Da das Tabu nun gebrochen ist, das Privatleben in anekdotischer Evidenz zur Illustration von Thesen anzuführen, möchte ich hier auch ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Man wird sehen, dass hier eher gegen mich gesprochen wird. Dieses Erlebnis konnte mich mehr von der Bedenklichkeit meiner Positionen überzeugen, als es den furiosen Argumentationsketten des Clowns jemals möglich gewesen wäre.
Denn zufälligerweise war auch ich heute beim Frisör, einem alten Bekannten, den ich schätze, weil er noch ein Frisör der guten alten Schule ist, der das Haareschneiden nicht bloß als Dienstleistung betrachtet, wie das heutzutage allgemein üblich ist. Stattdessen scheint ihn sein Beruf erst in Redelaune zu bringen; und so kann es nicht fehlen, dass, nachdem er ein paar Minuten stumm vor sich hingeschnitten hat, sich ganz natürlich ein ungezwungenes Gespräch entspinnt. So haben auch wir schon so manche sorglose Stunde verplauscht, und jedesmal überrascht mich die Gewitztheit und tiefe Weltklugheit dieses so schlichten Gemütes, das alles eitle Streben nach Wissen und höh’rer Bildung beschämt. Mein Freund hat weder viel von der Welt gesehen, noch seine Nase lange in Bücher gesteckt; fast sein ganzer Erfahrungsschatz stammt aus den Gesprächen mit seinen Kunden, und so hat er im Mikrokosmos seines Ladens ein Spiegelbild der Welt da draußen, unmittelbarer und lebensnäher als man es durch Nachdenken je erreichen könnte.
Auch heute wieder entspann sich ein Gespräch, und da mein Freund auf mein Anraten sowohl diesen Podcast hört als auch in diesem Forum mitliest, bog seine Rede auf die jüngsten hiesigen Themen ein, und er äußerte sich wie folgt: “Von dem JakobB dachte ich bisher immer, der wär’ bloß so’n gewöhnlicher Clown, aber was der in letzter Zeit so von sich gibt, is’ gar nicht so dumm. Ich bin ja nur ein einfacher Mensch, aber die Theorie, dass man keene großen Theorien braucht, um sich aus dem Ganzen einen Reim zu machen, diese Theorie hat mich sofort angesprochen. Denn es ist doch ganz einfach: ich bin ein Mensch, und ich hab ‘nen politischen Willen, und damit basta. Den kann mir niemand verbieten, nur weil die AfD den Herren da oben nich’ genehm is, denn der Wille “Ausländer raus” is eben genauso ein Wille wie alle anderen, und ich lass mir meinen Willen nich durch einen Hinweis auf die ‘Wirklichkeit’ brechen. Denn die Wirklichkeit sieht doch so aus: du kannst einem Kreuz nich ansehen, bei welcher Partei es gemacht wurde und warum. Wieso bitte is dann ein Kreuz bei der AfD schlechter als bei den Grünen? In meinem Laden hab ich mir meine Meinung gebildet, und dazu steh’ ich, da lass ich mich nich von Linken diskriminiern, die sich für was besseres halten, weil sie moralisch überheblich sind, weil die sich immer die Vernunft auf die Fahne schreiben. Aber was is das für eine Vernunft, frag ich? Das sind Floskeln, sag ich dir, um uns von unsern Rechten fern zu halten. Jeder Mensch muss wohnen, daran gibt es nichts zu deuteln, und das eine Wohnung eines Ausländers frei wird, wenn du ihn abschiebst, das is ein Fakt. Und was ham die Linken anzubieten? Vergesellschaftung und Mietendeckel, nee danke, das hat schon bei der letzten linken Regierung in Berlin nich funktioniert, aber da waren natürlich die ‘strukturellen Hürden’ dran schuld. Strukturelle Hürden, meine Oma, wenn ich das nächste Mal zu spät zum Stammtisch komme, sag ich auch, von wegen strukturelle Hürden. Dann gucken die aber blöd aus der Wäsche, denn da lassen die sich auch nich für dumm verkaufen, denn wo ein Wille is’, da is ein Weg, das is im Privaten nich anders wie in der Politik.”
Ich muss sagen, es war weniger amüsant, dafür aber um so überzeugender…