Meine Sicht auf die Corona-Zeit hat weniger mit dem Virus zu tun als mit dem, was seitdem mit dem Streiten passiert ist.
Ich habe in einem anderen Thread monatelang an einer Antwort gesessen. Immer wieder angefangen, Quellen rausgesucht, umformuliert, liegen gelassen, neu angefangen. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass die eigentliche Frage nicht war, ob meine Argumente stimmen. Sondern wofür ich das überhaupt mache.
Ich habe dabei eine KI als Sparringspartner benutzt. Der Rat war über Wochen ziemlich konstant: Lass es. Das erreicht ihn nicht. Schreib höchstens für die Mitlesenden. Bemerkenswert daran finde ich nicht, dass eine Maschine das sagt. Bemerkenswert finde ich, dass ich es jedes Mal für vernünftig gehalten habe.
Das ist für mich der eigentliche Befund. Nicht, dass wir uneins sind. Sondern dass das Aufgeben inzwischen die rationale Option ist. Man rechnet nicht mehr damit, jemanden zu erreichen. Man rechnet damit, dass die Antwort ein neues Fass aufmacht, und stellt sich darauf ein, dass die eigene Mühe verpufft. Wer sich das lange genug ausrechnet, hört irgendwann auf. Man sieht das in diesem Thread ja auch, Leute steigen einfach aus.
Ich beobachte dasselbe bei Kollegen, Freunden, in der Familie. Nicht dass alle streiten. Sondern dass viele nicht mehr anfangen. Corona ist dabei nur der Ort, an dem es am deutlichsten sichtbar wird, weil da die Verletzungen am frischesten sind und weil sich seitdem niemand mehr die Mühe gemacht hat, sie überhaupt zu sortieren. Kein Rückblick, keine Einordnung, keine Anerkennung. Es war im Frühjahr 2022 einfach vorbei und alle machten weiter.
Was davon geblieben ist, ist eine Gesprächskultur, in der man Positionen zugeschrieben bekommt, die man nie hatte, und dann gegen die argumentiert. Das kostet Stunden und führt zu nichts. Und weil das alle wissen, machen es immer weniger.
Was mich am meisten beschäftigt, ist eine Beobachtung, die zunächst wie ein Widerspruch aussieht. Die Leute, mit denen das am schwierigsten ist, sind nicht die uninformierten. Es sind oft die belesenen, die Quellen prüfen und Rechenfehler finden. Ich habe lange gedacht, dann müsste man doch weiterkommen.
Inzwischen glaube ich, dass es genau umgekehrt läuft. Wer klug ist, findet bessere Argumente für die Position, die er schon hat. Die Recherche wird nicht schlechter, sie wird gezielter. Und dann gibt es diesen Punkt, an dem der andere spürt, dass ein Einwand sitzt, und statt darauf einzugehen ein neues Feld aufmacht. Nicht aus Böswilligkeit, glaube ich, sondern weil das Zugeständnis mehr kosten würde als nur den Punkt. Wer die eigene Haltung in dieser Zeit zum Teil seiner selbst gemacht hat, kann sie nicht mehr in Einzelteilen verhandeln.
Das gilt für mich genauso. Ich merke es daran, wie ungern ich Sachen prüfe, bei denen ich ahne, dass sie nicht ganz halten.
Deswegen schreibe ich hier trotzdem. Ohne Erwartung, aber die Alternative gefällt mir noch weniger.