Ich habe die Sache zunächst nicht ernst genommen: Mir schien, dass es jeden erwischen wird und die Wahrscheinlichkeit daran zu sterben schien mir gering. Als man dann in anderen Ländern gesehen hat, welche Folgen die Seuche hat und die Zahlen mal durchgerechnet wurden, wurde mir klar, wie desaströs die Sache werden könnte bzw. würde.
Danach habe ich die Sache ernst genommen. Mir schien die Reaktion unserer Regierung auch - zumindest in der Anfangszeit - recht angemessen. Unter unvollständigen Informationen und erheblichem politischen Druck wurde gehandelt. Immer optimal? Sicher nicht - aber wo gehobelt wird fallen Späne. Im weiteren Verlauf wurde die Sache dann komplizierter und es wurden m.E. unappetitliche Dinge bezüglich der Prioritätensetzung unserer Politiker deutlich: Alles für die Wirtschaft - Kinder halten das schon aus.
Nach dem ersten Lockdown war meine Einstellung/Einschätzung, dass die unmittelbaren Folgen (also Menschen, die erkranken und daran sterben oder auch nicht) das eine und die gesellschaftlichen Folgen eine andere Sache sind. Ich habe mir damals vor allem Sorgen gemacht, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis man irgendwelche Sündenböcke an die Laternenpfähle hängt.
Es wurden vor allem auch Bruchstellen in unserer Gesellschaft klar. Einige Streiflichter:
- “Corona-Demo”: Ich dachte mir, ich gehe da mal hin, um zu sehen, wie das aussieht. Auf der Bühne stand irgendein Vollhonk der den Leuten irgendwas über “die Kräfte des Lichtes” und “Merkel-Lügen” erzählte und dass man eigentlich gar nichts von der modernen Medizin braucht: Man muss sich nur in Felle kleiden und irgendwelche Vitamintablette fressen die - Überraschung - auf seiner Webseite vertrieben werden. Mir lief es kalt über den Rücken, hunderte von Menschen zu sehen, die das zu jubeln beginnen.
- parlamentarischer Ausschuss beschäftigt sich mit der schwierigen Situation der Eventbranche. Ein Verbandsvertreter steht vorne und erzählt, dass man ja nicht viel erwarten würde: Wenn man jedem Selbstständigen aus der Branche pro Monat 2.000 Euro überweist, sei das ja nun wirklich bescheiden und das Allermindestes und keine große Sache.
- Milliarden gehen in die Unterstützung börsennotierter Unternehmen - die prompt Dividende ausschütten.
- Beifallsbekundungen für Pflegekräfte, die mir sofort wie der blanke Hohn vorkamen: Klatschen ja - echte Unterstützung und strukturelle Änderungen? Never, ever, ever…
- Gewaltvorfälle an Tankstellen, weil jemand sich weigerte eine Maske zu tragen. Leute die abgleiten und behaupten, dass der Staat die Coronamaßahmen niemals zurücknehmen würde und “die andere Seite” ja gar nicht diskutiert würde. Leute mit akademischem Abschluss, die “nicht an die Impfung glauben”.
- zur Hälfte des Seucheausbruchs wurden Ipads an Schüler verteilt. Ich fragte eine befreundete Lehrerin, ob man da denn didaktische Konzepte hätte… Nö. Sie wüsste nicht, was sie mit dem Kram machen soll.
Und heute? Erstaunen, dass nun gefragt wird, “wie wir die Coronazeit erlebt haben” - ich würde sagen: Wir erleben die Coronazeit noch immer. Ein junger Freund von mir hat zu Seuchenausbruch angefangen zu studieren und hat den größten Teil seines Studiums via Zoom rumgebracht. Er erzählte mir letzens, dass in unserer Region beispielsweise ein “Generationenabriss” in der Goa-Szene stattgefunden hat: Die jungen Leute haben sich früher selbst organisiert. Die DJs haben sich ausgetauscht, private Events wurden organisiert etc. Jetzt: Ende Gelände - die Rekrutierungskette dieser Szene wurde unterbrochen. Und da sehe ich das eigentliche Versagen unseres Systems und unserer Politiker: Es wurde nichts aufgearbeitet und analysiert - zumindest wenig bis gar nichts politisch gemacht um die Folgen zu verstehen und zu bearbeiten und sich insbesondere zu fragen, welche Schachstellen die Seuche offenbart hat, was zerstört wurde in dieser Zeit und was als “soziale Infrastruktur” eigentlich eines “Sondervermögens” bedarf.
Beispielsweise finde ich es schockierend, wie epistemisch naiv unsere Hochschulen offenbar Menschen ins Leben entlassen. Oder wie strukturell schwach unser Schulsystem ist. Oder mit welcher Bereitschaft wir einige Leute in den Fleischwolf werfen, damit “die Wirtschaft” läuft und die Dividenden ausgeschüttet werden. Schockierend auch die Vorstellungen von Autonomie und Freiheit, die Corona offen gelegt hat: Selbst das Tragen einer Maske wurde teilweise als unerträglicher Eingriff in die persönliche Autonomie empfunden. Etwas, das mich fast nichts kostet und fast gar nicht einschränkt.
Ich will mich selbst nicht ausnehmen: Wenn wir epidemiolgisch argumentieren, ist das immer eine Zumutung für das Individuum. Da geht es dann nämlich nicht mehr um mich - ich gehe in der Statistik unter. Mein Empfinden und Denken spielt keine Rolle - die Komplexität meines Lebens wird auf ein winziges Zucken des Zeigers reduziert, dass niemand wahrnehmen wird, wenn es nicht dutzende oder tausende meiner Mitbürger*innen betrifft. Ich glaube, ich bin nicht “epistemisch naiv” - weshalb ich damit umgehen und die Verletzung ertragen kann. Aber das braucht Werkzeuge - und die haben viele nicht mehr.
Wie ich die Coronazeit erlebt habe? Ich stecke noch mittendrin und halte es nicht für ausgeschlossen, dass wir nicht doch noch Leute an Laternenpfählen aufhängen: Wäre die AfD so erfolgreich, wenn nicht Millionen von Menschen noch immer an der Verletzung ihrer Autonomie (egal ob man diese angemessen findet oder nicht), die Maske, Lockdown und Impfung Ihnen zugefügt haben leiden würden? Könnte das nicht ein (ein - nicht der) Faktor für den AfD-Aufstieg sein? Sie verspricht ja Selbstwirksamkeit in Stellvertretung: Wählt uns und wir schmeißen das Gesocks raus!
Sorry für die Textwand.