Dies wird wohl zur Freude der meisten der letzte Post zu dieser Thematik in diesem Forum. Im Grunde habe ich zwar schon in den vorherigen meine Motivation kenntlich gemacht und klar benannt, was für mich und viele andere problematisierungswürdig und nicht ungefährlich ist: Das Reproduzieren einer in rechtsextremen Kreisen populären, antisemitischen Verschwörungserzählung, wenngleich zwischen Stefan und diesen Kreisen natürlich ein qualitativer Unterschied besteht. Wie es in den Kommentarspalten und auch hier im Forum andere Schreibende getan haben, habe ich dabei den Fokus auf den Begriff des Antisemitismus gelegt, um deutlich zu machen, warum ich die bekannten Behauptungen Stefans in dem letzten Podcast als gefährlich erachte. Da ich mich über die Nachricht von JJ_Anon mehr oder weniger gefreut habe, weil sie mich herausgefordert hat und sich anhand dieser meine Motivation und Stoßrichtung deutlicher artikulieren lässt, gehe ich da jetzt Absatz für Absatz drauf ein. Ich werde hier dennoch noch eine Weile weiter mitlesen. Wer ernsthaftes Interesse an meiner Argumentation oder gar an der kritischen Theorie hat oder inhaltlich widersprechen möchte, kann mir gerne in die DMs sliden.
Dieser Zusammenhang ist nunmal nicht offensichtlich. Du gehst die gesamte Zeit dem Einspruch aus dem Weg, dass die Behauptungen als publiziert und nicht als wahr ausgegeben wurden. Inwiefern ist hier noch von Antisemitismus im engeren Sinne zu sprechen?
Weil dies kein Einspruch gegen meine These ist, dass das Reproduzieren der aus dem rechtsextremen QAnon-Spektrum bekannten antisemitischen Verschwörungserzählung, die sich im weiteren Sinne bis zur Ritualmordlegende zurückführen lässt, gefährlich ist, wenn sie nicht wissenschaftlich bzw. theoretisch brauchbar begründet ist. Diese Unterscheidung zwischen publiziert und wahr ist im Kontext der nicht nur von mir formulierten Kritik an den Behauptungen Stefans irrelevant. Es geht mir, wie präzise formuliert wurde, um einen Begriff, also um einen übergreifenden ideologischen Zusammenhang von Antisemitismus und Verschwörungsglauben durch Psyche, Individuum und Gesellschaft hindurch. Nicht darum, Stefan oder jemand anderen als Antisemiten zu bezeichnen. Gerade weil der Zusammenhang nunmal nicht offensichtlich ist. Dass dieser aber existiert, von der Ritualmordlegende bis hin zu QAnon, wurde psychoanalytisch, gesellschaftstheoretisch und in der Antisemitismusforschung sowie in der kritischen Theorie auf ganz verschiedene Weise hinlänglich ausgearbeitet. Um einen ersten Eindruck davon zu bekommen, habe ich die Audiovorträge angehängt. Zu einem Begriff davon muss man allerdings selbst gelangen, anstatt sein Denken durch vermeintlich allgemeingültige und anwendbare Definitionen bereits vorab einzuschränken. Ich wollte hier lediglich den Anstoß dafür geben, denn man gerät, um Stefans häufig bemühte Floskel zu verwenden, “in Teufels Küche”, wenn man in seiner Elitenkritik nicht auch mögliche antisemitisch motivierte Beweggründe mit zur Reflexion stellt. Und die Grenze zu einer legitimen Elitenkritik war nach der unironischen und vor Selbstsicherheit strotzenden Wiedergabe der Geschichten, die sich zumindest in diesen 3 genannten Punkten nahezu identisch seit Jahren bei QAnon und Co. wiederfinden lassen, überschritten.
Wer über das, was der Fall ist, hinausgehen möchte, überschreitet den kritischen Rationalismus Poppers, auf den ich hier nur verweise, weil in der Argumentation letztendlich dann doch immer wieder ein positivistischer Zugang eingefordert wurde, der sich an dieser Stelle aber gerade nicht einhalten lässt. Wer über den Fall hinausgeht, und inhaltlich, wenn auch nur in den 3 explizit aufgeführten Punkten und qualitativ verschieden, eher mit QAnon übereinstimmt, als dass von einer brauchbaren Verschwörungstheorie die Rede sein kann, hat bei diesem Vorhaben mehr oder weniger versagt, was sich (glücklicherweise) ja auch in der kommentierenden Hörerschaft widerspiegelt (die daher, wie hier ebenfalls geschehen, ignoriert oder relativiert werden muss).
Du hast noch nicht mal den Begriff ausgeführt. Hast du Salzborn irgendwo zitiert oder Eigenschaften genannt? Mir scheint es nicht so, dass alle seine Ideen zu Antisemitismus hier zu treffen wie eben dass die Behauptungen “faktenresistent” seien oder hermetisch abgeschlossen seien. Welche Merkmal nennt Salzborn? Wo genau liegt die antisemitische Struktur hier? Reicht diese strukturelle Ähnlichkeit aus?
Die Arbeit am Begriff lässt sich nicht mal eben zwischen ein paar Beiträgen im Forum vollziehen, ist ein unaufhörlicher dialektischer Prozess und hier vielmehr als Aufforderung zu verstehen, wenn man nicht die rechtsextreme und antisemitische Adrenochromgeschichte derart reproduzieren bzw. dafür berechtigterweise kritisiert werden möchte. Müssen hierzu alle Ideen Salzborns (die sich ohnehin nicht dem Vortrag selbst entnehmen lassen, dafür müsste man dann schon ein paar Bücher und wiederum die Werke anderer Autorinnen aufschlagen) zutreffen, um überhaupt meiner These, dass die Äußerungen Stefans eben nicht ungefährlich waren, einen Gedanken schenken zu können? Woher kommt dieser unmittelbare Abwehrreflex? Darüber hinaus kann angesichts der (übrigens in der Geschichte des Podcasts einzigen) Ergänzungsfolge durchaus von einer gewissen Faktenresistenz gesprochen werden. Und es ist ein falscher Anspruch deinerseits, von mir jetzt eine wissenschaftliche Ausarbeitung der Thesen Salzborns oder auch Galow-Bergemanns einzufordern, weil meine Punkte auch ohne diese Vorträge, die ja explizit als Anregung zur privaten Weiterbeschäftigung ganz am Ende meines Beitrages empfohlen wurden, funktionieren und auch so formuliert wurden. Woher kommt an dieser Stelle dieses streng positivistische Bedürfnis, wenn doch zuvor über den Fall hinausgegangen werden möchte und auf der Unterscheidung von wahr und publiziert beharrt wird?
Der “Theoriestatus” (was auch immer du damit meinst) von den Epstein Files ist den meisten Menschen egal. Das ist eine sehr akademische Debatte und setzt nicht im Alltag der Menschen an. Sie werden trotzdem darüber reden. Es ist sowieso etwas zu einfach anzunehmen das die akademische Einordnung daran etwas ändert. Für die meisten Leute erfüllt der Volksglaube oder Ideologie eine erkenntnistheoretische Funktion. Man wird das nicht weg bekommen können, indem man sagt “aber das ist Antisemitismus”.
Ja, aber er ist nicht egal, wenn man sich darauf einlässt, vor zehntausenden von Zuhörenden eine Verschwörungstheorie zu entwerfen, die sich von den Verschwörungserzählungen QAnons in den genannten und vielfach kritisierten Punkten nicht hinreichend (theoretisch und begrifflich) abgrenzen lassen kann und die Zusatzfolge nicht dazu genutzt wurde, auf die Kritik angemessen einzugehen. Wolfgang und Stefan wollen intellektuell schon ernstgenommen werden, daher sollte man sie diesbezüglich auch ernst nehmen. Ideologiekritik zielt auch nicht darauf ab, Ideologie „weg [zu] bekommen“, vielmehr zielt sie gerade auf die Darstellung dieser erkenntnistheoretischen Funktion. Wir erfahren eine Welt, in der sich die Krisen, die eng mit der Produktionsprozess und der Kapitalakkumulation verwoben sind, wieder einmal zuzuspitzen drohen. Dies ist der Nährboden, nicht nur aber vor allem auch, für Antisemitismus (und in dieser Thematik hat sich die Linke/das Proletariat historisch sicherlich nicht mit Ruhm bekleckert), weshalb es gerade hier notwendig ist, sofern man denn eine Elitenkritik und eine Verschwörungstheorie formulieren möchte, dies nicht unkritisch, d.h. an dieser Stelle konkret ohne eine Reflexion ihres antisemitischen Gehalts, zu vollziehen.
Wobei das Salzborn anscheinend auch anmerkt, aber da hat er keinen Blick für gesellschaftliche materielle Interessen, die sich z.B. im Antisemitismus äußern. In den Verschwörungsfantasien kodieren sich auch Machtkämpfe.
Dem würde ich widersprechen können, wenn du das mit dem „keinen Blick für gesellschaftliche materielle Interessen“ begründet hättest.
Diese Formulierung “möchte auftischen” legt zumindest eine intentionale Zuschreibung nahe. Ist das gemeint im Sinne von er will unbedingt Antisemitismus verbreiten? Das wirkt einfach widersprüchlich. Vielleicht hast du das auch wieder zurückgenommen.
Nenn es meinetwegen intentionale Zuschreibung und Tätervorwurf. Ich meine damit allerdings, dass Stefan hier mehr oder weniger unbewusst bzw. reflexionslos Antisemitismus reproduziert (er will sicherlich nicht unbedingt Antisemitismus verbreiten, wie gesagt, wir sind hier nicht bei Ken Jebsen oder dem III. Weg), möchte das problematisieren und habe mich sowohl für eine polemische Provokation entschieden, als auch, wie in dem eine Woche später eingeschobenen Nachtrag, mit einer Begründung, warum ich das als gefährlich erachte, reflektiert. Diese Provokation ist dabei keinesfalls aus der Luft gegriffen. Es gibt sowohl hier im Forum, sowohl in den verschiedenen Kommentarspalten, als auch in meinem Bekanntenkreis, der diesen Podcast gehört hat, die Feststellung, dass Stefan hier eine Grenze überschritten hat, deren Überschreitung sich gerade im Reproduzieren einer antisemitischen bei Rechtsextremen populären Erzählung ausmachen lässt.
Du sagst auch andauernd, es sei kein Antisemitismusvorwurf, aber es wird andauernd der Eindruck von einem erzeugt.
Hier kommen wir zum Kern, und nach diesem Thread, habe ich das mit der reflexartigen Schuldabwehr tatsächlich noch besser begreifen können. Es hatte also auch etwas produktives. Das Wort Antisemitismus lässt sich, insbesondere in Deutschland, kaum aussprechen, ohne dass es im nächsten Moment als ein Vorwurf begriffen wird und entsprechende, psychologische Abwehrreflexe provoziert. Davon kann sich niemand ausnehmen. Mir geht es gerade deshalb darum, davon zu abstrahieren, um eine produktive Auseinandersetzung überhaupt erst zu ermöglichen. Gerade hierzu habe ich doch den Vortrag von Galow-Bergemann angehängt, den man vielleicht hätte hören und durchdenken müssen, was nicht unbedingt innerhalb eines Tages zu bewerkstelligen ist. Deshalb wiederhole ich erneuet die Anregung, sich damit zu beschäftigen. So heißt es ganz am Anfang des Vortrags, den ich ja gerade deshalb nachgehört und angeführt habe, weil er mich damals zum Nachdenken angeregt hat:
In Deutschland ist man gegen Antisemitismus, also man wird kaum jemanden finden in Deutschland, der nicht sagt, er sei gegen Antisemitismus. Das ist ja zunächst mal auch gar nicht schlecht, weil man hat doch zumindest gelernt, in Deutschland, dass Antisemitismus irgendetwas ganz ganz schlimmes ist und der Vorwurf, ein Antisemit zu sein, ist nun einer der stärksten Vorwürfe den man sich überhaupt vorstellen kann (…). Also es ist eigentlich Konsens, dass man gegen Antisemitismus ist. Das Problem ist nur, und das wäre meine erste These, dass man trotzdem nicht verstanden hat, was Antisemitismus eigentlich ist. Das ist natürlich eine harte These, die muss ich dann versuchen, auch zu belegen. Aber dieses Phänomen macht es möglich, dass in Deutschland sehr viele Menschen viele antisemitische Denkmuster draufhaben, gleichzeitig aber vollkommen und auch subjektiv ehrlich – das ist mir wichtig – auch subjektiv ehrlich davon überzeugt sind, dass sie nichts mit Antisemitismus zu tun hätten deswegen muss man sich als erstes mal drüber unterhalten, was ist das eigentlich Antisemitismus?“ (min 00:00:00 – 00:01:30)
„Das war nur der Teaser“ (Wohlstand für Alle: Literatur-Voice). Und auch nach dem Vortrag hat man Antisemitismus sicherlich nicht in seiner Totalität begriffen, das habe ich 15 Jahre nach der ersten Lektüre von Jean Améry und gut 20 Jahre nach den Tagebüchern von Anne Frank bis heute übrigens auch nicht. Es ist in einem mehr oder weniger „linken“ Forum jedoch nicht zu viel verlangt, hier einen gewissen Begriff voraussetzen zu können.
Dann wiederum kann man den Antisemitismusbegriff von Salzborn etwas komplexer auffassen, aber du hast ja nirgendswo geschrieben was das für Salzborn sei. Wir messen Antisemitismus hier gerade nur nach deinem Geschmack.
Das ist eine Unterstellung, die ich zurückweise. Um es, auch wenn ich es eigentlich vermeiden möchte, auf eine Formel runterzubrechen, versteht Salzborn Antisemitismus als eine negative Leitidee der Moderne. Das habe ich, ohne ein vermeintliches Autoritätsargument zu bemühen und Salzborn direkt zu zitieren, exakt so ausgedrückt. Da ich keine KI bin und die gedankliche Auseinandersetzung anregen möchte, werde ich jetzt nicht versuchen, die Eigenschaften einer Leitidee, ihre Negativität und das Verhältnis zur Moderne in Form einer kompakten Stichpunktliste niederzuschreiben.
Die Audiovorträge erfüllen hier nicht diese Funktion. Sie gelten eher als Autoritätsargument (wie ja auch Adornos Nennung hier als Verweis, aber nicht als inhaltliche Auseinandersetzung verwendet wird). Wenn du ein Dialog führen willst, kommst du nicht darüber hinweg Antisemitismus und den Zusammenhang irgendwie griffig zu nennen.
Warum erfüllen Sie diese Funktion nicht? Ich möchte hier aus wohl nachvollziehbaren Gründen keine Seminararbeit schreiben. Gerade weil es hochgradig komplex ist, kann dieser Zusammenhang nicht „griffig“ genannt, auf eine Formel reduziert oder im Sinne einer einfachen Definition erfasst werden, auch wenn ich das Bedürfnis danach verstehen kann. Wer aber über das, was der Fall ist, hinausgehen möchte, kann sich nicht auf Abkürzungen verlassen, wenn man sich nicht dem Geraune verdächtig machen möchte. Im Übrigen wurde und wird bereits ein mehrfacher Dialog geführt und das mit dem Autoritätsargument ist Unsinn, weil mein Punkt „es ist gefährlich, rechtsextreme Verschwörungserzählungen in Teilen und ohne eine Reflexion ihres antisemitischen Gehalts zu reproduzieren“, auch ohne diese Vorträge, ohne weiterführende Literatur, als zu diskutierende These funktioniert. Zum wiederholten Male, sie sollten einen konstruktiven Ansatz zum Weiterdenken bieten, weil ich ja merke, dass die in der einschlägigen Literatur beschriebenen Abwehrmechanismen auch hier bereits voll im Gange sind. Soll ich etwa eine meiner Hausarbeiten zum Thema, die ich ohnehin dann nochmal überarbeiten müsste, reinkopieren, damit man sich erst mal 15 Seiten durchlesen muss? Dieser Zusammenhang lässt sich nicht auf eine griffige Formel bringen, das gehört zu seiner Reflexion.
Finde das hier ist sehr formelhaft:
Ich erkenne das Formelhafte nicht. Was meinst du genau?
Dieser Verweis wirkt zumindest wie eine Abwertung des Gesprächs.
Und das betreffs der Beiträge, von denen alle wissen, welche ich meine, vollkommen zurecht. Ich werte hier allerdings eine KI ab (die sich im Übrigen in dem letzten Beitrag selbst lobotomiert zu haben scheint) und keine zwischenmenschliche Kommunikation, von der man angesichts der betreffenden Beiträge nun wirklich nicht sprechen kann und bereue zutiefst, überhaupt auf einen dieser KI-Beiträge, die jenseits von allem sind, was sich ein menschliches Gehirn antun sollten, eingegangen zu sein. Der Verweis auf die Theorie der Halbbildung ging vor allem an Stefan, der wohl der einzige hier ist, der sich von diesen unglaublich despektierlichen Nonsense-KI-Beiträgen mit Blockwartmentalität beeindrucken lassen hat. Das wirft natürlich Fragen auf und schließt an die in den Kommentarspalten verbreitete Auffassung an, ob die KI-Gläubigkeit noch in einem vernünftigen Rahmen stattfindet.
Finde meine Formel steckt mindestens genauso gut in dem Text. Zwar nicht nur, also ich reduziere den Text nicht darauf, aber ebenso muss man Text so gut wie immer reduzieren, gerade wenn man ihn praktisch anwenden will.
Natürlich ist dies ein Moment des Textes und ich bin froh, dass ich mich an dieser Stelle mal nicht mit Abwehrmechanismen auseinandersetzen musste, sondern intellektuell herausgefordert wurde und Du auf den Inhalt eingegangen ist. Dass Du hier bereits von einer Formel sprichst, mag in deinem Wissenschaftsverständnis so sein, hat jedoch nichts mit der kritischen Theorie zu tun, mit der ich hier argumentiere (was ich ja keineswegs kontextlos sondern anhand der Formel „keine Angst vor Verschwörungstheorien“ begründe und als sinnvoll erachte, weil Stefan eine unkritische Verschwörungstheorie bemüht hat). Zu ihrem Kern, der zwar auf einem festen geschichtsmaterialistischen und psychoanalytischen Fundament steht, das man wohl oder übel in seinen Grundzügen kennen muss, gehört doch, dass sie sich nicht auf einfache Leitsätze und Formeln reduzieren lässt, dass sie gerade nicht praktisch angewandt werden kann und das im Grunde auch gar nicht will. Ich rede von kritischer Theorie, mit der sich übrigens auch die Vorträge Salzborns (insbesondere der zu Antisemitismus in den Sozialwissenschaften) besser durchdringen lassen, und nicht von einer theoretischen Kritik. Dieser Unterschied ist zentral. Ihre, wenn man der Einfachheit halber so will, praktische Anwendung hat hier bereits stattgefunden, zugegebenermaßen natürlich in einem ausbaufähigen und einem Onlineforum entsprechend oberflächlich gehaltenen Rahmen und ich wünschte, dass sie bei dem ein oder anderen nicht bloß Abwehrreflexe sondern eine Reflexion derselben provozierte. Was die kritische Theorie nun ungefähr ist und wie man einen Zugang zu ihr finden kann, kann ich Dir als schriftliche Ausarbeitung gerne zur Verfügung stellen bzw. wollte ich früher oder später ohnehin auf meinen sich im Aufbau befindenden Blog laden.
Und zu guter Letzt, weil es an das obige Zitat aus der „Theorie der Halbbildung“ anschließt und gleichzeitig eine „praktische Anwendung“ auf die hier mehrfach gefallenen Äußerungen darstellt, dass es für den Antisemitismus doch zwingend einen jüdischen Hintergrund benötige sowie dass Antisemitismus fälschlicherweise wiederholt nur in seiner rassistischen Dimension reflektiert wurde, verbleibe ich bei einem Auszug aus einem der leichter verdaulichen Texte Adornos, der sich übrigens auch auf YouTube nachhören lässt:
„Man geht dabei allzusehr von der Voraussetzung aus, der Antisemitismus habe etwas Wesentliches mit den Juden zu tun und könne durch konkrete Erfahrungen mit Juden bekämpft werden, während der genuine Antisemit vielmehr dadurch definiert ist, daß er überhaupt keine Erfahrung machen kann, daß er sich nicht ansprechen läßt. Ist der Antisemitismus primär objektiv-gesellschaftlich begründet, und dann in den Antisemiten, dann hätten diese wohl, im Sinn des nationalsozialistischen Witzes, die Juden erfinden müssen, wenn es sie gar nicht gäbe. Soweit man ihn in den Subjekten bekämpfen will, sollte man nicht zuviel vom Verweis auf Fakten erwarten, die sie vielfach nicht an sich heranlassen, oder als Ausnahmen neutralisieren. Vielmehr sollte man die Argumentation auf die Subjekte wenden, zu denen man redet. Ihnen wären die Mechanismen bewußt zu machen, die in ihnen selbst das Rassevorurteil verursachen. Aufarbeitung der Vergangenheit als Aufklärung ist wesentlich solche Wendung aufs Subjekt, Verstärkung von dessen Selbstbewußtsein und damit auch von dessen Selbst. Sie sollte sich verbinden mit der Kenntnis der paar unverwüstlichen Propagandatricks, die genau auf jene psychologischen Dispositionen abgestimmt sind, deren Vorhandensein in den Menschen wir unterstellen müssen.“