Ich werde nicht ganz schlau aus diesem Teil deines Kommentars (also nicht despektierlich gemeint).
Dieser Punkt bricht die Dialektik von Zwang und Befreiung durch Erziehung, die in der bürgerlichen Pädagogik und im Grunde auch in einer Demokratie nicht hintergehbar ist, zunächst auf einen (onlineforumtauglichen) Satz herunter, der später noch mit dem bürgerlichen Anspruch, den Nachwuchs zur Mündigkeit zu erziehen, ausgeführt wird (der im Grunde auf die nächste Dialektik hinweist, so erleben wir doch seit jeher auch immer eine Erziehung zur Unmündigkeit sowohl in der Familie als auch in der Schule). Bei all dem Schlechten, was die Schule durch ihre Disziplinierungsfunktion anrichtet, scheint sie m.E. unter den gegebenen Verhältnissen nach wie vor notwendig zu sein, wenn wir Bildung und Erziehung nicht komplett von Marktmechanismen, die sich ohnehin schon tief in das pädagogische Bewusstsein eingeschlichen haben, bestimmen lassen wollen oder die Erziehung und Bildung wie im Feudalismus wieder auf die Familie zu begrenzen und vom gesellschaftlichen Stand abhängig zu machen. Aber vielleicht verstehe ich dich hier auch nur falsch?
Da die Aporie in der “Erziehung zur Mündigkeit” im emphatischen Sinne auf diesen Widerspruch verweist, da Erziehungsziele und Mündigkeit in der meritokratischen, bürgerlichen Gesellschaft so notwendig auf die formale Seite von Bildung abgedrängt wurde und wird, rückt Gruschka als Vertreter einer “negativen Pädagogik” (die in keiner Weise etwas mit der schwarzen Pädagogik zu tun hat) das Verstehen (und das Lehren) in den Mittelpunkt, da die gegenwärtige Pädagogik allzu sehr davon ausgeht, durch das testbare Resultat auch etwas über den Stand der Mündigkeit aussagen bzw. mit der je gegenwärtigen Organisation von Schule zu ihr beitragen zu können, eigentlich aber nach wie vor zu konstatieren ist, dass eine “Erziehung zur Unmündigkeit” vorherrscht.
Dabei geht es nicht bloß um Textverständnis. Gruschkas Beispiel aus dem Deutschunterricht zum Schluss meines Beitrags war hier bloß gut geeignet, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: 1. diente es dazu, @Lymis Einwand, dass es um das Verstehen geht, mit einem Beispiel aus der Praxis zu ergänzen und 2. schließt es an die LLM-Debatte an, insofern, dass LLMs im Grunde genauso gut die Kernaussagen, Namen und Informationen aus einem Text extrahieren können, wie es auch von den Schülerinnen gefordert ist, dass dabei am Ende aber nicht unbedingt mehr verstanden wurde, auch wenn man diese Kernaussagen in einer Klausur korrekt wiedergeben kann. In beiden Fällen (LLM und Deutschunterricht) scheint man an dem Lesen und so mehr oder weniger auch an dem Verstehen des Textes vorbeizukommen. Das Kind muss verstehen, warum es erzogen werden muss, warum dieser objektive Zwang nicht zu hintergehen ist, damit es zu einem mündigen Erwachsenen heranwachsen kann. Das geschieht laut Gruschka nicht durch gute Scores auf der Skala der Literacy-Kompetenzen, sondern durch eine Auseinandersetzung mit dem Inhalt, um den es in den letzten 30 Jahren allerdings immer weniger zu gehen scheint, weil die Form, die jeweilige Methode dominiert. Eine gute Note in einer Deutschklausur und das schnelle Entnehmen der Kernaussagen aus einem Text fallen mehr oder weniger zusammen und verweisen somit auch darauf, dass LLMs dieser Aufgabe genauso gut, wenn nicht sogar noch deutlich effizienter, gewachsen sind. Bloß verstanden wurde nichts.
Dem ist nach meinem Verständnis nicht so. Das Kind soll verstehen lernen[1], warum es das wollen muss, was es sollen soll, damit es dazu befähigt werden kann, das Sollen, die objektiven (durch den Pädagogen vermittelten) Zwänge der ersten und zweiten Natur, zur Reflexion zu stellen, anstelle das Sollen, wie es in ungefähr jeder anderen Pädagogik auf verschiedene Weise geschieht, blind als das eigene Wollen zu verstehen. Denn “das Kind soll das ‘Wollen’ ‘sollen’” ist im Grunde seit jeher die Formel der positiven Pädagogik, die sich derzeit insbesondere in der Kompetenzorientierung und Konzepten des “selbstgesteuerten, -organisierten, -bestimmten Lernens” ausmachen lässt.
Und auch hier muss ich einhaken und der kritischen Pädagogik zur Seite springen. Ihre eigenen Ziele (Mündigkeit, Bildung, Demokratie) werden weniger als “das Eigentliche und Gute” definiert, als dass sie ihre Ziele vielmehr aus dem Selbstanspruch der bürgerlichen, demokratischen Gesellschaft entnimmt, die diese genannten Ziele selbst als das Gute definiert. Und zwar, indem sie der bürgerlichen und schon immer dominierenden Vorstellung von Pädagogik unterstellt, ihren eigenen Ziele nie gerecht geworden zu sein und gerecht zu werden, weshalb diese stets auf der Suche nach “Ausreden” dafür ist (respektloser werdende Kinder, ökonomische Sachzwänge, berufliche Zweckmäßigkeit, Sprachhindernisse bei Migranten usw. usf.). Erziehung wird immer dort gefordert, wo sie misslungen ist, schreibt Gruschka in dem Reclam Heftchen. Es ist also gewissermaßen umgekehrt: die Kritische Pädagogik verweist auf das bürgerliche Versprechen des emanzipatorischen Potenzials von Bildung und Erziehung und wendet es negativ, indem sie der bürgerlichen Pädagogik attestiert, dieses Potenzial nie wirklich eingelöst zu haben bzw. es überhaupt so wirklich einlösen zu wollen, weil sie ihre Funktion für den (Re-)Produktionsprozess im Allgemeinen in ihren Theorien ausklammert.
p.s.: Die KI, mit der ich mich hier nicht mehr unterhalten werde, bestätigte prompt meinen Punkt und Gruschkas Beispiel aus dem Deutschunterricht. Verstanden wurde nichts und umso größer ist die Selbstüberschätzung (“Das ist keine Bildungstheorie. Das ist protestantische Arbeitsethik als Epistemologie.”). Das ist nicht bloß witzig, sondern zugleich als Mahnung zu verstehen, sich der Selbstenteignung des Bewusstseins durch Maschinen und Kulturindustrie nicht blind hinzugeben.
Umso erschreckender ist es, dass hier überhaupt noch mit dieser Slopmaschine interagiert wird. Ganz exemplarisch (auch in allen anderen Beiträgen wimmelt es nur so von Slop) lässt sich das hieran festmachen:
Aus der allseits anerkannten Feststellung, dass Erziehung, weil sie objektive Zwänge vermittelt, zu Widerständen in dem zu Erziehenden führt, und der allseits auszumachenden Tatsache, dass diese Widerstände in jeder bisherigen Pädagogik auf verschiedenste, mitunter schrecklichste Weise gebrochen wurden, schlussfolgert die kritische Pädagogik, dass es darauf ankommt, zu verstehen, warum es zu diesen Widerständen kommt und warum sie (auch in einer Demokratie) gebrochen werden müssen.[2] Die Selbstenteignung des Bewusstseins scheint bereits weit fortgeschritten zu sein, wenn man hier nicht gar Bösartigkeit unterstellen wollte, denn an keiner Stelle habe ich geschrieben, dass der “Wille” der Kinder gebrochen werden soll. Lasst euch dieses offensichtliche Nicht-Verstehen eine Warnung sein.