@JakobB: Sind die Ansätze zu Begriffsdefinitionen der Zivilgesellschaft als Diskussionsgrundlage für dich akzeptabel? Fehlt dir etwas oder hast du andere Ideen?
Der Begriff sollte am Ende der Analyse stehen und nicht am Anfang. Ein Anspruch wäre, dass man konkrete reale, historische Situationen hernimmt, diese beschreibt, erklärt und daraus ein Begriff wie Zivilgesellschaft schlussfolgern kann. Der Begriff sollte sich an der Realität und den verschiedenen Perspektiven orientieren. Diese ganzen Kategoriensysteme hier helfen nur soweit wie sie auch in Beispielen enthalten sind. Gramscis Begriff der Zivilgesellschaft entstand ja nicht im Lehrstuhl, sondern aus der Frage, warum die Revolution trotz Krise ausblieb. Er bezieht sich in seiner Untersuchung auf die Französische Revolution, auf die Aufklärung, auf die Russische Revolution, auf die italienische Risorgimento, auf den Katholizismus, auf Literatur, Volkssprüche usw. Das ist konkreter als so eine Trias aus Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
Sowas verändert auch den Begriff selbst oder muss in konkreten sozialen Kontexten modifiziert werden. Das ist übrigens auch einer der Schwierigkeiten bei wissenschaftlichen Texten, weil in diesen Texten selbst sich die Begriffe verändern und am Ende andere Bedeutung bekommen können. Die Werke selbst sollen die Begriffe verändern. Deswegen sind diese Begriffsdefinitionen auch immer so ein bisschen müßig, weil sie oft genug das feststellen, was vlt besprochen werden müsste. Oder anders gesagt, vlt ein bisschen harsch gesagt: das sind erstmal eher Zauberformeln, es ist zu abstrakt, um wirklich zu landen.
@JakobB: Ich verstehe übrigens noch nicht, welche Begriffe „unsauber“ sind, beziehungsweise wieso dieses Attribut verwendet wird, ohne selbst zu verraten, wie die „saubere“ Definition des konkreten Begriffs ausdrücklich lautet. Beinahe hätte ich gedacht, es ginge darum, performativ Spott und Zweifel zu platzieren.
Die These zur Zivilgesellschaft dreht sich meiner Ansicht nach nicht um eine Begriffsdefinition (die sehe ich als erledigt an), sondern um aktuell potenziell nutzbare Handlungsräume der Zivilgesellschaft. Das muss tatsächlich erstmal herausgearbeitet werden. Ich unternehme einen Versuch und schließe den historischen Kontext ein. Mögliche These:
DIE ZIVILGESELLSCHAFT IST FÜR DIE KLASSE DER ABHÄNGIG BESCHÄFTIGTEN ALS ORT DER GEGENMACHT WEITGEHEND VERLOREN
I. Zur historischen Erosion – hier ist der These uneingeschränkt zuzustimmen
Empirisch lässt sich der Befund kaum bestreiten: Der gewerkschaftliche Organisationsgrad in Deutschland ist von rund 35 Prozent (1980) auf unter 17 Prozent gefallen, die Tarifbindung erodiert seit Jahrzehnten. Vor allem aber ist das verschwunden, was man die Gegenöffentlichkeit der Arbeiterbewegung nennen könnte: das klassische Arbeitermilieu mit seinen Vereinen, Bildungswerken, Genossenschaften, Arbeitersport- und Arbeiteranglervereinen. Diese Infrastruktur war nie bloß Freizeitgestaltung – sie war organisierte Selbstverständigung einer Klasse. Ihre heutige Entpolitisierung ist selbst ein Ergebnis der Geschichte: Gleichschaltung 1933, danach bewusste Entpolitisierung nach 1945.
Demgegenüber steht eine hochprofessionalisierte Interessenvertretung des Kapitals: Verbände, Stiftungen (die INSM als Lehrbuchbeispiel erkaufter Diskursmacht), Thinktanks, Lobbyagenturen. Die Asymmetrie liegt dabei nicht nur im Geld, sondern in der Organisationsfähigkeit selbst. Mancur Olsons Logik kollektiven Handelns besagt: Kleine, homogene Gruppen mit konzentrierten Interessen organisieren sich leichter als große, heterogene Gruppen mit diffusen Interessen. Offe und Wiesenthal haben das bereits 1980 zugespitzt: Kapital muss sich gar nicht organisieren, um zu handeln – es wirkt aggregiert über Märkte, als Investitionsentscheidung, Zinsbewegung und Kapitalflucht. Arbeit dagegen muss sich organisieren, um überhaupt handlungsfähig zu sein, und trägt sämtliche Kosten der Kollektivierung. Die Asymmetrie ist also nicht konjunkturell, sondern strukturell.
Mit Gramsci gesprochen: Die Zivilgesellschaft ist kein neutraler Raum, sondern der Ort, an dem Hegemonie produziert wird. Wer die Deutungsmacht über Begriffe wie „Standort”, „Wettbewerbsfähigkeit” oder „Sachzwang” besitzt, hat den Kampf gewonnen, bevor er überhaupt als Kampf erkennbar wird.
II. Die Binnendifferenz: fungierende Kapitalisten und Geldkapitalisten
Die in der These angelegte Marxsche Unterscheidung (Kapital, Bd. III) halte ich für den fruchtbarsten Punkt. Sie verdient eine genauere Ausleuchtung, denn sie erklärt, warum die Zivilgesellschaft als Kampfplatz entwertet wird:
Der fungierende Kapitalist – Mittelstand, Familienunternehmer, Handwerk – ist zivilgesellschaftlich präsent und verankert: IHK, Innung, Rotary, Sponsoring des örtlichen Sportvereins. Er hat ein Gesicht, einen Ort, eine soziale Einbettung.
Der Geldkapitalist – institutionelle Anleger, Private Equity, Vermögensverwaltung (BlackRock als Chiffre) – ist zivilgesellschaftlich nahezu unsichtbar. Er braucht keine lokale Legitimation, keine Vereinsmitgliedschaft, keine Öffentlichkeit. Seine Macht wirkt über Kapitalmärkte, Ratings und Standortdrohungen – also gerade nicht durch zivilgesellschaftliche Präsenz, sondern durch Exit-Optionen (mit Hirschman: Exit statt Voice).
Daraus ergibt sich eine paradoxe Lage: Das sichtbare Kapital in der Zivilgesellschaft ist das schwächere – das mächtigste Kapital ist dort gar nicht anwesend und muss es auch nicht sein. Die Zivilgesellschaft als Kampfplatz wird dadurch teilweise entwertet: Der entscheidende Gegner steht gar nicht auf dem Platz.
III. Wo der Verlorenheits-These widersprochen werden kann
Drei Einwände, denn „verloren” scheint mir zu stark:
Erstens gibt es funktionierende Inseln der Gegenmacht: Die großen Gewerkschaften sind geschwächt, aber kampagnenfähig; der Mindestlohn wurde zivilgesellschaftlich erkämpft; Mieterbewegungen wie „Deutsche Wohnen & Co enteignen” zeigen, dass Klasseninteressen sich neue Organisationsformen suchen.
Zweitens kehrt die Klassenfrage verkleidet zurück – als Mietenfrage, Pflegekrise, Organisierung der Lieferdienste - nicht mehr nur im Industriebetrieb
Drittens – und das ist die bittere Pointe: Wo die klassische Arbeiterorganisation verschwindet, entsteht kein Vakuum, sondern rechte Pseudo-Vertretung. Die AfD besetzt zivilgesellschaftliche Räume, die SPD und Gewerkschaften geräumt haben. Die Zivilgesellschaft ist für die abhängig Beschäftigten demnach nicht verloren - sie wird umkämpft, und zwar von Akteuren, die Klasseninteressen ethnisch und kulturell umcodieren.
Am Rande: Selbst die scheinbar unpolitischen Angler- und Gartenvereine gehören in dieses Bild. Gerade sie generalisieren Vertrauen und Organisationserfahrung – wer im Kleingartenverein gelernt hat, eine Satzung zu ändern, kann das politisch reaktivieren. Und sie sind einer der letzten klassenübergreifenden Begegnungsräume: Der Facharbeiter und der Studienrat stehen am selben Teich. Aber es ist Sozialkapital ohne Richtung – es kann demokratisch wirken oder als Raum rechter Normalisierung dienen.
IV. Die Gegenmachtfrage: Wo greift der Hebel?
Wenn der Hauptgegner nicht in der Zivilgesellschaft operiert – wo dann ansetzen? Galbraiths Konzept der countervailing power setzt voraus, dass Macht und Gegenmacht in derselben Arena stehen. Das Geldkapital hat sich aber aus allen Arenen zurückgezogen, in denen Gegenmacht greifen könnte: Es ist nicht im Betrieb, nicht im Territorium, nicht in der Öffentlichkeit – gegen BlackRock lässt sich schlecht ein Boykott organisieren.
Der Staat als Hebel? Naheliegend, aber hier sitzt das Problem, das Streeck in „Gekaufte Zeit” seziert hat: Der Staat ist selbst strukturell abhängig vom Kapital, das er regulieren soll. Streecks Figur der zwei Souveräne – Staatsvolk (Wähler, Voice) gegen Marktvolk (Gläubiger, Exit) – beschreibt einen Staat, der zwei Herren dient und im Konfliktfall den Gläubigern. Diese Abhängigkeit wirkt ganz ohne Verschwörung: Der Staat braucht Steuereinnahmen und Wachstum, also Investitionen, also das Wohlwollen des Kapitals. Das ist die Pointe von Poulantzas gegen Miliband – es braucht keine personelle Verflechtung, die Abhängigkeit ist in die Form des Steuerstaats eingebaut. Hinzu kommt das Skalenproblem: Das Geldkapital ist transnational, der Staat territorial.
Transnationalisierung? Die OECD-Mindeststeuer von 15 Prozent ist die erste ernsthafte transnationale Kapitalregulierung seit Bretton Woods – erkämpft auch durch jahrzehntelange zivilgesellschaftliche Arbeit. Sie zeigt: Es geht prinzipiell. Aber die transnationale Zivilgesellschaft ist dünn – es gibt keine europäische Öffentlichkeit, keine grenzüberschreitende Streikfähigkeit. Ob Polanyis Doppelbewegung – Marktexpansion erzeugt gesellschaftliche Gegenbewegung – transnational reproduzierbar ist, halte ich für die offene Frage des Jahrhunderts.
Gegenmacht im Kapital selbst? Eine dialektische und kaum bespielte Front: Die abhängig Beschäftigten sind über ihre Altersvorsorge selbst Geldkapitalisten – Pensionsfonds und Versicherungen verwalten aggregiertes Arbeitnehmersparen (Drucker sprach schon 1976 ironisch vom „pension fund socialism”). Die Stimmrechte üben jedoch faktisch die Vermögensverwalter aus, nicht die wirtschaftlichen Eigentümer. In Skandinavien und den Niederlanden gibt es gewerkschaftsnahe Pensionsfonds mit aktiver Eigentümerpolitik – in Deutschland ist diese Front fast unbespielt. Und schließlich die klassische Front, die nie verschwunden ist: Am Punkt der Produktion bleibt Arbeit unersetzlich, und die Lieferketten der Just-in-time-Ökonomie sind verwundbarer als die alte Fabrik. Die strategische Position der Arbeit ist objektiv stark – ihre Organisation ist schwach. Das ist eine Organisierungsfrage, keine Strukturunmöglichkeit.
V. Versuch eines Fazits
Keine dieser Optionen trägt allein. Was sich abzeichnet, ist eine Hebelkette: zivilgesellschaftliche Organisierung → Eroberung staatlicher Politik → transnationale Durchsetzung (EU, OECD) → flankiert durch ökonomische Gegenmacht am Produktionspunkt und im Arbeitnehmerkapital.
Das Ernüchternde: Jedes Glied dieser Kette ist derzeit schwach, und die Kette ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied.
Das Ermutigende: Die Mindeststeuer zeigt, dass die Kette prinzipiell funktioniert – sie hat nur zwanzig Jahre gebraucht.
Und damit zu meiner Verschärfung der Ausgangsthese: Vielleicht ist die Zivilgesellschaft für die abhängig Beschäftigten gar nicht verloren, sondern falsch adressiert. Sie kämpft dort, wo es Öffentlichkeit gibt – Kultur, Identität und Skandal – weil dort Erfolge sichtbar sind. Und sie meidet die Fronten, an denen die Machtfrage tatsächlich liegt – Steuerrecht, Finanzaufsicht, Eigentümerstimmrechte – weil diese unsichtbar, technisch und langwierig sind.
Zugespitzt: Das Geldkapital regiert durch Langeweile. Seine beste Verteidigung ist, dass niemand zuschaut.
Insbesondere zur Hebelkette würde mich interessieren, ob ihr sie für realistisch haltet – oder ob ich eine Front übersehen habe.
Falls die verwendete These als falsche Prämisse gesehen wird, bitte ich um Formulierung einer alternativen These.
Warum muss der Gegner auf dem Platz sein? Politische Entscheidungen können gegen BlackRock und ohne BlackRock stattfinden. Bzw. die Meinung gegen BlackRock muss nicht mit BlackRock ausgehandelt werden.
Was genau wolltest du damit sagen, dass das der fruchtbareste Punkt sei und dann kommt raus, dass es den Kampf in der Zivilgesellschaft entwertet? Wo genau ist das fruchtbar?
Vlt auch nochmal zurückgehen zum Kommunistischen Manifest und nachgucken wie das Proletariat als historischen Prozess funktioniert.
Ja das bleibt aber in der Logik gefangen. Das ist so formuliert als sei das alles festgeschrieben und unbeweglich. Was ist da nochmal der Staat? Wollen alle diese Verflechtung? Wo fängt Politik hier an?
Fruchtbar hinsichtlich der Verdeutlichung zu Gründen der Entwertung. Sie (die Zivilgesellschaft) müsste sich stärker auf das (passive) Geldkapital fokussieren. Dessen Arena ich nicht der operative Nahbereich, sondern die Legislative, weil es anders kaum greifbar ist.
Das bleibt nicht in der Logik gefangen. Ich habe ausdrücklich formuliert, dass sich der Weg über die territoriale (nationale) Legislative in transnationale Institutionen (z.B. OECD) zur Regelung über Staatsgrenzen hinweg anbietet. Damit würde dem Kapitalsubjekt der Fluchtweg in andere Staaten zur stumpfen Waffe werden.
Ob „alle“ diese Verflechtung wollen ist irrelevant, weil nicht „alle“ darüber entscheiden - wer auch immer „alle“ sind.
Wenn Du mit Deinen Einwänden darauf abstellst, dass auch eine andere Gesellschafts- und Wirtschaftsform denkbar ist: Das stimmt. Die aktuelle Verfassung setzt aber Grenzen. Du müsstest dich also im Zuge der Bemühungen einer Zivilgesellschaft, neben allen bereits genannten Bereichen, zusätzlich um Verfassungsänderungen bemühen.
Das ist durchaus möglich. Wenn Peter Thiel am Neofeudalismus arbeitet, darfst Du auch neue Wege ausprobieren.
Du planst doch sicherlich keine Revolution!?
“OECD”? Was war nochmal die OECD? Setzt die irgendwelche Regeln durch?
Nein in der Zivilgesellschaft ist das nicht irrelevant.
Wieder so ein “das geht so nicht”-Text. Zivilgesellschaft findet nicht in der Verfassung statt und macht einen erstmal blind gegenüber all dem, was wirklich stattfindet.
Du springst da schon ein bisschen zwischen den Ebenen oder? der Weg von der Zivilgesellschaft zu Legislativen ist jetzt nicht so exotisch und neu oder?
Nein, das ist kein „das geht so nicht“-Text. Im Gegenteil, es wird ausdrücklich auf Hebel hingewiesen, die der Zivilgesellschaft wirksame Handlungsräume bieten. Die Verfassung als Rahmen zu benennen, der unter Umständen bearbeitet werden muss, ist kein Ausschlusskriterium.
Möchtest Du einzelne Handlungsoptionen im Sinne einer Bedienungsanleitung geschrieben bekommen oder lieber Stichpunkte?
Hallo, ich meine, dass Stefan im Laufe der Folge ein Buch erwähnt, dass der für “die beste Einführung in die Soziologie” (oder so in der Art) hält. Welches ist das? Ich kann die Stelle leider nicht mehr finden und auch kein Transkript.
Danke
Nils
An diesem Punkt verstehen wir uns perfekt. Dieser Weg ist nicht exotisch oder neu - er müsste nur stärker fokussiert werden. … Also nicht nur von der AfD, sondern vor allem von denen, die lieber andere Protagonisten in der Arena sehen wollen. Ich hatte in der detaillierten Beschreibung bereits erwähnt, dass die populäre Rechte jene Räume in der Zivilgesellschaft besetzt hat, die von SPD und Gewerkschaften aufgegeben worden sind. Damit ist in der Arena noch nichts entschieden. Aber der Druck steigt. Das kann man sehr gut daran erkennen, dass die CDU inzwischen AfD-Politik macht - und das tatsächlich auch im legislativen Bereich.
Es ging um ein Buch von Stefan Kühl: Führung und Gefolgschaft.
Ich zitiere Stefan aus dem Transkript. „Und ich kann hier schon mal sagen, für alle, die immer wieder fragen, welches Buch soll ich denn lesen zum Einstieg in irgendetwas, das ist wirklich das beste Soziologien-Lehrbuch der letzten Jahre.”
Na gut, wir machen noch ein bisschen Frage-Antwort-Reigen. Bitte entschuldige, wenn ich in diesem Fall kurzerhand online auffindbare Texte kopiere, lediglich flüchtig auf Plausibilität prüfe und lesbar zur Verfügung stelle. In den Beiträgen davor hab ich mir immerhin sehr viel Mühe gegeben und du hast es Dir inzwischen scheinbar ja auch bequem gemacht:
„Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) ist eine internationale Organisation mit Sitz in Paris, gegründet 1961 als Nachfolgerin der OEEC, die einst den Marshallplan koordinierte. Ihr gehören 38 überwiegend wohlhabende Demokratien an, darunter Deutschland.
Ihre Rolle ist im Kern die einer Denkfabrik und eines Koordinationsforums: Sie sammelt und vergleicht Daten (etwa die PISA-Studien), erstellt Wirtschaftsprognosen und Länderberichte, entwickelt politische Empfehlungen und Standards — von Steuertransparenz über Korruptionsbekämpfung bis zu Leitsätzen für multinationale Unternehmen. Man nennt sie manchmal den “Club der reichen Länder”, der Politik durch Evidenz und Peer Pressure beeinflusst.
Durchsetzen kann sie Regeln im klassischen Sinn nicht — sie hat keine Sanktionsgewalt wie etwa die EU oder der UN-Sicherheitsrat. Ihre Instrumente sind weicher: rechtlich verbindliche Konventionen, die Staaten freiwillig ratifizieren (z.B. die Anti-Korruptions-Konvention), Peer Reviews, bei denen sich Mitgliedstaaten gegenseitig bewerten, und “Naming and Shaming”, etwa durch schwarze Listen von Steueroasen. Das wirkt oft erstaunlich gut — die globale Mindeststeuer von 15% wurde unter OECD-Federführung verhandelt — aber die Umsetzung bleibt letztlich Sache der nationalen Gesetzgeber.“
Eine Frage brennt mir unter den Nägeln:
Wie würdest du das jemand näher bringen, der die Thesen eines Thilo Sarrazin befürwortet?
Eine gute Frage. Darüber muss ich in Ruhe nachdenken. Das hängt von einigen persönlichen Parametern des Betroffenen ab. Ich melde mich zu diesem Punkt.![]()
Jupp und da kann ich nur Stefan zitieren: da will ich keinen Gramsci, keinen Adorno und keinen Habermas hören…
und das meine ich mit die Diskussion fällt hinter den Podcast zurück…
Wer Parteien nicht zum politischen System zuordnen kann, ruft zum Eintritt in die Parteien auf und wundert sich über die stabilisierende Funktion des Parteiensystems. (Hier Diskussion im Podcast und der Kampf gegen den Rückfall auf Einzelpersonen als Hoffnungsträger), oder will den Nationalismus der Grünen nicht sehen, weil der Robert so nett ist, (oder hält es für eine schlaue Antwort von Banaszak, Soldaten hätten ja ja die Möglichkeit zu dissertieren, wenn die AfD den Verteidigungsminister stellt….)
Wer Medien nicht dem System der Massenmedien zuordnen kann ruft zur Gründung einer Zeitung auf (im Podcast die kurze ergebnislose Diskussion über die Geeignetheit) und wundert sich über die Gaza-Berichterstattung oder hält die TAZ für eine linke Zeitung (da wäre doch mal über die 4.te Gewalt zu reden und nicht naiv von ihr zu schwärmen).
Wer Gewerkschaften nicht zur Wirtschaft zählt, hält die “Sozialpartnerschaft” für ein Korrektiv und wundert sich jede Tarifrunde über die Abschlüsse in maximal Inflationshöhe und dem Schweigen oder Befürworten der Produktion von Verbrennerautos oder Panzer.
Wer “die Arbeiterklasse” für eine geschlossene Gesellschaftsformation hält muss sich mit Gramsci immer wieder aufs Neue fragen, warum sich diese nicht erhebt, oder flüchtet in das “fehlende Bewusstsein” und sieht darin und der 11. Feuerbachthese einen marxistisch-leninistischen Erziehungsauftrag. Und nebenbei fällt man auch hier hinter den Podcast zurück und bekommt nicht mit, dass Stefan von “den Reichen” spricht (nicht “der Kapitalist”), denn die sozialen Bewegungen entzünden sich aktuell an den Konsummöglichkeiten (z.B. Mietenproteste, Lebensmittelpreise) und nicht an abstrakter Klassenzugehörigkeit. “Die Arbeiterklasse” könnte nämlich ganz gut mit einer militärischen Sicherung der Straße von Hormus leben, wenn der Sprit dadurch günstiger wird (hier Stefans verbal hochgezogene Augenbraue bei “internationaler Staatenkonkurrenz”).
Das erinnert mich hier gerade an Stefans Auftritt bei Morf (sensationell übrigens) und kann mich nur anschließen mit: Lesen, lesen, lesen!
Wenn Luhmann 1986 feststellt, dass die moderne Gesellschaft möglicherweise “auf die ganz unzulängliche Basis sozialer Bewegungen angewiesen ist” (Ökologische Kommunikation, Seite. 236) dann kann man das zur Kenntnis nehmen und sich über den Bereich zwischen “unzulänglich” und “angewiesen” Gedanken machen (oder sich 20 Jahre später wundern warum die Grünen gescheitert sind und 40 Jahre später warum Fridays for Future gescheitert sind, obwohl sie es doch genau wie die Grünen gemacht haben…) .
Was Luhmann 1996 zu Protesten geschrieben hat kann man zur Kenntnis nehmen, oder man protestiert gegen die Wehrpflicht mit dem Argument man könne doch alternativ die Schulpflicht qualitativer gestalten…
und hier kann ich mich nur Wolfgang mit der leichten Skepsis gegenüber “der” Zivilgesellschaft anschließen (bei z.B. romantischen Vorstellungen vom solidarischen Preppen oder der transformativen Kraft von Sportvereinen).
Jetzt kann man sich hier als Theorieheimwerker selbstwertstabilisierend im Kreis drehen und mit Karl Valentin enden:
“Es wurde schon alles gesagt, aber noch nicht von Jedem.”
(Ich verzichte bewusst auf ein gewisses Taktgefühl, aber ich sehe die Brechstange geeigneter als ein sokratisches Zwiegespräch.)
Genau das meinte ich mit den “drei Töpfchen” in den munter mal hier mal da herumgetauscht und dann gesprungen wird…
Ja aber sich beim Thema Zivilgesellschaft zu fragen, ob das mit der Verfassung konform sei, ist schon wieder so voreilig gehorsam. Als wenn die Verfassung dir bei allen Tätigkeiten und politischen Aktionen zugucken muss. Verfassungskonformes Aufwachen, verfassungskonformes zu Arbeit gehen, verfassungskonformes Pause machen…
Darum auch hier zu:
Denk lieber in die Lebensrealität von Leuten rein als das, was irgendwo geschrieben steht.
@JakobB @JJ_Anon : Ich verstehe eure Kritik sehr gut. Ich denke auch nicht, dass unser Diskurs bereits erschöpft ist.
Wenn es aber Handlungsmöglichkeiten gibt, kann man sie auch benennen. Dazu habe ich von Euch noch nichts gesehen.
Da könnte man ja Semsrotts Buch in die Hand nehmen (der unternimmt genau diesen Versuch) und dieses diskutieren (dies tut die aktuelle Folge des Salon), oder man nimmt sich die nicht abgeschlossenen Punkte des Salons und geht in sie rein.
Dann käme man (wenn man das für sinnvoll erachtet) einen Schritt weiter.
Das ist die Verkehrung des Argumentes, es nicht meine Aufgabe hier ein zweites “Gegenmacht” zu schreiben und mir fehlt dazu auch das Sendungsbewusstsein.
Ich mische mich hier nur ein um den Punkt zu markieren der mit der aktuellen Folge erreicht ist, damit man seine Lebenszeit damit verbringen kann über diesen Punkt hinaus zu gehen und nicht dahinter zurückzufallen.
Was du nicht hier tun möchtest?
Du mischt dich hier nur ein, um mir Bescheid zu sagen wo ich stehe - du möchtest jedoch (vorerst) nicht über den Punkt hinaus gehen, den Wolfgang und Stefan erreicht haben.
Wie auch immer - dann verfolgen wir einfach verschiedene Ansätze. Ich sehe kein Problem darin, die theoretischen Grundlagen ins Auge zu fassen und sich tauglichen Ausleitungen, für „das wahre Leben“ in dieser Weise anzunähern.
In meinem Beruf ist das sogar Bedingung. Eine buchstäblich greifbare Sache ist nicht plötzlich einfach da - abgesehen von natürlichen Ereignissen.