Ich glaube, dass Flos Frage:
eine sehr wichtige war. In ihrer Beantwortung wurde bisher verteidigt, warum die Abstraktion analytisch nützlich ist – Stichwort: strukturelle Zwänge, Kapitalverwertungslogik. Das beantwortet aber eine andere Frage als die, die Flo gestellt hat. Denn Flo fragt ja nicht, ob die Abstraktion irgendwie gerechtfertigt werden kann, sondern ob sie für die konkrete Frage – wer gibt im Staat den Ton an? – überhaupt trägt.
Und da hätte man Flo eigentlich recht geben müssen: Für diese Frage trägt sie eben nicht ohne Weiteres, weil die Antwort je nach konkretem Kapital-Staat-Verhältnis ganz verschieden ausfällt. Die Abstraktion erklärt vielleicht eine systemische Logik, aber nicht die Machtverteilung in konkreten Situationen.
Die Diskussion operiert so, als wäre „Kapital" eine homogene Kategorie, deren Verhältnis zum Staat sich einheitlich beschreiben lässt – dabei sind die Machtverhältnisse je nach Größenordnung, Mobilität und strategischer Bedeutung des jeweiligen Unternehmens fundamental verschieden. Die Beziehung der GmbH eines Bäckermeisters mit einer Filiale zur Bundesrepublik Deutschland und die Beziehung von Nvidia zu den Vereinigten Staaten sind beides Beziehungen zwischen Staat und Kapital, aber ich habe Zweifel daran, dass man gut von der einen auf die andere abstrahieren kann.
Ich kann bisher nur eine These finden, bei der die Ableitung vom Allgemeinen ins Konkrete tatsächlich standhält:
Das gilt tatsächlich für beide: Sowohl Nvidia als auch der Bäckermeister sind darauf angewiesen, dass Verträge durchgesetzt werden, Eigentumsrechte gelten, Schulden einklagbar sind. In diesem Sinne ist der Staat strukturell vorausgesetzt, unabhängig von der Größe des Unternehmens.
Nichtsdestotrotz sehe ich eine Möglichkeit, die Abstraktion auf das Kapital als Akteur darüber hinaus analytisch sinnvoll durchzuziehen, nämlich indem wir den Fokus von der Beziehung zwischen Kapital und Staat auf die Beziehung zwischen Kapital und lohnabhängiger Klasse verschieben. Dann müssen wir allerdings die Rolle des Staates anders verstehen:
Der (moderne National-)Staat ist eine Instanz, die Ergebnisse des Konflikts zwischen Kapital und lohnabhängiger Klasse stabilisiert. Die Mittel dieser Stabilisierung sind Gesetzestexte, Verwaltung und Gewaltmonopol.
Dass wir so eine deutliche Überschneidung der Interessen von Staat und Kapital wahrzunehmen meinen, liegt dann an dem aktuell massiv ausgeprägten Ungleichgewicht zwischen Kapital und lohnabhängiger Klasse. Wenn es der lohnabhängigen Klasse besser gelingen würde, ihre Interessen gegen das Kapital durchzusetzen, könnte auch das durch den Staat stabilisiert werden.
Das eigentliche Problem ist, dass die lohnabhängige Klasse immer weniger Zeit als das Kapital für den Klassenkampf hat, weil sie ja lohnarbeiten muss, um ihre Existenz zu sichern. Die Ausgangsfrage „wer gibt den Ton an?" lässt sich damit nicht mit einem stabilen Akteur beantworten – der Ton, der gerade erklingt, ist das eingefrorene Ergebnis eines strukturell ungleichen Konflikts.