Zurück zu Reichelts seltsamem „Wörterbuch“. Es gibt ein paar Begriffe, bei denen Reichelt & Co durchaus einen Punkt haben und für mich gehört „Faktenchecker“ dazu. Ich zitiere aus dem Podcast:
„Der Faktenchecker. Im Auftrag regierungsnaher Medien tätiger Journalist, der stets nachzuweisen hat, dass die Kritiker etwas Falsches behaupten und die Regierung immer recht hat.“
Natürlich ist das polemisch zugespitzt, aber es hat einen wahren Kern.
@Stefan kommentiert das folgendermaßen: „So, also wenn wir jetzt Friedrich Merz einsortieren mit „der Faktenchecker gibt Friedrich Merz immer recht“ und die Faktenchecker sind aber immer Linke, die das einfordern, listen to the science, wie auch immer. Also es passt auch einfach nicht zusammen. Wir werden gerade nicht von Gregor Gysi regiert.”
Ich möchte dem entgegnen: Der Gysi-Take klingt logisch und ein bisschen lustig, aber er funktioniert nur, wenn man Reichelts Framing der Journalisten als „links“ übernimmt. Und genau DAS wollen wir ja ausdrücklich nicht.
Es gibt auch gar keinen Grund dazu. Wir werden seit Jahrzehnten von Rechts regiert: Merkel, Scholz, jetzt Merz. Das Aufkommen der Faktenchecker datiert - folgt man Norbert Häring und seiner Darstellung in „Der Wahrheitskomplex“ - auf die Zeit um den Beginn des Ukrainekrieges 2014. Erkennbar in Erscheinung trat das Phänomen „Faktencheck“ zumindest für mich ab 2020 mit der Corona-Krise.
Und da war es ganz klar so, dass die Faktenchecker immer auf Seiten der staatlichen Institutionen argumentierten und deren Kritiker kritisierten. Es war nie umgekehrt - wer dennoch ein Beispiel findet, möge es mir zeigen. Claude fand nichts.
Ein Beispiel unter Hunderten:
Ich will jetzt nicht auf Details eingehen, der Youtuber hatte bei den Zahlen jedenfalls recht - vgl. meine „kaputte Corona-Mathe“ - und die Bemühungen von Correctiv, ihn zu widerlegen, sind ebenso irreführend wie vergebens. Ein Muster wird hier aber erkennbar: Da den Faktencheckern eigene Expertise fehlt, berufen sie sich auf staatliche (und oft weisungsgebundene) Institutionen wie das RKI. Oder den Merkel-Berater Drosten. Was, wenn nicht das, verstehen wir unter „staatstragend“?
Hingegen gab es nie einen Faktencheck, der sich beispielsweise mit den Behauptungen einer Mai Thi Nguyen-Kim (MaiLab)
kritisch auseinandersetzte. „Impfpflicht ist OK“ - findet ihr…?
Wenn Wolfgang bei Jasmin Kosubek zum Thema Impfpflicht sagte „Was ich bereue ist, dass ich so leicht vertraut habe“ - offenbar den falschen Einflüsterern - dann hat das sehr wahrscheinlich auch damit zu tun, dass Faktenchecker (und der Mainstream-Journalismus ganz allgemein) während Corona immer kritisch gegenüber den Kritikern agierten und praktisch nie gegenüber staatlichen Akteuren und deren Institutionen.
Sie handelten staatstragend. Ganz ohne einen Kanzler Gysi.
Wer hat den Eindruck, das sei bei den Themen Ukrainekrieg, Völkermord in Gaza oder in Sachen Kriegstüchtigkeit wesentlich anders?