombesitz:
Der Anspruch “mein Körper, meine Entscheidung” wird als exklusiver, unbedingter Besitzstand behandelt – obwohl die faktische Grundlage dafür (dass die Entscheidung nur die eigene Person betrifft) durch die Pandemie weggefallen ist. Bei Atemwegsviren mit Übertragungspotenzial ist die eigene Impfentscheidung nie rein individuell – sie beeinflusst Übertragungsketten, Klinikkapazitäten, das Risiko für vulnerable Dritte. Der Besitzanspruch auf “reine Selbstbestimmung” ist insofern ein Phantom, als die Externalität längst Teil der Realität ist, der Anspruch aber so behandelt wird, als gäbe es sie nicht.
3. Liquidation:
Was durch das Festhalten der Ungeimpften an ihrem Autonomieanspruch unerreichbar gemacht bzw. verhindert (quasi “liquidiert”) wird, ist die Herdenimmunität/Endemie. Die Individualisten “liquidieren” damit nicht primär eine andere Gruppe, sondern das erreichbare Kollektivgut selbst: Ein Zustand, der eigentlich in Reichweite läge, wird durch die verweigerte Anpassung der Minderheit dauerhaft unzugänglich gehalten. Hinzu kommt: Die eigenen Großeltern werden durch das Festhalten der ungeimpften Enkel an ihrer Autonomie in Gefahr gebracht oder sterben, werden also im Wortsinn “liquidiert”.
Emilia Fester (paraphrasiert): Und die Ungeimpften hindern uns am Partymachen!
Jetzt die Spiegelung:
1. Überlegenheit:
Impfpflicht-Befürworter priorisieren den Schutz der öffentlichen Gesundheit und des Gesundheitssystems als kollektives Gut gegenüber individuellen Freiheits- und Selbstbestimmungsrechten in gesundheitlichen Fragen. Ihre scheinbare Überlegenheit basiert auf einer Wissenschaft, die so pharmanah wie korrupt ist.
2. Phantombesitz:
Sie gehen davon aus, ein legitimes Recht zu haben, diesen Kollektivschutz notfalls mit staatlichem Zwang und pharmazeutischen Mitteln durchzusetzen – während alternative oder ergänzende Ansätze zur Reduktion von Krankheitsschwere und -übertragung (etwa Prävention durch Lebensstilfaktoren, allgemeine Gesundheitsförderung) in der öffentlichen Debatte vergleichsweise wenig Gewicht erhalten. Angesichts nachlassender Impfwirkung und fehlenden Fremdschutzes ist die pseudo-wissenschaftliche Rechtfertigung der Pflicht zu einer risikobehafteten Impfung ein sich langsam in Luft auflösendes Phantom und zudem mit dem Grundgesetz nicht vereinbar.
3. Liquidation:
Die Impfpflicht zielt nicht auf Verhandlung oder Koexistenz mit der Gruppe der Ungeimpften, sondern auf ihre Auflösung als soziale Kategorie: Durch den Zwang zur Impfung hört die Gruppe auf zu existieren, indem jedes ihrer Mitglieder in die Gruppe der Geimpften überführt wird. Anderssein – hier: die bewusste Entscheidung gegen einen risikobehafteten pharmazeutischen Eingriff – wird nicht als legitime, dauerhaft koexistierende Position anerkannt, sondern soll verschwinden.
Wenn man von der (im ersten Fall fehlenden) Faktendeckung absieht, funktionieren hier wieder beide Richtungen der Argumentation. Was sagt uns das über Redeckers Faschismus-Modell oder zumindest über die daraus abgeleitete Essenz der Trinität aus Überlegenheit, Phantombesitz und Liquidation? Sie taugt nicht zur strukturellen Analyse.
Das Modell selbst enthält keine eingebaute Richtungsanzeige, wer der “eigentliche” Phantombesitzer ist. Die Entscheidung, welche Ansprüche “phantomhaft” sind und welche real, kommt von außerhalb des Modells – aus einer bereits vorhandenen (politischen) Position.
Wir landen bei Jan Philipp Reemtsma, der den Gebrauch des Faschismusbegriffs als Akt “wechselseitiger Vergewisserung affektiver Zusammengehörigkeit” beschrieb – also als Gruppenidentitätsstiftung unter Gleichgesinnten statt als analytisches Instrument - und zweifellos auch das vorliegende Modell der Redecker’schen Trinität dort einsortieren würde.