Mir fällt schon mindestens seit der Flüchtlingswelle 2015 auf, dass Neoliberale und Nationalkonservative bei vielem, was Linke als Forderungen stellen, die Moral ein bisschen als Triggerwort verwenden und Linken eine abgehobene Moral vorwerfen.
Zu Beginn war es meiner Meinung nach vor allem auf das Thema Migration fokussiert, das ja von linker Seite tatsächlich oft mit Moral beantwortet wurde (allerdings sind die eigentlichen Argumentationen der Linken echt sehr kompliziert und es wird in kaum einer Mainstream-Debatte diese politisch-ökonomische Argumentation gebracht). Dann kam natürlich auch viel dieser Angriffe von rechts beim Thema “Wokeness”, “Diversity”, etc.
Mittlerweile werfen Rechte bei praktisch jedem Thema den Linken eine angeblich abgehobene Moral vor, sei es in puncto Verteidigung, Arbeitsrechte oder Ökonomie (was ja besonders absurd ist) und nehmen kein ökonomisches Argument mehr für voll. Wenn man die Debatten zu “Lifestyle-Teilzeit”, Erbschaftssteuer und Krankenstand im ÖRR anhört, dann wird schnell mal davon gesprochen, dass es eine moralische Empörung gebe und man deswegen nicht mit Linken darüber diskutieren könne.
Nehmt ihr das ähnlich wahr? Und wenn ja: Wieso lassen sich Linke und alle, die sich dazuzählen, das so leicht unterjubeln, anstatt einfach gezielt den Fokus auf die Interessenlage zurückzulenken?
Wahrscheinlich auch, weil die größeren ökonomischen Zusammenhänge nicht verstanden werden und man dementsprechend gar nicht genau weiß, was wem eigentlich nützen würde; vgl. hierzu u. a. jüngst folgendes:
Eine richtigere Erkenntnis der Lage kann aber auch nur vor dem Hintergrund moralisch-ethischer Wertvorstellungen zu politischen Entscheidungen führen, indem man diese auf jene anwendet. Von daher sollten sich Linke auch nicht von Rechten ein pejoratives Verständnis von Moral aufzwingen lassen, indem sie meinen, den Vorwurf einer solchen von sich abweisen zu müssen; sondern vielmehr moralische Erwägungen offensiv als das herausstellen, was der eigenen Position Wert verleiht.
Bin mir nicht ganz sicher, ob ich dich richtig verstehe. Welche moralische Erwägungen siehst du zB im Zusammenhang mit „Lifestyle-Teilzeit“?
Moral kann eigentlich nur sehr begrenzt von links als Argument verwendet werden. Dort, wo man zivilgesellschaftlich anschlussfähig wird, ist es strategisch sicher machmal zweckdienlich.
Moralisch-ethische Fragen vor dem Hintergrund eines Wertekanons sind dort relevant, wo die Anliegen bestimmter Interessengruppen gegeneinander abgewogen werden müssen. In dem von mir geteilten Artikel argumentieren die Gewerkschaften, als handele es sich um eine solche Situation. Flassbeck argumentiert dagegen, indem er nachzuweisen sucht, dass vor systemischem Hintergrund Forderungen formuliert werden müssten, die im Interesse aller wären und dementsprechend gar nicht mit moralischen Konnotationen geführt werden sollten, da dadurch die eigene Position relativiert wird.
In der Migrationsdebatte hingegen spielen moralische Erwägungen auch eine Rolle, da es sich nicht zwingend in jedem Einzelfall um eine Win-win-Situation handelt. Dass hier moralische Erwägungen auch rechtlich verankert wurden, ist ein zivilisatorischer Fortschritt, den man auch als solchen herausstellen sollte.
Mein Hot Take zu diesem Thema ist, die Rechte ist ein wahrer Meister darin systemische Fragen mit Moral so zu koppeln, dass ein systemisches Argument zum moralischen wird. Sieht man ganz schön bei der stilisierten Opfermentalität die dem eigentlich fast immer zu Grunde liegt. Das kann man dann sehr schön mit einer Doppelmoral kombinieren, die der Linken angelastet wird weil alles als Links-Grünversifft deklariert wird und damit zum Vorwurf gemacht werden kann. Hier unterscheide ich bewusst nicht zwischen extremer Rechte und Neoliberalismus. Das ist meiner Ansicht nach der gleiche Mechanismus. Irgendwie recht einfach aber vielleicht deshalb so erfolgreich.
Es geht überhaupt nicht um Moral bei den Konservativen und Rechten.
Es geht um die Verbreitung der Aussage, dass Leistungsträger weniger belastet werden müssen. Und das auf allen Kanälen, in fast jeder Talkshow, Zeitung, bei Social Media.
Die einzige Chance der Linken ist, dieses Wiederholungsspiel mitzuspielen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu fordern, Reiche und Beamte an den gesellschaftlichen Kosten zu beteiligen.
Darüber hinaus macht es Sinn, unmoralische Vorschläge zu kommentieren, aber dann nicht so verzagt, wie bisher.
Wenn also die CDU vorprescht und fordert Zahnarztbesuche von der Kassenleistung auszunehmen, sollte die Linke was über Zahnschmerzen und teure Privatleistungszahlungen erzählen.
Jein. Ich finde, gerade in gesellschaftspolitischen Zusammenhängen geht es Rechten nur um die Moral. Aber auch etwa bei der Erbschaftssteuer wird nur moralisch argumentiert - man könne ja niemanden doppelt besteuert, wir müssen die Familienunternehmen schützen usw.
Aber wenn sie kein moralisches, sondern rein interessengeleitetes Argument haben, das vor der Masse einfach nicht hält (eben etwa im Zusammenhang mit Arbeits- und Sozialrechten), kommt man mit dem Strohmann, die Linken würden sich moralisch erheben.
Aber Interessenabwägung ist meines Erachtens kein moralischer Prozess. Parteien vertreten bestimmte Interessensgruppen und die müssten da eigentlich nichts im engeren Sinne abwägen.
Jemanden doppelt zu besteuern oder “Familienunternehmen “ zu schützen ist kein moralisches Argument. Wenn du das moralisch findest, dann ist alles, was an Gesetzen diskutiert wird moralisch.
Und bei der Rechten wird gar nichts moralisch gefordert. Da geht’s drum, nur den nationalistischen Anhängern mit der richtigen Hautfarbe und Arbeitsplatz etwas anzubieten ( wohlgemerkt, nicht zu garantieren).
Es spricht nämlich volkswirtschaftlich nichts dagegen, auch für die allermeisten Familien nicht. Aber bei diesem Argument wird sehr darauf gesetzt, dass man bloß nichts zu stören hat, was einen familiären emotionalen Wert hat und zwar aus Prinzip. Es ist ein Appell an die Moral.
Dass dahinter ökonomische Interessen stehen, liegt auf der Hand. Es wird nur nicht artikuliert.
Wie du schon sagst, ist es ein vorgeschobenes ( für mich immer noch nicht moralisches ) Argument.
Die ökonomische Aufklärung, also ob es sich bei dem Familienunternehmen um Milliardäre handelt z.B., ist Aufgabe der Linken.
Nebenbei: Warum sollte irgendwas, das mit Familie zu tun hat, irgendwie moralisch sein?
Findet man dazu was in irgendeiner Ethikschrift?
Vielleicht bei den Scholastikern?
Armen Bürgern und Familien zu mehr Geld und Teilhabe, Bildung bzw. Menschenwürde zu verhelfen wäre ein moralisches Argument, für das linke Parteien werben sollten.
Ganz allgemein kann man sagen, dass sich aus einer Analyse einer Situation noch keine Handlungsmaxime ergeben kann, sondern erst vor dem Hintergrund bestimmter Wertvorstellungen, die auf die Situation angewendet werden. Die Notwendigkeit einer moralisch geführten Diskussion hängt von dem Thema, der Position der diskutierenden Parteien in der Gesellschaft und ihren Zielen ab. Die Frage, ob man moralisch argumentieren sollte, kann und sollte man bezogen auf die letzten beiden Punkte unabhängig davon betrachten, ob ein Thema moralisch ist. Diese Differenz weißt m. E. aber auch darauf, dass man das Kind “Moral” nicht mit dem Bade ausschütten sollte…
Es ist ein moralisches Argument, zu sagen, man zerstöre Familien, indem man die Erbfolge nicht unangetastet lässt. Was soll es denn sonst sein? Es zielt ja klar auf Werten und Sitten ab und darauf, wie die Welt zu sein habe.
Andersrum seh ich bei der Armutsbekämpfung oder Umverteilung kein moralisches Argument, es ist ein rein interessengeleitetes. Ich möchte mehr für mich haben, ich möchte nicht ins Bodenlose abstürzen - dafür brauche ich keine Moral. Das ist Solidarität aus ökonomischem Eigennutz.